Alles weiß: Als mich ein Partyfloß in der Spree crashte

Ausflüge – I love it. Felix und Laura nehmen mich wieder mit. Und ich staune: Unterhalb eines Bundestagsgebäude sitzen Dutzende weiß gekleidete Menschen an Tischen mit weißen Tischdecken, genießen ein gemeinsames Picknick. Gegenüber, auf der anderen Spreeseite, erinnern am Ufer sieben weiße Kreuze an Menschen, die bei der Flucht aus der DDR ums Leben kamen.
Die meisten Anfang der 1960er Jahre – getötet von Grenzbeamten beim Schwimmen durch die Spree. Da, wo heute die an einem Gitter angebrachten Kreuze mit den Namen der Opfer hängen, sahen die Flüchtenden damals das gelobte Land: West-Berlin. Da, wo heute die Menschen bei einem sogenannten Flashmob ein White Dinner feiern, erlebten die Flüchtenden damals auf ihrer verzweifelten Flucht die letzten Momente ihres Lebens.


Time. Time flies. Voll strange. Denke ich so. Springe von Felixens Schulter. Stürze mich in die Fluten des Flusses. Um nachzuvollziehen. Wenigstens ein bisschen. Wie es damals für die Flüchtenden war. Weißer Kater schwimmt vom White Dinner zu weißen Kreuzen. Durch die schwarze Spree.
Und yes, zurecht schüttelst Du den Kopf, liebe Leserin, lieber Leser. Es kann nur Fake sein. Denn ich gehe nicht ins Wasser. Never. Ever. Denn: Ich. Hasse. Wasser. Aber der Gedanke, das zu tun, ist tief in meinem Mind. Ich spüre mit. Es geht um die Erkenntnis: Dass auch Horrororte einer menschenverachtenden Diktatur wie das einst graue Ufer in gar nicht so langer Zeit zu Partyorten mutieren können.
Und das scheinbare Paradies auf der anderen Seite zugleich zu einem stillen, traurigen Gedenkort. Und zwischendrin: Schwimmt ein weißer Kater. Weiß, die Farbe der Hoffnung, Unschuld, Reinheit, Frieden. Ich sehe: Alles ist Änderung. Alles ist Fluss. Im Fluss. Ich spüre Hoffnung. Und Angst.

Und wache auf. Meine Gedanken, zerstört durch ein Floß, das mich ansteuert. Von dem Bässe wummern, deren Schall von den Wänden der Bundestagsgebäude hin- und herumgeworfen wird. 30 junge Menschen tanzen im Takt von „YMCA“. Gröhlen. Und fordern die weiße Gesellschaft am Ostufer auf, es ihnen gleich zu tun. Was sie machen. Gegenseitig feuern sie sich an.
„Ballermann-Vibes“. Sagt Laura. „Das Dorf feiert in der Großstadt.“ Sagt Felix. Und ich tauche unter. Angeekelt. Vom Mensch. Der sich auf ein Kreuz von Opfern am Westufer hangelt. Draufsetzt. Für ein Selfie. Alles so geschichtsvergessen. Respektlos. An die Opfer, die hier ihr Leben verloren, denkt in der Sucht nach fun keiner mehr. Abgesehen von mir. White cat.



Und Laura erzählt, nie habe sie sich vor vier Jahrzehnten vorstellen können, als sie als jugendliche DDR-Pionierin durch Ost-Berlin an meinem Revier vorbei spazierte, sie werde später dort leben. Mit einem Wessi. Und Felix erzählt, nie habe er sich auf seiner Klassenfahrt 1986 in West-Berlin vorstellen können, einmal in Ost-Berlin zu leben. Mit einer Ossi.
Und ich hätte mir nie vorstellen können, mal zu schwimmen. Oder mit einer Main Cooke zusammenzuleben. Sagt der weiße Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Macht mal einen Flashmob mit.Und chillt, Leute!
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