Trigger, Trigger, Träger und bäng, bäng, bäng: Hass in Zeiten des Forever Young

Chillen auf dem Schoß meiner Bruna. Zusammen auf dem Sofa. Mit Chipskrümeln. Lecker. Netflix-Geflimmer. Hypnotisierend. Und Laura mit kaltem Vino Bianco neben mir. Streichelnd. Das ist Leben. Denke ich so. Warum nicht immer so? Frage ich mich so.
Und erhalte umgehend die Antwort: Bäng, bäng, bäng. Neid, Polarisierung, Missgunst, Hass. Allüberall. Der jede Idylle zerstört. Und so hämmert mir aus der Küche zum dritten Mal hintereinander „Forever Young“ in die Ohren. Hat Felix voll aufgedreht. Weil er genervt ist. Über ein Festival mit dem Namen Glücksgefühle. Über die Veranstalter. Über die Bands. Und über hatende Netzaktivisten.
Also: Der Song „Forever Young“ ist über 40 Jahre alt, damals gesungen von der Band Alphaville. Die nun auf jenem Festival in Hockenheim mit dem weirden Titel Glücksgefühle auftreten sollte. Bis dann einer der Veranstalter sagt: „Ach nee, doch nicht, ich habe gehört, ihr äußert euch bei Konzerten politisch. Und unser Festival soll total unpolitisch sein. Good vibes only.“
Alphaville: Voll irritiert, weil sich die Band in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt sieht – und sich auch hier gegen Rechtsextremismus aussprechen wollte. Netzaktivisten: Empört. Besonders Radikale schicken Hassbotschaften an die beiden Veranstalter, der eine von ihnen übrigens Ex-Fußballer Podolski. Bedrohen deren Familien.

Alphaville wird doch wieder eingeladen. Der Veranstalter entschuldigt sich und sagt, die Ausladung sei ein blöder Fehler gewesen. Jetzt will aber Alphaville nicht mehr. Und viele der eingeladenen Künstler sind entsetzt, einer sagt ab, viele solidarisieren sich mit Alphaville. Sagen, Kunst sei nie unpolitisch, sie selbst stünden für Toleranz, Offenheit, Vielfalt. Gerade in der heutigen Zeit müsse der Mund aufgemacht werden.
Und einige spielen nun als Reminiszenz an Alphaville zu Beginn ihres Auftritts: „Forever Young.“ Vor Zehntausenden Menschen. Und ich denke so: Man kann nicht nicht kommunizieren. Man kann auch nicht nicht politisch sein. Aber vor allem – und ganz klar ist: Man kann nicht Forever Young sein. Genau das aber behaupten alle. Die da singen.
Und ich höre, dass auch das Münchner Oktoberfest überschattet wird von einer polarisierenden Debatte, durch die man automatisch und ungefragt entweder rechts oder links eingeordnet wird. Und irgendwann gar keinen Bock mehr aufs Feiern hat. Denke ich so.
Also, die Debatte dreht sich um mehr oder weniger leicht bekleidete Frauen-Figuren an einem Fahrgeschäft – die da offenbar seit 80 Jahren prangen. An die sollen nun längere Kleider und Radlerhosen gepinselt werden. Trigger, Trigger, Trigger: Die Volksseele gerät in Wallung.

Die Linken so: Top, durch diese Sittsamkeit werde die Welt besser und Frauen Achtung entgegen gebracht. Die Rechten so: Welch woker Schwachsinn – würde mit einer AfD-Regierung nicht passieren. Und ich so: Leute, das sind eure Probleme? Welch Hass. Welch Unversöhnlichkeit. Nicht mal gemeinsames Feiern funktioniert. Alles politisiert. Und selbst, wenn ich mich nicht äußere, mache ich es falsch. Weil man ja Haltung zeigen muss. Wird so behauptet.
Felix grölt aus der Küche: „Forever Young“. Und ich lege meinen Kopf wieder in den Schoß meiner Bruna. Peace. Sagt der junge Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Entspannt euch. Und chillt, Leute!
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