Hauptstadtkater

19. Juli 2026

Die neuesten Leiden meiner Bruna – Betrachtungen vom Philosophenthron

Worum es im Leben geht? Fragt Ihr – ernsthaft? Ok, ich formuliere es für Euch aus, liebe Leserin, lieber Leser: Gepflegtes Chillen, uneigennütziges Chillen, schönes Chillen. Und bestenfalls andere zum Nachahmen animieren. Denke ich so. Von meinem Philosophenthron in der Küche herab.

Und darauf wartend, dass sie – ja: sie, meine Bruna – nach gnadenlos einsamen Wochen endlich mal wieder zu mir kommt. Damit wir gemeinsam in den Wahnsinns-Chill abdriften. Aber sie, sie versucht weiter 1.600 Kilometer südwestlich von mir in Lacanau an der französischen Atlantikküste in diesen absoluten Chillzustand zu kommen. Was naturally cringe ist. Ohne mich. Geht’s noch? Chillen ohne mich? 

Geht nicht. Sieht sie endlich selbst ein. Und erzählt mir von ihrem unendlichen Leid. Mit den Alten. Mit Felix und Laura. An die sie sich ständig anpassen muss. Eigentlich auch will. Weil sie dankbar sei, mitfahren zu dürfen. Aber, großes Problem: Ab einem bestimmten Alter – 28? – scheinen Menschen absolut unfähig zu sein, chillen zu können.

Stattdessen: Ständig Aktion, Plan, Reaktion. Konkret: Nach dem Croissant holen frühstücken, nach dem Frühstück Surfen, nach dem Surfen Radfahren. Und Radfahren ist der Zustand vor dem Konzertbesuch. Und ich habe Mitleid, Empathie, mit meiner Bruna: Radfahren. Sie hasst Radfahren. Jedenfalls mit den Alten. 

Nun, meine Bruna will trotzdem eine gute Tochter sein. Und macht täglich böses Spiel zur guten Miene. Oder so ähnlich. Rollt also mit ihrem Rad auf den durch die Hitze weich gewordenen buckligen Teerwegen mit, während sie in der Ferne hinter den Dünen das kühle Meer an den Strand wellen sieht.

Und hört dann Felix ätzen: „Jetzt fahr doch mal schneller, jetzt werden wir sogar von Rentnern überholt.“ Und Laura: „Wenn du keine Lust hast, du musst nicht, kannst nach Hause. Keiner wird sauer sein.“ Wiederholen sie wieder und wieder mit bitterer Miene. Während meine Bruna in der Hitzehölle strampelt bis zum Wahnsinn.

Und ich erinnere mich ans Jahr 2025: Da musste meine Bruna auf eben jenen Cap mit den Alten 128 Kilometer am Stück radeln. In wenigen Stunden. Traumatisch. Immerhin: Jedes Leid endet irgendwann mal. Und ist dann aber leider zugleich Ausgangspunkt für einen neuen leidvollen Anfang: Meine Bruna muss nach der Radtour mit zum Konzert der California Peppers, einer Coverband der Reed Hot Chilli Peppers. Jahrzehntealte Musik, Alta.

Meine Bruna erträgt es stoisch. Lächelt. Vor sich alte, wabernde Leiber, die verzweifelt versuchen den Takt der dröhnenden Beats zu erwischen. Eher synkopisch. Denkt sie. Immerhin, Möwen cruisen. Meine Bruna entspannt, sieht dann die verzerrt-schweißnassen Gesichter ihrer Eltern. Die ihr entgegen kreischen: „Was machst Du für ein Gesicht, gefällt es Dir nicht?“

So ist das. Denke ich so. Wenn meine Bruna ohne mich verreist. Hier, bei mir, könnte sie chillen ohne Ende. Mit mir. Mit Coco. Mit Diego. All day long. Sagt der vermissende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Passt euch an. Und chillt, Leute!

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert