Hauptstadtkater

2. September 2026

Urknall zu Lauras birthday mit viel Ohropax

Es sind Tage wie diese. Die ich liebe. Der Tisch voller Geschenke. Die knistern, wenn man sich drauflegt. Die man per Prankenschlag öffnen kann. Und dazu: Lecker Blumen. Birthday nennen Menschen das. Heute dran: Laura.

Die aber erst mal gar nicht amused ist. Weil da schon Coco statt eines daneben liegenden Merino-Shirts aus Geschenkpapier schnurrt. Weil die Vase wackelt, an der ich mit der Rose kämpfe. Laura beruhigt sich. Im Rausch des ständigen Handy-Klingelns. Weil Felix ihr einen Latte serviert. Weil meine Bruna ihr ein blaues Wellen-Gemälde überreicht. Weil Diego ihr selbst gemachtes Pesto kredenzt.

Und dann auch noch die sonst so ferne Nuria aus Freiburg auftaucht. Mit ihrem Freund Piet. Und sie einen Song schmettern. Für Laura. Der selbst mich ergriffen aufs Sofa sinken lässt. Nun ja, ein bisschen. Denn dann sind sie weg.

Konzert. Philharmonie. Ein Urknall sei das gewesen. Symbol fürs kommende Lebensjahr. Sagt Laura hernach. Tutuguri hieß das Werk. Ein von einem Komponisten namens Rihm vertontes Gedicht eines Poeten namens Artaud, der einen Ritus der schwarzen Sonne schrieb – irgendwie basierend auf einen Stamm Indigener von Mexiko, wie Felix verschwurbelt erklärt.

Auf jeden Fall: Schlagwerk ohne Ende. Lärm. Oder: Energie? Kraft? Beides. Jedenfalls kaum Melodie. Meint meine Nuria. Und am besten für sie: Ohropax ohne Ende. Vom Veranstalter für empfindsame Ohren ausgelegt. Womit sich das Konzert schon gelohnt habe. Ihre Vorräte seien jedenfalls jetzt aufgefüllt. Sagt meine Nuria. Und weist auf ihre überquellenden Hosentaschen. 

Felix sagt: Das war Teufelsaustreibung. Laura sagt: Urknall. Diego sagt: V.I.P. in der Psychiatrie (Stichwort: K.I.Z.). Meine Bruna sagt: Nichts. Weil sie neben mir liegt. Krank auf dem Sofa. Und ich sie tröste. Und meine Nuria? Verkrampft. Weil sie weiß, dass Laura und Felix sie fragen werden, wie sie das Stück fand.

Und ihr nichts einfällt. Weil sie einfach nur zuhören will. Und denkt, nichts sagen zu können. Zu wollen. Dann aber sagt: Sie habe an ihre Griechin gedacht. Mit der sie bald in Palermo in eine WG ziehen will. Zum Erasmus-Studium dort. Und die durchaus anstrengend zu sein scheint. Und bei einem lustig gemeinten, ihr geschickten Insta-Video schon fragte, warum es keine Trigger-Warnung gegeben habe – ob der Dramatik und der vielen Lichtblitze.

Und meine Nuria so: Was würde die Griechin zu dieser sogenannten Tutuguri-Musik sagen, in der keine Melodie wahrnehmbar sei. In der es knalle, rausche, brülle, ein Konzert, in der ein Erzähler schreie, bis dieser Schrei in einem todesähnlichen Röcheln ende?

Immerhin: meine Leute waren sehr schnell zurück. Warum? Laura habe die Philharmonie fluchtartig verlassen. Erzählt meine Nuria. Weil sie nur eine Reihe vor sich die Eltern ihrer Freundin erspäht habe. Auf die sie nun mal so was von keine Lust hatte.

Und ich denke so: Laura. Flieht. Vor. Menschen. An. Ihrem. Birthday. Höre dann aber, wie sie sagt: „Ich melde Patent an, jeder sollte mindestens zwei Mal im Jahr Geburtstag haben. Yes, why not, denke ich so. Mit Rose zwischen dem Kiefer. Raus aus dem Alltag. Gewürdigt von allen. Kein Krieg. Kein Frust. Nur Zugewandtheit. Meist jedenfalls. Sagt der erfreute Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Celebrate youth. Und chillt, Leute!

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