Hauptstadtkater

Chillen, Checken, Schnurren – meine Gedankenfetzen zum Absurdistan der Welt. Ansichten eines weißen Katers im Chaos.

  • 8. Mai 2026

    Lauras Träume: Zombies und gelbe Kaffeemaschinen

    Wer schläft, träumt. Wer träumt, erfährt sein Inneres. Wer darüber redet, ist mutig. Denke ich so. Als ich Laura höre. Die frank und frei über ihre Träume erzählt. Und damit in ihre Abgründe blicken lässt. In die ich gerne mit hineinspringe. Hehe. Aber dazu gleich mehr.

    Nun, Lauras Dreams: Sie macht Krafttraining. Mit Diego. Irgendwo draußen. Am Strand. Denn plötzlich fährt es vorbei – das Schiff, aus dem ein kollektives Stöhnen dringt, Menschen hängen über der Reling, krümmen sich. Kämpfen gegeneinander. Einige sind tot. Das Meer neben dem Schiff ist rot verfärbt – vom Blut.

    Plötzlich kehrt gespenstische Ruhe ein. Laura jumpt rein ins rote Meer. Schwimmt zum Schiff. Klettert rauf. Stolpert über Leichen. Durch den Salon, der völlig verwüstet ist. Hin zur Kombüse. Wo sie steht: Die gelbe Kaffeemaschine. Die Laura sich greift. Einpackt in ihren wasserdichten Rucksack. Sie schwimmt zurück.

    Am Strand wartet bereits meine Bruna mit ihrem Porsche. In dem auch Diego sitzt. Meine Bruna rast los. Sie kommt nicht weit. Denn vor ihr türmt sich etwas Weißes, Felliges auf. Ein Riesenkater. Er beugt sich runter. Laura spürt seinen Speichel auf sich tropfen. Spürt, wie er nach der gelben Kaffeemaschine greift. Sie krallt sie an sich. Sieht schwarz. Und merkt. Kaffeemaschine weg. Schlafmaske noch nicht. 

    Nun, die Realität: Rund 150 Passagiere sind mit ihrem Kreuzfahrtschiff, auf dem das Hantavirus grassiert, auf dem Weg nach Teneriffa. Dort darf das Schiff, das niemand haben will und vor dem alle Angst haben, in zwei Tagen anlegen. Hafenarbeiter auf der kanarischen Insel demonstrieren gegen den Plan. Es gebe keine Infos zu dem Einsatz, nicht mal dazu, welche Schutzkleidung sie im Hafen tragen sollten. Monieren sie.

    Während die Menschen an Bord erleichtert sind, dass das Schiff endlich wieder fährt. Irgendwohin. Nachdem sie zuvor tagelang vor Kap Verde vor Anker lagen. Ohne zu wissen, was passiert. Und nur klar war: Das Hantavirus hat mindestens acht Menschen an Bord infiziert, von denen drei gestorben sind. Nun, nach Ankunft in Teneriffa soll ein Arzt an Bord kommen und sie untersuchen. Viel mehr weiß niemand. 

    Mir fallen die Augen wieder zu. Ich spüre einen Aufprall. Sehe zu meiner Pfote einen kleinen Porsche. Mit einer knallgelben Kaffeemaschine, meiner Bruna, mit Laura und Diego. Die zittern. Nicht vor Angst. Sondern weil sie offenbar hohes Fieber haben. Sie sind bleich. Entstellt. Blut tropft aus ihnen. Kurz: Sie müssen infiziert sein.

    Ich überlege nicht lange. Sondern erlöse meine Leute von ihrem Leid. Mit meiner Kralle. Und forme aus der Kaffeemaschine ein Leckerli. Das ich nicht schlucken kann. Weil auf meine Schnauze krasser Druck ausgeübt wird. Coco. Sitzt auf mir. Sagt der verträumte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Träumt. Und chillt, Leute!

  • 7. Mai 2026

    Wie Buckelwal Timmy das Seuchenschiff versenkt und ich zum Retter werde

    Das neue Corona heißt Hanta. Könnte man so glauben. Wenn man die Hysterie sieht, mit der Menschen weltweit auf ein kleines Kreuzfahrtschiff im Atlantik blicken, auf dem das sogenannte Hantavirus grassiert. 150 Leute sind onboard. Auf einer rund 16.000 Euro teuren Luxusreise von Argentinien in die Antarktis und dann nach Kap Verde, Afrika.

    Auf der Route brach die durch das Virus verursachte Krankheit an Bord aus – drei infizierte Leute sind daran gestorben. Mehrere weitere Menschen hätten sich angesteckt. Hölle. Und was es noch schlimmer macht: Es ist zunächst mal kein Hafen in Sicht, der das Seuchenschiff einfahren lässt. Alle haben Angst. Vor dem Virus.

    Und ich denke an die Empathie, die der in der Ostsee gestrandete Buckelwal Timmy vor Kurzem noch bekam. Und denke an die auf dem Schiff eingekerkerten Menschen. An die keiner denkt. Jeder ist sich eben selbst der Nächste. Es muss für die Passagiere und Besatzungsmitglieder mehr als Hölle sein. 

    Immerhin: Jetzt hat sich die Regierung von Teneriffa bereit erklärt, das Schiff zu empfangen, das zuvor vor Kap Verde warten musste – weit vor dem Hafen. Wie früher Schiffe, auf denen die Pest ausgebrochen war. Quarantäne. Niemand darf an Bord. Niemand will sie haben. Aussätzige eben.

    Und viele Menschen scheinen zu denken: Hach, wäre das Schiff doch einfach weg. Dann wäre auch das Problem weg. Und ich denke an Timmy. Der wahrscheinlich nach seiner aufwendigen „Rettungsaktion“ – also seinem Transport in die Nordsee – längst tot ist.

    Aber was wäre es für ein Bild: Der millionenfach bemitleidete Wal taucht auf und versenkt das Seuchenschiff mit einem Flossenschlag. Böse, böse, bin ich. Ich weiß. Aber in dieser Welt. Wird auch ein Kater. Wie ich. Zum Zyniker. 

    Eigentlich jedoch gruseln sich die Menschen natürlich zurecht vor diesem Virus. Denn Corona mit seinen Lockdowns, Todesfällen und Beschränkungen ist noch gut in Erinnerung, gerade erst fünf Jahre her. Immerhin beruhigen Experten erst einmal: Das Hantavirus sei zwar um einiges gefährlicher als das Coronavirus, aber längst nicht so ansteckend.

    Es werde über den Urin oder Kot von Nagetieren auf den Menschen übertragen. Nun werde gecheckt, ob es auf dem Schiff eventuell auch eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung gegeben haben könnte. Und ich erinnere mich, dass auch zu Beginn der Corona-Epidemie so einige Experten abwiegelten. Sagten, es werde schon nicht so schlimm. 

    Wirklich schlimm ist es derzeit für die Menschen an Bord des Schiffs. Einige sperren sich in den Kabinen ein, haben Furcht, sich durch das vor den Türen vom Personal abgestellte Essen zu infizieren. Und trauen sich auch nicht auf Balkone – aus Angst vor Ansteckung. Und wie und wann es für sie weitergeht: Ungewiss.

    Und ich denke so: Tja, Mensch, legt euch Kater zu. Wir sind Retter. Denn: Wo wir sind, wird kein Nager sein. Also: Ehrt und schätzt uns. Sagt der hilfsbereite Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid furchtlos. Und chillt, Leute! 

  • 6. Mai 2026

    Katzen: Gefährliche Vögelmörder oder emphatische Menschen-Flüsterer?

    Gefühl schlägt dann doch immer wieder Verstand. Oder Statistik. Viele Menschen haben Angst vorm Fliegen, steigen aber ohne Bedenken ins Auto – obwohl da das Risiko, tödlich zu verunglücken, viel höher ist. Oder lassen sich oder ihre Kinder nicht gegen Masern impfen, weil sie Angst vor Impfschäden haben, obwohl die Wahrscheinlichkeit vor schweren Komplikationen durch die krass ansteckende Krankheit viel größer ist.

    Ich kenne selbst solche irrealen Momente: Wenn Coco ihre fünf Minuten hat, gehe ich lieber auf Abstand. Weil ich Angst ums Leben habe. Obwohl ich weiß: Sie will nur spielen. Und die Chance, dabei ums Leben zu kommen, laut Statistik äußerst gering ist.

    Andererseits: Katzen sind eben nun mal wirklich gefährlich. Dereinst verbiss sich mein geliebter Bruder Moro – R.i.P. – in den Arm Lauras. Und sie kam nach acht Stunden Notaufnahme mit fettem Verband nach Hause, der erst sechs Wochen später wieder weg war. Oder heute Coco: Stürzt sich auf die Zeitung, die Felix vor sich hat. Schlägt rein, ritzt nicht nur das Papier, sondern auch seinen Daumen. Blut.

    Aber: Natürlich haben Moro und Coco nur reagiert. Weil sie sich bedroht fühlten. Oder spielen wollten. Nun aber hetzt auch noch der Autor Jonathan Frantzen gegen uns: Hauskatzen würden jedes Jahr 1,4 Milliarden Vögel massakrieren. Das sei der Grund, warum die Vogelpopulation seit 1970 um 40 Prozent zurückgegangen sei. Die Menschen hätten eben zu viele Katzen. Die Massenmord betrieben.

    Und ich denke so: Jetzt halte mal den Ball flach. Ohne Katzen würden die Menschen noch mehr Menschen massakrieren. Denn vergesse nie: Katze mag gefährlich sein, aber sie heilt auch. Durch ihre plus Aura renoviert sie Geist und Verstand des Human Beings. Quasi Menschen-Flüsterer.

    Tja, a apropos menschlicher Verstand – schon bin ich wieder im Krieg gelandet. In der Ukraine. Da hat der ukrainische Präsident Selenskyj eine einseitige Waffenruhe für heute angekündigt. Eine Finte. Denn natürlich weiß er, dass die Russen sich das nicht aufoktroyieren lassen. Und weiter schießen. Was sie auch tun.

    Allerdings: Kremlchef Putin hatte kürzlich für den 9. Mai eine Waffenruhe angekündigt. Da feiert Russland mit einer großen Parade in Moskau den Sieg über Nazideutschland. Der nicht durch ukrainische Drohnen gestört werden soll. Nun, Russland hat die ukrainische Waffenruhe nicht geachtet. Ob die Ukraine die russische ernst nimmt? 

    Ich hoffe, liebe Leserin, lieber Leser, Ihr habt gemerkt, von US-Präsident Trump war heute wieder nicht die Rede. Wie in meiner Abstimmung des gestrigen Tages von Euch gewünscht. Obwohl ich mich so frage: Stimmt diese Statistik? Und ist da nicht insgeheim doch der Wunsch, zu hören, was der Wirrkopf wieder so von sich gegeben hat?

    Nun, ich schweige dazu. Heute. Und sehe Coco auf mich zufliegen. Wir prallen zusammen. Was für ein Kampf. Episch. Und mein Fell fliegt. Es schmerzt. Aber ich lebe. Und: Es macht sogar Spaß. Sagt der wehrhafte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Schützt Vögel. Und chillt, Leute! 

  • 5. Mai 2026

    Trump oder meine Bruna – das ist hier die große Frage

    Bemerkt? Keine Welt-News seit Anfang Mai. So, liebe Leserinnen, liebe Leser, wie fühlt Ihr Euch so? Zumindest von meiner Seite aus in den vergangenen vier Tagen nichts von den Kriegen, von Trump, Putin, Walen und Co hier in meinen Gedankenfetzen serviert bekommen zu haben? Dafür „nur“ private Home-Storys. Über meine Bruna, meine Nuria, über Diego und Laura.

    War das seelische Hygiene? Oder seid Ihr on turkey, kalter Entzug? Fehlt da doch etwas? Frage ich mich und Euch so. Und sehe Coco. Die sich neben mir vor Felixens Monitor trollt. Während der auf seine Tastatur hämmert. Für seine Plattform. Welt-News schreibt.

    Sie mag das. Die Vibrationen. Felix mag das auch. Er ist Junkie. Denke ich so. Wenn ich ihn beobachte. Wie er wie besessen Nachrichtenseiten scrollt. Nachrichten verschlingt und entwirft. Tippt. Im Tunnel ist. Cringe. Und ich sehe seinen Bruder Chris, seines Zeichens Professor für performative Künste – was immer das nun wieder ist.

    Nun, Chris verkörpert genau das Gegenteil von Felix – jedenfalls in Sachen News. „Jetzt berichtet doch mal nicht jeden Scheiß, den die alten Männer der Welt so von sich geben. Ihr müsst doch nicht über jedes Stöckchen springen, das die euch vorwerfen. Mich interessieren die Ergebnisse, das, was am Ende rauskommt. Und das will ich in einer ausgeruhten Analyse lesen. Reicht einmal pro Woche.“

    Und ich denke so: Yes, er hat ja so recht. Und ich denke an den US-Präsidenten. Und was er in den vergangenen vier Tagen so rausposaunt hat. Und was davon relevant ist – nichts. Anfang Mai behauptete er, die Kämpfe im Iran seien beendet. Dann drohte er dem Land mit Angriffen, mit der erneuten Vernichtung. Kündigte einen US-Einsatz in der vom Iran blockierten Straße von Hormus an. Um den nun wieder abzublasen.

    Nur heiße Luft. Unnötig. Quod erat demonstrandum. Und dann ich denke an den mehrfach in der Ostsee gestrandeten Wal Timmy: Der ist mittlerweile irgendwo in der Nordsee. Begleitet von intensivster Berichterstattung. Ob tot oder lebendig, weiß aber nun auch keiner. Ist aber auch komplett egal. Weil es ein Wal ist. Ein Buckelwal. Und kein Kater. 

    Und Felix so zu Chris: „Wenn Du immer nur Analyse willst, ist es ja viel schwerer, sich eine eigene Meinung zu bilden. Weil Du nur vorgefertigte Meinungen konsumierst. Eine eigene bildest Du Dir  besser, wenn Du Entwicklungen verfolgst, auch kleinteilig. Schaust, wie sie sich ändern. Woher willst Du denn auch wissen, wann ein Endpunkt einer Entwicklung erreicht ist? Wichtig für mich ist, jeden Trump-Tweet, jeden Wal-Regung auch einzuordnen. Das ist doch die Würze, sich über solche Dinge aufzuregen.“

    Und ich denke so: Trump oder meine Bruna – das ist hier die Frage. Für mich. Die ich nun, verehrte Leserinnen und Leser, an Euch weitergebe. Sagt der globalgalaktische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Beantwortet meine Fragen. Und chillt, Leute!

  • 4. Mai 2026

    Alles jammert: Die Leiden meiner Laura in der Jugend-Psychiatrie

    Mangel ist relativ. Ich weiß, ich weiß. Auf welch hohem Niveau ich klage. Wenn ich rumheule, dass wieder mal nicht genug Leckerli für mich da sind. Und ich darbe. Darben muss. Weil mir meine Leute nichts gönnen. Sie behaupten: Wenn ich mehr bekäme, würde ich zu dick. Ich behaupte: Sie sind geizig. Haben nicht genug Geld. Und das, was sie haben, geben sie für eigenen Schnickschnack aus.

    Aber: Ich bin mit meinem Jammern nicht allein. Im Gegenteil. Alles jammert in diesem so reichen Land. Im Allgemeinen: Für Bildung, Rente, Soziales sei zu wenig Geld da. Schulen bröckeln, Toiletten stinken, Brücken knicken ein, Krankenhäuser machen dicht. Und im Speziellen: Bio-Lebensmittel seien unbezahlbar, Urlaub kaum noch möglich, Konzertkarten unbezahlbar, Arzttermine nur für privat Versicherte zu haben. Und dann kommt meine Laura. 

    Empört von ihrer Arbeit zurück. Richtig empört. Mit rotem Gesicht und so. Weil es eben Menschen gebe, die intensivst betreut würden, von zig Fachkräften. Und es dann nach Monaten dankten mit Worten wie diesen: „Keine Lust, weiß ich nicht.“ Die Story behind: Heute gab es für die 16-jährige Julia – ein depressives, suizidgefährdetes Mädchen, das seit zwölf Wochen in der Psychiatrie betreut wird – ein sogenanntes Entwicklungsgespräch.

    Mit dabei: Neben meiner Laura, der Patientin und deren Mutter eine Therapeutin, die behandelnde Ärztin, ein Psychologe, eine Sozialarbeiterin, der Vertrauenslehrer der alten Schule, ein Lehrer aus der Krankenhausschule. Thema: Perspektiven – wie kann es weitergehen? Mehr als eine Stunde wird geredet. Egal, ob es um Sport oder Schule geht, Julia antwortet auf sämtliche Vorschläge: „Ich weiß nicht.“ 

    Immerhin, am Ende antwortet Julia: Vielleicht“, als meine Laura ihr eine einstündige Kunsttherapie pro Woche anbietet. Die könne aber frühestens in einer Woche starten, damit man das Mädchen nicht überfordere. Meint die Sozialarbeiterin. Sonst werde ihr zu viel zugemutet. Immerhin, die 16-Jährige hat ja bereits schon kleine Steps genommen: Sie schafft es mittlerweile, alleine mit der Straßenbahn wieder nach Hause zu fahren. Und am nächsten Tag zu kommen.

    Bis vor einer Woche wurde sie gebracht – von einem Taxi. Gezahlt von der Krankenkasse, Und ich denke so: Eigentlich doch top. Eine solche Betreuung. Für kranke Menschen. Andererseits: Krass, wie viel Geld da ausgegeben wird. Wo es doch vor allem im Gesundheitsbereich an vielen Stellen zu fehlen scheint.

    Und ich ekle mich wieder mal vor mir selbst. Ob meines Eifers. Denn ich weiß, ich weiß: Mangel sollte nie gegen anderen Mangel ausgespielt werden. Vor allem nicht von Dilettanten wie mir, die die Hintergründe nicht kennen. Und so nur populistische Sülze von sich geben. Was auch am ungestilltem Hunger auf Leckerli liegt. Sagt der darbende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Relativiert. Und chillt, Leute! 

  • 3. Mai 2026

    Der schielende Diego auf dem Weg zum Doctore

    Ist das tatsächlich mein Diego? Der lebenslustige, zugewandte, verkuschelte Mensch, den ich so schätze? Nun, seit acht Wochen sitzt er jeden Tag stundenlang in seinem Zimmer und starrt in komischen Büchern auf Muster. Ist voll gefangen davon, hypnotisiert oder so. Lässt sich nicht ablenken, schaut nicht mal auf, als ich sein Bein malträtiere. Kratze. Auf seinen Schoß jumpe.

    Und verscheucht mich wie eine lästige Fliege von seinem Buch, wenn ich mich drauflege. Und so starre ich ihn unverwandt an und bin erschüttert. Weil ich sehe: Seine Pupillen sind verschoben. Er schielt. Sieht voll krank aus. Kreuzblick. Sagt er. Zu mir. Und ich kreuze seinen Blick. Um ihn zu entkreuzen. Oder so. 

    Tell me why? Denke ich so. Und tatsächlich. Diego gehorcht. Und sagt: Dies sei eine Methode, um beim Medizinertest sehr schnell aus fünf kleinen Bildern jenes herauszupicken, das exakt mit einem großen Originalbild übereinstimmt. Und ich so – Medizinertest, wozu? Und er so: Nun, damit habe man zumindest bessere Chancen, sich für ein Medizinstudium zu qualifizieren.

    Wenn man nicht gerade ein Abi mit 1,0 gemacht habe. Deswegen lerne er. Schaue sich Schlauchfiguren, Therapievorschläge und Geschichten von Patienten an. Löse mathematische Aufgaben. Und lerne, seinen Blick zu kreuzen. Um nächste Woche ein gutes Ergebnis bei diesem Test zu erzielen. Und ich starre ihn an. Überkreuz. Sind seine Augen doppelt, die Nase auch. Mein Kopf schmerzt. Ich bin ungeeignet. Offensichtlich. 

    Warum schaut Diego nicht NBA? Chillt? Oder isst? Ganz gechillt. Wie sonst so. Denke ich. Während er weiter schielt. Man schaue nicht direkt auf eines der beiden zu vergleichenden Bilder, sondern auf einen virtuellen Punkt zwischen ihnen, sodass sich die Blickachsen kreuzten. Sagt er. Dadurch würden die beiden Bilder zu einem virtuellen dritten – und einen Unterschied würde man sofort erkennen.

    Ich verstehe nichts. Und frage mich, ob das gesund ist. Absichtliches Schielen. Das mache nichts. Sagt mein Diego. Es gehe bei diesem Test einfach darum, Strategien zum Lösen von Aufgaben zu lernen und anzuwenden. Tatsächlich kämen Leute, die bei diesen Test gut abschneiden, im Studium besser zurecht als andere.

    Und ich denke so: Menschen wollen immer arbeiten. Probleme lösen. Die es gar nicht gibt. In echt. Machen Schieltests selbst für einen Job, der doch vor allem Einfühlungsvermögen braucht. Arzt eben. Wolle er gar nicht werden. Sagt Diego. Und ich so: Häh? Warum dann der Test? Mysterien allüberall.

    Diego schielt. Und ich so: Fingers, äh, Krallen crossed.  Weil ich weiß: Er wäre ein guter Doctore. Denn das Einfühlungsvermögen, das hat er. Meist. Wenn er mich kuschelt.

    Und ich sehe Coco. Die sich putzt. Mit Fäden spielt. Und leckt. Und putzt. As putz can. Dabei ihre Pfoten kreuzt. Der berühmte Kreuzputzer. Oder das Putzerkreuz. Ihr Job. Sagt der schielende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Lernt Strategien. Und chillt, Leute!

  • 2. Mai 2026

    Wenn Oppa vom Krieg erzählt und meine Bruna Zäune überwindet

    Ach, sie werden so schnell groß. Denke ich so. Und fühle mich bei diesem Spruch wie ein Oppa. Dachte das mit dem ungebändigten Wachstum, weil sich Coco vor mir räkelt. Mich mittlerweile selbst liegend überragt. Um rund 2,7 Zentimeter. Viel länger ist als ich. 28 Zentimeter. Mit nicht mal einem Jahr.

    Sie ist auch: Hungriger. Felliger. Als ich. Weicher. Schneller. Und leichter. Also unbeschwerter. Alles erforschend. Auch die Gefahren. Der Welt. Und dabei auch noch immer entspannt. Tröstlich, dass es bei den jungen Menschen mit den Veränderungen ähnlich ist: Meine Bruna. Wächst krass. So dass selbst ich mich manches Mal schütteln muss. Um sie wieder zu erkennen. 

    Sie, die gerade noch mit ihrem Stoffhündin Sally durch den Park spazierte, geht nun mit ihren Freundinnen und Freunden zu einigen Demos und Partys, die am 1. Mai in Berlin steigen. Ist im Berliner Mauerpark. Schwärmt von der Stimmung dort. Überall Bands, Trommler, Menschen, die Picknick machen, grillen, trinken, rauchen, tanzen. Entspannt. Gechillt. Sagt sie. Fest der Generationen.

    Klar, vor allem seien Menschen ihres Alters da. Aber auch Alte um die 30. Und noch ältere wie Felix und Laura, also von der Generation X oder wie sie heiße. Dann sei sie mit ihren Freunden weitergezogen, nach Kreuzberg, zum Görli. Krass überfüllt. Von der Polizei abgeriegelt, weil zu voll. Sie hätten sich eine unbeaufsichtigte Stelle gesucht – und seien dann über den 2,38 Meter hohen Zaun geklettert. Voll Abenteuer. Sagt meine Bruna.

    Und im Park: Aggressivere Stimmung. Demonstriert worden sei gegen die nächtliche Schließung des Görlitzer Parks – einem Hotspot für Drogendealer. Mit Beginn der Dämmerung habe die Polizei dann ihre eigens für diesen Abend aufgebauten Strahler eingeschaltet – um den Park zu erleuchten. Sie seien weitergezogen. Sagt meine Bruna. Hätten in den Schlachtruf eingestimmt: „Nieder mit der Scheiß-AfD.“ Zu einer Bühne, auf der die Rapperin Ikkimel für Ekstase gesorgt habe. 

    Von dort hätten sie die sogenannte Revolutionäre 1.Mai-Demo beobachtet. Mit dem schwarzen Block. Die vermummten Jugendlichen hätten die Polizisten beschimpft. Böller seien gezündet worden. Und auch ein paar Bierflaschen geflogen.

    Tja, Felix stimmt nun ungefragt in die Erzählung meiner Bruna ein. Und muss offenbar rauslassen, wie er als Jung-Reporter Anfang der 00er Jahre über die Ausschreitungen am 1. Mai berichtete – eingekeilt zwischen Polizei-Wasserwerfern und Pflastersteine schmeißenden Randalierern. Erzählt von auf der Straße liegenden Verletzten, brennenden Autos, geplünderten Geschäften.

    Und meine Bruna so: „Ach Daddy, lass doch mal die alten Storys. Du klingst wie Oppa, der vom Krieg erzählt.“ Krass, meine Bruna, denke ich so. Und spüre, wie Coco mich haut. Als ich mich ihr nähere. Um sie vor der über ihr schwirrenden Wespe zu warnen. Sie versucht, das Insekt zu catchen. Sie will sich nicht warnen lassen. Forscht eben. Und so sinniere ich über die Unmöglichkeit, die jüngere Generation vor Ungemach schützen zu wollen.

    Offenbar muss eben jeder eigene Erfahrungen sammeln. Auch leidvolle. Denke ich so. Oder eben auch nicht. Die Wespe fliegt aus dem gekippten Fenster. Coco gähnt. Voll entspannt eben. Sagt der kleine Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Akzeptiert die Selbsterfahrung. Und chillt, Leute!

  • 1. Mai 2026

    Die neuen Leiden meiner Nuria am Tag der Arbeit

    Meine arme kleine Nuria. Die immens leidet, in Freiburg, 800 Kilometer entfernt von mir, ihrem Tröster. Sie muss in einer Bar arbeiten, um über die Runden zu kommen. Nicht nur sieben Stunden Stehen und Laufen, sondern auch Hitze, Rave-Lärm und viele dumme Menschen ertragen. Und das in einem toxischen Gasgemisch aus Fett, Schweiß und Chlor. Sie sei so fertig, keine Ahnung, stöhnt sie. Dabei könnte sie auch hier sein. Bei mir. Im Revier. 

    Auch in ihrem Freiburger Zuhause findet sie nämlich keine Ruhe. Und keinen Kater. Stattdessen lauter junge, lebenshungrige Studenten, wild, hungrig und auch cringe. Extrem viel Energie. Besonders an einem Feiertag. Wie dem 1. Mai. Tag der Arbeit.

    Aber eben nur für meine Nuria. Die keinen Ort für Stille findet. Keinen Kater. Wie unelegant. Denke ich so. Und lecke meine Pfote. „Ach, wäre ich doch nur bei euch, keine Ahnung“, stöhnt meine Nuria. Nur Gleichaltrige wie in der WG – wie anstrengend das sei. Da könne sie sich nirgends zurückziehen. Dabei suche sie die positive Einsamkeit. Die sie besser hier bei mir in Berlin finden könne. Wo sie einfach die Tür zu ihrem Zimmer zuziehen könne.

    Nun, sie ist selbst Schuld. Denke ich so. Sie schuftet lieber in der Bar direkt neben einem Schwimmbad. Muss an ihrem ersten Arbeitstag dort direkt im Pommes-Bereich ran. Muss Frittieren lernen. Was sie hasst. Die Sonne strahlt. Es wird hotter. Die Beats vom nahen Rave lauter, keine Ahnung. Erzählt meine Nuria.

    Kein Kater in Sicht. Dafür immer mehr Menschen. Mit Durst. Und Hunger. Meine Nuria muss an die Kasse. Neben ihr zunächst ein junger Mann – ebenfalls zum ersten Mal dabei. Die Schlange der Wartenden wächst auf 20 Meter an. Die Bar schließt wegen Überfüllung.

    Ein erfahrener Mann kommt zur Hilfe. Streift – naturally unabsichtlich – Nurias Rücken. Legt – naturally unabsichtlich – seine Hand auf ihre Schulter. Ist herrisch. Laut. Sei aber noch ok, keine Ahnung. Sagt meine Nuria. Und ich würde gerne krallen. Diesen Typen. 

    Hernach streift meine Nuria durch Freiburg. Sie würde gerne zur Demo gehen, wo der Fünf-Stunden-Arbeitstag gefordert werde, keine Ahnung, sagt sie. Sie kann aber nicht mehr. Die Füße. Der Rücken. Und der Druck: Sie müsse für die Uni lernen, ihr Auslandssemester in Palermo organisieren und Cello fürs Studentenorchester üben.

    „War aber trotzdem nett, keine Ahnung“, sagt sie. Und ich denke so: Ich hätte eine Ahnung. Meine arme Nuria könnte hier leben. Chillen. Mit mir. Im Berliner Revier. Ruhe haben. Felix würde ihr Orangensaft pressen. Laura mit ihr über Literatur diskutieren. Diego ihr veganes Geschnetzeltes anbieten. Meine Bruna ihr Vinted-Klamotten schenken. Coco in ihre Füße beißen. Und ich ihr mein Fell, meine Wärme und Chill-Vibes schenken.

    Kurz: Sie könnte hier ein Götterleben haben. Sie will es nicht. Sagt der bedauernde Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Akzeptiert die Jugend. Und chillt, Leute!

  • 30. April 2026

    Dämonenaustreibung zur Walpurgisnacht – Hexen in Lauras Klinik

    Manchmal denke ich, dass sie besessen ist. Von bösen Geistern. Oder Dämonen. Wenn Coco vollkommen entfesselt durch mein Revier jagt. Unstoppbar. Mich wie einen Kegel umstößt. Die Wände hochrast. Bis Diego sie irgendwann erwischt. Emporhebt. Sie schüttelt. Versucht, den Dämon auszutreiben. Exorzismus! Der natürlich nicht klappt. Im Gegenteil. 

    Heute ist Walpurgisnacht. Die Nacht also, in der Hexen wüten und tanzen. Um den Winter zu vertreiben. Um Schutz vor bösen Geistern zu erbitten. Und ich? Miaue. As miau can. So dass sich meiner Kehle ein langanhaltender, klagender Laut entringt. Coco erstarrt. Zunächst. In Diegos Händen. Und ich nutze die Gelegenheit, um zu Laura zu springen, meiner Hexe, die eben nach Hause kommt. Aus ihrer Klinik. Mit den psychisch kranken Jugendlichen. Die sich freut. Dass ich mein Fell auf ihrem schwarzen T-Shirt verteile. 

    Nun, auch sie erzählt von Dämonen, die ihre Patienten und Patientinnen heimsuchen. Und depressiv oder auch aggressiv machen. Sie habe ihren Jugendlichen erklärt, was es mit der Walpurgisnacht auf sich habe. Erzählt sie. Die meisten hätten zugehört. Das ohnehin verkniffene Gesicht eines Mädchens jedoch habe sich zur Fratze verzogen.

    Das, was Laura erzähle, sei doch vollkommen belanglos. „Das war wie ein extrem langweiliger Podcast, den ich sofort ausgeschaltet hätte. Leider haben Sie keinen Ausknopf“, habe sie dann zu Laura gesagt. Nun, sie habe daraufhin gelächelt, sagt Laura. Und sich gefreut, mit einem Podcast verglichen zu werden. 

    Coco entwindet sich den Armen Diegos. Der Dämon ist in ihr. Unverkennbar. Und sie springt auf mich. Macht einen Überschlag. Während meine Alten aus dem Chaos flüchten. In ein Konzert. In der Philharmonie. In der der Dirigent Kent Nagano mit dem Deutschen Sinfonieorchester ein 52 Jahre altes Werk von Bernstein zum ersten Mal auf die Bühne bringt.

    Thema: Der Dybbuk. Ein Geist, der laut jüdischem Volksglauben Besitz von anderen ergreift. Sie besessen macht. Und trotz Exorzismus nicht weichen will. Und mir wird klar: In Coco sitzt der Dybbuk. Mit zwei Riesensätzen jumpt sie auf den Kühlschrank. Und plötzlich weiß ich, wie ich den Geist vertreibe.

    Biete Coco Leckerli an, die meine Bruna eigentlich mir zukommen ließ. Nun aber dienen sie dazu, den Dybbuk aus Coco zu vertreiben. Die mittlerweile brav neben mir Leckerli schnurpst. Mission erfüllt. Ich bin der Exorzist! Sagt der übernatürliche Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Vertreibt Dämonen. Und chillt, Leute! 

  • 29. April 2026

    Trauer trotzender Tröster-Therapeut

    Wenn ich etwas kann, dann trösten. Wenn meine Leute leiden, kuschle ich mich an sie. Übertrage meine Atemfrequenz auf sie. Lasse sie meine Wärme spüren. Mein weiches Fell. Mein Schnurren, mein Vibrato löst sie dann endgültig vom Alltag. Beziehungsweise der Last. Dem Schmerz. Und ich bin in meinem Element: Als Trauer trotzender Tröster. Oder: Therapeut. 

    Der Tod. Ist so groß. Und umbegreifbar. Für Lebewesen. Die ja wohl kaum als Lebewesen bezeichnet würden, wenn sie mit dem Tod umgehen könnten. Weil der ihnen eben total fremd ist. Sie Angst vor ihm haben. Weil’ er das Gegenteil vom Leben ist. Das das einzige ist, was sie  – wir – so haben.

    Vielleicht ist Felix deswegen so erschüttert. Über den Tod seiner Tante Isolde. Die vor einem Monat starb, nun ist die Trauerfeier. Und Felix findet dort tatsächlich Trost. Ohne mich. Durch den Pfarrer. Denn der ist ein Freund seines Cousins Viktor, dem Sohn von Isolde. Seit Schulzeiten. Complicated, sorry.

    Der Pfarrer kann erzählen, wie er Isolde erlebte, wenn er mittags mit Viktor von der Schule die 70 Stufen im Altbau nach oben rannte – und dort Isolde stand: Immer mit strahlenden Augen ihn freundlich empfing. Und ganz genau wusste, was sie in der Schule gerade so behandelten. Ob in Bio oder in Musik. Ob Photosynthese oder Quartsextakkorde.

    Und auch Felix erinnert sich an seine Tante, die er einst als Kind fast fürchtete, weil sie ihn bei der Begrüßung so drückte, dass er kaum noch Luft bekam. Und deren Drücken er später liebte. Weil er echte Zuneigung spürte. Kater-like. Nun lässt Felix Erde auf die Urne rieseln. Bitter. Komischer Brauch. Denke ich so. 

    Sie fehlt. Geschichten können Isolde nicht mehr erzählt werden. Fragen ihr nicht mehr gestellt werden. Denke ich so. Als ich höre, dass Viktor bereits vor 25 Jahren nach Brasilien auswanderte. Dort heiratete, einen Sohn bekam. Und trotzdem besuchten ihn in Brasilien seine Eltern nie. Obwohl sie reisefreudig – und damals noch fit  – waren. Warum?

    Die Frage stellte niemand so direkt. Sagt Felix. Und fragt: War es die Enttäuschung über den „Verlust“ des Sohns? Die Anstrengung einer solchen Reise? Nobody knows exactly. Und ich denke so: Nutzt die Zeit, in der Fragen gestellt und Antworten gegeben werden können. Aber klar: Jetzt ist da eine Leerstelle. Die ich gerne ausfülle.Sagt der tröstende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Genießt das Leben. Und chillt, Leute!