Berstende Steine beim Tango in Buenos Aires

Wer wenig erwartet, wird leichter auch mal positiv überrascht. Zur Illustration: Ich chille so auf meinem geliebten Stuhl unterm Tisch. Bin damit quasi unsichtbar für meine Leute. Was bedeutet: keine Leckerli. Und dann krabbelt meine Bruna zu mir. Mit einer Handvoll Leckerli – mehr auf einmal als ever before. Nur für mich. Und ich spüre den Kloß in meiner Kehle – bersten. Und könnte weinen vor Rührung. Wenn ich weinen könnte. So groß ist diese – unerwartete – Geste.
Ähnlich mit ist es bei Menschen beim Thema Erwartungen: Felix und Laura sind auf der Party zum 89. Geburtstag von Felixens Germanistikprofessor. In der Einladung hieß es, polnische Lyrik solle von zwei Philologinnen vorgestellt werden. Und Laura so: „Kann es nicht französische Lyrik sein?“ Und Felix attestiert: Ja, diese tolle Sprache, Dieses großartige Land.

Und dann – so erzählen sie – seien sie auf der Party in den Bann dieser polnischen Poesie geraten. Eine Professorin habe polnische Gedichte auf Deutsch, die andere danach auf Polnisch vorgetragen. Und die Gedichte hätten großartige Gedanken – über Leben, Existenz, Sinn und Verstand – oft augenzwinkernd ausgesprochen. Dazu dann der lautmalerische Klang der Sprache.
„Gespräch mit dem Stein“ hieß ein Werk der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Szymborska. Es gehe darum, dass ein Stein niemanden in sich hereinlassen wolle. Sagt Felix. Der Stein könne es nicht. Denn: Er sei ja aus Stein. Habe der Stein gesagt. Und hinzugefügt: Er habe auch gar keine Tür.

Das Gedicht habe den Nerv der Festgesellschaft getroffen, erzählt Laura. Klatschen, Lachen. Und der Jubilar sagt dazu: Die Deutschen hätten Polen im Zweiten Weltkrieg verheerend zerstört. Es habe bis heute keine echte Versöhnung mit dem Land gegeben. Anders zum Beispiel sei das mit Frankreich gewesen.
Dass die Versöhnung mit Polen nicht geklappt habe, sei auch an der Literatur zu sehen, sagt der Professor: Viele herausragende deutsche Werke seien nicht ins Polnische, viele großartige polnische Werke nicht ins Deutsche übersetzt worden. Auch aktuelle. Der Stein. Welch Symbol. Denke ich so.

Im Garten des Professors hätten sich dann die Generationen getroffen. Erzählen meine Leute. Felix trifft eine Professorin, die er vor rund drei Jahrzehnten zuletzt gesehen hatte. Der Stein von damals, der zwischen ihnen lag, sei zerborsten. Durch die Zeit. Erzählt Felix. Damals war sie gerade Mutter eines Jungen geworden. Heute ist sie längst emeritiert. Und Felix und sie reden mehr miteinander denn jemals zuvor.
Sie erzählt, sie lebe abwechselnd ein halbes Jahr in Buenos Aires und in Berlin. Und fröne ihrer Leidenschaft: Dem Tangotanz. Schreibe auch Essays darüber. Und sei froh, dabei nicht mehr an die engen Fesseln der Wissenschaft gebunden zu sein.

Und ich denke so: Tanzen – nix für mich. Aber klar: gemacht habe ich es nie. Müsste auch mit vier Pfoten gehen. Sagt der erwartungshungrige Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Zertrümmert die Steine. Und chillt, Leute!













































