Hauptstadtkater

3. September 2026

Ich heile Nurias Hand und will aus dem abgefuckten Berlin nach Palermo

Warum begreifen es Menschen nicht? Es gibt Katzen, Kater – und mich. Vorhin also befleißigte sich meine Nuria, die dekorativ auf meinem Sessel ausgerollte Coco zu kraulen. Zu knuddeln. Und dann ging es schnell: Coco fuhr ihre Pfote aus. Mit Krallen. Und hinterließ einen klaffend rot schillernden Riss auf der Hand meiner Nuria.

Die bass erstaunt aufschreit: „Au. Du falsche Kröte. Ich mag dich nicht mehr. Du bist komisch.“ Und ich denke so: „Ach nee. Warum macht meine Nuria Kröten so schlecht?“ Schade jedenfalls, Coco hat es geschafft, meiner Nuria die eigentlich ausgezeichnete Stimmung zu verderben.

Denn eben hatte sie nach langer Recherche den perfekten Flug zu Weihnachten von Sizilien – wo sie ja ein halbes Jahr ihr Erasmus-Studium macht –  zu mir nach Berlin gefunden. Und sofort gebucht. 65 Euro hin und zurück, direkt natürlich. Und ich denke so: „Häh, war da nicht mal was?

Solche Billigflüge sollten doch nicht mehr angeboten werden, damit Menschen nicht mehr so oft fliegen, der Umwelt zuliebe? Was soll meine Nuria nun machen? Auf die Reise verzichten? Oder eben diese Flüge nehmen? Mit denen sie drei Stunden unterwegs ist und im Vergleich zu einer 30-stündigen Bahnreise mit zig Umstiegen nur ein Fünftel bezahlt. 

Meine Nuria, die die Wunde nun mit einem Kühlkissen behandelt, ist jetzt in Fahrt: Schaut Coco an und sagt: „Bin ich froh, von Dir Biest wegzukommen.“ Überhaupt wegzukommen aus diesem hässlichen, vollkommen abgefuckten Berlin ins paradiesische Palermo. Gestern sei sie die nur 282 Meter von meinem Revier entfernte Hauptstraße entlang gelaufen.

So viel Müll auf den Wegen habe sie weder in Namibia noch in Brasilien gesehen – wo sie durchaus auch in verarmten Vierteln unterwegs gewesen sei. Vor einem Buchladen hier, der vor drei Monaten dicht gemacht hatte, habe eine mit braunen Flecken übersäte Matratze gelegen. Auf ihr habe ein Mensch geschlafen.

Wenige Meter weiter, vor der Haustür ihrer Freundin, hätten Fäkalien gelegen. Eindeutig menschlich. Sagt meine Nuria. Dazu dann noch das Berliner Herbstwetter. Grau, grauer, Berlin. Bei gefühlt 29,7 Grad. Ihr geliebtes Freiburg sei da völlig anders. Sauber. Warm, aber sonnig. Und Ähnliches habe sie eben auch von Palermo gehört.

Hmmm, als ob da oder in Freiburg alles perfekt wäre. Denke ich so. Denn in ihrer Freiburger WG hat sie Horror, den sie hier nicht hätte. Sie erzählt, jede Nacht, in der sie mal austreten müsse, kehre sie voller Angst in ihr Zimmer zurück. Weil sie sich vorstelle, dass dort auf ihrem Sofa ein Fremder säße. Oder noch schlimmer: Eine Maus krabbele. Nun, letzteres wüsste ich zu verhindern. Denke ich so.

Und spüre, wie sich meine Nuria endlich von Coco abwendet und zu mir kommt. Mich krault, knuddelt. Meint: “Ach Charlie, auf dich ist Verlass. Du bist eine ehrliche Haut. Und so ausgeglichen.“ Ich schnurre. Schenke ihr Glauben, Stärke, Hoffnung, Wärme. Heile ihre Wunde. Really. Sagt der perfekte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Macht Berlin sauber. Und chillt, Leute! 

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