Hauptstadtkater

6. August 2026

Die Entmenschlichung von Flüchtlingen und das Ceuta-Debakel

Sommerzeit ist Jagdzeit. Fliegen, Mücken und Motten strömen in Massen durch die gekippten Fenster, um dann im Licht der Lampen zu tanzen. Und Coco und ich so: Lechzend davor stehend. Sie taxierend. Zuschlagend. Um die kleinen Süßen dann zu vernaschen. Ein gar herrliches Schauspiel.

Anlocken ist einfach. Denke ich so. Der Köder muss eben stimmen. Was für Insekten das Licht und für mich Insekten, ist für Menschen die Aussicht auf ein besseres Leben. Deswegen riskieren Tausende Menschen – vor allem aus Afrika und Asien – täglich ihr Leben. Um auf gefährlichen Routen durch Wüsten und über Meere in scheinbar gelobte Länder zu kommen. 

Kürzlich stürmten im Laufe weniger Tage rund 70.000 Menschen in die spanische Exklave Ceuta. Von einem Strand an der marokkanischen Küste schwammen sie los, um zum Grenzzaun zu gelangen. Viele ausgerüstet mit Schwimmreifen, weil sie kaum schwimmen können. Viele junge Männer, aber auch Frauen und Kinder. Mit nichts als ihren Kleidern am Leib.

Offiziell wird hernach mitgeteilt, dabei seien mehr als 140 Menschen ertrunken. 140. Wieder mal eine abstrakte Zahl. Die in Europa kaum etwas auslöst. Vielmehr wird erbittert darüber gestritten, wie es möglich sein konnte, dass so viele Menschen zugleich die Flucht wagten. Dass die Menschen schleunigst wieder zurück müssten. Wie eine solche Flüchtlingswelle – ja: Flüchtlingswelle, als ob das ein Naturphänomen wäre – künftig zu verhindern sei.

Dass der sozialistische spanische Ministerpräsident Sanchez daran Schuld sei – da er mit seiner liberalen Asylpolitik falsche Hoffnungen geweckt habe. Empathie: Fehlanzeige. Diskutiert werden die Narrative der Rechten. Populisten. Und Extremisten.

Was die Migranten erlebten, wird zwar auch berichtet. Aber auch da liegt der Fokus darauf, herausfinden zu wollen, wie es zu dieser massenhaften Flucht kommen konnte.Und weniger darauf, welchen Horror die Menschen aushalten müssen. Und so ist zu hören, dass marokkanische Sicherheitskräfte sie an der Küste angefeuert, sogar geschlagen hätten, damit sie ins Meer steigen und fliehen. Und sie durch Social Media-Kampagnen, in denen von offenen Grenzen gesprochen wurde, angelockt worden seien.

Eine Erklärung ist da. Die meisten Migranten sind längst wieder weg. Weil sie in Ceuta auf der Straße kampieren mussten, es nicht einmal Trinkwasser gab. Und die meisten Politiker sind froh: Problem gelöst. 

Und ich denke an den Aufschrei nach dem jüngsten Anschlag in Berlin auf den CSD, bei der ein Mensch starb. Überhaupt die Aufschreie, wenn nach Anschlägen in Europa oder den USA Menschen verletzt – und auch getötet werden. Das ist entsetzlich. Naturally. Und jeder Aufschrei ist gerechtfertigt. Aber wo bleiben die für die mehr als 140 Toten von Ceuta?

Es ist eben so: Es gibt noch immer Menschen erster und zweiter Klasse. Europäer, Amerikaner auf der einen, die anderen auf der anderen Seite. Was für ein Rassismus. Denke ich so.

Und Coco fängt ein Flattertier. Die sind schnell. Aber dumm. Klar, auch wir haben im Übereifer mal Probleme. Und so prallt Coco gegen die Stehlampe. Die umkracht. Ist eben so. Kollateralschaden. Sagen Menschen. Sagt der jagende Hauptstadtkater. Und jetzt: Würdigt Flüchtlinge. Und chillt, Leute! 

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert