Hauptstadtkater

Chillen, Checken, Schnurren – meine Gedankenfetzen zum Absurdistan der Welt. Ansichten eines weißen Katers im Chaos.

  • 7. August 2026

    Wie ich im Volksbühnen-Schwimmbad zum Performance-Star wurde

    Heute durfte ich endlich mal wieder raus. Felix transportierte mich im Rucksack zur neuesten Berliner Attraktion: Ein Swimmingpool mit 25-Meter-Bahn mitten vor dem Kultheater Volksbühne. Freier Eintritt. Bis Oktober. Aber locken tut mich das türkisfarben glitzernde Wasser nicht. Denn ich hasse Nass.

    Und bleibe erst mal draußen sitzen. Beobachtend. Und mich fragend, warum ein Theater 300.000 Euro aus seinem ohnehin engen Etat rauseist, um ein Bad hinzustellen. Intendant Matthias Lilienthal antwortet: Das sei ein Projekt gegen die verfallende Infrastruktur und den Freibadmangel in der Hauptstadt. Zugleich sei das natürlich Top-Werbung. Fürs Theater. Denn klar sei, über das Projekt werde geredet. In ganz Deutschland. Mindestens. Denke ich so. Und wäre fast reingestürzt. Bei der Jagd auf eine fette Wespe. 

    Immerhin, denke ich so beim Ablecken und Säubern meiner nass gewordenen Vorderpfote: Hier gibt es noch Wasser. Und das im Überfluss. Denn derzeit ist Wasser, also besser gesagt: Der durch den Klimawandel mit seinen Dürre- und Hitzeperioden verursachte Wassermangel ja ein Topthema. Weltweit.

    Thea, die Oma meiner Bruna, muss auf eine bereits gebuchte Mosel-Dampferfahrt verzichten, der Flußpegel ist zu niedrig. In der Donau tauchen nicht nur die Überreste von zwei Wehrmachtssoldaten auf – samt ihres Motorrads, sondern auch Minen aus dem Zweiten Weltkrieg.

    Auch am Rhein werden Rekord-Tiefstände registriert, Schiffe können nur noch mit deutlich weniger Fracht fahren. Dadurch steigen die Kosten. Immens. Denke ich so. Und beobachte Menschen, die sich am Volksbühnen-Pool verrenken. Fürs perfekte Foto. Absurd. 

    Ein in die spanische Exklave Ceuta geflüchteter Mann erzählt, er sei aus seinem Heimatort weggegangen, weil es dort, in einer Oase südlich der Sahara, kaum noch Wasser gebe. Die Lebensgrundlage sei weg. Wie ihm geht es Zehntausenden. Weltweit. Mit steigender Tendenz. Weiß ich.

    Und höre, selbst in den Alpen herrsche nach zwei schneearmen Wintern und einer langen Trockenperiode Wassermangel. Hüttenwirte schlagen Alarm, das Wasser gehe aus, weswegen Waschräume gesperrt würden und nur noch Trockentoiletten genutzt werden könnten. Trinkwasser werde per Heli gebracht. Teuer: Eine Minute Flug soll mehr als 30 Euro kosten – plus 600 Euro für den Anflug.

    Und ich stürze: Ins Wasser des Pools. Strampele. Gehe unter. Das Leben weicht. Aus mir. Das war es. Denke ich so. Schade. Aber Top-Performance. 

    Und schon rotiere ich engelkatergleich vom Swimmingpool der Volksbühne zurück zu meinen Näpfen. Meine Reise ist zu Ende. Ich lebe. Und liebe KI. Denke ich so mit Blick auf das Foto mit mir und dem Volksbühne-Swimming-Pool. Großes Theater. Von mir. Mit mir. Denke ich so. Und sitze bei Coco. Habe Durst. Und hier ist Wasser ohne Ende.

    Coco und ich sind am Napf. Und dann leckt Coco am Wasserhahn. Den Felix aufdreht. Der Strahl rinnt minutenlang. Das Wasser läuft über. Strömt durch den Boden in die untere Wohnung. So ist das im Überfluss. Sagt der schlürfende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Schätzt Wasser. Und chillt, Leute! 

  • 6. August 2026

    Die Entmenschlichung von Flüchtlingen und das Ceuta-Debakel

    Sommerzeit ist Jagdzeit. Fliegen, Mücken und Motten strömen in Massen durch die gekippten Fenster, um dann im Licht der Lampen zu tanzen. Und Coco und ich so: Lechzend davor stehend. Sie taxierend. Zuschlagend. Um die kleinen Süßen dann zu vernaschen. Ein gar herrliches Schauspiel.

    Anlocken ist einfach. Denke ich so. Der Köder muss eben stimmen. Was für Insekten das Licht und für mich Insekten, ist für Menschen die Aussicht auf ein besseres Leben. Deswegen riskieren Tausende Menschen – vor allem aus Afrika und Asien – täglich ihr Leben. Um auf gefährlichen Routen durch Wüsten und über Meere in scheinbar gelobte Länder zu kommen. 

    Kürzlich stürmten im Laufe weniger Tage rund 70.000 Menschen in die spanische Exklave Ceuta. Von einem Strand an der marokkanischen Küste schwammen sie los, um zum Grenzzaun zu gelangen. Viele ausgerüstet mit Schwimmreifen, weil sie kaum schwimmen können. Viele junge Männer, aber auch Frauen und Kinder. Mit nichts als ihren Kleidern am Leib.

    Offiziell wird hernach mitgeteilt, dabei seien mehr als 140 Menschen ertrunken. 140. Wieder mal eine abstrakte Zahl. Die in Europa kaum etwas auslöst. Vielmehr wird erbittert darüber gestritten, wie es möglich sein konnte, dass so viele Menschen zugleich die Flucht wagten. Dass die Menschen schleunigst wieder zurück müssten. Wie eine solche Flüchtlingswelle – ja: Flüchtlingswelle, als ob das ein Naturphänomen wäre – künftig zu verhindern sei.

    Dass der sozialistische spanische Ministerpräsident Sanchez daran Schuld sei – da er mit seiner liberalen Asylpolitik falsche Hoffnungen geweckt habe. Empathie: Fehlanzeige. Diskutiert werden die Narrative der Rechten. Populisten. Und Extremisten.

    Was die Migranten erlebten, wird zwar auch berichtet. Aber auch da liegt der Fokus darauf, herausfinden zu wollen, wie es zu dieser massenhaften Flucht kommen konnte.Und weniger darauf, welchen Horror die Menschen aushalten müssen. Und so ist zu hören, dass marokkanische Sicherheitskräfte sie an der Küste angefeuert, sogar geschlagen hätten, damit sie ins Meer steigen und fliehen. Und sie durch Social Media-Kampagnen, in denen von offenen Grenzen gesprochen wurde, angelockt worden seien.

    Eine Erklärung ist da. Die meisten Migranten sind längst wieder weg. Weil sie in Ceuta auf der Straße kampieren mussten, es nicht einmal Trinkwasser gab. Und die meisten Politiker sind froh: Problem gelöst. 

    Und ich denke an den Aufschrei nach dem jüngsten Anschlag in Berlin auf den CSD, bei der ein Mensch starb. Überhaupt die Aufschreie, wenn nach Anschlägen in Europa oder den USA Menschen verletzt – und auch getötet werden. Das ist entsetzlich. Naturally. Und jeder Aufschrei ist gerechtfertigt. Aber wo bleiben die für die mehr als 140 Toten von Ceuta?

    Es ist eben so: Es gibt noch immer Menschen erster und zweiter Klasse. Europäer, Amerikaner auf der einen, die anderen auf der anderen Seite. Was für ein Rassismus. Denke ich so.

    Und Coco fängt ein Flattertier. Die sind schnell. Aber dumm. Klar, auch wir haben im Übereifer mal Probleme. Und so prallt Coco gegen die Stehlampe. Die umkracht. Ist eben so. Kollateralschaden. Sagen Menschen. Sagt der jagende Hauptstadtkater. Und jetzt: Würdigt Flüchtlinge. Und chillt, Leute! 

  • 5. August 2026

    Wie nach einem Krieg: Urlaub im französischen Katastrophengebiet

    Da, wo der milde Atlantikwind noch vor 14 Tagen die grün benadelten Äste der Pinien und Kiefern träge tanzen ließ, starren nun schwarz verkohlte Baumgerippe gen blauen Himmel. Die Zikaden sind verstummt. Scharfer Brand- statt sanftem Nadelgeruch liegt in der Luft.

    Es sehe aus wie nach einem Krieg – apokalyptisch. Schildert Veronique die Lage rund um die französische Gemeinde Lacanau. Dem Ort, in dem meine Bruna und ihre Eltern noch vor 14 Tagen Urlaub machten – und in der Wohnung von Veronique lebten. „Es ist absolut herzzerreißend“, schreibt Veronique meinen Leuten. Im Nachbarort Le Porge seien 200 Häuser abgebrannt. Die Menschen seien verzweifelt. Die Bewältigung des Horrors sei zum Alltag geworden.

    Und ich spüre das Grauen, wenn ich die Fotos sehe. Und mir dann klar mache, was die abstrakte Zahl 200 eigentlich bedeutet. Für 200 Familien ist die Existenz mehr oder weniger vernichtet. Sie haben alles – zumindest Materielle – verloren. Vielleicht gar nicht so schlimm, dass Wertsachen weg sind. Aber auch Erinnerungsstücke, Familienschmuck, Tagebücher, Bilder, Fotos.

    Und Felix so: Er sei froh, dass es Clouds gebe, in denen er sein Geschreibsel und Fotos speichern könne. „Wenn ich nur mein Passwort wüsste“, sagt Laura. Das wahrscheinlich irgendwo fein säuberlich aufgeschrieben in einem Block im Schreibtischschubfach schlummert. 

    Ob der Horror für die Menschen an der Atlantikküste vorbei ist? Nobody knows. Eher nicht. Denke ich so. Denn Wissenschaftler haben errechnet, dass durch den Klimawandel, verbunden mit Hitzerekorden und Dürren, die Wahrscheinlichkeit für Brände extrem wächst.

    Veronique schreibt, die Brände rund um Bordeaux seien unter Kontrolle. Es sei aber weiter sehr warm. Die Gefahr, dass die Feuer neu aufflammten, ist also da. Denke ich so. Immerhin kämen langsam wieder Touristen, sagt Veronique. Die würden dringend benötigt, denn die Region lebe nun mal vom Tourismus.

    Läden, Restaurants, Cafes, Bars und Surfschulen seien wieder geöffnet. Aber es gebe auch jede Menge Stornierungen. Und ich denke so: Wer will schon in ein oder in die Nähe eines Katastrophengebiets Urlaub machen, in dem jederzeit wieder eine neue Katastrophe ausbrechen kann? 

    Mein Revier scheint sicher zu sein. Noch. Aber es gibt Experten, die meinen, bald könnten ähnlich wie vor Bordeaux auch vor Potsdam Feuerwände stehen. Denn überall – vor allem in Europa – wird es wärmer. In Spanien brennt es, in Griechenland derzeit extrem, auch in der Türkei.

    Aus Bayern und Nordrhein-Westfalen werden auch Brände gemeldet. Es wird eng. Und heißer. Ich setze mich mal neben Coco. In Demut. Sagt der bedrückte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid emphatisch. Und chillt, Leute! 

  • 4. August 2026

    Warum meine Bruna lieber nass wird als eine Regenjacke überzustreifen

    Wenn sie die stylische orangefarbene Basecap seiner schwarzen Regenjacke vorzieht, so ist das doch ihre Entscheidung. Wenn sie sagt, der Sattel ihres Rennrads sei von der Höhe doch fast okay, obwohl ihre Beine weit über dem Boden pendeln, so ist das doch ihre Sache. Wenn sie die Bahnfahrkarte nicht online, sondern erst im Bahnhof kaufen will, dann ist das doch ihre Entscheidung.

    Denke ich so. Als ich den belehrenden Felix mit hochrotem Kopf vor meiner Bruna stehen sehe. Die mich schon wieder verlässt. Und mit zwei Freundinnen per Bahn und Rad in eine Wohnung nach Strodehne in Brandenburg fährt. Was ich auch absolut unterirdisch finde. Aber das ist ein anderes Thema.

    Vielmehr geht es mir an dieser Stelle um Felix. Und seine Hybris, seinen Willen meiner armen Bruna überstülpen zu wollen. Die ja kein Kitten, äh, Baby mehr ist. Sondern 17 ist. Sweet 17! Ein Alter, in dem man weiß, was man tut. Denke ich so. 

    Eine Zahl, bei der Felix gerade glänzende Augen bekommen hat, weil sie den vorläufigen Endpunkt einer Entwicklung seines Lieblingsgeräts anzeigt. Das iPhone. Und das 17er ist derzeit das aktuellste auf dem Markt. Kauft er. Sogar das 17 pro. Weil er glaubt, es sei ausgereift. Auch wenn es in zwei Monaten das 18er gibt…

    Und bei meiner Bruna? Geht er davon aus, dass 17 unreif ist. Dabei ist sie weit mehr als ein 17 pro… Weil sie Progress und professionell in einem ist. Felix erkennt das aber nicht. Und belehrt meine Pro-Bruna dann sogar noch.

    Es sei doch besser, schon vor der Reise das Ticket zu haben. Nervt er. Es sei doch besser, den Sattel schnell auf die geeignete Höhe zu schrauben. Nervt er. Es sei doch besser, im Regen Regenjacke anzuziehen. Nervt er. Und ich beobachte meine Bruna, die die Contenance bewahrt, obwohl sie sich den Helikopter-Alten zum Köter-Gott wünscht. Sure.

    Felix begleitet sie dann auch noch nach draußen. Weil er für ihr eben von ihr angefordertes Taschengeld noch Bargeld aus dem Automaten ziehen muss. Im Laufschritt. Weil ansonsten der Zug weg sei. Sagt meine Bruna. Und eh wenig Zeit sei, weil sie ja noch eine Fahrkarte am Bahnhof kaufen müsse. Und sie sich noch von mir verabschieden muss. Und von Coco. 

    Schließlich fährt meine Bruna per Rad durch den Regen. Und es ist nicht so nice, als Felix kurze Zeit später wieder oben bei mir im Revier sein wahres Gesicht zeigt: Er feixt, als er erzählt, schon auf den ersten Metern sei die orangefarbene Basecap meiner Bruna durchnässt gewesen – wie auch ihr T-Shirt. Und der nicht imprägnierte, schicke Rucksack.

    Nicht zu vergessen: Die weißen Tennissocken. Und der Alte mokiert sich weiter: Weiße Tennissocken. Das sei zu seiner Jugend Synonym für Loser gewesen. Das Symbol für Mobbing-Opfer, die den Zeitgeist nun wirklich nicht erkannt hätten. Und ich sehe: Felix. Ist. Uralt. Erkennt nicht, dass das Leben eine einzige Änderung ist.

    Und ich plädiere jetzt einfach mal für Entspannen. Während meine Bruna trocken in Strodehne angekommen ist. Lege ich mich zu Coco. Schmusen. Lecken. Liebe. Sagt der versöhnliche Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Toleriert Jugend. Und chillt, Leute!

  • 3. August 2026

    Das Ende der Contenance als Beginn der Eskalation

    Kater sind geduldig. Und ich bin der geduldigste unter ihnen. Really. Aber klar, auch ich kann meine Contenance verlieren. Sie ist leider endlich. Wenn zu viel zusammenkommt: Hunger, Unruhe, Hunger. Und nun ja, Hunger ist immer da.

    Und dann streift Coco vorbei. Nimmt mir zum 37. Mal in den letzten 248 Minuten Leckerli weg. Drückt mich mit ihrem Riesenkörper zur Seite. Rammt eine Tatze gegen meine Nase. Während ihr Sabber trieft. Und ich merke, ich ärgere mich. Bleibe nicht cool. Werde hot. Die rote Linie ist überschritten. Und ich fauche sie an. Haue zurück. 

    Wer zu viel provoziert, muss mit Vergeltung rechnen. Denke ich so. Selbst von vermeintlich schwächeren Gegnern. Der Iran. Wird von den USA nun bald seit einem halben Jahr mal weniger, mal stärker attackiert. US-Präsident Trump lässt nicht nur auf iranische Schiffe und Top-Politiker schießen, sondern auch auf Teheran. Und andere Städte. Der Iran zeigt sich jedoch widerstandsfähig.

    Zum einen, weil seinen Anführern das Leid des Volks egal ist- und damit auch die US-Bombardements und -Drohungen. Zum anderen, weil sie sich auf die Auseinandersetzung mit dem Erzfeind USA seit Jahrzehnten vorbereitet haben. Und es nun sogar schaffen, den Krieg in die USA zu tragen.

    Mehrere US-Bundesstaaten melden Hackerangriffe auf die Wasserversorgung. Betroffen: Systeme für Wasserdruck und Konzentration von Chemikalien. Zwar wurde Trinkwasser offenbar nicht verunreinigt. Aber allein, dass es der Iran schafft, sich Zugang zur kritischen Infrastruktur in den USA, zum reinen Wasser,  zu verschaffen. Grusel. Beängstigend. Für die Menschen dort. Ich kann das nachvollziehen. Treffer. Für den Iran. Denke ich so. 

    Die Ukraine hat es wie der Iran auch geschafft, den Krieg in das Land des Aggressors zu tragen. Russland meldet fast täglich, feindliche Drohnen abgeschossen zu haben. Die auch massive Schäden anrichten.

    Und nun gibt es ein viral gegangenes Video, das zeigt, wie eine Drohne über einen belebten Strand am Schwarzen Meer von der russischen Flugabwehr abgeschossen wird. Zu sehen ist, wie die Drohne auf Badegäste stürzt und explodiert. Es gibt Tote, darunter Kinder. Die Ukraine behauptet, die Drohe sei von den Russen abgeschossen worden, es sei kein gezielter Angriff gewesen.

    Und ich denke so: Es sterben im Krieg immer Unschuldige. Während Coco schon wieder ein Leckerli mit der Pfote wegpeitscht, das ich gerade zu mir nehmen wollte. Soll sie. Egal. Ich schließe die Augen. Geduld. Sagt der überlegene Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Revanchiert euch gemäßigt. Und chillt, Leute! 

  • 2. August 2026

    Ich hänge ab, die Ukraine auch, aber anders

    Abhängen ist voll der Vibe. Abhängigkeit dagegen nur Trash. Egal ob von Drogen, Alkohol, Social Media oder Menschen. Puuh, was ist das für ein krasses, spießiges Mindset. Was ich da absondere und aufschreibe. Voll vernünftig, erwachsen. Weiß ich ja selbst. Aber: Den negativen Impact von Abhängigkeit sehe ich ja selbst bei mir: Ich brauche meine Menschen. Und wenn sie mal nicht da sind, knirscht mein Magen vor Hunger. Welch Leid.

    Klar: Es gibt naturally noch viel krassere Abhängigkeiten. Die Ukraine ist von den USA abhängig – in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Aggressor unter Kremldespot Putin. Die USA liefern unter anderem die extrem wichtigen Patriot-Luftabwehrsysteme, mit denen die Ukraine aus Russland abgefeuerte ballistische Raketen abschießen kann.

    Seit mehreren Wochen liefern die USA dieses System nicht mehr – sie brauchen diese Raketen selbst für ihren Iran-Krieg und ihre Verbündeten im Nahen Osten. Fatal: Die Europäer haben keine adäquaten Systeme für Kiew.

    Und Russland nutzt die ukrainische Schwäche unerbittlich aus. Um deren Luftabwehr weiter zu überlasten. Russland verstärkt also die Raketenangriffe auf ukrainische Großstädte. Zuletzt auch auf die Hauptstadt Kiew. Wo durch den Beschuss erneut zahlreiche Menschen ums Leben kamen, zuletzt 9. Und Dutzende verletzt wurden. Gebäude zerstört werden. Autos. Wohnungen. Existenzen.

    Und ich denke so an meine Ukrainer, die dereinst bei den Großeltern meiner Bruna in Isernhagen Zuflucht gefunden hatten und nun seit rund zwei Jahren in Kiew leben. Und an ihren Kater Rudy. Wie sie nahezu jede Nacht in U-Bahn-Stationen vor den russischen Angriffen Zuflucht suchen müssen. Wahrscheinlich Todesangst haben. Und keine gute Zukunft erblicken können.

    Und US-Präsident Trump? Stellte den Ukrainern bereits mehrfach in Aussicht, Lizenzen für die Produktion des begehrten Patriot-Abwehrsystems zu erteilen. Kann sich letztlich dazu aber offenbar doch nicht durchringen.

    Und so bleibt den Ukrainern vor allem, selbst auf Angriff zu setzen. Was sie auch machen: Sie nehmen derzeit verstärkt den größten russischen Onlinehändler namens Wildberries ins Visier und bombardieren dessen Logistikzentren und Lager in Russland. Was auch gelingt. 

    Nichtsdestotrotz: Ukrainer – viele Zivilisten – sterben bei den russischen Angriffen. Die Angst wächst. Der Hass. Und ich würde ja gerne, kann aber nicht: Abhängen – meine Gedanken. Also meine Gedanken aus dem Gehirn an einer imaginären Wäscheleine abhängen. Anhängen.

    Meine Gedanken sind leider zu tief mit den Ukrainern vernetzt. Trash. Sagt der verzweifelte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Killt Abhängigkeiten! Und chillt, Leute!

  • 1. August 2026

    Wehrt euch und schaut auf Coco und die UEFA

    Alle beneiden Diego. Weil er eine ach so geile Beziehung zu Coco habe. Er mit diesem Fellbündel machen könne, was er so wolle. Und sie sich offensichtlich ja alles gerne gefallen lasse. Wenn er sie in seinen Armen minutenlang an sich presse. Sie dann von seinem Schoß nach hinten fallen lasse, sodass sie mit Kopf nach unten und ausgestreckten Vorderpfoten dahängt – was ausschaut, wie ein umgekehrt ans Kreuz genagelter Jesus, denke ich so.

    Angewidert. Und die Wahrheit wissend. Diego zwingt Coco zur Liebe. Er drückt sie so fest, dass sie parieren muss. Kurz: Der alte Sack übt Gewalt aus. 

    Und ich denke so: Man muss sich wehren. Jeder, jede kann sich wehren. Und dazu gibt es mal wider eine eindrucksvolle Story, die das belegt. Die sonst gegenüber dem Weltfußballverband FIFA so devoten Mitgliedsverbände haben eine Palastrevolution gewagt – und erst einmal gewonnen.

    Die Europäer, Asiaten, Nord- und Mittelamerikaner haben FIFA-Boss Infantino in seltener Einigkeit mitgeteilt, dass sie nichts von seinen Privatisierungsplänen für Fußballweltmeisterschaften halten. Die Europäer von der UEFA drohten gar mit Boykott der nächsten WM.

    Und tatsächlich: Der bislang allmächtig wirkende Infantino, enger Bro von US-Präsident Trump, knickt ein. Schickt in der Nacht ein eher verschämtes Statement, in dem er mitteilt, sein Vorhaben sei abgeblasen. Er habe bemerkt, seine Pläne führten zur Spaltung. Das Gegenteil strebe er aber an. Und ich frage mich so, ob Infantinos abrupte Kehrtwende reicht, ihm seinen Job zu retten. Denn so einige wollen nun auch seinen Rücktritt. 

    Und ich denke so: Es lohnt sich also, sich zu wehren. Auch gegen scheinbar Übermächtige. Wichtig dabei ist: Einheitliches, bestimmtes Auftreten. Kontraproduktiv dagegen ist: Stetig demütiges Buckeln.

    Und ich denke so: Länder Europas, vereinigt Euch, werdet Euch einig – und wehrt euch gegen Trump und seine übergriffige, irrationale Politik. Lasst euch nicht alles gefallen. Seid stolz. Denn: gemeinsam und vereint seid ihr stark. Und könnt etwas bewirken. Seid euch dessen bewusst. Und zeigt sie: Eure Stärke.

    Und ich höre einen Aufschrei Diegos. Sehe, wie Coco aus seinem Arm hüpft. Schnurrend. Kralleneinsatz lohnt eben doch. Sagt der wehrhafte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Vereinigt euch. Und chillt, Leute!

  • 31. Juli 2026

    Der fellige Kater staunt über nackte Menschen

    Menschen und ihr Verhältnis zum Körper: Strange. Liegt wahrscheinlich daran, dass sie kein Fell haben, sondern nur ihre – ganz objektiv: hässliche – rosafarbene Haut. Die dann noch nicht mal so richtig ihr Fett verbirgt. Und trotzdem gibt es welche, die unbekleidet oder mit String-Tanga an Stränden stehen.

    Welche wie Arnold Schwarzenegger, die noch mit 79 Jahren ihre Muskeln stählen und ihren Oberkörper dann stolz dem Boulevard präsentieren. Aber auch welche, denen das ein Gräuel ist und die strikt dagegen sind, zu viel Haut zu zeigen. Und solche, die sich sogar ganz verhüllen, selbst das Gesicht. Ok, das gebietet diesen Frauen ihr Glauben. Beziehungsweise ihre Männer. Und ich denke so: Soll doch jeder machen, was er will. Geht nicht. Merke ich. 

    Weil: Da gibt es die Spielverderber. Die die freie Entfaltung der Persönlichkeit verhindern. Jene, die rumsetzen oder wie Felix ständig rumfotografieren. Und damit so nerven. Weil es eben intime Momente gibt, die man nicht teilen will.

    Beispielsweise: Coco im Bett meiner Bruna. Ich auf dem Schoß von Diego. Solche Momente gibt es natürlich auch für Mensch, Momente, die sie nicht teilen wollen. Prekär: Nacktaufnahmen. Prekärer: Nacktaufnahmen von Minderjährigen. Am prekärsten: Wenn die dann auch noch veröffentlicht werden. Was ich total verstehe, denn alle haben das Recht am eigenen Bild. Das nur ihnen gehört. Nur so traurig – dass das nicht auch für Kater und meinetwegen auch Katzen gilt. Anderes Thema. 

    Nun, wer zumindest vor ein paar Jahrzehnten vorgab, Aufnahmen nackter Jugendlicher sei Kunst, hatte lange gute Chancen, damit nicht nur durchzukommen, sondern sogar dafür bewundert zu werden. So war das zumindest vor gut 50 Jahren.

    Da drehte Kult-Regisseur Wim Wenders im Film „Falsche Bewegung“ eine Szene, in der die damals 13-jährige Nastasja Kinski mit nacktem Oberkörper gezeigt wird, ihr 33-jähriger Filmpartner lag nur mit Slip bekleidet neben ihr auf dem Bett, ohrfeigte und streichelte sie. Wenders wurde für den Film, für die Szene gefeiert.

    Strange: Menschen, denke ich so. Nun, jahrelang kämpfte Kinski gegen die weitere Verbreitung der rund zweiminütigen Szene – vergeblich. Wenders räumte zwar vor ein paar Wochen ein, heute würde er eine solche Szene nicht mehr drehen. Er weigerte sich aber, sie nachträglich zu canceln. Ansonsten könnten ja je nach Zeitgeist Kunstwerke beliebig verändert werden, meinte er.

    Nun doch die Kehrtwende: Wenders sagt, er habe die Szene aus dem Film entfernen lassen. Die Entscheidung sei Ausdruck seiner veränderten Sichtweise und seines Respekts gegenüber Kinski. Er und sie wollten, dass die Erinnerung an den Film nicht länger von diesem Konflikt überschattet werde und der lange freundschaftliche Umgang wiederhergestellt werde. 

    Nun, möge es so sein. Denke ich so. Und versuche den Gedanken zu verdrängen, dass Schadenersatzforderungen Kinskis und der öffentliche Shitstorm zu Wenders Sinneswandel beigetragen haben könnten. Ich weiß nur, dass ich weiß bin, he he. Und dass ich keine Kleidung brauche. Nackt-fellig eben. Wie auch Coco. Bunt-nackt eben. Und gefellt. Sagt der fellige Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid schamlos. Und chillt, Leute!

  • 30. Juli 2026

    Balance-Halten beim Erdbeben im Fußball-Revier

    Ich schwanke. Weil Felix mal wieder nicht checkt, dass ich auf meinem Chillstuhl chille. Und so zieht er ihn  abrupt weg, vom Tisch. Ich halte es aus. Balanciere. Und denke so: So ist das also. Bei einem Erdbeben. Denn davon sprechen sie gerade. Also, Fußballexperten und Felix.

    Dass der Weltfußball zutiefst erschüttert sei. So stark wie nie zuvor. Und vor einer Zerreißprobe stehe. Denn der europäische Fußballverband UEFA droht dem Weltfußballverband FIFA mit Boykott von dessen Premium-Wettbewerb Weltmeisterschaft.

    Zurecht, meint Felix. Denn der widerliche FIFA-Boss Infantino verhökere das schönste Spiel der Welt und zerstöre es so. Indem er Anteile an der WM an private Investoren verscherbeln wolle. Und mit diesem Plan – offensichtlich ohne die Verbände zuvor zu informieren – vorgeprescht sei.

    Falls Infantino seinen Plan tatsächlich durchdrücken würde, würde das also bedeuten: In vier Jahren eine WM ohne Titelverteidiger Spanien, ohne Länder wie Frankreich, England, Portugal oder – nun ja, auch ohne Deutschland. Vorausgesetzt, die würden sich qualifizieren, denke ich so. Und verstehe, das wäre so, als ob einem Kater das Chillen weggenommen würde und damit also das Beste, das Lebenselixier plötzlich fehlen würde.

    Denn: Wen interessiert eine WM ohne die europäischen Spitzentams? Wenige. Auch wenige Sponsoren. Und die UEFA so: Man werde nur dann von einem Boykott absehen, wenn der Infantino-Vorschlag vollständig zurückgezogen werde. Und es eine Garantie gebe, dass Fifa-Wettbewerbe nie für private Investoren geöffnet würden.

    Felix frohlockt. Denn nach den 55 UEFA-Mitgliedsverbänden hat auch der nord- und mittelamerikanische Verband seine Ablehnung signalisiert. Das bedeutet, dass Infantino mit seinem Plan gescheitert zu sein scheint. Oder es eine Spaltung im Weltfußball geben wird.

    Aber, ich frage mich: War dessen Modell wirklich so schlecht? Geld wollen doch alle verdienen. Auch die UEFA. Die bislang auch nichts dagegen hatte, dass private Investoren aus Staaten wie Katar oder Saudi-Arabien Mehrheiten an europäischen Clubs übernahmen. Also: Pseudo-Moral? Machtspiele?

    Denn auch ich würde ja vom Infantino-Plan profitieren. Denn wenn private Investoren noch mehr Geld aus der WM quetschen würden, würde das ja bedeuten: Alles würde mehr – mehr Spiele, mehr Fernsehen, und damit mehr Chillen. Bestätigt auch Felix.

    Denn im Gespräch sei schon länger, alle zwei Jahre eine WM zu machen – will die UEFA nicht, denn dann gäbe es Komplikationen mit der EM. Im Gespräch sei auch, die Zahl der Teilnehmer nochmal zu erhöhen, von 48 auf 64. Bedeutet: Mehr Spiele.

    Und: Die gerade eingeführten Trinkpausen könnten für mehr Werbung fest etabliert werden. Was ich ebenfalls goutiere. Denn ich mag Reklame. Weil bunter. Und meist lauter. Als das Spiel an sich. Und es könnten auch grundsätzlich längere Halbzeitpausen wie beim WM-Finale eingeführt werden. Für peinliche Konzerte. Was ich auch lustig finde.

    Nun, Felix, der alte konservative Purist, ist gegen die FIFA-Pläne. Feiert die UEFA. Schiebt mich samt Chill-Platz wieder unter den Tisch. Und meine Erde kommt zur Ruhe. Für mich und den Fußball, die wichtigste Nebensache der Welt: Sagt der erschütterte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Genießt Fußball. Und chillt, Leute! 

  • 29. Juli 2026

    Aufbauen und zerstören im überfüllten Revier

    Stress im Revier: Acht Menschen auf einem Haufen. Neben meinen ohnehin schon stressigen Leuten noch die Cousine meiner Bruna samt Mann und zwei Jungs – Gabriel: fünf und Hugo: acht Jahre. Superanstrengend. Das zu ertragen. Auszuweichen. Um nicht getreten zu werden. Chillplätze im Chaos zu finden. Und dann noch adäquat auf jeden Einzelnen zu reagieren. Ich tue mein Bestes. Und das ist ziemlich gut. You know. 

    Ich muss aber einräumen: Schon auch interessant, die Spezies Mensch direkt studieren zu können. Sie waren in einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Gähn also. Denke ich so. Arme Kinder. Und dann noch Hitze. Warum nicht chillen?

    Nun, anders als erwartet kehren sie enthusiasmiert in mein Revier zurück. Weil in der riesigen Ausstellungshalle 400.000 – yes: 400.000 – Holzwürfel lagen – jeweils mit Kantenlängen von zehn Zentimetern oder so. Die von den Besuchern gestapelt – oder auch umgestoßen werden können.

    Und Hugo begeistert, sie hätten das zweithöchste Haus in der Halle errichtet. Und sein Vater Ibo begeistert: Dutzende hätten gebaut, Kinder und Erwachsene Seite an Seite. Und meine Bruna begeistert: Sie habe auch gerne Strukturen gecrasht, um neue entstehen zu lassen. Und ihre Cousine Tara begeistert: Jeder darf, wie er oder sie will, so lange bestimmte Höhen nicht überschritten werden und andere verletzt werden. Ständig Veränderung. Wie das Leben.

    Und ich denke so: Begrenzte Anarchie. Die eben ab einem gewissen Punkt nicht funktioniert. 

    Sie habe sich schon geärgert, als ein Besucher ihr mühevoll errichtetes Gebäude zerstört habe, erzählt meine Bruna. Gute Erkenntnis, denke ich so: Die Freiheit autonomen Handelns hat da Grenzen, wo sie die Freiheit von anderen berührt. Und einschränkt.

    Spannend also doch irgendwie, diese Performance von einer Künstlerin namens Lina Lapelytes. Denn schließlich fordert sie: Findet Ausgleich. Was aber eben nicht jeder erkennt. Und deswegen sein Ding durchzieht.

    Ich denke an Diktatoren, Autokraten, Trumps. Die nie akzeptieren, dass andere auch Rechte haben. Jetzt hat der Iran wieder US-Stützpunkte in Nahost angegriffen. Nach einigen Tagen relativer Ruhe. Und das widerwärtige „Spiel“ geht in die nächste Runde. Trump droht mit Vergeltung. Und es ist klar, dass er schon bald wieder iranische Stellungen angreifen lassen wird. Und der Iran wird daraufhin Rache üben.

    Wann diese Spirale endet? Frage ich mich so und antworte selbst: Spätestens, wenn alle Bausteine weg sind. Sprich: Munition, Geld, Soldaten, Flugzeuge, Drohnen, Raketen… 

    Gabriel streichelt mich. Hugo wirft mit Bauklötzen, die ich kötergleich apportiere. Während die Alten wie Kinder um die Überreste einer Pizza streiten. Mir jedenfalls nichts geben. Ich fühle mich tatsächlich wohl. Doch nice, mit cringen Menschen. Vielen cringen Menschen. Sagt der milde Hauptstadtkater. Und jetzt: Baut auf. Und chillt, Leute!