Wenn Oppa vom Krieg erzählt und meine Bruna Zäune überwindet

Ach, sie werden so schnell groß. Denke ich so. Und fühle mich bei diesem Spruch wie ein Oppa. Dachte das mit dem ungebändigten Wachstum, weil sich Coco vor mir räkelt. Mich mittlerweile selbst liegend überragt. Um rund 2,7 Zentimeter. Viel länger ist als ich. 28 Zentimeter. Mit nicht mal einem Jahr.
Sie ist auch: Hungriger. Felliger. Als ich. Weicher. Schneller. Und leichter. Also unbeschwerter. Alles erforschend. Auch die Gefahren. Der Welt. Und dabei auch noch immer entspannt. Tröstlich, dass es bei den jungen Menschen mit den Veränderungen ähnlich ist: Meine Bruna. Wächst krass. So dass selbst ich mich manches Mal schütteln muss. Um sie wieder zu erkennen.
Sie, die gerade noch mit ihrem Stoffhündin Sally durch den Park spazierte, geht nun mit ihren Freundinnen und Freunden zu einigen Demos und Partys, die am 1. Mai in Berlin steigen. Ist im Berliner Mauerpark. Schwärmt von der Stimmung dort. Überall Bands, Trommler, Menschen, die Picknick machen, grillen, trinken, rauchen, tanzen. Entspannt. Gechillt. Sagt sie. Fest der Generationen.

Klar, vor allem seien Menschen ihres Alters da. Aber auch Alte um die 30. Und noch ältere wie Felix und Laura, also von der Generation X oder wie sie heiße. Dann sei sie mit ihren Freunden weitergezogen, nach Kreuzberg, zum Görli. Krass überfüllt. Von der Polizei abgeriegelt, weil zu voll. Sie hätten sich eine unbeaufsichtigte Stelle gesucht – und seien dann über den 2,38 Meter hohen Zaun geklettert. Voll Abenteuer. Sagt meine Bruna.
Und im Park: Aggressivere Stimmung. Demonstriert worden sei gegen die nächtliche Schließung des Görlitzer Parks – einem Hotspot für Drogendealer. Mit Beginn der Dämmerung habe die Polizei dann ihre eigens für diesen Abend aufgebauten Strahler eingeschaltet – um den Park zu erleuchten. Sie seien weitergezogen. Sagt meine Bruna. Hätten in den Schlachtruf eingestimmt: „Nieder mit der Scheiß-AfD.“ Zu einer Bühne, auf der die Rapperin Ikkimel für Ekstase gesorgt habe.
Von dort hätten sie die sogenannte Revolutionäre 1.Mai-Demo beobachtet. Mit dem schwarzen Block. Die vermummten Jugendlichen hätten die Polizisten beschimpft. Böller seien gezündet worden. Und auch ein paar Bierflaschen geflogen.
Tja, Felix stimmt nun ungefragt in die Erzählung meiner Bruna ein. Und muss offenbar rauslassen, wie er als Jung-Reporter Anfang der 00er Jahre über die Ausschreitungen am 1. Mai berichtete – eingekeilt zwischen Polizei-Wasserwerfern und Pflastersteine schmeißenden Randalierern. Erzählt von auf der Straße liegenden Verletzten, brennenden Autos, geplünderten Geschäften.
Und meine Bruna so: „Ach Daddy, lass doch mal die alten Storys. Du klingst wie Oppa, der vom Krieg erzählt.“ Krass, meine Bruna, denke ich so. Und spüre, wie Coco mich haut. Als ich mich ihr nähere. Um sie vor der über ihr schwirrenden Wespe zu warnen. Sie versucht, das Insekt zu catchen. Sie will sich nicht warnen lassen. Forscht eben. Und so sinniere ich über die Unmöglichkeit, die jüngere Generation vor Ungemach schützen zu wollen.
Offenbar muss eben jeder eigene Erfahrungen sammeln. Auch leidvolle. Denke ich so. Oder eben auch nicht. Die Wespe fliegt aus dem gekippten Fenster. Coco gähnt. Voll entspannt eben. Sagt der kleine Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Akzeptiert die Selbsterfahrung. Und chillt, Leute!
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