Hauptstadtkater

27. März 2026

Der transzendente Hauptstadtkater und der Tod

Natürlich gibt es Übersinnliches. Was manche Menschen nicht akzeptieren wollen. Weil sie sich tatsächlich für die Krone der Schöpfung halten. Und in ihrer Hybris ihre Defizite, die Defizite ihrer Wahrnehmung weder wahrnehmen, geschweige denn reflektieren.

Und ich frage so: Können sie so gut hören wie Kater? Nein. So gut riechen? Nein. So gut sehen? Nein. Ganz abgesehen davon, dass ihnen Schnurrbarthaare zum Tasten fehlen. Wie auch viele Windungen im Gehirn.

Aber selbst Ich räume ein: Auch meine Spezies ist nicht vollkommen. Weil wir sonst wüssten, warum wir keine Ameisen, Bäume, Grashalme oder Quallen sind, sondern Kater. Wir wüssten, warum der vor wenigen Tagen in der Ostsee gestrandete Wal jetzt – befreit – wieder rausschwimmt Richtung Nordsee. Und warum er sich überhaupt verirrte.

Wir wüssten, was die Schöpfung, das Leben überhaupt so soll. Hier auf dieser Erde. Mit den komischen Menschen. 

Zurück zu den für den Menschen so übersinnlich erscheinenden Dingen, die es für uns Kater aber gar nicht sind. Das Antizipieren beispielsweise. Ich weiß schon im Voraus, was Coco so machen wird. Das Problem, dass sie das auch von mir weiß. Und wir kollidieren. Weil wir dasselbe wollen. Nämlich: Einen guten Platz.

Meine Leute raffen das mit dem Antizipieren nicht. Also: Dass sich Coco beispielsweise schon zehn Sekunden, bevor Laura eine Palme vor ihr in Sicherheit bringen will, genau dort platziert hat – auf dem Fensterbrett im eigentlich verschlossenen Schlafzimmer.

Oder ich mich bereits Sekunden, bevor Felix in die Küche kommt, auf seinem geliebten Stuhl festkralle. Und nach der Vertreibung von eben diesem Stuhl dann kurz darauf direkt vor ihm liege, an dem Ort, wo er seine Zeitung ausbreiten will.

Oder sich Coco allabendlich genau zu dem Zeitpunkt auf Diego Schoß einkuschelt, wenn der eigentlich vom Sofa Richtung Bett gehen will. Wie soll ich das erklären: Es sind Schwingungen, die wir auffangen. Spüren. Mit unseren speziellen Sensoren. Im Hirn.

Und eigentlich haben Menschen eine ähnliche Fähigkeit, die eben ziemlich verkümmert ist: Aber wenn ich höre, wie meine Laura manchmal am Telefon flötet: „Ach, ich habe heute den ganzen Tag an dich gedacht – und jetzt rufst du nach so langer Zeit tatsächlich an.“ Dann geht das in unsere Richtung. Mit den Sensoren. 

Heute ist ein trauriger Tag. Felixens Tante Helga starb. Erschüttert geht er Joggen. Denkt an seine Tante. Erzählt er. Und plötzlich beginnt seine sonst so zuverlässige Jogging-App zu spinnen. Die angezeigte Strecke ist ein wildes Zickzack, die angezeigten Zeiten wären Weltklasse. Und dann habe auch noch eine Laterne im Park jedes Mal geflackert, wenn er an ihr vorbei gelaufen sei. Sagt Holger.

Energie? Nun, ich denke an Moro. Meinem vor einem Dreiviertel Jahr verstorbenen Mitkater. Und den Regenbogen, der sich über mir bildete, als ich wenige Stunden nach seinem Tod auf seinem Platz im Fensterbrett der Küche saß. Sagt der transzendente Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Akzeptiert das Unerklärliche. Und chillt, Leute! 

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