Die Katze auf dem heißen Chefsessel -. das zerstörte Kunstwerk

Die Katze auf dem heißen Chefsessel? Auf dem gedeckten Küchentisch? Auf dem Herd? Njet! Früher waren Kater und Katzen draußen, in Ställen oder höchstens auf dem heißen Blechdach. (He he, für die Experten: Kultfilm von 1958 mit der großartigen Liz Taylor!). Noch heute gibt es Menschen, die ihr Näschen rümpfen, wenn sie sehen, dass wir Kater in Betten chillen oder auf dem Frühstückstisch eine Art Deco darstellen.
Oder wenn sie solcherart Fotos von Coco und mir sehen. Die Oma meiner Bruna hat solche Freundinnen. Die sich schütteln. Wenn ihnen so etwas gezeigt wird. So dass sie, Oma Lotte, ihnen diese, meine Gedankenfetzen, deswegen vorenthält. Weil ihre Freundinnen entsetzt ablehnten, was auf den Fotos zu sehen ist: Der Kater als intimer Teil der Familie. Denkt Oma Lotte.

Der große deutsche Regisseur Wim Wenders soll aus seinem preisgekrönten Film „Falsche Bewegung“, den er vor mehr als 50 Jahren drehte, eine Szene killen, in der die damals 13-jährige Nastassja Kinski mit nacktem Oberkörper zu sehen ist. Das verlangt die Schauspielerin seit mehreren Jahren. Und Wenders so: Heute würde er den Film natürlich anders drehen. Heute sei die Welt aber auch völlig anders als vor 50 Jahre.
Deswegen könne er auch seinem damaligen Ich keinen Vorwurf machen. Es gehe vielmehr darum, wie man mit Filmerbe umgehe. Dürfe und solle man Szenen rausschneiden, wenn sie einer Schauspielerin weh täten, dürfe man einen Film im Nachhinein kürzen? Wenn er das mache, schaffe er einen Präzedenzfall – dann seien nachträgliche Änderungen an allen Filmen möglich. Je nach Geschmacksrichtung. Je nach Zeitgeist. Seiner Ansicht nach müsse das diskutiert werden. Sagt Wenders.


Und ich denke so, wenn Kinski ein Problem mit der Szene hat, dann raus damit. Man kann ja an der Stelle anmerken, was ursprünglich zu sehen war und warum es entfernt wurde. Klar, im Laufe der Jahre können Befindlichkeiten wechseln. Hmmm, ich zweifle: Wenn es dann weitere Änderungen geben sollte – wer will schon vollkommen zerstückelte Werke sehen.
Und: Was, wenn Kinski in zehn Jahren dann doch wieder findet, dass exakt diese Szene diesen Film doch rund gemacht habe – und sie doch wieder rein solllte? Puuh, ich bin verwirrt: Muss ich tolerant gegenüber den Akteuren eines Kunstwerks sein oder gegenüber dem Kunstwerk?? Ich weiß es nicht. Und eigentlich ist mir das auch egal.


Coco schnurrt weiter auf dem Chefsessel. Und meine Bruna fotografiert das. Ich weiß: Es wird Menschen geben, die dieses Stillleben nie zu Gesicht bekommen werden. Weil sie es nicht aushalten würden. Aber wer behauptet das eigentlich. Vielleicht würden sie es doch aushalten? Sagt der tolerante Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid offen. Und chillt, Leute!
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