Hauptstadtkater

4. Mai 2026

Alles jammert: Die Leiden meiner Laura in der Jugend-Psychiatrie

Mangel ist relativ. Ich weiß, ich weiß. Auf welch hohem Niveau ich klage. Wenn ich rumheule, dass wieder mal nicht genug Leckerli für mich da sind. Und ich darbe. Darben muss. Weil mir meine Leute nichts gönnen. Sie behaupten: Wenn ich mehr bekäme, würde ich zu dick. Ich behaupte: Sie sind geizig. Haben nicht genug Geld. Und das, was sie haben, geben sie für eigenen Schnickschnack aus.

Aber: Ich bin mit meinem Jammern nicht allein. Im Gegenteil. Alles jammert in diesem so reichen Land. Im Allgemeinen: Für Bildung, Rente, Soziales sei zu wenig Geld da. Schulen bröckeln, Toiletten stinken, Brücken knicken ein, Krankenhäuser machen dicht. Und im Speziellen: Bio-Lebensmittel seien unbezahlbar, Urlaub kaum noch möglich, Konzertkarten unbezahlbar, Arzttermine nur für privat Versicherte zu haben. Und dann kommt meine Laura. 

Empört von ihrer Arbeit zurück. Richtig empört. Mit rotem Gesicht und so. Weil es eben Menschen gebe, die intensivst betreut würden, von zig Fachkräften. Und es dann nach Monaten dankten mit Worten wie diesen: „Keine Lust, weiß ich nicht.“ Die Story behind: Heute gab es für die 16-jährige Julia – ein depressives, suizidgefährdetes Mädchen, das seit zwölf Wochen in der Psychiatrie betreut wird – ein sogenanntes Entwicklungsgespräch.

Mit dabei: Neben meiner Laura, der Patientin und deren Mutter eine Therapeutin, die behandelnde Ärztin, ein Psychologe, eine Sozialarbeiterin, der Vertrauenslehrer der alten Schule, ein Lehrer aus der Krankenhausschule. Thema: Perspektiven – wie kann es weitergehen? Mehr als eine Stunde wird geredet. Egal, ob es um Sport oder Schule geht, Julia antwortet auf sämtliche Vorschläge: „Ich weiß nicht.“ 

Immerhin, am Ende antwortet Julia: Vielleicht“, als meine Laura ihr eine einstündige Kunsttherapie pro Woche anbietet. Die könne aber frühestens in einer Woche starten, damit man das Mädchen nicht überfordere. Meint die Sozialarbeiterin. Sonst werde ihr zu viel zugemutet. Immerhin, die 16-Jährige hat ja bereits schon kleine Steps genommen: Sie schafft es mittlerweile, alleine mit der Straßenbahn wieder nach Hause zu fahren. Und am nächsten Tag zu kommen.

Bis vor einer Woche wurde sie gebracht – von einem Taxi. Gezahlt von der Krankenkasse, Und ich denke so: Eigentlich doch top. Eine solche Betreuung. Für kranke Menschen. Andererseits: Krass, wie viel Geld da ausgegeben wird. Wo es doch vor allem im Gesundheitsbereich an vielen Stellen zu fehlen scheint.

Und ich ekle mich wieder mal vor mir selbst. Ob meines Eifers. Denn ich weiß, ich weiß: Mangel sollte nie gegen anderen Mangel ausgespielt werden. Vor allem nicht von Dilettanten wie mir, die die Hintergründe nicht kennen. Und so nur populistische Sülze von sich geben. Was auch am ungestilltem Hunger auf Leckerli liegt. Sagt der darbende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Relativiert. Und chillt, Leute! 

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