Der schielende Diego auf dem Weg zum Doctore

Ist das tatsächlich mein Diego? Der lebenslustige, zugewandte, verkuschelte Mensch, den ich so schätze? Nun, seit acht Wochen sitzt er jeden Tag stundenlang in seinem Zimmer und starrt in komischen Büchern auf Muster. Ist voll gefangen davon, hypnotisiert oder so. Lässt sich nicht ablenken, schaut nicht mal auf, als ich sein Bein malträtiere. Kratze. Auf seinen Schoß jumpe.
Und verscheucht mich wie eine lästige Fliege von seinem Buch, wenn ich mich drauflege. Und so starre ich ihn unverwandt an und bin erschüttert. Weil ich sehe: Seine Pupillen sind verschoben. Er schielt. Sieht voll krank aus. Kreuzblick. Sagt er. Zu mir. Und ich kreuze seinen Blick. Um ihn zu entkreuzen. Oder so.
Tell me why? Denke ich so. Und tatsächlich. Diego gehorcht. Und sagt: Dies sei eine Methode, um beim Medizinertest sehr schnell aus fünf kleinen Bildern jenes herauszupicken, das exakt mit einem großen Originalbild übereinstimmt. Und ich so – Medizinertest, wozu? Und er so: Nun, damit habe man zumindest bessere Chancen, sich für ein Medizinstudium zu qualifizieren.
Wenn man nicht gerade ein Abi mit 1,0 gemacht habe. Deswegen lerne er. Schaue sich Schlauchfiguren, Therapievorschläge und Geschichten von Patienten an. Löse mathematische Aufgaben. Und lerne, seinen Blick zu kreuzen. Um nächste Woche ein gutes Ergebnis bei diesem Test zu erzielen. Und ich starre ihn an. Überkreuz. Sind seine Augen doppelt, die Nase auch. Mein Kopf schmerzt. Ich bin ungeeignet. Offensichtlich.

Warum schaut Diego nicht NBA? Chillt? Oder isst? Ganz gechillt. Wie sonst so. Denke ich. Während er weiter schielt. Man schaue nicht direkt auf eines der beiden zu vergleichenden Bilder, sondern auf einen virtuellen Punkt zwischen ihnen, sodass sich die Blickachsen kreuzten. Sagt er. Dadurch würden die beiden Bilder zu einem virtuellen dritten – und einen Unterschied würde man sofort erkennen.
Ich verstehe nichts. Und frage mich, ob das gesund ist. Absichtliches Schielen. Das mache nichts. Sagt mein Diego. Es gehe bei diesem Test einfach darum, Strategien zum Lösen von Aufgaben zu lernen und anzuwenden. Tatsächlich kämen Leute, die bei diesen Test gut abschneiden, im Studium besser zurecht als andere.
Und ich denke so: Menschen wollen immer arbeiten. Probleme lösen. Die es gar nicht gibt. In echt. Machen Schieltests selbst für einen Job, der doch vor allem Einfühlungsvermögen braucht. Arzt eben. Wolle er gar nicht werden. Sagt Diego. Und ich so: Häh? Warum dann der Test? Mysterien allüberall.
Diego schielt. Und ich so: Fingers, äh, Krallen crossed. Weil ich weiß: Er wäre ein guter Doctore. Denn das Einfühlungsvermögen, das hat er. Meist. Wenn er mich kuschelt.
Und ich sehe Coco. Die sich putzt. Mit Fäden spielt. Und leckt. Und putzt. As putz can. Dabei ihre Pfoten kreuzt. Der berühmte Kreuzputzer. Oder das Putzerkreuz. Ihr Job. Sagt der schielende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Lernt Strategien. Und chillt, Leute!
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