Autor: Hauptstadtkater

  • 6. Juli 2026

    Trump macht Weltmeister und meine Liebe für Gegensätze

    Gegensätze. Ziehen sich an. Wie Coco und ich. Gegensätze stoßen sich aber auch ab. Wie Coco und ich. Wir sind ja nun auch mal, rein äußerlich, unterschiedlich. Sie ist gescheckt, ich bin weiß. Sie ist jung, ich bin alt. Was aber cringe ist: Ich fühle mich bei uns beiden erinnert an die beiden Katzen auf meinem Lieblingsgemälde, das als Poster im Schlafzimmer meiner Alten hängt: „Le rendez-vous des chats“ von Manet.

    Dort steht der weiße dem schwarzen Kater gegenüber. Und die beiden, sie symbolisieren für mich das Leben: Der Schwarze steht für das Geheimnisvolle, Eigenwillige; der Weiße ist der ruhige, weiche und strukturierte Gegenpart. Die beiden sind die unterschiedlichen Seiten des Lebens. Denke ich so. Und haue Coco, die während meines Chill-Genusses wieder mal über mich springen will. 

    Tja, und unwillkürlich bin ich wieder bei US-Präsident Trump gelandet. Der hat den Boss des Weltfußballverbandes Fifa angerufen, weil das US-Team in der Klemme sitzt. Der bislang überragende US-Spieler Balogun flog beim letzten Spiel wegen einer roten Karte vom Platz – und wäre somit Achtelfinale gegen Belgien gesperrt.

    Damit wären die Chancen für ein Weiterkommen der USA stark geschmälert. Also bittet Trump Fifa-Chef Infantino – der ihn ja vor ein paar Monaten mit dem absurden Fifa-Friedenspreis ausgezeichnet hatte- er möge für eine Begnadigung sorgen. Kurze Zeit später spricht die Fifa Balogun frei – auf Bewährung. Gegen Belgien jedenfalls darf er spielen.

    Was nicht nur den belgischen Verband empört. Sondern auch den Europäischen Fußballverband. Und natürlich auch mich, Ballsportfan Charlie. Denn: Die Integrität des Fußballs, der WM steht auf dem Spiel,. Wenn der US-Präsident bestimmt, wie Regeln ausgelegt werden.

    Es ist unfassbar, dass die Regelhüter um Infantino das sogar goutieren. Und belohnen. Und ich denke so: Ist das das Ende des Fußballs? Zumindest dieser Fifa? Das Perfideste dabei: Das Ganze ereignete sich nicht im Hintergrund, in aller Stille. Nein, Trump brüstet sich mit seinem Telefonat, und Infantino tut so, als ob es das Normalste der Welt wäre.

    Dass ein gesperrter Spieler einfach so wieder mitwirken darf. Und ich denke so: Nun ist ein Präzedenzfall da. Jetzt kann auch Ex-DFB-Teamchef Nagelsmann kommen und fordern, dass der letzte deutsche Elfmeter gegen Paraguay wiederholt werden muss, weil sich der Torwart des Gegners zu früh bewegte. So dass das Spiel wiederholt werden muss. Deutschland gewinnt und schließlich im Finale steht. Dort aber scheitern wird.

    Weil Trump dafür sorgen wird, dass das US-Team Weltmeister wird. Indem er alle französischen und spanischen Topstars sowie auch den Argentinier Messi sperren lässt. Den deutschen Torwart Manuel Neuer im Endspiel sowieso. Gründe werden sich dafür schon finden lassen. Denke ich so.

    Denn ich bin weiß. Und rein. Und Coco ist fleckig und wild. Wir ergänzen. Und schätzen uns. Schauen noch ein bisschen USA versus Belgien. Sagt der unbestechliche Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Boykottiert die Fußball-WM. Und chillt, Leute! 

  • 5. Juli 2026

    Über Retter, Jedi-Ritter, Götter und Albaner

    Glück ist, wenn dann doch noch das passiert, was man sich zuvor stundenlang erhoffte. Irgendwann am späten Abend öffnet sich die Eingangstür zu unserem Revier. Coco und ich springen auf. Vom Schuhschrank, auf dem wir ausharrten, erblicken wir unseren Retter: Diego. Der nur cool sagt: „Hej cats.“

    Rein stolziert. Coco und ich hecheln seinen verschweißten Beinen hinterher. Auf dem Weg in die Küche. Zu unseren Näpfen. Die seit 24 Stunden leer sind. Und sich nun füllen. Mit Lachs in Soße. Und Lamm in Soße. Glück. Kann. So. Einfach. Sein.

    Gilt auch für andere, wie US-Präsident Trump. Der sich gestern selbst zelebrierte, indem er den 250. Jahrestag der Unabhängigkeit der USA von Großbritannien zur Lobpreisung seiner selbst umfunktionierte. Er sei der Allergrößte aller Zeiten. Sprach er zu seinem Volk. Das zuhörte – anstatt ihn in die Psychiatrie zu bringen.

    Trump also weiter: Die USA seien eine von Gott auserwählte Siegernation. Alle strebten danach, so zu sein wie die USA. Trump trieft. Es ist heiß. Hot, hotter, Washington. Denke ich so. Knapp 40 Grad zeigen die Thermometer in der Hauptstadt. Not so nice. Auch für Trump. Seine Ehrenparade wird abgesagt – wegen der Hitze. Am Abend heftige Gewitter. Zuschauer müssen evakuiert werden. Die Götter schlagen zurück. Denke ich so. 

    Ortswechsel: Parteitag der AfD in Erfurt. Auch hier feiern sich Rechtsextreme. Aber ihre Gegner zeigen sich. Zehntausende demonstrieren. Und dann ist in der Halle, in der der Parteitag stattfindet, plötzlich Starwars-Musik zu hören. Bei den Reden. Ungeplant.

    Keiner weiß, wer der Verursacher ist. Der hinter einen Vorhang eine Bluetooth-Box stellte. Aus der die Musik dringt – gespielt von einer Blockflöte. Darth Vader, der Jedi-Ritter aus Starwars, kapert die Extremen. Aber nicht mit Pauken und Trompeten – sondern mit den zarten Klängen einer Flöte. Ein gutes Zeichen. Denke ich so. Wenn die dunkle Seite der Macht die AfD der Lächerlichkeit preis gibt.

    Ob meine Leute was damit zu tun haben? Kann es Zufall sein, dass zeitgleich in Freiburg meine Nuria mit ihrem Studierendenorchester in einem Konzert Starwars spielt? Dass der Dirigent mit grün leuchtendem Taktstock dirigiert. Die Hornisten Darth Vader-Masken tragen? 

    Und ich höre meine Nuria antworten: „Man muss nicht immer alles als verrückt abstempeln, nur weil es von der Norm abweicht. Eigentlich ist es auch einfach cool.“ Kryptisch das alles. Denke ich so. 

    Dass dann auch noch in Albanien seit Wochen Tausende auf die Straße gehen, um gegen ein von Trumps Familie geplantes Luxusresort zu demonstrieren, das an der Küste in einem Naturschutzgebiet mit Flamingos errichtet werden soll, ist ein weiteres – gutes – Zeichen: Menschen wehren sich. Lassen sich nicht alles gefallen. Und mit sich machen.

    Kater auch nicht. Sagt der schmatzend glückliche Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Meidet Blasphemie. Und chillt, Leute!

  • 4. Juli 2026

    Six Seven (6 7) in die Unabhängigkeit des Größenwahns

    134 Gramm habe ich bereits abgenommen,. Really. Ich kann es spüren, jedes Gramm. Und was crazy ist. Das bedeutet, ich habe zwei Mal 6,7, als six seven, abgenommen. You know? Zwei Mal 67 macht 134. Sagt der mathematische Kater. 6,7, cool, aber natürlich vollkommen sinnlos. Und deswegen eben cool. Weil six seven quasi eine Parabel fürs Leben ist. Denke ich so. he he.

    Obwohl meine Lage eigentlich so gar nicht zum Lachen ist. Denn Coco und ich sind alleine. Was nicht hätte passieren müssen. Wenn wir in der Reisetasche drin geblieben wären. In die wir hüpften, als meine Leute sie holten. Um zu packen. Für ihren Urlaub oder so. Aber wir sprangen raus. Anstatt uns mitnehmen zu lassen. Far away vom dreckigen Berlin. Nach Freiburg, Frankreich oder ins Friaul. Wo auch immer sie sind.

    Hauptsache weg – und ein wenig katerfreundlicher eben als hier. Wo wir verhungern. Also: Coco und ich sind allein: Und das bedeutet: Kein Futter, kein Frischwasser, geschweige denn Leckerli. Verhungern, also, abnehmen. 6,7. 

    An einem Tag, der eigentlich 4 7 ist, also four seven – oder 4. Juli. Nationalfeiertag der USA. Und in diesem Jahr ein besonderer, der 250. An dem die Unabhängigkeit von Großbritannien gefeiert wird. Eigentlich. Aber ein Mensch spielt sich in den Vordergrund: US-Präsident Donald Trump will die Feier lieber als Projektionsfläche für sich selbst nutzen, um sich zu feiern.

    Trump behauptet, er sei der berühmteste und bekannteste Mensch aller Zeiten. Hätte mehr Fans als der berühmte Elvis Presley, ziehe weit mehr Leute an. Nun will Trump in Washington einen Triumphbogen errichten lassen, der drei Mal so groß ist wie das Brandenburger Tor. In der Nähe des dann neu errichteten Ballsaals am Weißen Haus, dem prächtigsten Bau aller Zeiten natürlich. Sagt er.

    Und er ist auch einer weiteren Idee nicht abgeneigt: Sein Konterfei könnte doch auch in Mount Rushmore in South Dakota verewigt werden, neben den Gesichtern der US-Präsidenten Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln. Will auch er in die Granitwand gemeißelt werden. 

    Six seven. Denke ich so. Und harre gemeinsam mit Coco der Dinge. Während wir weiter abnehmen. Und und gegenseitig das Fell rausreißen. Und reinwürgen. Um den nagenden Hunger zu besiegen. Wann nur öffnet sich die Tür unseres Reviers. Und ein Mensch kommt rein. Der sich unserer erbarmt? Sagt der verhungernde Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Celebrate youth. Und chillt, Leute!

  • 3. Juli 2026

    Horror in Kiew und Gewölle auf dem Perserteppich

    Nicht immer kommt der Aggressor durch. Denke ich so. Auf dem Bett meiner Alten chillend. Und an die Ukraine denkend. Die seit mehr als vier Jahren von den Russen mit Drohnen und Raketen attackiert wird. Durch deren zerstörerische Kraft Zivilisten getötet werden. Wohnhäuser zerstört werden. Der Alltag zum Horror wird. 

    Mittlerweile haben die Ukrainer ihre Taktik und Verteidigungsfähigkeit optimiert. Sie nehmen ihrerseits Ölraffinerien und Militäranlagen der Russen in deren Hinterland ins Visier. Auch dort brennen nun Häfen und Fabriken. Und plötzlich herrscht in Russland, einem der größten Ölexportländer, Mangel an Benzin. In vielen Gebieten des Riesenreichs wird Treibstoff nur noch rationiert verkauft. Vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Mit erbosten Menschen. 

    Der Krieg von Kremldespot Putin ist im eigenen Reich angekommen. Allerdings: Trotz brennender Öl-Raffinerien und Häfen – Proteste gegen das Regime gibt es nicht. Bei vielen scheint die Angst vor ihrem Staat zu groß. Viele aber auch vertrauen der Putin-Propaganda. Machen die Nato und die „terroristische“ Ukraine für den Krieg – nein: militärische Spezialoperation – verantwortlich. Und so lautet eine weit verbreitete Meinung: Russland sei schon immer von Feinden umgeben gewesen. Und müsse sich wehren. 

    Und mir bleibt nichts anderes übrig, als das Grauen zu referieren. Ein Grauen, das für die Ukraine Tag für Tag, Nacht für Nacht Realität ist. Aber für diejenigen, die nicht direkt davon betroffen sind, bleibt es abstrakt. So abstrakt, wie für katzenlose Menschen Katergewölle auf dem Perserteppich.

    Die Meldung: „Bei einem russischen Raketenangriff auf Kiew sind mehrere Menschen ums Leben gekommen“ wird vielerorts kaum noch wahrgenommen. Weil normal geworden ist, was nicht normal ist. So kommt nicht einmal überraschend, dass der Aggressor Russland demnächst wieder – ganz normal – an einer Jugend-Fußball-WM teilnehmen darf – Ende Oktober in Aserbaidschan.

    Während weiter Zivilisten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sterben. Ich denke an Rudy, den Kater der Ukrainer, die einst bei den Großeltern meiner Bruna in Isernhagen wohnten. Und nun in Kiew leben. Was müssen sie für Ängste haben. Wenn in der Nähe Raketen explodieren. Vor allem aber Rudy. In einer engen Wohnung. Der ja ein viel sensibleres Gehör als Menschen hat. Und nun so gar nicht weiß, was da eigentlich los ist. 

    Putin schlägt nun – nachdem die Ukraine ihm weh tut – umso härter zurück. Vor allem auf Kiew. Vorletzte Nacht registrierte die Hauptstadt einen der schwersten russischen Angriffe seit Kriegsbeginn. Fast 30 Menschen wurden getötet. Fast 100 verletzt. Wohnhäuser zerstört. Mehr als 500 Flugobjekte, vor allem Drohnen, wurden registriert.

    Ich wälze mich auf dem Bett. Und schon sitzt Coco auf mir. Ich schrecke auf. Und sie verliert tatsächlich das Gleichgewicht. Really. Und fällt. Auf den harten Boden der Realität. So ist das. Mit Aggressoren. Sagt der attackierte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Rüstet ab. Und chillt, Leute!

  • 2. Juli 2026

    Komfortmenschen und Merzreformen von der traurigen Gestalt

    Ob Kater, Katze oder Mensch: Lebewesen sind soziale Wesen. Brauchen – quasi als Lebenselixier – Kontakte zu anderen. Um von eben diesen Anderen Wertschätzung ob des eigenen Tuns zu erfahren. Wie das bei mir ist? Nun, wahre Wertschätzung fühle ich, wenn mir meine Bruna Leckerli gibt.

    Und wie ist es bei meiner Bruna? Sie fühlt wahre Wertschätzung, wenn sie für ihre neue Frisur Komplimente bekommt. Von ihren Freundinnen. Heute aber: Keine Komplimente. Weil alle – tatsächlich alle Freundinnen – weg sind. „Alle meine Komfortleute sind auf Chorfahrt oder im Schullandheim“, stöhnt meine Bruna. Keine der Verbliebenen in ihrer Klasse habe den neuen, von Laura verpassten Schnitt, bemerkt. Und so bin einmal mehr ich es, der sich um sie kümmert. Mit Sprung auf ihren Schoss. Und lautem Schnurren. Wertschätze ich sie. 

    Ähnliches versuche ich auch bei Bundeskanzler Merz. Dem Regierungschef von der traurigen Gestalt. Der in seinem Volke so unbeliebt ist wie kein Kanzler vor ihm. Und dessen Regierung vorgeworfen wird, nichts auf die Reihe zu bekommen, Versprechen zu brechen  – und sich nur zu streiten.

    Heute nun präsentieren Union und SPD ein Reformpaket – Steuern, Gesundheit, Rente, alle wichtigen Bereiche drin. Und die Ideen scheinen breit gefächert: mehr Kindergeld wird in Aussicht gestellt, dazu mehr Wohnungsbau, Lockerungen bei Befristung von Arbeitsverträgen, Bürokratieabbau – und die Ansiedlung von KI-Rechenzentren soll erleichtert werden.

    Und doch, hängen bleibt vor allem eins, etwas, was kolossal nervt: Künftig sollen Erkrankte dem Arbeitgeber bereits am ersten Tag ein Attest vorlegen – und nicht wie bisher erst am dritten. Was folgt: Ein Aufschrei vieler Arbeitnehmer. Ein Aufschrei vieler Ärzte, die einen Ansturm von Magen-Darm-Erkrankten erwarten. Ich kann den Ärger nachvollziehen. Aber unstrittig ist auch: Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei den Krankenständen vorn. 

    Nun, ich versuche Merz zu streifen. Der mich aber ignoriert. Obwohl er kaum noch Komfortleute um sich hat. Ich sehe, die fette Mattscheibe trennt uns. Während die sozialen Netzwerke asoziale Häme verbreiten.

    Immerhin, denke ich so: Die Regierung hat gehandelt. Und gezeigt, sie kann, wenn sie muss. Was ja viele schon gar nicht mehr erwartet hätten. Das geplante Reformpaket könnte ein erster Schritt aus der Dauerkrise sein. Und ein ausgestreckter Mittelfinger Richtung rechtsextremer AfD.

    Dem Profiteur eines Regierungsversagens. Dessen düstere Weltuntergangsprognosen bei einem Reformscheitern ein stückweit Bestätigung erfahren hätten. Klar, jetzt müssen die vollmundigen Pläne umgesetzt werden. Könnte um einiges schwieriger sein als die Ankündigungen an sich. Sagt der soziale Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Widmet euch anderen. Und chillt, Leute!

  • 1. Juli 2026

    Nostalgie und Realitätsverlust: Was für ein Spiel

    War früher alles besser? Frage ich mich so. Auf den harten Holzdielen des Flurs lungernd. Früher, als die Sonne noch nicht so heiß brannte. Früher, als ich viel mehr Leckerli bekam. Früher, als meine Nuria noch da war. Früher, als mein Bruder Moro noch lebte. Nun, ich weiß, Nostalgie.

    Oder anders: Das Vergessen alles Schlechten zugunsten der Erinnerung an das vermeintlich Gute. Welch romantisierende Verklärung der Vergangenheit. Denke ich so. Während Coco mir ins Ohr beißt. Und ich doppelt gestraft werde. Weil meine Flucht in einen Unfall mit Diego Rennrad mündet. Das scheppernd meinen Rücken streift. 

    Menschen sind natürlich noch viel stärker Meister der Verklärung vergangener Zeiten als unsere Spezies. Was ja ein stückweit auch den Erfolg der rechtsextremen AfD erklärt, die schwärmt, wie schön Deutschland doch einst war. Und wieder werden könnte. Mit ihr – der AfD – an der Macht.

    Und ich frage mich so, bei welchen Themen Deutschland früher eigentlich schön, gar schöner oder besser als heute war: Gleichberechtigung der Frau? Integration? Klimaschutz? Nun, einig scheinen die Deutschen, dass ihre geliebte Fußball-Nationalmannschaft früher besser war.

    Und yes, ich bestätige: Bis zum Titelgewinn 2014 war das Team auch in den Jahrzehnten davor meist mindestens unter den besten vier Mannschaften, insgesamt vier Mal Titelträger in 60 Jahren. Auf Erfolg – und damit gute Stimmung in der Heimat – war Verlass. Heute: Sowieso schlechte Laune im Land. Die nun noch durch das frühe Scheitern des Teams bei der WM in den USA potenziert wird. Anstatt abgebaut zu werden.

    Meine Bruna kommt erschüttert nach Hause. Erzählt, Schüler würden da nun die schwarzen Spieler des deutschen Teams denunzieren und rassistisch beleidigen. Vor allem jenen, der einen Elfmeter in die Wolken gejagt habe. Und ich denke so, was für ein Wahnsinn. In einer aufgeklärten Gesellschaft im Jahre 2026. Von der ein großer Teil offenbar zurück will ins AfD-Biedermeier. Der vermeintlich einfachen Lösungen. Aufklärung unerwünscht. 

    Durcheinander infolge des deutschen Ausscheidens bei der WM scheint auch der Bundeskanzler. Oder sein Team. Nach dem desaströsen Match gegen Paraguay ließ Merz einen Tweet absetzen: „Was für ein Spiel“, hieß es darin. „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“

    Alle, die das lasen, waren zumindest irritiert. Und fragten sich, ob der Kanzler an Realitätsverlust leide. Bis dann seine Leute erklärten, der Tweet gehe auf eine Kommunikationspanne zurück. Es seien je nach Szenario mehrere Tweets vorbereitet gewesen. Der falsche sei dann scharf gestellt worden.

    Wäre früher nicht passiert. Denke ich so. Wenn es denn wirklich so war, wie Merzens Leute behaupten. Weil früher, da gab es kein Social Media, jedenfalls nicht in dem Ausmaß. Und: Das deutsche Team war eben wirklich besser.

    Ansonsten aber so? Nun, mir scheint, viele Probleme der Gegenwart sind Ergebnis der Politik der Vergangenheit. Ob es denn nun Klima-, Russland- oder Asylpolitik ist. Sagt der nostalgische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Kopf hoch, blickt nach vorn. Und chillt, Leute! 

  • 30. Juni 2026

    Missverständnisse, Wilde und Schwerhörige

    Missinterpretationen sind an der Tagesordnung. Bei uns. In der Familie. Und die Missverständnisse fangen früh an: Wenn Coco und ich morgens um 5.28 Uhr an der Schlafzimmertür unserer Alten kratzen, tun wir das, weil wir spielen wollen. Gesellschaft wollen. Und Laura und Felix so, uns ankeifend: „Warum haben Katzen ihren Fresstrieb nicht unter Kontrolle? Und machen mitten in der Nacht solchen Lärm? Zerkratzen alles?“

    Und ich denke so: Welch weirdes, welch krudes Missverständnis. Ich. Bin. Ein. Kater. Und: Wir wecken aus Liebe. Zu ihnen. Natürlich nicht aus Hunger. Jedenfalls meist nicht. 

    Das Spannendste an der Fußball-WM in Amerika sind die Storys rund um die Spiele. Vor allem jene über Missverständnisse. Finde ich so. Vor allem jetzt, wo unser Team draußen ist. He he. Also: Der Ex-Weltmeister und amtierende TV-Fußballexperte Bastian Schweinsteiger steht derzeit wegen einer Aussage im deutschen Fernsehen in französischsprachigen Ländern Afrikas und in Frankreich voll in der Kritik.

    Beim Spiel Deutschland gegen Elfenbeinküste hatte er vor einigen Tagen gesagt, die Elfenbeinküste spiele unorthodox, typisch afrikanisch und – jetzt kommt es – „wild“. In dem Sinne von chaotisch oder unsortiert. Die französische Übersetzung von wild lautet „sauvage“. Und scheint in Frankreich in bestimmten Kontexten ähnlich rassistisch aufgeladen wie hierzulande das N-Wort zu sein.

    Warum? Nun, ich lerne: In der französischen Kolonialgeschichte wurde mit „sauvage“ das Unzivilisierte, Rohe, Barbarische bezeichnet, das afrikanischen Völkern mitunter unterstellt wurde. Und prompt wird Schweinsteiger nun vorgeworfen, rassistisch argumentiert zu haben. Den Spielern der Elfenbeinküste quasi das zivilisierte Menschsein abgesprochen zu haben.

    Der Trainer der ivorischen Nationalmannschaft muss sich verhalten – und spricht empört von einer menschlichen Enttäuschung, weil er Schweinsteiger als Spieler so bewundert habe. Und der muss sich nun für eine Sache rechtfertigen, die er gar nicht gesagt hatte. Und erst recht nie so gemeint hätte. Denn ich bin sehr sicher: Schweinsteiger ist kein Rassist. Eher das Gegenteil. 

    Es ist eben so, wie wenn man einem Schwerhöriger sagt, man sei gegen die AfD – und der einen empört fragt, warum man für eine solche Partei sei. Woraufhin man darlegen muss, dass man eben kein AfD-Fan sei. Ich fühle mich auch erinnert an einen Liebhaber, der ein Fenster schließt, um der Liebsten einen Durchzug samt Erkältungsgefahr zu ersparen – diese ihm dann aber vorwirft, er wolle wohl ihren Erstickungstod.

    Es eben falsch ist, egal, wie man es macht. Missverständnisse überall. Meine Leute sind endlich aus ihren Betten aufgestanden. Coco und ich hüpfen um sie herum. Und sie füllen unsere Näpfe. Wäre doch gar nicht nötig. Denke ich so. Wir wollen doch nur spielen. Sagt der kauende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Stellet alles in den richtigen Kontext. Und chillt, Leute! 

  • 29. Juni 2026

    Diegos Triumph: „Woooooow bruuuuudi“ – Und Soccer-Trauer

    Triumph oder Pleite. Oft so nah beieinander. Diego heute high. Zunächst. Weil er sein Ergebnis vom Medizinertest erfährt, den er vor ein paar Wochen gemacht hatte: 98 Prozent. 90 Prozent hätte er gebraucht, um mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Medizin-Studiumplatz zu ergattern. Was die 98 bedeutet: Von den mehr als 18.000 jungen Menschen, die deutschlandweit für den Test angemeldet waren, sind nur zwei Prozent besser als er.

    Das löst Emotionen aus. Positive. Bei meinen Leuten. Stolz. Selbst bei meiner Bruna fällt die Fassade: „Woooow bruuuudi“, postet sie. Besser geht nicht. Denke ich so. Und schmiege mich an den Sieger des Tages. Um Streicheleinheiten abzuholen. Vom Doctore. Und er? Übersieht mich geflissentlich. Und läuft zu Coco. Die mal wieder rumgockelt. Und ich so: Krasse Enttäuschung. Pleite. Loser. 

    Tja, ein komischer Tag. Dieser Glückstag. Es kommt auch dick für die Soccer-Fans unter meinen Leuten. Zu denen zweifelsohne Doctore Diego zählt. Es ist ja gerade diese komische Fußball-WM in Amerika. Und wie immer: Deutschland will das Ding gewinnen, fühlt sich großartig. Vor allem gegen einen Außenseiter wie Paraguay.

    Und dann: Niederlage. Ausscheiden bereits im Sechszehntelfinale. Im Elferschießen, eine Disziplin, in der Deutschland bei Weltmeisterschaften immer gewonnen hatte. Eine Demütigung. Unfassbar. So empfinden es hier viele. Es ist laut. Vor unserem Balkon. Nach der Niederlage.

    Mitten in der Nacht: Böller, prollende, grölende Menschen wecken und werfen meine arme Laura aus dem Bett. Und ich denke so: Viele Leute sind jetzt wirklich schlecht drauf. Aggressiv. Gedemütigt. Nicht so gut, wenn die Laune im Land eh nicht gut ist. Katerstimmung eben. He he. Wenn es nur so wäre. Denn das bedeutet eigentlich Party. Ja, und in Parguay, da ist es so: Großartig. Nice to lose!

    Oder? Felix sitzt mit starrem Gesicht vor seinem Computer. Wo er eigentlich Texte reinhauen sollte. Über Iran-Krieg, Trump und Hitze, die nicht mehr ist. Denke ich so. Fröstelnd. Sehe, wie kleine Tränen über Felixens Gesicht laufen. Really. Ich schwöre. Denn ich schmeichle mich an ihn. Fühle mich als Gewinner. Denn das salzige Nass, das ich nun ablecke, ist besser als jedes Käse-Leckerli.

    Und Felix lässt mich gewähren. Er reibt sein geschwollenes Handgelenk. Verletzt durch den Schuss eines Mitspielers beim Senioren-Fußball. Der Schmerz treibe ihm Tränen in die Augen. Behauptet er. Und ich glaube ihm kein Wort. Weil er nur über den Trainer der deutschen Mannschaft flucht, über angeblich falsche Schiedsrichter-Entscheidungen. Ein zu Unrecht aberkanntes Tor hätte eigentlich den Sieg gebracht. Behauptet er.

    Und lächelt unvermittelt. Nun müsse er nicht mehr zum Arzt gehen, sagt er. Und schon ist Doctore Diego da. Strahlend. Trotz Soccer. Streicht ihm Voltaren aufs Gelenk. Während ich weiter Tränen lecke. Und Paraguay feiert. Triumph, Niederlage. So ist das. Sagt der demütige Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Würdigt Sieger. Und chillt, Leute!  

  • 28. Juni 2026

    Geschlechtstrieb anno 1922 – Knapp 30 Grad in der Nacht

    Die Vorstellung, dass alte Menschen mal jung und leidenschaftliche Liebhaber waren, ist für junge Menschen genauso absurd wie die Vorstellung, dass sie selbst mal alt und gebeugt sein könnten. Denke ich so, als meine Bruna mühevoll einen in wundervoll verschnörkelter Schrift verfassten Brief entziffert.

    Aus dem Jahre 1922. 1922! Von ihrem Uropa Kurt an seine Geliebte, Uroma Flora. Heißblütig schreibt er: „Was du unliebsam an mir empfindest, sind die Gefühle des Geschlechtstriebs, der beim Mann naturgemäß stärker ist als bei der Frau. Liebe und Gefühl sind wohl zu unterscheiden.“ Und: Ich liebe dich mit ganzem Herz.“

    Puuh, wie schön. Wie offen. Vor mehr als 100 Jahren. Und mir wird heiß und heißer. Als mein Blick auf die pralle Coco fällt. Was wohl auch an den Temperaturen liegt. Die auch in der Nacht kaum noch unter die 30-Grad-Grenze sinken. 29,4 Grad zeigte das Thermometer in einem Ort in Sachsen-Anhalt. Deutschlandrekord für die Nacht. Tagsüber der nächste Rekord, der dritte in Folge! 41,7 Grad, irgendwo in Brandenburg.

    Es ist so hot, dass in Nürnberg und Leipzig der Straßenbahnverkehr eingestellt wird – wegen Hitzeschäden. Die Deutsche Bahn empfiehlt Reisenden, nicht zu reisen. Natürlich reisen trotzdem viele. In Brandenburg bleibt ein ICE auf offener Strecke stehen. Weil ein durch einen Sturm entwurzelter Baum die Oberleitung beschädigte – Stromausfall.

    Ohne Strom nicht nur Stillstand, auch die Klimaanlage fällt aus. Und die Türen des ICE lassen sich nicht öffnen. Die rund 630 Passagiere müssen aus der Sauna  befreit werden, drei von ihnen kommen mit Hitzekollaps in die ohnehin vollkommen überlasteten  Krankenhäuser.

    Und dann gibt es durch die Hitze begünstigte Waldbrände, in Rheinland-Pfalz besonders prekär, weil das Feuer in einem Gebiet mit Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg wütet. Ein Dorf wird evakuiert. Frankreich meldet 1.000 zusätzliche Todesfälle durch Hitze. 

    In Frankfurt am Main allerdings bleiben sie eisern: Die Ironman-EM wird durchgepeitscht. Immerhin, auf verkürzter Strecke. Nach knapp fünf Stunden meint der Sieger, es sei doch ziemlich warm gewesen. Und steckt den Kopf in einen Wassereimer.

    Der Opa Volker meiner Bruna ist auch ein Ironman. Er verzichtet freiwillig auf den kühlen Schlafplatz im Keller-Studio seines Hauses. Und bleibt im hitzegeeschwängerten Schlafzimmer im ersten Stock. Warum? Weil er dort gut schlafe . Keller möge er nicht. Sagt er.

    Eisern. Eiserner. Trump. Der in der Hitze der Waffenruhe dem Iran zum x. Mal mit Vernichtung droht. Wer glaubt das noch? Egal, Diego stöhnt. Als er den Brief von Uropa Kurt entziffert. Wie kompliziert Sprache doch früher gewesen sei. Meint er. Ihm gefalle die Sprache heutzutage besser. Und ich frage mich so, welche? Die der Emojis?

    Beispielsweise Herzchen. Die für Liebe stehen könnten? Aber: eben dafür stehen sie nicht. Herzchen bekommt heute jeder. Einfach für nette Äußerungen. Nun, ich nähere mich Coco an. Maunzend. Und really, ohne Geschlechtstrieb. Denn der ist entsorgt. Übrigens auch bei ihr. Sagt der enteierte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Schreibt Liebesbriefe. Und chillt, Leute!

  • 27. Juni 2026

    Hechelnde Coco und berstende Autobahnen – 41,5 Grad

    Wenn Coco hechelt wie ein räudiger Köter, dann ist es wirklich heiß. Heute also schlägt der Coco-Köter-Hitze-Index krass an. Und bringt gar meine Bruna in Besorgnis, sprich: Wallung, sprich: Aktion. Erstmals seit 187 Tagen füllt sie unseren Zimmerspringbrunnen wieder mit kühlendem Nass. Das vor Cocos aufgeblähten Nüstern wabert. Und sie so: Hechel, schlürf, schluck, sponx. 

    41,5 Grad also. Gemessen irgendwo im AfD-Land Sachsen-Anhalt. Rekord von gestern schon wieder übertrumpft. Und ich denke so: Mögen doch die Klimaleugner der Rechtspopulisten alle verdorren, in ihrem Sachsen-Anhalt. Merke aber in mir sofort die Keule zuschlagen. Die Hitzekeule. Und ich so: Danke, Katergott. Never ever wünsche jemand Anderem Schlechtes. Selbst wenn es dein Feind ist. Amen.

    Felix also düst heute durch eben dieses AfD-Land. Kommt nicht durch. Die Autobahn ist aufgeplatzt. Voll gesperrt. Weil die Hitze die Fahrbahn gesprengt hat. Und ich denke so: Puh, was für ein Zeichen, wenn sich da schon die Erde auftut, möge sie doch auch verschlingen. Rechtsextreme oder so. Merke aber sofort wieder die Keule. Hitzekeule. Gegen meinen Kopf schlagen.

    Verneige mich abermals vor meinem großen Katergott. Bitte um Vergebung. Und höre Felix, der von seinem Besuch eines McDonalds in eben diesem AfD-Land erzählt. In dem die Klimaanlage ausgefallen ist.

    Und eine Angestellte habe zur anderen gesagt: „Unsere arme Praktikantin. Wer heute in der Küche arbeiten muss, bei dem ist klar, warum er nie im Leben wieder arbeiten will.“ Und die andere so: „Arbeiten lohnt eh nicht, die Eliten stecken alles ein – und wir Arbeitenden haben immer weniger.“ Woraufhin die andere lachend antwortet: „Zum Glück haben wir endlich die Alternative.“ 

    Mir wird blau vor Augen. So blau wie meine Augen sind. Hitzekeule eben. Meine Bruna erzählt, vor dem Brandenburger Tot habe die Polizei einen Wasserwerfer hingepackt, der Wasserfontänen in die Luft spritze – um die Leute abzukühlen.

    Heiß ist es auch anderswo: In Basel treffen sich Tausende zum Wettjodeln. Und sind aufgerufen, sich in den Brunnen der Stadt abzukühlen,. In Paris ist es nicht ganz so lustig: Da wird kein Alkohol mehr verkauft.

    Am verrücktesten ist es aber wieder mal in Washington. Auch ganz ohne Hitze: US-Präsident Trump lässt nun Reisepässe ausstellen, in denen sein Konterfei als Hintergrund mit aufs Papier gedruckt ist. Und er lässt den Iran angreifen. Trotz Waffenruhe. Weil der am Vortag in der Straße von Hormus ein Frachtschiff angegriffen habe.

    Das ist jene Meerenge, für deren Passage der Iran künftig abkassieren will. Was Trump keinesfalls dulden will. Aber auch der Iran reagiert sofort: Und greift US-Verbündete wie den Golfstaat Bahrain an. Und ich frage mich so: Was ist nun mit der Waffenruhe? Ich weiß es nicht.

    Es nervt. Die Hitzekeule. Im Kopf. Der Katergott. Und der Teufel. In mir. Ich beiße in Cocos Schweif. Sie reagiert nicht. Getriggert vom Brunnen. Dann rolle ich mich mal in die Zeitung ein. Und beantworte nochmal schnell die Frage von gestern: Laura natürlich wischte das Erbrochene auf. Damit der Junge weiter trinken kann. Sagt der gepeinigte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid cool. Und chillt, Leute!