Warum ich mir nichts zutraue und stinke

Ich fühle mich so richtig – sorry – scheiße. Deprimiert. Denke, heute nichts auf die Reihe zu bringen. Nicht mal Leckerli von meiner Bruna einfordern zu können. Und alle meine Leute sagen – einer nach dem anderen – zu mir, als sie mich chillend auf dem Sessel sehen: „Oh, Charlie, wie süß du wieder ausschaust. Lass dich mal knuddeln.“
Also genau das, was ich in diesem Moment nicht will, hasse. Eigen- versus Fremdwahrnehmung. Denke ich so: Wie das differiert. Bei Menschen jedenfalls. Denn Kater und Katzen riechen, wenn andere Lebewesen in Ruhe gelassen werden wollen. Merken das an deren bitteren Ausdünstungen.
Kurz: Wenn ich unpässlich und genervt bin (sic: Das gibt es tatsächlich!), dann stinke ich, würde Mensch sagen, wenn er feinere Nüstern hätte. Menschen aber sind eben leider wahrnehmungsgestört. Opfer eben. Die auch deswegen zu Tätern werden.
Und so finde ich es fantastisch, dass Laura für mich ein Schild gemalt hat und auf dem Tisch in der Küche platziert hat. Auf dem Plakat steht in großen Lettern: „Ich trau mir oft nichts zu.“ Und ich denke so: Yes, Treffer, das ist bei mir genau der Grund für mein Unwohlsein.

Aber: Als ich mich auf das Schild lege, verscheucht mich Laura sofort. Und sagt, das sei ihr Plakat. Sie habe es bei einer Psychotherapeutinnen-Fortbildung gemalt. Der Seminarleiter habe die Aufgabe gestellt, einen belastenden sogenannten Glaubenssatz aufzuschreiben. Bei ihr sei es eben dieser Satz gewesen, der ihr spontan eingefallen sei.
Und für sie überraschend – auch die anderen 19 Teilnehmerinnen hätten ähnliche Sätze aufgeschrieben. Gestandene Therapeutinnen, die so selbstsicher wirkten. Hatten da Sätze stehen, wie, dass sie sich nicht wahrgenommen fühlten (wie ich), dass sie fürchteten, total nervig zu sein (ich nicht), ihre Ziele eh nicht erreichen zu könnten (wie ich).
Und ich denke so: Alta, alles Expertinnen, alles Leute, die Leuten helfen sollen, mit Problemen wie eben diesen zurecht zu kommen. Oh weia, Menschen! Immerhin: Die in der Fortbildung versammelten Therapeutinnen scheinen es geschafft zu haben, mit ihren Unsicherheiten umzugehen – sonst wären sie ja nicht in dem Job. Denke ich so.
Und genau das brauchen dann eben auch ihre Patientinnen, Den richtigen Umgang mit Unsicherheit. Denn die Erkenntnis scheint ja zu sein: Letztlich sind alle Menschen unsicher.

Nun – Laura erzählt weiter, der Seminarleiter habe sie dann aufgefordert, alle Teilnehmerinnen sollten sich je einen Partner suchen. Und diesem den eigenen Glaubenssatz langsam sagen: Das auszuhalten, sei extrem intensiv gewesen. Sagt Laura. Und zu merken, dass es allen ähnlich gehe. Danach hätten sie ihren Satz 20 Mal hintereinander immer schneller wiederholen sollen. Der Satz und sein Inhalt hätten sich so verflüchtigt. Sehr nice. Sagt Laura.
Während Coco tatsächlich auch mich springt. Obwohl ich deprimiert bin. Trotz meines bitteren Gestanks. Alleine: Sie weiß es, dass ich sie gerade nicht will. Und macht es trotzdem. Um mich zu ärgern. So sind sie. Katzen. Ich beiße zurück. Habe tatsächlich Spaß. Sagt der nun optimistische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Akzeptiert Schwäche. Und chillt, Leute!
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