Selbstekel wegen der Faszination über das Grauen von Nepal

Kann ich es aushalten? Kann sie es aushalten? Halten wir es zusammen aus? Ein Versuch ist es wert. Denke ich so. Und klettere auf den Schoß meiner Bruna. Vor mir trieft Fett von ihrem Brot, neben ihr flimmert ihr iPad. Mit der Netflix-Serie „Outer Banks“.
Ich will ihre Nähe. Gekuschelt werden. Und meine Bruna so: Hat Hunger, will endlich essen, Ruhe, aber auch „Outer Banks“ suchten und dabei abschalten. Nimmt mich dazu stöhnend (sic: stöhnend, mich!) in Kauf. Sie sei ja Multitasking, meint sie noch generös. Hält es dann aber nicht aus, als Felix plötzlich mit gezückter Handykamera vor ihr, vor uns steht. Für Fotos. Von diesem weirden Moment.
Und ich denke so, das ist doch wahre Ambiguitätstoleranz. Meine Alea muss das Vieldeutige, Ungewisse jetzt aushalten. Um nicht auszurasten. Oder zu fliehen. Muss aushalten, dass sie von Felix (stark) und mir (ein wenig) genervt ist, wir aber beide ja eigentlich ihr voll zugewandt sind. Weil wir sie mögen.
Sie aber muss erst mal ihre Primärbedürfnisse erfüllen, also essen und chillen, um wieder Kraft zu schöpfen. Und zugewandt sein zu können. Und ich – muss aushalten, dass meine Bruna neben mir andere Götter hat – ein Toast und eine Serie. Endlich macht Felix seine Fotos. Und zieht von dannen. Eine Uneindeutigkeit weniger…

Denn ich brauche Eindeutiges. Für Ruhe. Und Entspannung. Die vergangenen Tage habe ich eine schreckliche Katastrophe einfach verdrängt – die Sturzflut im Himalaya-Gebirge, durch die in Nepal, Tibet und China Hunderte, wahrscheinlich Tausende Menschen ums Leben kamen. Natürlich auch Katzen, Kater – und andere Tiere.
Ganze Dörfer wurden von Schlammlawinen begraben. 1.000 Tote sind geborgen, 5.000 weitere werden vermisst. In den sozialen Netzwerken werden immer mehr Videos gepostet, die den Horror zeigen, wie die Fluten Gebäude erfassen, auf deren Dachterrassen zig Menschen stehen – die dann mit dem kollabierenden Haus mit ins Wasser stürzen.
Krasse Urgewalt. Die faszinierend ist. Ich merke, ich kann nicht wegschauen. Es ist wie ein Katastrophenfilm. In real. Die Ästhetik des Grauens. Bin angewidert, angeekelt von mir selbst.

Und höre Felix. Der sagt, er habe zuletzt am 11. September 2001 so etwas Ähnliches empfunden. Als die Flugzeuge von islamistischen Terroristen in die Türme des World Trade Centers in New York flogen. Die einstürzten. Aus denen Menschen sprangen. Wie in einem Videospiel.
Und ich denke so: Krasse Mehrdeutigkeiten. Meine Bruna erträgt sie stoisch. Und entspannt sich, als das Essen endlich wirkt und der Zucker ihr Blut erreicht. Meine Bruna krault mich nun sogar. Ich lecke an ihrem Brot. Zusammen aushalten ist eben doch besser als alleine das durchzustehen. Wir können Multitasking. Also doch. Sagt der entspannte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid stark. Und chillt, Leute!
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