Hauptstadtkater

29. April 2026

Trauer trotzender Tröster-Therapeut

Wenn ich etwas kann, dann trösten. Wenn meine Leute leiden, kuschle ich mich an sie. Übertrage meine Atemfrequenz auf sie. Lasse sie meine Wärme spüren. Mein weiches Fell. Mein Schnurren, mein Vibrato löst sie dann endgültig vom Alltag. Beziehungsweise der Last. Dem Schmerz. Und ich bin in meinem Element: Als Trauer trotzender Tröster. Oder: Therapeut. 

Der Tod. Ist so groß. Und umbegreifbar. Für Lebewesen. Die ja wohl kaum als Lebewesen bezeichnet würden, wenn sie mit dem Tod umgehen könnten. Weil der ihnen eben total fremd ist. Sie Angst vor ihm haben. Weil’ er das Gegenteil vom Leben ist. Das das einzige ist, was sie  – wir – so haben.

Vielleicht ist Felix deswegen so erschüttert. Über den Tod seiner Tante Isolde. Die vor einem Monat starb, nun ist die Trauerfeier. Und Felix findet dort tatsächlich Trost. Ohne mich. Durch den Pfarrer. Denn der ist ein Freund seines Cousins Viktor, dem Sohn von Isolde. Seit Schulzeiten. Complicated, sorry.

Der Pfarrer kann erzählen, wie er Isolde erlebte, wenn er mittags mit Viktor von der Schule die 70 Stufen im Altbau nach oben rannte – und dort Isolde stand: Immer mit strahlenden Augen ihn freundlich empfing. Und ganz genau wusste, was sie in der Schule gerade so behandelten. Ob in Bio oder in Musik. Ob Photosynthese oder Quartsextakkorde.

Und auch Felix erinnert sich an seine Tante, die er einst als Kind fast fürchtete, weil sie ihn bei der Begrüßung so drückte, dass er kaum noch Luft bekam. Und deren Drücken er später liebte. Weil er echte Zuneigung spürte. Kater-like. Nun lässt Felix Erde auf die Urne rieseln. Bitter. Komischer Brauch. Denke ich so. 

Sie fehlt. Geschichten können Isolde nicht mehr erzählt werden. Fragen ihr nicht mehr gestellt werden. Denke ich so. Als ich höre, dass Viktor bereits vor 25 Jahren nach Brasilien auswanderte. Dort heiratete, einen Sohn bekam. Und trotzdem besuchten ihn in Brasilien seine Eltern nie. Obwohl sie reisefreudig – und damals noch fit  – waren. Warum?

Die Frage stellte niemand so direkt. Sagt Felix. Und fragt: War es die Enttäuschung über den „Verlust“ des Sohns? Die Anstrengung einer solchen Reise? Nobody knows exactly. Und ich denke so: Nutzt die Zeit, in der Fragen gestellt und Antworten gegeben werden können. Aber klar: Jetzt ist da eine Leerstelle. Die ich gerne ausfülle.Sagt der tröstende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Genießt das Leben. Und chillt, Leute! 

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