Hauptstadtkater

24. Mai 2026

Tötet den Dämonen in mir!

Manchmal spüre ich den Dämon in mir. Wenn ich aufschrecke, die Augen aufschlage – und mir gegenüber ein schwarzer Umriss auftaucht, der mir ähnelt, ist mein Entsetzen groß. Und wird noch größer durch plötzlich in mir aufsteigenden Selbstekel. Ausgelöst durch Felixens Schimpfkanonade gegen Coco.

Sie habe ihm wieder mal die Salami vom Brot geklaut, echauffiert er sich. Während ich versuche, die Überreste ebenjener noch im Gaumen klebenden Salami runterzuwürgen. Und ob der Standpauke spüre, wie ich eine klammheimliche Freude kaum unterdrücken kann. Die der Dämon in mir bejubelt. Als Coco dann von Felix aus der Küche rausgejagt wird. 

Immerhin: Ich wundere mich über mich selbst. Denn eigentlich haben Kater keine Dämonen. Die sind was typisch Menschliches. Denn uns geht das vorsätzlich Böse, Gemeine, Hinterfotzige, kurz: das Dämonische ab. Aber: Es scheint wohl auf uns übergesprungen zu sein. Im Zuge der Domestizierung unserer Rasse. Denke ich so.

Frage mich aber auch, warum alle Menschen, von Kindheit an, von Dämonen besessen zu sein scheinen. Denn eigentlich sind doch auch Menschen sanft, rein, unschuldig. Denke ich so. Und höre durchs gekippte Fenster die Stimmen von zwei Nachbarn, ein Vater und seine fünfjährige Tochter. Die sich in der sommerlichen Hitze im Innenhof vergnügen.

Ich vernehme vor allem die sanfte Stimme des Vaters, der zu seiner Tochter spricht – eine durchgehende Arie in Dur: „Schatz, willst du jetzt Fangen spielen? Soll ich Dich mit dem Wasserschlauch abspritzen? Magst Du einen Keks? Du musst das jetzt aber auch nicht machen, wenn Du nicht willst.“ Und das Mädchen? Lässt den Vater abprallen. In moll. Hat keinen Hunger, hat keine Lust. Sagt, alles sei langweilig. Und ich sehe – mittlerweile auf der Fensterbank sitzend: Den auf der Schulter des Mädchens sitzenden kleinen Dämon. Schrill lachend. 

Während Felix und Laura von einer Ausstellung über den Kolumbianer Oscar Murillo in Potsdam erzählen. Der 1986 geborene Künstler ließ in ausgewählten Schulen in aller Welt für sechs Monate Leinwände auf die Schultische spannen. Die Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 16 Jahren konnten mit Stiften nach Belieben darauf tätig werden.

Ob in Indien, der Ukraine, ob in Deutschland, Südafrika, den USA, Belgien, Oman oder Palästina – die Ergebnisse ähnelten sich sehr. Überall wurde die Schule geschmäht. Überall wurden Fußballvereine gefeiert. Und Popstars. Und Schauspieler. Und überall griffen die Kinder und Jugendlichen zu Stiften – ganz analog.

Woraus folgt: Kinder und Jugendliche ticken überall ähnlich. Woraus sich dann die Frage ergibt: Wer pflanzt ihnen denn eigentlich diese Dämonen ein? Ich bekomme kaum noch Luft. Der Salamirest bringt mich zum Würgen. Ich rase zu Felix. Kotze die Wurst samt Gewölle vor seine Füße. Er rafft nicht, was das soll. Dass ich doch nur Buße tun will.

Vielmehr schaut er mich angewidert an. Schimpft, jetzt müsse er das alles wieder aufwischen. Ich solle abhauen, zu Coco ins Straflager. Nicht so einfach, Dämonen zu vertreiben. Sagt der dämonisierte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid empfindsam. Und chillt, Leute! 

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