Autor: Hauptstadtkater

  • 6. Dezember 2025

    Flyin‘ high und der Blick von 2017 auf 2025

    Flyin‘ high. Über den Winterblues. Weil ich absolut keine Lust auf Trübsinn habe. Sehe ich mir die Welt mal aus einer anderen Perspektive an. Von oben. Von meinem Kratzbaum. Und: Aus der Vergangenheit. Ich zähle das Jahr 2017. Anfang Januar, wenige Wochen, bevor Donald Trump erstmals sein Amt des US-Präsidenten antrat. Und sehe: Krass, das Heute, aus dieser Sicht, das Heute ist so eine einzige Satire. Alles wirkt so übertrieben. Unrealistisch. Absurd. Mein Mund würde sich zu einem Lächeln verziehen, wenn er es könnte.

    Mein Blick von oben aus der Vergangenheit ruht auf gestern: Da war mal wieder eine große Trump-Show. Dieses Mal mit dem Weltfußballverband Fifa. Da die Gruppen für die Fußball-WM im Sommer ausgelost wurden. Die unter anderem in den USA steigt. Und ich so: Cool, Ball mag ich. Fußball auch. Aber: Darum ging es gar nicht wirklich. Vielmehr steht da dieser alte Mann und lässt sich vom Fifa-Präsidenten feiern. So, dass selbst in mir so etwas wie Schamgefühl aufsteigt.

    Denn Trump bekommt von diesem Fifa-Boss einen Preis, den sich dieser extra für Trump ausgedacht hat: Den ersten Fifa-Friedenspreis. Und Trump – freut sich wie ein Kind, wohl auch, weil er den so begehrten Friedensnobelpreis nicht bekommen hatte. Und hängt sich die Medaille selbst um. Was für ein schlechter Film. Denke ich so. Titel: Speichellecker und Machtmissbrauch.

    Es geht weiter. Mein Blick von oben aus der Vergangenheit bleibt auf Trump geheftet. Und auf die aktualisierte Sicherheitsstrategie seines Landes. Die ist ein Turnround um 180 Grad, die Bösen werden die Guten, die Guten die Bösen. Nun, wie in einer Satire eben. Russland wird nicht mehr als direkte Bedrohung erwähnt – trotz Ukraine-Kriegs. Vielmehr müsse mit Russland eine «strategische Stabilität» hergestellt werden. Heißt es da.

    Europa ist dagegen der Buhmann: Dort gebe es einen Verlust von Demokratie und Meinungsfreiheit. Zu Europas Problemen zählten die Unterdrückung der Opposition und die Einwanderungspolitik. Der wachsende Einfluss „patriotischer Parteien“ in Europa gebe aber Anlass für Optimismus. Und ich merke, selbst wenn ich in meinen Perspektiven verharre, fällt mir das Schlucken schwer. Ein Kloß. Doch nicht so lustig wie gedacht.

    Es geht weiter. Mein Blick von oben aus der Vergangenheit richtet sich auf die EU. Die verhängte nun gegen Elon Musks Plattform X eine Strafe von 120 Millionen Euro – wegen mangelnder Transparenz. Kann man machen, denke ich so. Aber dann greift die US-Regierung ein: Die Strafe sei eine Attacke auf das amerikanische Volk, sagt Außenminister Rubio. Und Musk fordert die Abschaffung der EU. Ich reibe verwundert meine Augen. Wie unrealistisch: Seit wann wird das irrelvante Stammtischgeschwurbel von reichen Menschen so prominent promotet?

    Aber doch: Eigentlich alles unterhaltsam und lustig, weil unfassbar – aus Sicht von Januar 2017. Aber es ist eben Dezember 2025. Und real. Was also tun? Gegen Frust? Ich spiele einfach mal Ball. Der ist mein Freund. Und: Heute ist Nikolaus. Nice, weil Schoko, Flaschen, Mandarinen und Kekse in stinkenden Schuhen auf dem Boden stehen. Und durch die Gegend gewirbelt werden können. Lernt auch gerade Coco.

    Flyin‘ high eben doch. Ich bin zurück in der Gegenwart. Von den Höhen des Kratzbaums.  Auf dem Boden. Gelandet. Sagt der gepushte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Spielt Fußball. Nehmt Abstand. Wechselt die Perspektive. Fliegt davon. Vor allem aber: Chillt, Leute.

  • 5. Dezember 2025

    Feueralarm und Fight gegen Wehdienst-Reform

    Krasse Unruhe hier, ganz plötzlich. Laute Stimmen. Voll aufgeregt. Der Strahl einer starken Taschenlampe streift von draußen durch mein düsteres Revier. Und ein lautes Piepen schallt durch den Innenhof. Wo Leute stehen, mittendrin – tatsächlich – ein Feuerwehrmann. Ich sehe das. Weil ich wie immer auf dem Hochbett meiner Bruna chille. Panorama-Blick durchs Fenster in den Hof. „Es brennt“, ruft ein Mann. Ich bleibe ruhig. Stoisch. Denn: Ich rieche nichts. Ich sehe weder Rauch noch Flammen. Also: Keine Gefahr.

    Aber: Alle sind so unentspannt. So aufgeregt. So empört. Auch meine Bruna. Die war heute mit vielen anderen Schülern – zur Schulzeit am Vormittag – bei einer Demo gegen die Reform des Wehrdiensts. Der heute der Bundestag übrigens zustimmte. Damit ist sicher: Ab kommenden Jahren werden Menschen ab Jahrgang 2008 von der Bundeswehr zu ihrer Person befragt – und so erfasst. Männer müssen, Frauen können diesen Fragebogen beantworten.

    Und ich denke so: Da haben es Frauen also mal besser. Warum? Weil das Grundgesetz für sie eh keine Wehrpflicht – die seit 2011 nur ausgesetzt ist – vorsieht. Für Männer, die ab dem 1. Januar 2008 geboren wurden, wird die Musterung wieder zur Pflicht. Ziel ist es, Freiwillige zu gewinnen. Falls es nicht genug gibt, können Jungs später für den Wehrdienst ausgelost werden. Haben aber immer die Möglichkeit, zu verweigern.

    Meine Bruna erzählt von der Demo. Empörte Schüler, die nicht einsehen, in der Bundeswehr zu dienen und Gehorsam zu üben. Die sagen, es sei nicht ihr Krieg. Den könne Kanzler Merz doch selbst führen. Die sagen, sie würden von der Politik sonst nie beachtet, die Bildung werde kaputtgespart, für Klimaschutz kein Geld ausgegeben, dafür aber alles militarisiert. Jetzt plötzlich sollten sie das Land retten. Und ich denke: Sie haben ja Recht. Aber….

    Da ist im Osten ein krasser Aggressor. Kremldespot Putin. Weil er selbst nicht genug Leute hat, schickt er in den Ukraine-Krieg scheinbar unendlich viele Söldner – auch aus Kuba und Afrika. Vor wenigen Tagen drohte Putin, wenn Europa Krieg wolle, Russland sei bereit. Dabei – hat Europa jemals gesagt, Krieg zu wollen?

    Nun, derzeit sind zu wenig deutsche Soldaten da, Putins Truppen etwas entgegenzusetzen. Der aber reagiert nun mal nur auf Stärke. Was das bedeutet – angesichts dessen, dass auch US-Präsident Trump keinen Bock mehr hat, Europa zu verteidigen? Deutschland, Europa brauchen mehr Soldaten. Und Soldatinnen.

    Denke ich so. Abschreckung. Damit es nicht zum Krieg kommt. Damit weiter Meinungsfreiheit herrscht. Pressefreiheit. Man lieben kann, wen man will. Demonstrieren kann. Alles Dinge, die unter Putin nicht möglich sind. Denke ich so.  

    Meine Bruna findet die Demo gut. Sie habe viele Bekannte getroffen. Mit dabei auch ihr Cousin Karl von Fridays for Future. Auch ein Mitschüler, der ein Schild „Gegen Rechts“ trug. Und ich denke so: Wird da nicht vermischt, was sich nicht unbedingt vermischen sollte? Nun, viele wollen bis zur Abschlusskundgebung am Nachmittag nicht bleiben. Und fahren nach Hause.

    In der Nachbarswohnung sind tatsächlich ein paar Zeitungen in Brand geraten. Die die Nachbarin auf dem Herd hatte liegenlassen. Ein anderer Nachbar löschte die Flämmchen. Panik over. Ich tappe wieder aus meinem Tragekorb, in dem mich meine Bruna schon gepfercht hatte. Für die mögliche Flucht. Die Rettung.

    Und Coco? Hat nichts mitbekommen. Von der Lebensgefahr. Bleibt sitzen. Frech. Demonstrativ. Auf der Spüle. Zwischen Abwasch und Handtüchern. Stoisch wie ich. Sagt der gechillte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt, weg mit der Empörung, chillt wie ich, Leute.

  • 4. Dezember 2025

    Wolf im Katzenpelz und Kater mögen es heiß

    Klar mögen wir es warm. Sogar heiß. Und kuschelig. Wir Katzen- und Katergeschöpfe. Coco aber ist oberkrass. Lässt sich auf dem Sofa liegend von meiner Bruna eine Decke über den ausgefahrenen Körper legen, lässt sich hernach ein Kissen unter das Köpfchen schieben. Wohl gebettet, Madame Coco. Denke ich so. Nicht ganz ohne Neid. Offenbar.

    Und höre ihr Schnurren. Schnurr as schnurr can. Oder was? Denke ich so. Als ich sie bestaune. Und mich erinnert fühle. An Rotkäppchen. Coco schaut aus wie der als Großmutter verkleidete Wolf im Bett. Nur ohne Schlafmütze.

    Eigentlich mögen es Menschen auch warm. Und doch – sie sind eiskalt. Und strahlen das auch aus. Zwei Beispiele – Nummer eins: Da veranstalten sie alljährlich ein großes Fest, das den europäischen Kontinent und Freunde einen soll, den Eurovision Song Contest. Er soll dezidiert unpolitisch sein. Und jetzt: Streit, Hass, Politik. Das Motto? „United by Music“. Soll ich translaten? Yes: „Vereint durch Musik“.

    Der blanke Hohn. Denn die Mitgliedssender bei der Europäischen Rundfunkunion, die das Event organisiert, streiten sich. Extrem. Darum, ob Israel noch teilnehmen darf oder nicht. Spanien, die Niederlande, Slowenien und Irland wollen das überhaupt nicht, werfen Israel nach dem Überfall der Hamas im Oktober 2023 völkerrechtswidriges Vorgehen im Gazastreifen vor. Deutschland dagegen erklärt, wenn Israel raus sei, sei man auch selbst nicht mehr dabei.

    Nun, die Mitgliedstaaten der Rundfunkunion votieren mehrheitlich dafür, dass Israel teilnimmt. Und die oben genannten Sendeanstalten aus Spanien, Irland und Co. kündigen ihren Boykott an. Weitere Länder können folgen.

    Verwiesen wird auf das Beispiel Russland. Das Land sei ja auch nach Beginn des Ukraine-Kriegs ausgeschlossen worden. Dann müsste Israel jetzt auch raus. Und ich denke so: Da wird mal wieder verglichen, was nicht vergleichbar ist. Die einzigen Gemeinsamkeiten: Leid. Kälte. Tod.

    Alle unversöhnlich. Und diese Hass-Spirale wird munter weitergedreht. Womit ich zu Beispiel zwei komme: Russland ist dabei ein maßgeblicher Akteur. Der Chefunterhändler von Kremldespot Putin verspottet öffentlich Kanzler Friedrich Merz, nachdem dieser in einer Telefonschalte mit Verbündeten sein Misstrauen gegenüber US-Unterhändlern geäußert haben soll.

    „Lieber Merz, Sie sind nicht einmal im Spiel. Sie haben sich durch Kriegstreiberei, die Torpedierung des Friedens, unrealistische Vorschläge, den Selbstmord der westlichen Zivilisation, Migration und dickköpfigen Dummheit selbst disqualifiziert.“  Schreibt der Russe auf der Plattform X.

    Und ich denke so: Puuh. Was für ein Benehmen. Was für ein Umgang. Alles an Anstand weg. So kalt. Jetzt will ich unter die Decke. Zu meiner Coco. Zu Madame Coco. Zipfelmütze auf. Und nichts mehr hören. Nur wärmen.

    Das Problem: Coco. Will. Mich. Nicht. Unter ihrer Decke. Haut mich. Ich kehre ihr den Rücken. Denke so: Ist sie Wolf im Katzenpelz oder was? Schade. Sagt der heiße Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Wärmt euch. Gegenseitig. Und Chillt, Leute.

  • 3. Dezember 2025

    Der Tod der Maus – Drama in fünf Akten

    Die Maus ist tot! Oh Gott! Ohne meine Hilfe! Jene Maus, die die WG meiner Nuria in Freiburg in Angst und Schrecken versetzt hatte. Und meine Nuria jetzt: Extrem erleichtert. Wie befreit. Ja, sogar glücklich. Darüber, dass ein Lebewesen in ihrem Revier gekillt wurde. Das eigentlich ich hätte töten sollen; ein Mordauftrag, den ich aus ethischen Gründen vor wenigen Tagen ja abgelehnt hatte, wie nachzulesen ist. Nun, ein WG-Mitbewohner meiner Nuria übernahm den Job – und mordete. Ein Drama in fünf Akten, wie in der Antike, völlig losgelöst.

    Kapitel eins: „Die Erscheinung“. Meine Nuria erzählt: Plötzlich ein Schrei aus dem Zimmer von Mitbewohnerin Frida. Kreidebleich sei sie aus ihrem Zimmer gestürmt – aus der Schublade mit ihrer Unterwäsche sei die Maus gesprungen, habe sie weinend gestammelt. Es sei so gruselig. So eklig. Oh. My. God. Drama eben, denke ich so.

    Und höre meiner Nuria zu, die Kapitel zwei vorträgt. Titel: „Die Jagd“. Hier Hauptperson und Held in spe: Noah, seines Zeichens WG-Veganer. Und stolz darauf. Nun, er habe sich einen Papierkorb geschnappt, bevor er das Mauszimmer betreten habe. Erzählt meine Nuria. 30 Minuten hätten er und die Maus sich eine Schlacht geliefert. Er hinter ihr her, sie weg. Und Mäuse – das weiß selbst ich, sind schnell. Und klein.

    Nun, Noah habe unermüdlich versucht, ihr den Papierkorb überzustülpen. Dann sei er dazu über gegangen, den Papierkorb in ihre Richtung zu werfen. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt bekomme selbst ich, der Mäusehäscher Numero uno – Mitleid. Mit der Maus. Nun Dann habe Noah die panische Maus getroffen. Die sei getaumelt, habe geschwankt, sei fast gefallen.

    Kapitel drei: „Das Ende“. In der Hauptrolle: WG-Mitbewohner Willem. Der habe das verletzte und zuckende Tier ergriffen, nachdem er sich Handschuhe übergestülpt habe. In einem Online-Schnell-Voting habe sich die WG dann einstimmig für eine schnelle Tötung der Maus ausgesprochen. Damit sie nicht leiden müsse. Schwadroniert meine Nuria ganz offensichtlich ohne jedwede Reue.

    Und ich staune, wie kaltblütig sie sein kann. Und fröstele – als sie weitererzählt, vollkommen empathielos, dass Willem die Maus dann in den nahen Bach geworfen habe. Und ich denke so: Oh, die arme Maus, wenn sie nun paddelte? Mäuse können schwimmen. Und sie gar nicht gestorben ist? Ich kann kaum glauben: Ich. Habe. Empathie. Mit. Einer. Räudigen. Maus.

    Kapitel vier: “Die Aufarbeitung“. Meine Nuria war während des Mords draußen. Sie habe das nicht ertragen können, eine Maus in ihrer Wohnung. Nun aber seien alle WG-Leute froh, dass die Maus weg sei.

    Aber es sei eben vor allem für die Mörder auch ein ambivalentes Gefühl. Denn das Töten einer Maus sei eben doch was Anderes als das Töten einer Fliege. Sie selbst aber sei nur froh. Sagt meine Nuria. Denn sie finde Mäuse eklig. Würden doch überall hinkacken. Und ich bin erneut erschüttert. Über sie. Denn auch Mäuse könnten ja auf Katertoiletten gehen. He he.

    Kapitel fünf: „Die Wiederkehr“. Hat die Maus überlebt? Hat sie Nachahmer? Nachkommen? Gibt es Gespenster? Rächer? Die WG habe abends in der Küche gesessen. Grübelnd. Erzählt meine Muriel. Der Rausch weicht dem Kater. Mir.

    Und ich höre Kremldespot Putin in Moskau sagen, wenn Europa Krieg wolle, Russland sei bereit. Wieder überzieht mich das Frösteln. Und ich merke, dass ich definitiv lieber mit Spielzeugmäusen kuschle als echte zu morden. Sagt der mausige Hauptstadtkater. Der über wacht. Und jetzt, Leute: Tötet Mäuse. Und fühlt, was ihr dabei fühlt. Zieht daraus eure Schlüsse. Vor allem aber: Chillt.  Und nehmt mich nicht zu ernst…

  • 2. Dezember 2025

    Der Kampf um die Zahnbürste und der linke Mob in Gießen

    Coco liebt: Zähneputzen. Und ich denke so, da hat sie auch mal recht. Denn: Wer etwas erhalten will, muss es pflegen. Was auch für uns Kater – und Katzen – gilt. Coco ist eben the new way. Mit ihren fünf Monaten. Hat keine Hemmungen zu zeigen, was sie will. Beispielsweise gesund und nachhaltig leben. Wozu eben auch die Zahnpflege zählt. Denn wer hat schon Bock auf Zahnschmerz? Eben!

    Oft erkennt man erst, was etwas bedeutet hat, wenn es weg ist. Das gilt natürlich für Zähne. Aber auch für Menschen. Meine Bruna hatte heute mit den Chören und dem Jugendsinfonieorchester ihrer Schule – rund 220 Jugendlichen – im Berliner Konzerthaus ihr Weihnachtskonzert. Für den einen Chor war fast vier Jahrzehnte ein Mann Dirigent, der vor wenigen Monaten in Rente ging. Und der nun heute erstmals bei einem Konzert nicht mehr dabei ist.

    Seine Nachfolgerin? Nun, die Schülerinnen und Schüler sind sich ziemlich einig: Wenig Ausstrahlung. Keine Power. Ohne Charisma. Der Alte fehlt. Heißt es selten unisono. Über einen, über den sie noch im vergangenen Jahr lästerten, er sei langweilig, zu alt, zu wenig durchsetzungsstark. Immerhin: Der Saal mit seinen 600 Zuschauern tobt trotzdem. Als die Chöre und das Orchester zusammen „Angels Carol“ jubilieren.

    Meine Gedanken schweifen zu Chris, den Onkel meiner Bruna in Gießen. Der will nun die politische Kultur pflegen. Um die Demokratie zu erhalten. Er ärgert sich massiv über den Unions-Fraktionschef Spahn. Der hatte vor zwei Tagen in einer Talkshow am Abend nach den Proteste in Gießen gegen die Gründung der AfD-Jugendorganisation gesagt, der linke Mob habe sich auf dem Straßen Gießens versammelt.

    Chris schreibt an Spahns Büro – 3.000 Zeichen hat er Platz. Dessen Einlassung in dem Talk seien extrem demotivierend für jede demokratisch gesinnte Person, die vor Ort war, heißt es in seinem Text. Denn: Die Proteste seien größtenteils friedlich abgelaufen.

    Spahn und seine Partei ignorierten, dass rund 30.000 Menschen in der Stadt Zivilcourage gezeigt hätten, heißt es weiter. Bezeichnend sei, dass bei diesem Fest bloß zwei Parteien gefehlt hätten: Wenig verwunderlich die AfD – aber eben auch die CDU. „Das macht nicht nur mich traurig. Das ist erschreckend“, schließt Chris seinen Text. Und ich hoffe so, dass Spahn auch mal etwas wie diese Mitteilung selbst liest. Tja, leider sieht mein Nicken niemand.

    Weil alle auf Coco schauen. Die im Arm meiner Bruna liegt. Und mit jener um die Zahnbürste zu kämpfen scheint. Weil sie wie meine Bruna ihre Zähne putzen will. The new way eben. Nach dem Motto: Zähneputzen ist geil.

    Clever, denke ich so. Denn ich weiß, erstens hat sie – Coco – tierischen Mundgeruch. Und zweitens: beim Tierarzt kostet Zahnpflege richtig Knete – allein Zahnstein entfernen um die 100 Euro. Dann besser selbst meißeln. Sagt der konservatorische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt putzt Zähne. Und chillt, Leute.

  • 1. Dezember 2025

    Der Schmerz, der mich zerreißt

    Trennen, ich kann mich einfach nicht trennen. Es ist so krass, dieser Schmerz, der dann entsteht. Ich könnte heulen, wenn ich heulen könnte. Aber das können Kater eben rein von ihrer Physiognomie her nicht. Ist eh `ne menschliche Besonderheit – dass Tränen mit Gefühlen verbunden sind.

    Nun: Zurück zum Trennungsschmerz, der mich zerreißt. Vor allem, wenn etwas schwindet, was ich liebe. Und ich gestehe: Es ist meine Nuria. Die schon wieder zurück will. In ihr Mäuse-Freiburg. Ich wiederhole: Der Schmerz, der mich zerreißt. Ist schrecklich. Und so halte ich meine Nuria. Fest. Und bin natürlich trotzdem: Extrem sanft. Mit beiden Pfoten. Nehme ich ihre Hand.

    Trennen ist immer shit. Auch wenn behauptet wird, danach fühle man sich wie befreit. Manche vielleicht. Ich. Nicht. Manchmal schmerzt es auch, sich von Gegenständen oder auch Gewissheiten zu verabschieden. Verabschieden zu müssen.  

    Ich sehe Felix, wie er schon nach der Trennung von einigen seiner Bücher voll leidet und sogar flennt. Und noch mehr nach der Trennung von seiner skurrilen Gewissheit, die ewige Jugend gepachtet zu haben. Oder Coco, die dachte, sie dürfe alles – weil Kitten-Schutz. Und nun merkt, dass es eben doch nicht funktioniert, einfach so die mühsam von meinen Alten aufgehängte adventliche Lichterkette runterzureißen – ohne gestraft zu werden.

    Oder Diego, der dachte, er könne beim Hamburger SV anrufen und die würden ihm ein Praktikum mit Kusshand geben. Oder Laura, die dachte, sie könne in unserem Revier satt werden, ohne selbst zu kochen. Oder meine Bruna, die dachte, sie könne sich schminken, ohne dass es ihre Leute sähen.

    Oder der ukrainische Präsident Selenskyj. Der sich vergangene Woche von seinem Buddy und engstem Berater Jermak trennen musste. Nach Korruptionsvorwürfen. Könnte sein Anfang vom Ende sein. Denke ich so. Denn dieser Vorgang zerstört im Inneren und im Äußeren das Wichtigste: Vertrauen.

    Heute erlebe ich einen traurigen Chris. You know: Onkel meiner Bruna, Theater-Prof und Gastgeber von Demonstranten.  Der erzählt, er habe tatsächlich geglaubt, wenn Zehntausende friedlich gegen Nazis demonstrierten, müsse das im Fokus der Berichterstattung stehen. Und nicht die gewalttätigen Auseinandersetzungen einiger weniger, die junge Rechtsextreme auf ihrem Kongress für die Gründung einer AfD-Jugendorganisation in Gießen stören wollten.

    Chris meint – und ich stimme ihm ausdrücklich zu – dass im Fokus der Kritik eben diese Rechtsextremisten stehen müssten. Leute, die die Demokratie zerstören wollen. Die vom Verfassungsgericht als gesichert rechtsextrem eingestuft werden. 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Und dem Ende der Nazi-Hölle. Aber: Unionspolitiker und auch Teile der Medien echauffieren sich über linke Gewalttäter bei den Protesten. Dass da in einer Messehalle der Stadt eine Kaderschmiede der Rechtsextremisten gegründet wurde, geriet ins Hintertreffen. Und stand nicht im Fokus der medialen Empörung.

    Ich merke, wie meine Nuria ihre Finger aus meiner Pfote löst. Mich streichelt und liebkost. Und dann abhaut. Nach Freiburg. Über Nacht. Im kalten Zug. Statt bei mir zu sein. Im warmen Revier. Und ich spüre, wie sich meine Kehle zuschnürt. Trauer. Selbst die Entscheidung, das Angebot als Mäusekater in Freiburg zu arbeiten, abgelehnt zu haben, stelle ich infrage. Sagt der zutiefst gespaltene Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute.

  • 30. November 2025

    Der Katerkönig und Mäusejäger von Freiburg

    Ich soll Mäusejäger werden. Also – in echt. Mäuse aus Fleisch und Blut. Jagen. Habe ein Angebot dafür bekommen. Aus Freiburg. Dort, in ihrer WG, sagt meine Nuria mit aschfahlem Gesicht und zitternder Stimme, sei gestern eine Maus gesichtet worden. Erneut. Wie vor sechs Monaten. Als ein WG-Mitbewohner eine Maus Tage nach der ersten Sichtung mit bloßen Händen fing und sie vor die Tür setzte.

    Nun, wie unschwer zu erraten. Meine Nuria ist anders als ich keine Mäuseliebhaberin. Die anderen in der WG auch nicht. Leid macht kreativ, gemeinsam haben sie eine Idee: Man bräuchte Katzen. Kater. Für die WG. Und plötzlich sei ihnen eingefallen, dass es da ja den Hauptstadtkater gebe.

    Und so hätten sie mich nun kontaktiert. Ob ich mal für eine Woche oder so zu ihnen kommen könnte. Nach Freiburg. Geleast quasi. Und ich so – im ersten Moment, voll geschmeichelt: Cool, klar, wann kann es losgehen, why not? Und dann, nur 27 Sekunden nach der spontanen Antwort: Wie wirklich? Ihr wollt mich? Ich soll Mäuse jagen. Echte? Mit Sehnen und Adern? In der Provinz? Wer bin ich?

    Denkt sich offenbar auch Chris. In einer anderen Provinz: Gießen. Heute ist für ihn der Tag danach: Der Tag nach der großartigen Groß-Demo gegen die AfD und ihrer bekloppten neuen Jugendorganisation. Der Demo-Tag sei wie ein einziger Flow gewesen, das Erlebnis, zu Zehntausenden friedlich gegen die Rechtsextremisten demonstriert zu haben. Nochmals 15 Demonstranten hätten dann die vergangene Nacht bei ihnen im Haus verbracht, erzählt Chris. Tolle Typen mit fantastischem Engagement. Aber irgendwann sei es dann selbst ihm, den eigentlich Unerschütterlichen, zu viel geworden – und er sei weggegangen. Etwas genervt von diesem „wir fühlen uns schon ganz schön wichtig-Gehabe“.

    Wahrscheinlich geht es eben darum, wahrgenommen werden. Denke ich so. Wichtig sein. Wollte auch bei der AfD ein skurriler Typ namens Eichwald, der gestern auf dem Gründungskongress der AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland eine Rede hielt, die offenbar voll beabsichtigt an NS-Reichkanzler Adolf Hitler erinnern sollte. Er rief den „Parteigenossen und -genossinnen“ mit rollendem „r“ zu: „Die Liebe und Treue zu Deutschland teilen wir uns hier gemeinsam“ und „es ist und bleibt unsere nationale Pflicht, die deutsche Kultur vor Fremdeinflüssen zu schützen“. Wohl selbst für die Rechtsextremisten der AfD ein Stück zu viel: Die Partei prüft nun seinen Ausschluss.

    Meine Nuria schmeichelt und lässt mich von ihren WG-Mitbewohnern aus Freiburg grüßen. Sagt, sie wollten mich wirklich haben. Und sie gingen fest davon aus, dass ich ihre Maus fangen könne. Das sage sie nicht jeder Katze, die beiden Maine Coon-Katzen ihres Freundes Piet und natürlich auch Coco nämlich halte sie für ungeeignet. Degeneriert. Ich könne Katerkönig von Freiburg werden. Unsterblich.

    Tut so gut, das alles zu hören. Und ich weiß, ich könnte schon. Aber nicht alles, was man könnte, sollte man tun. Denn was würde ich meinen Lieben hier Zuhause mit meinem Weggang antun? Was soll aus ihnen werden ohne mich? Sagt der heimatverbundene Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute.

  • 29. November 2025

    Gönnen können und Blockade der Rechtsextremisten in Gießen

    Gönnen muss man können. Und ich kann. Sehe, wie Coco meinen Platz einnimmt. Auf dem Schoß – meiner Nuria. Die aus dem Revier ihres Freundes Piet endlich wieder zu mir ins Revier kommt. Aber, und so bin ich nun mal, ich denke so: Coco soll auch mal. Etwas von Nurias Aura abbekommen. You see: Ich bin nicht egoistisch. Sondern altruistisch. Und übersetze das dann auch gleich mal: Selbstlos! Nach dem Motto: Wenn es anderen gut geht, geht es mir gut. Und das soll echt kein Blabla sein….

    Und so gönne ich heute mal mein Tagebuch, meine Plattform, meine Follower, dem Onkel meiner Bruna. Chris. Theater-Professor. Und in Gießen lebend. Der mittelhessischen Kleinstadt mit ihren rund 90.000 Menschen, in der sich heute die AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland gründete. Und in die aus ganz Deutschland Zehntausende strömten, um dagegen zu protestieren – und Gesicht zu zeigen. Eine Stadt im Ausnahmezustand.

    Und nicht nur Chris mittendrin, sondern auch sein Sohn – Brunas Cousin – Karl. Als einer der Mit-Organisatoren der Demos. Chris gewährt in seinem Haus 23 Demonstranten Unterschlupf. Die letzten kommen um 2 Uhr, die ersten gehen um 5 Uhr. Erzählt er. Um die Zufahrtsstraßen zur Messe zu blockieren, wo die Rechtsextremen tagen wollen.

    Die Blockade funktioniert. Sagt Chris. Immerhin, die Veranstaltung geht mit zwei Stunden Verspätung los. Letztlich aber doch frustrierend, weil einige AfD-Leute mit Polizeiwagen zum Veranstaltungsort gekarrt worden seien. Sagt Chris. Und ich denke so: Gesichert Rechtsextreme werden vom Staat hofiert? Tell me why?

    Chris ist begeistert von der Stimmung in der Stadt. Weil sie zeige: Da sind Zehntausende der Meinung, Rechtsextremisten haben in Deutschland keine Chance. Erst recht nicht die 1.000 Jung-Nazis in der Halle.

    Chris erzählt: „Den 1000 Jugend-Adler stand allein durch die Omas und Opas gegen rechts eine vielfach größere Menge gegenüber. Die schenkten an die jungen Demonstranten, die die Nacht im Freien verbracht hatten, Suppe, Tee, Kaffee aus. Und die Omas und Opas gegen rechts, die wissen nun wirklich, vor wem sie warnen. Alle wichtigen Kulturakteure Gießens waren da und haben Haltung gezeigt, die aus Gießen stammenden Bands Juli und Ok Kid traten auf, Kraftclub war da. Gießen hat gezeigt, dass es mehrheitlich wehrhaft ist. Alle Akteure haben daraus ein riesiges, interkulturelles, intergenerationelles Fest gezaubert. Wäre schade, wenn das nicht gesehen wird.“

    Ich sehe Bilder im Fernsehen: Wasserwerfer gegen Demonstranten. Bild titelt: „So sieht in Deutschland eine ‚friedliche‘ Demo aus“ und unterlegt die Story mit einem Foto, das brennende Barrikaden zeigt. Desillusioniert nehme ich die sich verschiebenden Realitäten wahr: Medial gepunktet wird mit Krawall, auch wenn der nur punktuell vorkam. Nur eine verschwindend kleine Minderheit beteiligt war. Das friedliche Fest der Zehntausenden, das der bösen Fratze mit einem friedlichen Gesicht antwortet, geht dagegen unter.

    Ich weiß: Um die Stimmung wirklich zu erleben, muss man selbst dabei gewesen sein. Wie die erschöpften, aber auch erfüllten Karl und Chris.  Und so lasse ich denn auch Coco auf Nurias Schoss weiterschnurren. Damit sie selbst diese Experience machen kann. Sagt der zutiefst gönnende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute.

  • 28. November 2025

    Das ultimative Schnurr-Erlebnis und die weise Schoa-Überlebende

    Ich habe den Schnurrmoment meines Lebens erlebt. Laut, bassig, vibrierend, geradezu melodiös. Kurz: Ganz groß. Meiner Nuria habe ich das zu verdanken. Plötzlich steht sie heute vor mir, extra für mich aus Freiburg angereist. Und ich so: Euphorischer Jump auf ihren Schoß. Ich spüre ihre unnachahmliche Kraulmassage. An den Wangen. Am Kinn. Typical Nuria-Move. Ich schwebe. Spüre, dass ich meine Schnurr-Töne produziere. Und schrecke dann aus der tiefen Trance auf – ich bin zu laut.

    Nun, die Ausstrahlung und Ruhe meiner Nuria übertragen sich. Zwar meint sie, sie sei in Freiburg bei ihrem Liberal Arts-Studium voll im Stress. Aber: Sie ist strukturiert. Weiß schon jetzt, mit welchen Praktika sie den kommenden Sommer verbringt. Während meine Leute hier rumhecheln. Und nicht mal wissen, wo sie Weihnachten sein werden. Was in mir leichte Panik verursacht – denn wenn sie weg sind, was wird dann aus mir?

    Ich hörte, wie Felix‘ Kollege Martin davon erzählte, er habe einen Futterspender für seine Katzen. Da kämen zuverlässig alle paar Stunden ein paar Plocken raus, man könne das programmieren. Sei eigentlich zuverlässig. Eigentlich. Denke ich so. Und erzittere. Vor Wut.

    Höre dann aber wieder meine Nuria. Die erzählt, sie bekomme mehr Zeit für sich, indem sie die sozialen Medien beschleunige. Videos und Audios oder Sprachnachrichten höre sie grundsätzlich mit der doppelten Geschwindigkeit. Um Zeit zu sparen. Da es ja sowieso meist nur doofes Gelaber sei.

    Mittlerweile sei sie aber einigermaßen irritiert bei Gesprächen, die nicht online, sondern tatsächlich real face-to-face liefen: Denn die meisten Leute sprächen so unendlich langsam. Und kämen so selten auf den Punkt. Am liebsten würde sie die Leute vorspulen. Verstehe ich. Natürlich. Schnurr as schnurr can.

    Eine ganz andere Zeiterfahrung machte heute meine Bruna. Die war mit den von ihr als Teamerin betreuten Konfirmanden in der Gethsemanekirche zu einer Veranstaltung mit der Zeitzeugin und Holocaust-Überlebenden Ruth Winkelmann. 97 Jahre, voll fit. Sagt meine Bruna sichtlich erleuchtet.

    Und erzählt: In der Nazi-Zeit wurden Ruths christliche Mutter und der jüdische Vater wegen „Rassenschande“ zwangsgeschieden. Der Vater wurde in Auschwitz getötet. Ruth selbst überlebte – weil sie sich versteckte. Und es Menschen gab, die ihr halfen. Erzählt meine Bruna. Und: Auf die Frage, ob sie Hass verspüre, habe Ruth geantwortet: „Auf wen?“ Auf die Frage, was sie empfehlen könne für ein gutes Leben, habe sie geantwortet: „Genießt die Natur. Ernährt euch gesund.“

    Weise. Finde ich. Und so einfach. Eigentlich. Habe dem mal nichts hinzuzufügen. Auch, weil ich mich dann nicht so auf das Kraulerlebnis mit meiner Nuria fokussieren kann. Sagt der superschnurrende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute.

  • 27. November 2025

    Der unbeteiligte Dritte und Kampf gegen die AfD

    Mal wieder ruhig werden. Im Chaos der Welt. Denke ich so. Und packe mich auf die Decken, die auf dem Sofa liegen. Wild entschlossen: Mich. Nicht. Stören. Zu Lassen. Sondern einfach mal nur unbeteiligter Dritter zu sein.

    Und so kann ich hören, was meine Leute so labern. Der Cousin meiner Bruna, Karl, reist heute von Berlin nach Gießen. Trotz Stress und vieler Prüfungen im Studium. Er will dort sein. Um gegen die Neugründung der AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland zu protestieren. Rund 50.000 Demonstranten werden erwartet.

    Der Mann, der Chef der Organisation werden will, wird vom Verfassungsschutz Brandenburg als gesichert rechtsextrem eingestuft. Typen wie er locken Tausende Jugendliche an. Denke ich entsetzt. Und lächle über Karl. Der auch Menschen anlockt. Für die Demo. Und denke so: So nice. Dieses Engagement. Für die gute Sache.

    Den Leuten der Generation Z, also den um die Jahrtausendwende Geborenen, wird von den Alten ja immer gerne vorgeworfen, sie seien zu sehr auf Individualität gepolt, wollten nicht mehr arbeiten und in der so gewonnenen Freizeit reisen und teuren Hobbys nachgehen. Und ich sehe mal wieder: Krasse Vorurteile. Viele Z-Leute sind trotz der ganzen Krisen in der Welt nicht desillusioniert. Und bringen sich ein. Voll engagiert. Zum Glück.

    Aber schnell sinkt meine Stimmung wieder – denn da ist die nächste schräge US-Russland-Story: Einige Medien veröffentlichten ein Transkript eines offensichtlich geleakten Telefonats zwischen dem US-Sondergesandten Witkoff und dem russischen Präsidentenberater Uschakow. Mitte Oktober soll das knapp fünfminütige Gespräch geführt worden sein.

    Der US-Mann gibt darin dem Russen Tipps, wie Kremldespot Putin seine Bedingungen für eine Waffenruhe im Ukraine-Krieg am besten US-Präsident Trump verkaufen könne. Er solle einfach Trumps 20-Punkte Gaza-Friedensplan als Vorbild nehmen, sagt Witkoff. Trump damit schmeicheln. Und sagen, dass es so ähnlich wie in Gaza auch mit der Ukraine funktionieren könne.

    Uschakow bedankt sich für die Tipps und verspricht, die Infos an seinen Chef weiterzugeben. Vor wenigen Tagen nun wurde der angebliche US-Friedensplan mit 28 Punkten für die Ukraine bekannt – ein Plan, der sich für viele wie eine russische „Wunschliste“ liest.

    Und ich denke so: Wie absurd: Da gibt der Amerikaner dem Russen Tipps, wie der Ober-Amerikaner am besten überzeugt werden kann. Ekel erfasst mich. Aber, stopp – heute soll mein ruhiger Tag sein. Siehe oben. Also lausche ich Diegos Geschichten. Der will beim Fußball-Bundesligisten Hamburger SV ein Sport-Managementpraktikum machen. Er will zwei Monate, der Verein drei bis sechs Monate.

    Natürlich sei das Praktikum unbezahlt, meinen Vereinsvertreter. Und nebenbei sei es unmöglich, was zu verdienen, denn er werde voll eingespannt sein. Und ich denke an die kickenden Millionarios. Durch deren Gehälter es offensichtlich nicht möglich ist, den „tatsächlich“ Arbeitenden ein paar 100 Euro zu lassen. Egal, Diego freut sich. Und ich auch. Geld ist eh überbewertet. Denke ich so.

    Wichtig sind Ruhephasen. Und Leckerli. Sagt der tiefenentspannte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute.