Hauptstadtkater

26. August 2026

Wie die Polizei Nährboden für die AfD schafft

Meine Bruna musste vor einem Vierteljahr erleben, wie ein Mann in einem Zug vor ihr und mehreren Klassenkameradinnen masturbierte. Die Mädchen informierten den Zugbegleiter, am nächsten Bahnhof nahm die Bundespolizei den Mann in Gewahrsam. Die Mädchen weinten. Die Klassenfahrt – verdorben.

Anderthalb Monate später schrieben sie das Horrorerlebnis auf Forderung der Polizei detailliert auf. Und hofften, alles sei getan. Falsch gedacht. Denn erneut kam nun ein Brief der Polizei, mit der Aufforderung, persönlich in einer Dienststelle zu erscheinen, um den Verdächtigen per Lichtbild zu identifizieren. Und den Vorfall schriftlich zu schildern.

Und, I guess, selbst mein Puls ging hoch. Die Mädchen jedenfalls empört. Was das solle? Sie hätten den Mann bereits bei dessen Festnahme live identifiziert. Und den Vorfall bereits schriftlich ausführlich geschildert.

Felix ruft bei der für den Fall zuständigen Polizistin an. Und die so: Was, es werde bereits ermittelt? Das habe sie nicht gewusst. Dann sei ihr Schreiben gegenstandslos. Ja, sie könne die empörte Reaktion der Mädchen verstehen. Tue ihr leid. Aber: Ob Felix ihr noch die Vorgangsnummer der ermittelnden Behörde schicken und die anderen Betroffenen informieren könne. Das würde ihr die Arbeit erleichtern. 

Und ich denke so, kann ja alles passieren. Aber ist eben auch eine Art Symbol für den Zustand des Patienten Deutschland. Also, dass nicht einmal mehr die Kommunikation bei der Polizei intern funktioniert. Nicht mal eine Nummer selbstständig herausgefunden werden kann. Und Felix den anderen Betroffenen Bescheid geben soll, dass erst mal nichts gemacht werden müsse.

Und das bei einem Thema wie sexuellem Übergriff. Von dem neun traumatisierte Teenagerinnen betroffen sind. Die nun erneut damit konfrontiert werden. Und zurecht den Sinn einer weiteren Befragung in Zweifel ziehen. Und so bereits im jugendlichen Alter massiven Frust, Wut gegen ein offensichtlich unfähiges System entwickeln. 

Sorry, nun ein großer Sprung. Aber das Erlebnis meiner Bruna soll ja auch nur ein kleines Beispiel dafür sein, wo und wie der Nährboden für Rechtsextremisten gedeihen kann. Jene also, die mit Vorliebe auf das „System“ eindreschen. Wie kaputt es sei. Dass es dringend einen Politikwechsel brauche. Um es zu reparieren. Mit ihr, der AfD. 

Was viele Wähler eben glauben wollen – und ein Erlebnis wie das meiner Bruna als Exempel für ein kaputtes Deutschland betrachten. Einfach, weil es so einfach ist. Das zu glauben. Und es so gut tut, die einfachen Antworten der AfD zu bejubeln – in einer immer komplexer werdenden Welt.

Wo einem die AfD einfach so sagt, Klimawandel gebe es nicht – ungeachtet dessen, dass auch in Deutschland die Flüsse kaum noch Wasser führen und Wälder brennen. Wo einem die AfD sagt, wenn die Migranten raus seien, werde alles besser – obwohl allein im in knapp zwei Wochen wählenden Sachsen-Anhalt dann jede Frau fünf Kinder bekommen müsste, damit der Arbeitsmarkt nicht zusammenbricht.

Aber vielleicht, hoffe ich so, wachen die Menschen ja doch noch auf. Vielleicht sind die Umfragen, nach denen die AfD in dem kleinen Bundesland mit seinen 2,1 Millionen Einwohnern weit über 40 Prozent der Stimmen bekommen wird, falsch. Die Hoffnung regiert.

Meine Bruna und ihre Klassenkameradinnen sind erst einmal beruhigt. Die Ermittlungen gegen den Mann laufen. Und laufen. Und laufen. Coco starrt ins Licht. Hypnotisiert. Ein guter Zustand. Sagt der erleuchtete Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute!

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