Monat: Mai 2026

  • 31. Mai 2026

    Berstende Steine beim Tango in Buenos Aires

    Wer wenig erwartet, wird leichter auch mal positiv überrascht. Zur Illustration: Ich chille so auf meinem geliebten Stuhl unterm Tisch. Bin damit quasi unsichtbar für meine Leute. Was bedeutet: keine Leckerli. Und dann krabbelt meine Bruna zu mir. Mit einer Handvoll Leckerli – mehr auf einmal als ever before. Nur für mich. Und ich spüre den Kloß in meiner Kehle – bersten. Und könnte weinen vor Rührung. Wenn ich weinen könnte. So groß ist diese – unerwartete – Geste. 

    Ähnlich mit ist es bei Menschen beim Thema Erwartungen: Felix und Laura sind auf der Party zum 89. Geburtstag von Felixens Germanistikprofessor. In der Einladung hieß es, polnische Lyrik solle von zwei Philologinnen vorgestellt werden. Und Laura so: „Kann es nicht französische Lyrik sein?“ Und Felix attestiert: Ja, diese tolle Sprache,  Dieses großartige Land.

    Und dann – so erzählen sie – seien sie auf der Party in den Bann dieser polnischen Poesie geraten. Eine Professorin habe polnische Gedichte auf Deutsch, die andere danach auf Polnisch vorgetragen. Und die Gedichte hätten großartige Gedanken – über Leben, Existenz, Sinn und Verstand – oft augenzwinkernd ausgesprochen. Dazu dann der lautmalerische Klang der Sprache.

    „Gespräch mit dem Stein“ hieß ein Werk der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Szymborska. Es gehe darum, dass ein Stein niemanden in sich hereinlassen wolle. Sagt Felix. Der Stein könne es nicht. Denn: Er sei ja aus Stein. Habe der Stein gesagt. Und hinzugefügt: Er habe auch gar keine Tür.

    Das Gedicht habe den Nerv der Festgesellschaft getroffen, erzählt Laura. Klatschen, Lachen. Und der Jubilar sagt dazu: Die Deutschen hätten Polen im Zweiten Weltkrieg verheerend zerstört. Es habe bis heute keine echte Versöhnung mit dem Land gegeben. Anders zum Beispiel sei das mit Frankreich gewesen.

    Dass die Versöhnung mit Polen nicht geklappt habe, sei auch an der Literatur zu sehen, sagt der Professor: Viele herausragende deutsche Werke seien nicht ins Polnische, viele großartige polnische Werke nicht ins Deutsche übersetzt worden. Auch aktuelle. Der Stein. Welch Symbol. Denke ich so.

    Im Garten des Professors hätten sich dann die Generationen getroffen. Erzählen meine Leute. Felix trifft eine Professorin, die er vor rund drei Jahrzehnten zuletzt gesehen hatte. Der Stein von damals, der zwischen ihnen lag, sei zerborsten. Durch die Zeit. Erzählt Felix. Damals war sie gerade Mutter eines Jungen geworden. Heute ist sie längst emeritiert. Und Felix und sie reden mehr miteinander denn jemals zuvor.

    Sie erzählt, sie lebe abwechselnd ein halbes Jahr in Buenos Aires und in Berlin. Und fröne ihrer Leidenschaft: Dem Tangotanz. Schreibe auch Essays darüber. Und sei froh, dabei nicht mehr an die engen Fesseln der Wissenschaft gebunden zu sein.

    Und ich denke so: Tanzen – nix für mich. Aber klar: gemacht habe ich es nie. Müsste auch mit vier Pfoten gehen. Sagt der erwartungshungrige Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Zertrümmert die Steine. Und chillt, Leute! 

  • 30. Mai 2026

    Die Katze auf dem heißen Chefsessel -. das zerstörte Kunstwerk

    Die Katze auf dem heißen Chefsessel? Auf dem gedeckten Küchentisch? Auf dem Herd? Njet! Früher waren Kater und Katzen draußen, in Ställen oder höchstens auf dem heißen Blechdach. (He he, für die Experten: Kultfilm von 1958 mit der großartigen Liz Taylor!). Noch heute gibt es Menschen, die ihr Näschen rümpfen, wenn sie sehen, dass wir Kater in Betten chillen oder auf dem Frühstückstisch eine Art Deco darstellen.

    Oder wenn sie solcherart Fotos von Coco und mir sehen. Die Oma meiner Bruna hat solche Freundinnen. Die sich schütteln. Wenn ihnen so etwas gezeigt wird. So dass sie, Oma Lotte, ihnen diese, meine Gedankenfetzen, deswegen vorenthält. Weil ihre Freundinnen entsetzt ablehnten, was auf den Fotos zu sehen ist: Der Kater als intimer Teil der Familie. Denkt Oma Lotte. 

    Der große deutsche Regisseur Wim Wenders soll aus seinem preisgekrönten Film „Falsche Bewegung“, den er vor mehr als 50 Jahren drehte, eine Szene killen, in der die damals 13-jährige Nastassja Kinski mit nacktem Oberkörper zu sehen ist. Das verlangt die Schauspielerin seit mehreren Jahren. Und Wenders so: Heute würde er den Film natürlich anders drehen. Heute sei die Welt aber auch völlig anders als vor 50 Jahre.

    Deswegen könne er auch seinem damaligen Ich keinen Vorwurf machen. Es gehe vielmehr darum, wie man mit Filmerbe umgehe. Dürfe und solle man Szenen rausschneiden, wenn sie einer Schauspielerin weh täten, dürfe man einen Film im Nachhinein kürzen? Wenn er das mache, schaffe er einen Präzedenzfall – dann seien nachträgliche Änderungen an allen Filmen möglich. Je nach Geschmacksrichtung. Je nach Zeitgeist. Seiner Ansicht nach müsse das diskutiert werden. Sagt Wenders.

    Und ich denke so, wenn Kinski ein Problem mit der Szene hat, dann raus damit. Man kann ja an der Stelle anmerken, was ursprünglich zu sehen war und warum es entfernt wurde. Klar, im Laufe der Jahre können Befindlichkeiten wechseln. Hmmm, ich zweifle: Wenn es dann weitere Änderungen geben sollte – wer will schon vollkommen zerstückelte Werke sehen.

    Und: Was, wenn Kinski in zehn Jahren dann doch wieder findet, dass exakt diese Szene diesen Film doch rund gemacht habe – und sie doch wieder rein solllte? Puuh, ich bin verwirrt: Muss ich tolerant gegenüber den Akteuren eines Kunstwerks sein oder gegenüber dem Kunstwerk?? Ich weiß es nicht. Und eigentlich ist mir das auch egal.

    Coco schnurrt weiter auf dem Chefsessel. Und meine Bruna fotografiert das. Ich weiß: Es wird Menschen geben, die dieses Stillleben nie zu Gesicht bekommen werden. Weil sie es nicht aushalten würden. Aber wer behauptet das eigentlich. Vielleicht würden sie es doch aushalten? Sagt der tolerante Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid offen. Und chillt, Leute! 

  • 29. Mai 2026

    Diagnose Größenwahn sprengt aufgeblähten Wal-Kadaver

    Und dann sind da die Tage, an denen ich mich sowas von überlegen fühle. Der Welt, meinen Leuten, Coco gegenüber. Und mich frage, warum das (fast) niemand rafft? Dass nur ich weiß, was richtig ist, wo es lang geht. Sollen sie doch einfach auf mich hören. Den Weltenformel-Kenner. Denke ich so.

    Denn ich kenne sogar die Diagnose, die über mich gestellt werden müsste: Größenwahn. Und sehen, wohin selbiger führen kann: An die dänische Küste. Denn da liegt nun der durch Fäulnisgase aufgeblähte Kadaver des Buckelwals Timmy. Und stinkt. Deswegen soll er jetzt an Land gezogen und entsorgt werden. Der Kadaver könnte sogar explodieren. Und Bakterien in sich tragen, die auch Krankheiten auslösen könnten. 

    Und die dänischen Experten so: Die sogenannten deutschen Retter hätten den armen Wal vor seinem Tod einem Martyrium ausgesetzt. Der ohnehin schwerkranke Timmy sei tagelang in einem Metallkasten eingesperrt gewesen, mit dem er von der deutsche Küste mit einem Schlepper aufs offene Meer transportiert wurde.

    Er sei dabei von Wellen hin und her geschleudert worden. Dazu sei er auch noch dem Motorenlärm des Schiffs ausgesetzt gewesen. Bevor er dann ins Meer geworfen worden sei. Und ich denke so: ja, die Hybris des Menschen, die Natur überlisten zu wollen. Ihr überlegen zu sein. Ist eben doch ein Irrweg. 

    Und dann ist da US-Präsident Trump. Ein US-Gericht demaskierte ihn. Seinen Wahn der Größe, nachdem er sich bereits einen Ballsaal am Weißen Haus bauen lässt und einen Triumphbogen errichten lassen will. Nun hat ein Gericht entschieden, dass sein bereits am renommierten Kennedy-Center, einem Kulturtempel, angebrachter Name wieder entfernt werden muss.

    Weil die Entscheidung für eine Namensänderung vom Kongress getroffen werden müsse. Und ich denke so: Puh, es gibt zum Glück noch Menschen, die sich gegen den mächtigsten Mann der Welt stellen. Und versuchen, den Größenwahn zu stoppen. 

    Zugleich erreichen die Drohnen eines weiteren Größenwahnsinnigen nun auch das Gebiet des Nato-Mitglieds Rumänien. Trümmer einer russischen Drohne von Kremldespot Putin fielen dort auf ein Hochhaus. Und ich denke so: Möge so etwas nicht der berühmte Funke sein, der dann zur Explosion führt. Und den Ukraine-Kirieg zu einem globalen macht.

    Ich wende meine Gedanken Coco zu. Meiner Muse. Manchmal. So komme endlich runter. Von meinem Wahn-Trip. Merke, dass Coco zwar größer ist als ich. Also körperlich. Why not? Denn: Was ist mit ihrem Geist? Sagt der gönnende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Bleibt realistisch. Und chillt, Leute! 

  • 28. Mai 2026

    Die Verlockungen der Täuschung: Der Iran-Krieg und ich

    Es gibt diese Tage, an denen ich mich gerne täuschen lasse. Von meiner eigenen Wahrnehmung. Um mich besser zu fühlen – und nicht so klein und unbedeutend, wie es mir mein Selbstbewusstsein vorgaukelt. Weil meine Bruna mich nicht streichelt, sondern über mich stolpert. Weil sie mir keine Leckerli gibt, sondern verfallenen Lachs serviert.

    Dann baut mich Täuschung auf und lässt Enttäuschung schwinden. Meine Bruna fotografiert Coco und mich. Und auf dem Foto schaut es aus, als ob ich deutlich größer wäre als sie. Tut gut. Meinem Selbst. He, he. 

    Wahrscheinlich ist ja das ganze Leben eine einzige Täuschung. Alle spielen damit, um besser zu erscheinen. Das ist auch im sogenannten Großen sichtbar – in Kriegen. Der Iran und die USA spielen seit dem 28. Februar ein einziges Täuschungsmanöver-Spielchen miteinander. Nach dem Motto: Wer am besten blufft, gewinnt den Krieg.

    Überziehen sich mit Vernichtungsfantasien, um unmittelbar danach zu schwadronieren, man sei ganz dicht an einem Abkommen, das zu Frieden führen könnte, um dann wieder mit gegenseitigen Angriffen zu starten.

    Und während die USA behaupten, der Iran wolle unbedingt ein Abkommen, sei bereit seine hochangereicherten Uranvorräte abzugeben und die Straße von Hormus wieder zu öffnen, behauptet der Iran, man habe Zeit mit einem Abkommen, über die Atomfrage werde später verhandelt, die Straße von Hormus werde unter iranischer Kontrolle stehen. Und so greifen sie sich weiter an. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann…

    Denke ich so. Und frage mich – werden die Protagonisten sterben? Geht es nicht vielmehr um deren (wohl leider unsterblichen) Rollen, die Menschen einnehmen – und es ist eigentlich unerheblich, welcher Mensch sich darin befindet? Da er die jeweilige Rolle in den Systemen weiterspielen muss? Vor allem, wenn er und seine Unterstützer davon profitieren.

    Im speziellen Fall Iran-Krieg: Die iranischen Revolutionsgarden bleiben mithilfe eben dieses Konflikts an der Macht, die Trump-Jünger vermehren damit ihr Geld. Denn die ständigen Ankündigungen Trumps, es gebe bald Frieden, haben massiven Einfluss auf die Börsen-Kurse von Öl. Und dass die Insider in Trumps Regierung von ihrem Insiderwissen nicht auch finanziell profitieren – mir scheint es naiv, das nur als Verschwörungstheorie abzutun. 

    Ein Täuschungsmanöver-Spielchen betreiben auch Israel und die proiranische Hisbollah-Miliz im Libanon. Behaupten, es herrsche Waffenruhe. Und beschießen sich weiter. Israel ruft den Südlibanon sogar zur Kampfzone aus. Wie gesagt: In einer Zeit der Waffenruhe. Was bedeutet: Die offensichtliche Realität wird einfach geleugnet – die Öffentlichkeit mit dem Wort Waffenruhe getäuscht. Und die Zivilbevölkerung stirbt.

    Meine Bruna gibt mir Leckerli. Strichelt mich. Und ich lecke Coco. So groß. So stark. Sie kuschelt sich an mich. Keine Täuschung. Realität. Sagt der enttäuschte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Stolpert nicht. Und chillt, Leute!

  • 27. Mai 2026

    Köter, Currywurst und Walkadaver als Aufmerksamkeits-Booster

    Das Unbekannte, Neue, das lockt den Menschen. Immer wieder. Auch meine Bruna. Und so besucht sie Piet – den Freund meiner Nuria. Also, sie besucht nicht Piet, sondern seinen Köter Molly und seine beiden Katzen Lilly und Leo – beide übrigens Maine Coons. Dieselbe Rasse wie Coco also. Mit der ich hier in meinem vereinsamten Revier rumliege. Meine Bruna vermissend.

    Und ich höre beim Langweilen so nebenbei, dass in deutschen Kantinen die Beliebtheit der Currywurst als Mahlzeit von 2020 bis 2024 abgenommen habe. Wohl auch, weil vegan angesagt ist. Denke ich so. Und höre weiter: Nun sei die Currywurst aber wiederentdeckt worden. Steige seit 2025 in der Gunst der Kantinenbesucher.

    Und ich denke so: Bewährtes setzt sich eben durch. Was dann auch den Franzosen Hoffnung machen könnte. Denn zugleich wurde bekannt, dass diese 2025 erstmals mehr räudiges Bier tranken als edlen Wein. Die Franzosen! Ich bin sicher: Sie werden erkennen, was besser schmeckt – die Zeit spricht für den Vin. In vino veritas. 

    Selbst bei Themen wie Tod, Zerstörung und Verzweiflung stumpfen Menschen ab. Lechzen nach dem Neuen. Wiederkehrende Angriffe in Kriegen wie in der Ukraine oder in Nahost werden zur Randnotiz, weil sie zu einer neuen Normalität geworden sind. Die die nicht direkt Betroffenen, die Voyeure, langweilt.

    Und weit weniger berührt, als – sage ich mal: Das Schicksal eines vor der dänischen Küste verwesenden Walkadavers. Kremldespot Putin kennt die Sehnsucht des Menschen nach Neuem. Und spielt in seinem Krieg gegen die Ukraine auf Zeit, greift stetig weiter an – und setzt darauf, dass sich der Westen gelangweilt abwendet.

    Allerdings kann auch Putin selbst die Zeit gefährlich werden, da auch in seinem Land die Unzufriedenheit mit seiner „militärischen Spezialoperation“ steigt: Viele junge Menschen sterben an der Front, die Wirtschaft darbt.

    Und so setzt Putin einen grausamen Aufmerksamkeits-Booster ein: Er schießt eine Rakete auf die ukrainische Hauptstadt Kiew, die auch Atomsprengköpfe tragen könnte. Und lässt dort lebende Diplomaten und ausländische Staatsbürger wissen, es wäre besser, jetzt die Stadt zu verlassen. Aufregung, Angst schüren, Schlagzeilen, Macht zeigen. 

    Was das alles mit meiner Bruna zu tun hat? Nichts. Oder doch: Sie ist eben auch nur ein Mensch. Auf der Suche nach Neuem. Neuen Hunden, Katzen, Erfahrungen. Und auch bei ihr kommt der Erkenntnisgewinn erst nach einer gewissen Zeit – der Selbsterfahrung.

    Sie kehrt also von Piet, Molly, Lilly und Leo zurück. Der Köter sei schon toll, sagt sie. Schlafe viel. Die Katzen und er ignorierten sich meist. Ich lege mich auf ihren Schoß. Coco zu ihren Füßen. Meine Bruna genießt. Entspannt.

    Und ich so oberschlau: Das Gute kann so nah sein. Wird aber oft erst erkannt, wenn sich das Neue und vermeintlich Aufregende selbst als gewöhnlich entlarvt. Sagt der gelangweilte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Würdigt, was ihr habt. Und chillt, Leute!

  • 26. Mai 2026

    Kotzen bei der Suche nach dem Familien-Nazi

    Lernen Lebewesen aus der Vergangenheit? Ich denke: leider nein. Coco frisst Palmenblätter und kotzt hernach – erbärmlich von schmerzhaften Krämpfen geschüttelt – die langen Fasern wieder raus. Obwohl ich ihr zuvor schon zigmal mitgeteilt hatte, dass diese Blätter Magenschmerzen verursachen – und Katergras dagegen nicht nur einen Flash macht, sondern auch zum Kotzen weitaus besser geeignet ist.

    Und der Mensch so? Lernt der? Nun: Weltweit sind Rechtspopulisten und -extremisten auf dem Vormarsch. Trotz aller Erzählungen aus der Nazivergangenheit. Die gerade wieder mal einen Konjunktur-Booster bekommen. Denn derzeit ist es nach dem Motto: „Sucht den Familien-Nazi“ zu einem regelrechten Sport geworden, in von „Spiegel“ und „Zeit“ digital aufbereiteten NSDAP-Mitgliederakten Angehörige ausfindig zu machen.

    Felix gibt den Namen seines Großvaters ein. Sofort leuchtet die dazugehörige Akte auf. Eintrittsdatum in die Nazi-Partei: 1. Mai 1933 – wenige Wochen nach der Machtübernahme der Hitler-Partei. Kann man den Großvater dafür anklagen? Nein. Sagt sein Sohn, der Opa meiner Bruna. Denn sein Vater habe nie jemanden etwas Böses angetan, sei ein hilfsbereiter und guter Mensch gewesen, sagt Opa Volker.

    Und ich bin irritiert: Denn was bedeutet denn nun ein Treffer in diesen Datenbanken? Der Historiker Martin Winter erklärt, ein Parteieintritt alleine sage wenig darüber aus, wie sich eine Person im Nationalsozialismus tatsächlich verhalten habe. Klar sei aber, durch den Beitritt habe man eine Zustimmung signalisiert. Klar sei aber auch umgekehrt: jemand, der nicht in den Dateien auftauche, könne trotzdem durchaus etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt haben.

    Und ich denke so: Kann jemand wirklich von sich behaupten, er oder sie wäre 1933 nicht in diese Partei eingetreten? Klar: Mit dem heutigen Wissen, natürlich nicht. Behaupte ich. Dann aber doch zweifelnd. Denn in Umfragen liegt die rechtspopulistische AfD mittlerweile auf Platz eins. 

    In der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar gibt es seit kurzem Präventionsteams, liest Felix aus einer Reportage der „Süddeutschen Zeitung“ vor. Mittlerweile posierten einige vorwiegend junge Besucher mit Hitlergruß vor dem Eingangstor, kletterten in Verbrennungsöfen und posteten davon Fotos auf Instagram. Einige wüssten nicht einmal, wie der Zweite Weltkrieg endete.

    Aber es gebe da auch Menschen um die 50, die einfach behaupteten, die ganzen KZ-Geschichten mit den Masssenmorden seien Märchen, durch nichts bewiesen. Selbst wenn die Präventionsleute ihnen erklärten, dass es Tagebücher von damals, Briefe und von Historikern ausgewertete Dokumente gebe, werde geantwortet: Nein, das seien Geisteswissenschaften, die könne man so oder so auslegen.

    Kotzen ist kotzen. Und genausowenig wie der Holocaust Auslegungssache. Ob mit Gras oder Palmenblättern. Sagt der würgende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Zieht Lehren aus der Geschichte. Und chillt, Leute!

  • 25. April 2026

    Die Leiden des jungen C. – In Würde altern geht nicht

    Die Zeit ist wie die Erdrotation. Sie ist da, aber ich spüre sie nicht. Das Leben läuft so vor sich hin – unerbittlich. Und selbst ein vermeintlicher Stopp ist in dem Moment schon wieder Vergangenheit, in dem ich ihm gewahr werde.

    Immerhin merke ich dann, dass es so etwas wie Zeit wirklich gibt. Weil sich Dinge verändern. Wenn da plötzlich auf meinem geliebten Sonnenplatz ein riesengroßes Tier chillt, das vor einem Jahr noch gar nicht auf dieser Welt war. Und mich mittlerweile überragt. Zumindest was die Körperhöhe betrifft. Coco eben. 

    Älter werden. „Ab welchem Zeitpunkt hat sich das eigentlich gedreht, dass man nicht mehr älter werden wollte?“ Höre ich Felix Laura fragen. Und sie so: „Als Kind habe ich mich immer gefreut, ein Jahr älter zu werden, dann volljährig zu werden. Aber ich glaube, ab Mitte 20 ist so ein Punkt erreicht, da will man nicht mehr.“ Felix nickt: „Genau, die 30 war die erste Grenze, die alle verflucht haben. Das endgültige Ende der Jugend. Erwachsensein. Und der Beginn des Verblühens.“

    Und ich kann bestätigen: Felix und Laura verwelken nicht nur äußerlich. Heute ärgerten sie sich darüber, dass meine Bruna dieses – ich zitiere: Handy-Aufladeding eingesackt habe. Beide überlegen lange, wie das Ding denn nun wirklich heißt. Kommen nicht darauf. Dass sie sich über eine vermisste Powerbank ärgern.

    Die übrigens wie immer auf ihrem Nachttisch liegt. Und ich räume ein – ich bin nicht ganz unschuldig, dass sie eben diese Powerbank nicht entdeckt haben. Denn bei meiner letzten Jagd durchs Revier touchierte ich ein Buch, das dieses Gerät unter sich begrub. Titel des Buchs: „Die neuen Leiden des jungen W.“ Von Plenzdorf.

    Ich leide auch. Weil meine Leute keine Rücksicht auf mein empfindliches Gehör nehmen. Und der Song „Hier kommt Alex“ durch mein Revier dröhnt. Sie schauen eine Reportage über die Düsseldorfer Kult-Band Die Toten Hosen. Ihr Macher Campino will nicht mehr. Sagt, er wolle in Würde altern. Und kündigt das letzte Album an – nach mehr als vier Jahrzehnten.

    Sein Rucksack des Lebens, der werde immer schwerer, sagt der Mann, der mittlerweile 63 ist. Und erzählt, das künftige Rentnerleben habe er sich anders vorgestellt, als es jetzt sicher werde – denn er sei nochmals Vater geworden. Und ich denke so: Ja, ja, Würde, Rucksack des Lebens. Passiert des Öfteren, dass man selbst Schuld ist, dass der so voll ist. Und schwer.

    Coco bleibt auf meinem Sonnenplatz liegen. Ich tappe von dannen. Sehe mit Wehmut, mein Platz ist vergangen. Will ins Bett meiner Alten springen. Würde gerne laut singen: „Hier kommt Charlie“. Ohne Rucksack. Aber mit Hängebauch. Sagt der alternde Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Würdigt den Moment. Und chillt, Leute!

  • 24. Mai 2026

    Tötet den Dämonen in mir!

    Manchmal spüre ich den Dämon in mir. Wenn ich aufschrecke, die Augen aufschlage – und mir gegenüber ein schwarzer Umriss auftaucht, der mir ähnelt, ist mein Entsetzen groß. Und wird noch größer durch plötzlich in mir aufsteigenden Selbstekel. Ausgelöst durch Felixens Schimpfkanonade gegen Coco.

    Sie habe ihm wieder mal die Salami vom Brot geklaut, echauffiert er sich. Während ich versuche, die Überreste ebenjener noch im Gaumen klebenden Salami runterzuwürgen. Und ob der Standpauke spüre, wie ich eine klammheimliche Freude kaum unterdrücken kann. Die der Dämon in mir bejubelt. Als Coco dann von Felix aus der Küche rausgejagt wird. 

    Immerhin: Ich wundere mich über mich selbst. Denn eigentlich haben Kater keine Dämonen. Die sind was typisch Menschliches. Denn uns geht das vorsätzlich Böse, Gemeine, Hinterfotzige, kurz: das Dämonische ab. Aber: Es scheint wohl auf uns übergesprungen zu sein. Im Zuge der Domestizierung unserer Rasse. Denke ich so.

    Frage mich aber auch, warum alle Menschen, von Kindheit an, von Dämonen besessen zu sein scheinen. Denn eigentlich sind doch auch Menschen sanft, rein, unschuldig. Denke ich so. Und höre durchs gekippte Fenster die Stimmen von zwei Nachbarn, ein Vater und seine fünfjährige Tochter. Die sich in der sommerlichen Hitze im Innenhof vergnügen.

    Ich vernehme vor allem die sanfte Stimme des Vaters, der zu seiner Tochter spricht – eine durchgehende Arie in Dur: „Schatz, willst du jetzt Fangen spielen? Soll ich Dich mit dem Wasserschlauch abspritzen? Magst Du einen Keks? Du musst das jetzt aber auch nicht machen, wenn Du nicht willst.“ Und das Mädchen? Lässt den Vater abprallen. In moll. Hat keinen Hunger, hat keine Lust. Sagt, alles sei langweilig. Und ich sehe – mittlerweile auf der Fensterbank sitzend: Den auf der Schulter des Mädchens sitzenden kleinen Dämon. Schrill lachend. 

    Während Felix und Laura von einer Ausstellung über den Kolumbianer Oscar Murillo in Potsdam erzählen. Der 1986 geborene Künstler ließ in ausgewählten Schulen in aller Welt für sechs Monate Leinwände auf die Schultische spannen. Die Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 16 Jahren konnten mit Stiften nach Belieben darauf tätig werden.

    Ob in Indien, der Ukraine, ob in Deutschland, Südafrika, den USA, Belgien, Oman oder Palästina – die Ergebnisse ähnelten sich sehr. Überall wurde die Schule geschmäht. Überall wurden Fußballvereine gefeiert. Und Popstars. Und Schauspieler. Und überall griffen die Kinder und Jugendlichen zu Stiften – ganz analog.

    Woraus folgt: Kinder und Jugendliche ticken überall ähnlich. Woraus sich dann die Frage ergibt: Wer pflanzt ihnen denn eigentlich diese Dämonen ein? Ich bekomme kaum noch Luft. Der Salamirest bringt mich zum Würgen. Ich rase zu Felix. Kotze die Wurst samt Gewölle vor seine Füße. Er rafft nicht, was das soll. Dass ich doch nur Buße tun will.

    Vielmehr schaut er mich angewidert an. Schimpft, jetzt müsse er das alles wieder aufwischen. Ich solle abhauen, zu Coco ins Straflager. Nicht so einfach, Dämonen zu vertreiben. Sagt der dämonisierte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid empfindsam. Und chillt, Leute! 

  • 23. Mai 2026

    Der Antichrist zu Besuch bei der Oma meiner Bruna

    Die Welt ist böse. Also ihre Bestimmer. Ich weiß, ich weiß, Generalisierungen sind blöd. Weil: Es gibt sie natürlich: Die guten, die lieben Menschen. Aber gerade ihnen wird übel mitgespielt – von eben diesen anderen. Den Bösen. Die sie dominieren. Ausnutzen. Ausbeuten. Wenn sie nicht aufpassen.

    Aufpassen, wie Kater es können. Denke ich so. Auf dem Küchenstuhl chillend. Ach, hätten sie, die Guten, doch auch unsere Frühwarnsysteme: Unsere Ohren. Unsere Augen. Unsere Sprungkraft. Unsere Intelligenz. Unsere Fluchtreflexe. Haben sie nicht. Und geraten somit immer wieder in die Fänge. Großkotziger Betrüger. 

    Beispielsweise in jene des Antichristen. Really. Es gibt ihn. Der Deutsch-Amerikaner Peter Thiel. Der als einer der einflussreichsten Macher des Hightech-Zentrums Silicon Valley in Kalifornien gilt. Ein extrem reiches, radikales und rechtes, ähhh, Arschloch – sorry mal wieder für den Ausdruck. Er ist ein prominenter Unterstützer von US-Präsident Trump und dessen Vize JD Vance. Die er beide mit Millionenbeträge unterstützt hat.

    Der Typ beschäftigt sich auch mit Gesellschaftstheorien. Demokratie ist nichts für ihn, er schwärmt für wirtschaftliche Monopole – und begründet das christlich-fundamentalistisch. Antichrist – für ihn das Synonym für eine entgrenzte globale Ordnung. Für mich das Symbol für ihn. 

    Nun steht Thiel vor der Haustür der Oma meiner Bruna in Isernhagen. Der freundliche, gut gekleidete Mann stellt sich Oma Lotte zumindest mit Namen Thiel vor, sein Vater habe bei ihr dereinst Musikunterricht gehabt. Er interessiere sich für alte Musikinstrumente. Und steht plötzlich im Flur des Hauses.

    Meint dann, er kaufe auch Schmuck. Einen alten Ring werde sie doch haben. Und als Oma Lotte ablehnt, meint er, er habe sehr viel Bargeld dabei – und fragt, ob eigentlich noch Lottes Mann lebe. Oma Lotte führt Thiel in den Wintergarten, wo der Opa meiner Bruna, Opa Volker, sitzt. Dem erzählt Thiel, das Dach des Hauses sei ja ziemlich beschädigt, könne er mit seinen Leuten reparieren.

    Opa Volker lacht, meint, das Dach sei gerade neu gemacht. Thiel cool: Aber da sei sehr viel Moos drauf, das müsse entfernt werden. Und Oma Lotte so: „Bloß nicht, das Moos finden wir schön.“ Opa Volker begleitet Thiel zur Eingangstür. Er sei Jude, hole nachher noch seine aus Jerusalem anreisende Familie vom Flughafen ab, sie würden noch in eine Synagoge gehen und für Volker und Lotte beten. Sagt Thiel. Der Antichrist verschwindet. Ins Silicon Valley. Zu Trump und Co. Hoffe ich so. 

    Und ich wäre gerne bei Volker und Lotte. Als Wachkater. Würde Thiel die Augen auskratzen. Seine Eier abbeißen. Alte Menschen betrügen – schlimmer geht es nimmer. Sagt der empörte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid allzeit gewappnet. Und chillt, Leute! 

  • 22. Mai 2026

    Mehr als ein Pfingstwunder: Die Reform für die sichere Rente

    Wundern kann ich mich trotz aller Unfassbarkeiten immer noch. Und das ist nice. Denke ich so. Während ich auf der Tastatur und vor dem Computer chille, der Felix die Welt bringt. Und via dem er seine journalistischen Erkenntnisse in die Welt hinausposaunt. Über Reformen beispielsweise. Die das Land brauche. Wird da gefordert. Die es aber nicht gebe. Obwohl doch großspurig angekündigt. Und – ja: es muss immer existenziell sein – ohne die das Land unrettbar verloren sei. Wird da geätzt.

    Und ich wundere mich, dass allein der Begriff Reform für viele offenbar rundum positive Bedeutung besitzt. Wobei Reformen doch in Zeiten wie diesen, in denen es nicht mehr, sondern weniger gibt, ja eigentlich nur Umverteilung nach sich ziehen. Jemand wird was weggenommen, andere profitieren, insgesamt aber gibt es weniger.

    Dass ein solches Ergebnis dann negativ gewertet wird – nun, wenig verwunderlich, denke ich so. Und bin bei meinen Leckerli. Nicht ganz billig offenbar. Jedenfalls gibt es seit einiger Zeit weniger. Mein Reformvorschlag: Coco bekommt weniger, ich wie früher. Wird nicht erhört. Zunächst.

    Derzeit klöppelt Felix Beiträge zur Rentenreform in seinen Computer. Alles umstritten. Wie immer. Klar ist: Die Leute werden immer älter. Und diejenigen, die das finanzieren – die Jüngeren – werden immer weniger. Können aber nicht immer mehr zahlen, weil sie sonst nichts mehr zum Leben haben.

    Ich habe mal recherchiert: Vor rund 50 Jahren lag die Lebenserwartung bei gut 70 Jahren – das Renteneintrittsalter bei 65. Heute werden die Menschen im Schnitt in Deutschland 81 Jahre – und gehen mit 67 Jahren in Rente. Früher waren die Menschen fünf Jahre im Rente, heute 14 Jahre. Neun Jahre mehr Rente müssen immer weniger Beitragszahler aufbringen.

    Kann nicht funktionieren. Das Geld im System wird weniger. Raffe sogar ich. Allein diese Realität aber zu erzählen, sorgt bei vielen für einen verwunderten Aufschrei – wenig verwunderlich: Bei den Älteren. Was es für die Politiker schwierig macht: Denn, wer diese Gruppe verärgert, riskiert, nicht mehr gewählt zu werden.

    Nun also tagt eine Rentenkommission, um über dieses heikle Thema zu beraten. Es sickert der Vorschlag durch, das Renteneintrittsalter solle auf 70 Jahre erhöht werden. Was den nächsten Aufschrei produziert. Die meisten Arbeitnehmer würden ein solches Alter gesund gar nicht erreichen, monieren die Gewerkschaften. Faktisch sei das eine Rentenkürzung. 

    Tja, was dann? Frage ich mich so. Wenn keine Reform, dann muss ein Wunder her. Ein Pfingstwunder. Möge der Heilige Geist erscheinen und sich die Menschen über die Sprachgrenzen hinweg verständigen. Damit alle einsehen, es muss – gerecht – geteilt werden, damit alle bekommen. Zufrieden sind. Denke ich so.

    Und sehe, dass meine Leute doch genug Leckerli haben. Uns nur ob ihres Alltagsstresses vergessen hatten. Unfassbar, aber wahr: Wir brauchen keine Reform. Coco und ich haben genug. Sagt der generöse Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Reformiert und wundert euch. Und chillt, Leute!