Kategorie: Uncategorized

  • 4. Mai 2026

    Alles jammert: Die Leiden meiner Laura in der Jugend-Psychiatrie

    Mangel ist relativ. Ich weiß, ich weiß. Auf welch hohem Niveau ich klage. Wenn ich rumheule, dass wieder mal nicht genug Leckerli für mich da sind. Und ich darbe. Darben muss. Weil mir meine Leute nichts gönnen. Sie behaupten: Wenn ich mehr bekäme, würde ich zu dick. Ich behaupte: Sie sind geizig. Haben nicht genug Geld. Und das, was sie haben, geben sie für eigenen Schnickschnack aus.

    Aber: Ich bin mit meinem Jammern nicht allein. Im Gegenteil. Alles jammert in diesem so reichen Land. Im Allgemeinen: Für Bildung, Rente, Soziales sei zu wenig Geld da. Schulen bröckeln, Toiletten stinken, Brücken knicken ein, Krankenhäuser machen dicht. Und im Speziellen: Bio-Lebensmittel seien unbezahlbar, Urlaub kaum noch möglich, Konzertkarten unbezahlbar, Arzttermine nur für privat Versicherte zu haben. Und dann kommt meine Laura. 

    Empört von ihrer Arbeit zurück. Richtig empört. Mit rotem Gesicht und so. Weil es eben Menschen gebe, die intensivst betreut würden, von zig Fachkräften. Und es dann nach Monaten dankten mit Worten wie diesen: „Keine Lust, weiß ich nicht.“ Die Story behind: Heute gab es für die 16-jährige Julia – ein depressives, suizidgefährdetes Mädchen, das seit zwölf Wochen in der Psychiatrie betreut wird – ein sogenanntes Entwicklungsgespräch.

    Mit dabei: Neben meiner Laura, der Patientin und deren Mutter eine Therapeutin, die behandelnde Ärztin, ein Psychologe, eine Sozialarbeiterin, der Vertrauenslehrer der alten Schule, ein Lehrer aus der Krankenhausschule. Thema: Perspektiven – wie kann es weitergehen? Mehr als eine Stunde wird geredet. Egal, ob es um Sport oder Schule geht, Julia antwortet auf sämtliche Vorschläge: „Ich weiß nicht.“ 

    Immerhin, am Ende antwortet Julia: Vielleicht“, als meine Laura ihr eine einstündige Kunsttherapie pro Woche anbietet. Die könne aber frühestens in einer Woche starten, damit man das Mädchen nicht überfordere. Meint die Sozialarbeiterin. Sonst werde ihr zu viel zugemutet. Immerhin, die 16-Jährige hat ja bereits schon kleine Steps genommen: Sie schafft es mittlerweile, alleine mit der Straßenbahn wieder nach Hause zu fahren. Und am nächsten Tag zu kommen.

    Bis vor einer Woche wurde sie gebracht – von einem Taxi. Gezahlt von der Krankenkasse, Und ich denke so: Eigentlich doch top. Eine solche Betreuung. Für kranke Menschen. Andererseits: Krass, wie viel Geld da ausgegeben wird. Wo es doch vor allem im Gesundheitsbereich an vielen Stellen zu fehlen scheint.

    Und ich ekle mich wieder mal vor mir selbst. Ob meines Eifers. Denn ich weiß, ich weiß: Mangel sollte nie gegen anderen Mangel ausgespielt werden. Vor allem nicht von Dilettanten wie mir, die die Hintergründe nicht kennen. Und so nur populistische Sülze von sich geben. Was auch am ungestilltem Hunger auf Leckerli liegt. Sagt der darbende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Relativiert. Und chillt, Leute! 

  • 3. Mai 2026

    Der schielende Diego auf dem Weg zum Doctore

    Ist das tatsächlich mein Diego? Der lebenslustige, zugewandte, verkuschelte Mensch, den ich so schätze? Nun, seit acht Wochen sitzt er jeden Tag stundenlang in seinem Zimmer und starrt in komischen Büchern auf Muster. Ist voll gefangen davon, hypnotisiert oder so. Lässt sich nicht ablenken, schaut nicht mal auf, als ich sein Bein malträtiere. Kratze. Auf seinen Schoß jumpe.

    Und verscheucht mich wie eine lästige Fliege von seinem Buch, wenn ich mich drauflege. Und so starre ich ihn unverwandt an und bin erschüttert. Weil ich sehe: Seine Pupillen sind verschoben. Er schielt. Sieht voll krank aus. Kreuzblick. Sagt er. Zu mir. Und ich kreuze seinen Blick. Um ihn zu entkreuzen. Oder so. 

    Tell me why? Denke ich so. Und tatsächlich. Diego gehorcht. Und sagt: Dies sei eine Methode, um beim Medizinertest sehr schnell aus fünf kleinen Bildern jenes herauszupicken, das exakt mit einem großen Originalbild übereinstimmt. Und ich so – Medizinertest, wozu? Und er so: Nun, damit habe man zumindest bessere Chancen, sich für ein Medizinstudium zu qualifizieren.

    Wenn man nicht gerade ein Abi mit 1,0 gemacht habe. Deswegen lerne er. Schaue sich Schlauchfiguren, Therapievorschläge und Geschichten von Patienten an. Löse mathematische Aufgaben. Und lerne, seinen Blick zu kreuzen. Um nächste Woche ein gutes Ergebnis bei diesem Test zu erzielen. Und ich starre ihn an. Überkreuz. Sind seine Augen doppelt, die Nase auch. Mein Kopf schmerzt. Ich bin ungeeignet. Offensichtlich. 

    Warum schaut Diego nicht NBA? Chillt? Oder isst? Ganz gechillt. Wie sonst so. Denke ich. Während er weiter schielt. Man schaue nicht direkt auf eines der beiden zu vergleichenden Bilder, sondern auf einen virtuellen Punkt zwischen ihnen, sodass sich die Blickachsen kreuzten. Sagt er. Dadurch würden die beiden Bilder zu einem virtuellen dritten – und einen Unterschied würde man sofort erkennen.

    Ich verstehe nichts. Und frage mich, ob das gesund ist. Absichtliches Schielen. Das mache nichts. Sagt mein Diego. Es gehe bei diesem Test einfach darum, Strategien zum Lösen von Aufgaben zu lernen und anzuwenden. Tatsächlich kämen Leute, die bei diesen Test gut abschneiden, im Studium besser zurecht als andere.

    Und ich denke so: Menschen wollen immer arbeiten. Probleme lösen. Die es gar nicht gibt. In echt. Machen Schieltests selbst für einen Job, der doch vor allem Einfühlungsvermögen braucht. Arzt eben. Wolle er gar nicht werden. Sagt Diego. Und ich so: Häh? Warum dann der Test? Mysterien allüberall.

    Diego schielt. Und ich so: Fingers, äh, Krallen crossed.  Weil ich weiß: Er wäre ein guter Doctore. Denn das Einfühlungsvermögen, das hat er. Meist. Wenn er mich kuschelt.

    Und ich sehe Coco. Die sich putzt. Mit Fäden spielt. Und leckt. Und putzt. As putz can. Dabei ihre Pfoten kreuzt. Der berühmte Kreuzputzer. Oder das Putzerkreuz. Ihr Job. Sagt der schielende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Lernt Strategien. Und chillt, Leute!

  • 2. Mai 2026

    Wenn Oppa vom Krieg erzählt und meine Bruna Zäune überwindet

    Ach, sie werden so schnell groß. Denke ich so. Und fühle mich bei diesem Spruch wie ein Oppa. Dachte das mit dem ungebändigten Wachstum, weil sich Coco vor mir räkelt. Mich mittlerweile selbst liegend überragt. Um rund 2,7 Zentimeter. Viel länger ist als ich. 28 Zentimeter. Mit nicht mal einem Jahr.

    Sie ist auch: Hungriger. Felliger. Als ich. Weicher. Schneller. Und leichter. Also unbeschwerter. Alles erforschend. Auch die Gefahren. Der Welt. Und dabei auch noch immer entspannt. Tröstlich, dass es bei den jungen Menschen mit den Veränderungen ähnlich ist: Meine Bruna. Wächst krass. So dass selbst ich mich manches Mal schütteln muss. Um sie wieder zu erkennen. 

    Sie, die gerade noch mit ihrem Stoffhündin Sally durch den Park spazierte, geht nun mit ihren Freundinnen und Freunden zu einigen Demos und Partys, die am 1. Mai in Berlin steigen. Ist im Berliner Mauerpark. Schwärmt von der Stimmung dort. Überall Bands, Trommler, Menschen, die Picknick machen, grillen, trinken, rauchen, tanzen. Entspannt. Gechillt. Sagt sie. Fest der Generationen.

    Klar, vor allem seien Menschen ihres Alters da. Aber auch Alte um die 30. Und noch ältere wie Felix und Laura, also von der Generation X oder wie sie heiße. Dann sei sie mit ihren Freunden weitergezogen, nach Kreuzberg, zum Görli. Krass überfüllt. Von der Polizei abgeriegelt, weil zu voll. Sie hätten sich eine unbeaufsichtigte Stelle gesucht – und seien dann über den 2,38 Meter hohen Zaun geklettert. Voll Abenteuer. Sagt meine Bruna.

    Und im Park: Aggressivere Stimmung. Demonstriert worden sei gegen die nächtliche Schließung des Görlitzer Parks – einem Hotspot für Drogendealer. Mit Beginn der Dämmerung habe die Polizei dann ihre eigens für diesen Abend aufgebauten Strahler eingeschaltet – um den Park zu erleuchten. Sie seien weitergezogen. Sagt meine Bruna. Hätten in den Schlachtruf eingestimmt: „Nieder mit der Scheiß-AfD.“ Zu einer Bühne, auf der die Rapperin Ikkimel für Ekstase gesorgt habe. 

    Von dort hätten sie die sogenannte Revolutionäre 1.Mai-Demo beobachtet. Mit dem schwarzen Block. Die vermummten Jugendlichen hätten die Polizisten beschimpft. Böller seien gezündet worden. Und auch ein paar Bierflaschen geflogen.

    Tja, Felix stimmt nun ungefragt in die Erzählung meiner Bruna ein. Und muss offenbar rauslassen, wie er als Jung-Reporter Anfang der 00er Jahre über die Ausschreitungen am 1. Mai berichtete – eingekeilt zwischen Polizei-Wasserwerfern und Pflastersteine schmeißenden Randalierern. Erzählt von auf der Straße liegenden Verletzten, brennenden Autos, geplünderten Geschäften.

    Und meine Bruna so: „Ach Daddy, lass doch mal die alten Storys. Du klingst wie Oppa, der vom Krieg erzählt.“ Krass, meine Bruna, denke ich so. Und spüre, wie Coco mich haut. Als ich mich ihr nähere. Um sie vor der über ihr schwirrenden Wespe zu warnen. Sie versucht, das Insekt zu catchen. Sie will sich nicht warnen lassen. Forscht eben. Und so sinniere ich über die Unmöglichkeit, die jüngere Generation vor Ungemach schützen zu wollen.

    Offenbar muss eben jeder eigene Erfahrungen sammeln. Auch leidvolle. Denke ich so. Oder eben auch nicht. Die Wespe fliegt aus dem gekippten Fenster. Coco gähnt. Voll entspannt eben. Sagt der kleine Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Akzeptiert die Selbsterfahrung. Und chillt, Leute!

  • 1. Mai 2026

    Die neuen Leiden meiner Nuria am Tag der Arbeit

    Meine arme kleine Nuria. Die immens leidet, in Freiburg, 800 Kilometer entfernt von mir, ihrem Tröster. Sie muss in einer Bar arbeiten, um über die Runden zu kommen. Nicht nur sieben Stunden Stehen und Laufen, sondern auch Hitze, Rave-Lärm und viele dumme Menschen ertragen. Und das in einem toxischen Gasgemisch aus Fett, Schweiß und Chlor. Sie sei so fertig, keine Ahnung, stöhnt sie. Dabei könnte sie auch hier sein. Bei mir. Im Revier. 

    Auch in ihrem Freiburger Zuhause findet sie nämlich keine Ruhe. Und keinen Kater. Stattdessen lauter junge, lebenshungrige Studenten, wild, hungrig und auch cringe. Extrem viel Energie. Besonders an einem Feiertag. Wie dem 1. Mai. Tag der Arbeit.

    Aber eben nur für meine Nuria. Die keinen Ort für Stille findet. Keinen Kater. Wie unelegant. Denke ich so. Und lecke meine Pfote. „Ach, wäre ich doch nur bei euch, keine Ahnung“, stöhnt meine Nuria. Nur Gleichaltrige wie in der WG – wie anstrengend das sei. Da könne sie sich nirgends zurückziehen. Dabei suche sie die positive Einsamkeit. Die sie besser hier bei mir in Berlin finden könne. Wo sie einfach die Tür zu ihrem Zimmer zuziehen könne.

    Nun, sie ist selbst Schuld. Denke ich so. Sie schuftet lieber in der Bar direkt neben einem Schwimmbad. Muss an ihrem ersten Arbeitstag dort direkt im Pommes-Bereich ran. Muss Frittieren lernen. Was sie hasst. Die Sonne strahlt. Es wird hotter. Die Beats vom nahen Rave lauter, keine Ahnung. Erzählt meine Nuria.

    Kein Kater in Sicht. Dafür immer mehr Menschen. Mit Durst. Und Hunger. Meine Nuria muss an die Kasse. Neben ihr zunächst ein junger Mann – ebenfalls zum ersten Mal dabei. Die Schlange der Wartenden wächst auf 20 Meter an. Die Bar schließt wegen Überfüllung.

    Ein erfahrener Mann kommt zur Hilfe. Streift – naturally unabsichtlich – Nurias Rücken. Legt – naturally unabsichtlich – seine Hand auf ihre Schulter. Ist herrisch. Laut. Sei aber noch ok, keine Ahnung. Sagt meine Nuria. Und ich würde gerne krallen. Diesen Typen. 

    Hernach streift meine Nuria durch Freiburg. Sie würde gerne zur Demo gehen, wo der Fünf-Stunden-Arbeitstag gefordert werde, keine Ahnung, sagt sie. Sie kann aber nicht mehr. Die Füße. Der Rücken. Und der Druck: Sie müsse für die Uni lernen, ihr Auslandssemester in Palermo organisieren und Cello fürs Studentenorchester üben.

    „War aber trotzdem nett, keine Ahnung“, sagt sie. Und ich denke so: Ich hätte eine Ahnung. Meine arme Nuria könnte hier leben. Chillen. Mit mir. Im Berliner Revier. Ruhe haben. Felix würde ihr Orangensaft pressen. Laura mit ihr über Literatur diskutieren. Diego ihr veganes Geschnetzeltes anbieten. Meine Bruna ihr Vinted-Klamotten schenken. Coco in ihre Füße beißen. Und ich ihr mein Fell, meine Wärme und Chill-Vibes schenken.

    Kurz: Sie könnte hier ein Götterleben haben. Sie will es nicht. Sagt der bedauernde Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Akzeptiert die Jugend. Und chillt, Leute!

  • 30. April 2026

    Dämonenaustreibung zur Walpurgisnacht – Hexen in Lauras Klinik

    Manchmal denke ich, dass sie besessen ist. Von bösen Geistern. Oder Dämonen. Wenn Coco vollkommen entfesselt durch mein Revier jagt. Unstoppbar. Mich wie einen Kegel umstößt. Die Wände hochrast. Bis Diego sie irgendwann erwischt. Emporhebt. Sie schüttelt. Versucht, den Dämon auszutreiben. Exorzismus! Der natürlich nicht klappt. Im Gegenteil. 

    Heute ist Walpurgisnacht. Die Nacht also, in der Hexen wüten und tanzen. Um den Winter zu vertreiben. Um Schutz vor bösen Geistern zu erbitten. Und ich? Miaue. As miau can. So dass sich meiner Kehle ein langanhaltender, klagender Laut entringt. Coco erstarrt. Zunächst. In Diegos Händen. Und ich nutze die Gelegenheit, um zu Laura zu springen, meiner Hexe, die eben nach Hause kommt. Aus ihrer Klinik. Mit den psychisch kranken Jugendlichen. Die sich freut. Dass ich mein Fell auf ihrem schwarzen T-Shirt verteile. 

    Nun, auch sie erzählt von Dämonen, die ihre Patienten und Patientinnen heimsuchen. Und depressiv oder auch aggressiv machen. Sie habe ihren Jugendlichen erklärt, was es mit der Walpurgisnacht auf sich habe. Erzählt sie. Die meisten hätten zugehört. Das ohnehin verkniffene Gesicht eines Mädchens jedoch habe sich zur Fratze verzogen.

    Das, was Laura erzähle, sei doch vollkommen belanglos. „Das war wie ein extrem langweiliger Podcast, den ich sofort ausgeschaltet hätte. Leider haben Sie keinen Ausknopf“, habe sie dann zu Laura gesagt. Nun, sie habe daraufhin gelächelt, sagt Laura. Und sich gefreut, mit einem Podcast verglichen zu werden. 

    Coco entwindet sich den Armen Diegos. Der Dämon ist in ihr. Unverkennbar. Und sie springt auf mich. Macht einen Überschlag. Während meine Alten aus dem Chaos flüchten. In ein Konzert. In der Philharmonie. In der der Dirigent Kent Nagano mit dem Deutschen Sinfonieorchester ein 52 Jahre altes Werk von Bernstein zum ersten Mal auf die Bühne bringt.

    Thema: Der Dybbuk. Ein Geist, der laut jüdischem Volksglauben Besitz von anderen ergreift. Sie besessen macht. Und trotz Exorzismus nicht weichen will. Und mir wird klar: In Coco sitzt der Dybbuk. Mit zwei Riesensätzen jumpt sie auf den Kühlschrank. Und plötzlich weiß ich, wie ich den Geist vertreibe.

    Biete Coco Leckerli an, die meine Bruna eigentlich mir zukommen ließ. Nun aber dienen sie dazu, den Dybbuk aus Coco zu vertreiben. Die mittlerweile brav neben mir Leckerli schnurpst. Mission erfüllt. Ich bin der Exorzist! Sagt der übernatürliche Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Vertreibt Dämonen. Und chillt, Leute! 

  • 29. April 2026

    Trauer trotzender Tröster-Therapeut

    Wenn ich etwas kann, dann trösten. Wenn meine Leute leiden, kuschle ich mich an sie. Übertrage meine Atemfrequenz auf sie. Lasse sie meine Wärme spüren. Mein weiches Fell. Mein Schnurren, mein Vibrato löst sie dann endgültig vom Alltag. Beziehungsweise der Last. Dem Schmerz. Und ich bin in meinem Element: Als Trauer trotzender Tröster. Oder: Therapeut. 

    Der Tod. Ist so groß. Und umbegreifbar. Für Lebewesen. Die ja wohl kaum als Lebewesen bezeichnet würden, wenn sie mit dem Tod umgehen könnten. Weil der ihnen eben total fremd ist. Sie Angst vor ihm haben. Weil’ er das Gegenteil vom Leben ist. Das das einzige ist, was sie  – wir – so haben.

    Vielleicht ist Felix deswegen so erschüttert. Über den Tod seiner Tante Isolde. Die vor einem Monat starb, nun ist die Trauerfeier. Und Felix findet dort tatsächlich Trost. Ohne mich. Durch den Pfarrer. Denn der ist ein Freund seines Cousins Viktor, dem Sohn von Isolde. Seit Schulzeiten. Complicated, sorry.

    Der Pfarrer kann erzählen, wie er Isolde erlebte, wenn er mittags mit Viktor von der Schule die 70 Stufen im Altbau nach oben rannte – und dort Isolde stand: Immer mit strahlenden Augen ihn freundlich empfing. Und ganz genau wusste, was sie in der Schule gerade so behandelten. Ob in Bio oder in Musik. Ob Photosynthese oder Quartsextakkorde.

    Und auch Felix erinnert sich an seine Tante, die er einst als Kind fast fürchtete, weil sie ihn bei der Begrüßung so drückte, dass er kaum noch Luft bekam. Und deren Drücken er später liebte. Weil er echte Zuneigung spürte. Kater-like. Nun lässt Felix Erde auf die Urne rieseln. Bitter. Komischer Brauch. Denke ich so. 

    Sie fehlt. Geschichten können Isolde nicht mehr erzählt werden. Fragen ihr nicht mehr gestellt werden. Denke ich so. Als ich höre, dass Viktor bereits vor 25 Jahren nach Brasilien auswanderte. Dort heiratete, einen Sohn bekam. Und trotzdem besuchten ihn in Brasilien seine Eltern nie. Obwohl sie reisefreudig – und damals noch fit  – waren. Warum?

    Die Frage stellte niemand so direkt. Sagt Felix. Und fragt: War es die Enttäuschung über den „Verlust“ des Sohns? Die Anstrengung einer solchen Reise? Nobody knows exactly. Und ich denke so: Nutzt die Zeit, in der Fragen gestellt und Antworten gegeben werden können. Aber klar: Jetzt ist da eine Leerstelle. Die ich gerne ausfülle.Sagt der tröstende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Genießt das Leben. Und chillt, Leute! 

  • 28. April 2026

    Nice Ice-Cat steuert Walbefreiung

    Eisig oder schön? Das ist hier die große Frage. Meine Frage. Also: Wie wirke ich am besten für ein Porträtbild, das Felix von mir schießen will? Und das er bei einem Schönheitswettbewerb für weiße Britisch Kurzhaar einreichen will. Und dann weiß ich es plötzlich: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Eisig und schön zugleich. Wo ich doch als weißer Kater schon wie ein Polarkater aus dem Eis ausschaue. Und klar, schön bin ich eh. Also: Pose ich mal. 

    Für US-Präsident Trump stellt sich dieselbe große Frage: ICE oder NICE? Also: Eis oder schön? Häh? Könnte die geneigte Leserin, könnte der geneigte Leser denken. Ich will es auflösen, das Fragezeichen. Trump hat vorgeschlagen – kein Joke – die durch ihr brutales Vorgehen gegen Migranten extrem umstrittene Einwanderungsbehörde ICE in NICE umzubenennen.

    Also: er will ein „N“ für National vor die anderen Buchstaben setzen, die für Immigration and Customs Enforcement stehen. Für ein anderes Image. Eine andere Verpackung – mit demselben Inhalt. Denke ich so. Denn die Beamten bleiben dieselben, über ihre Aufgaben wird auch nicht diskutiert. Und so muss dann auch nicht über Fehlverhalten debattiert werden.

    Etwa über Bundesbeamte, die bei Demos und Razzien brutal gegen Migranten vorgingen, Familien auseinanderrissen, zwei US-Amerikaner erschossen. Also: Etikettenschwindel. Ganz klar. Denke ich so: Wo NICE draufsteht, ist weiter ICE drinnen. Das schmilzt und zu Wasser wird. 

    Und dann die US-Regierung überschwemmt. Eine Sintflut. In meiner Utopie. Vom Untergang des Wirrkopfs Trump. Der nun auch auf seinen „Freund“, Bundeskanzler Merz losgeht. Weil der es gewagt hatte, Trumps Krieg gegen den Iran infrage zu stellen.

    Merz habe keine Ahnung, wovon er spreche, wütet Trump nun auf seiner Plattform Truth Social. Es sei kein Wunder, dass es Deutschland so schlecht gehe. Und ich denke so. Eigentlich geht es dem Land ganz gut. Denn die Trump-Tiraden interessieren gar nicht mehr so sehr. 

    Vielmehr stiehlt mal wieder Timmy, der vor der Insel Poel vor einem Monat gestrandete Buckelwal, Trump die Show. Weil der Wal von dort nun endlich weggeschleppt wird – von einem Lastkahn, in dem Timmy eine Art Wasserbett hat.

    Der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern namens Backhaus hat angesichts der Rettung Tränen in den Augen. Fans am Ufer auch. Und ich frage mich so, wie es Timmy wohl geht. Der ja wohl nur Richtung flacher Gewässer geschwommen war, weil er sich geschwächt fühlte und sich ausruhen wollte. Behaupten andere Experten.

    Ich würde Timmy gerne fragen. Darf es nicht. Wie Timmy auch nicht auf seinem Platz ausruhen darf. Wollen die Menschen nicht. Die denken, sie seien Tierschützer. Nicht nice. Sagt der nice Ice-Kater. Der über euch wacht. Und jetzt: Lasst euch fotografieren und gewinnt Schönheitswettbewerbe. Und chillt, Leute!

  • 27. April 2026

    Gefährliche Jobs, krasse Anschläge: Was Trump und mich eint

    Mein Job als schreibender Hauptstadtkater ist gefährlich. Weil ich dabei ja ständig den mächtigsten Mann der Welt lächerlich mache. Weil ich meine Leute – abgesehen von meiner Bruna – als ziemlich unterbelichtet darstelle. Weil ich über Köter und Coco wenig Schmeichelhaftes zu berichten habe. Und mir ist bewusst: So schaffe ich mir Feinde. Die mich zum Schweigen bringen könnten.

    Und obwohl ich kein ängstlicher Typ bin und auch nicht unter Verfolgungswahn leide: Ich hatte einen Alptraum. Auf dem Küchentisch. In der prallen Frühlingssonne. Zucke zusammen, weil ich dösend aus den Augenwinkeln etwas Schwarzes zucken sehe. Springe auf. Abwehrhaltung. Und merke erst dann: Mein Schatten ahmt mich nach. Gähn. 

    Der mächtigste Mann der Welt erlebt übrigens Ähnliches. In Sachen Gefahr. Nur in echt. US-Präsident Trump war mal wieder Ziel eines Anschlagversuchs. Der daneben ging. Aber nichtsdestotrotz für Aufregung sorgte. Und damit für – aus Trumps Sicht – gelungene Ablenkung vom Iran-Krieg, wo es derzeit keinen guten Exit-Weg für den US-Präsidenten zu geben scheint.

    Nun, bei einem Gala-Dinner im Washingtoner Hilton-Hotel mit den Hauptstadtjournalisten stürmte ein schwer bewaffneter Mann durch einen Sicherheitsposten des Secret Service. Er wurde dann zwar von Beamten gestoppt, bevor er in den Ballsaal gelangen konnte. Aber: Es fielen Schüsse. Ein Security-Mann wurde dabei leicht verletzt, der mutmaßliche Täter wurde nicht getroffen, aber überwältigt.

    Und der in Sicherheit gebrachte Trump sagt hernach – wieder mal als der strahlende Messias – er könne sich nicht vorstellen, dass es einen gefährlicheren Job gebe. Als seinen. Und ich denke so an seine Personenschützer. An ukrainische Soldaten an der Front. Dachdecker. Und Fischer. 

    Trump hat leider was Katerartiges an sich. Zumindest was die Legende mit den sieben Leben betrifft, die ein Kater haben soll. Trump wohl auch. Bei einer Wahlkampfveranstaltung vor rund anderthalb Jahren streifte Trump ein von einem Attentäter abgegebener Schuss leicht am Ohr. Kurz danach wurde ein Mann gefasst, der am Rande von Trumps Golfplatz in Florida auf den US-Präsidenten gewartet hatte. Um ihn zu erschießen. Trump überlebt alles. Offenbar.

    Der nun gescheiterte Attentäter hatte vor seiner Tat eine Nachricht geschrieben, in der er mitteilte, er wolle Regierungsvertreter töten. Weil er nicht länger bereit sei, zuzusehen, dass ein Verbrecher seine Hände mit Verbrechen beflecke. Den Namen Trump erwähnt er allerdings nicht ausdrücklich.

    Aber wen sonst sollte er meinen? Denke ich so und lege mich zusammen mit meinen Schatten wieder hin. Ruhig werden. In dieser gefährlichen Welt. Sagt der verängstigte Hauptstadtkater. Der trotzdem über euch wacht. Und jetzt: Rüstet auf und chillt, Leute! 

  • 26. April 2026

    Über Rührung, Gönnen und Altern – Weise weiße Kater

    Es gibt Tage, an denen ich gönne. Und gerührt bin. Über mich. Weil ich spüre, wie es mich befriedigt, wenn ich Coco eine Freude bereite. Und sie sich wohl fühlt. Beispielsweise wenn ich ihr eines meiner Leckerli überlasse. Eines, das eigentlich für mich bestimmt war. Wenn sie dann knirschend kaut, fühle ich mich groß. Denke: Wahre Größe eben. Die man erringen kann. Im Laufe des Alterns. Merke selbst ich an mir. Mit meinen bald vier Lenzen. 

    Meine Leute sind zum Opa meiner Bruna nach Isernhagen gereist. Weil Opa Volker 89 Jahre jung wird. 89!  Kann selbst er kaum glauben. Denn er fühle sich gar nicht anders als vor 20 Jahren, vor 50 Jahren, vor 72 Jahren. Also, körperlich natürlich schon. Aber so vom Feeling, vom Mindset, vom Kopf her fühle er sich nicht so uralt wie diese Zahl 89 nun eben mal suggeriere.

    Denn: Als er jung gewesen sei, sei eigentlich fast niemand so alt geworden. Heute sei es ein mehr oder weniger normales Alter. So einige erreichten mittlerweile ja die 100. Und blieben dabei fit. Relativ. Auf die Frage meiner Nuria, welches Lebensalter er am besten gefunden habe, antwortet er, jedes Alter habe seine tollen Seiten gehabt. Auch diese Phase nun.

    Wie jede Zeit eben auch ihre Härten gehabt habe. Selbst als Kind im Krieg, als es wenig zu essen gab, habe er nicht in schlechter Erinnerung. Weil er mit Freunden viel draußen gespielt habe. Beeren gesucht habe. Und das Stück Fleisch am Sonntag tatsächlich ein außergewöhnliches Fest gewesen sei. 

    Und ich verstehe, was er meint: Mangel als Antrieb für Freude. Opa Volker erzählt weiter: Wünsche habe er keine mehr – zumindest keine materiellen. Er lächelt. Weise wie weiße Kater. Denke ich so.

    Aber dass zu seinem Geburtstag nun doch alle sechs Enkel und Enkelinnen aus ganz Deutschland angereist seien – einer nach dem anderen und jeder und jede völlig überraschend – das habe doch wahre Freude ausgelöst. Weil es eben komplett unerwartet gewesen sei. Ein Zeichen echter Zuneigung.

    Und ich denke so: Nein, mehr, ein Zeichen echter Liebe. Puh, überhaupt nicht mein Ding. So eine Gefühlssoße zu schreiben. Ich spüre ein enges Gefühl in meinem Hals. Ein Gefühl, das Kater eigentlich nicht kennen. Meine Leute nennen es: Rührung. 

    Ich stoße Coco ein weiteres meiner Leckerli zu. Und wieder verengt sich mein Hals ob meiner Größe. Weil ich spüre, wie gut ich bin. Zu gut für diese Welt. Sagt der gerührte und gönnende Hauptstadtkater. Und jetzt: Schüttelt euch. Ob dieses, meines Schwulstes. Und chillt, Leute!

  • 25. April 2026

    Fälscher der Realität und schwankende Tanzperformance

    Ich soll Fälscher sein. Fälscher der Realität. So cringe. So dissapointing. Dieser Vorwurf. Und was es noch schlimmer macht, und mich so exhausted, dass ich nur noch völlig bekloppt Denglisch denken kann: Der Vorwurf kommt von meiner Bruna. Von meiner Bruna. Really.

    Sie sagt, ich würde hier in meinem Tagebuch Storys berichten, die sich so nicht zugetragen hätten. Die aus dem Zusammenhang gerissen seien. Mit verfälschten Quellenangaben und so. Und ich, erzürnt, in meiner Ehre getroffen. Der Ehre eines weißen Katers: Ich. Bin. Getreuer. Faktenchecker. Really. 

    Immerhin: Ich sehe, warum sie mich attackiert: Sie mag es nicht, wie zuletzt von mir als coole Hexe dargestellt zu werden. Warum auch immer. Und behauptet, sie habe bei der Vorbereitung zu ihrer jüngsten Prüfung nie etwas zu Katern und Hexen gesagt – also völlig anders als ich berichtet habe. Und ich denke so, ok, ok, right, aber künstlerische Freiheit habe ich doch auch. Denn eigentlich ist doch eh alles, das Leben, eine Frage der Sicht.

    Meine Bruna erzählt, sie sei heute im Theater gewesen. Tanzperformance. Eine Gruppe namens Redshift. Eine mit überdimensionalem Kleid ausgestattete Frau habe sich bei cooler Musik 40 Minuten meist an Seilen schwingend durch einen quaderförmigen Raum geschwungen, dessen Kanten durch eine Stahlkonstruktion vorgegeben waren und dessen Boden mit Wasser gefüllt war.

    Ihre Mitte sei weich, habe sie gesagt, dann hing sie plötzlich kopfüber in den Seilen. Perspektivwechsel. Für sie. Für meine Bruna. Dann habe sie gefragt, ob man sie oder das Kleid sehe. Manche sahen gar nichts. Denn sie spritzte beim Schaukeln die Leute durch das ins Wasser eintauchende Kleid nass. Die trotzdem devot sitzen blieben. Cringe. Denke ich so.

    Und meine Nuria fragt, was am Schaukeln Kunst sei. Während Laura sagt, sie habe gedacht, es gehe um Suizid. Und die Großeltern meiner Bruna das Leben an sich sahen, dass da dargestellt worden sei. Die Performance-Leute meinen: Es sei um Machtstrukturen gegangen, das Verhältnis Mann und Frau.

    Coco sitzt auf dem Küchenboard. Bei der Leckerlidose. „Charlie, weg da, lass das“, ruft meine Bruna. Aus der Ferne. Als sie das Klickgeräusch der Dose hört. Und offenbar dachte, ich sei der Übeltäter. Und wolle klauen. Ein Bild, das sich irgendwie gefestigt hat. Und nicht stimmt. Cringe.

    Es ist eben einfach nicht mein Tag. Selbst meine Nuria hatet mich nun. Das meiste, was ich berichte, sei an der Realität vorbei. Moniert auch sie. Ähnlich wie ihre Schwester Bruna. Zumindest alles, was sie betreffe. Wenn sie etwa in ihrer Freiburger WG eine Maus jage, dann sei sie nicht ängstlich, wie ich es beschreibe, sondern Superheldin.

    Und ich denke so: Alles eine Frage der Perspektive. Sie sieht sich als Superheldin. Ich sehe die Realität. Sagt der enttäuschte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Überlegt, wen ihr hatet. Und chillt, Leute!