Könnte ich doch nur Banksy sein!

Du sollst keine Vorbilder neben mir haben. Spaß! Ein bisschen jedenfalls. Denn klar: ich bin zwar Vorbild, he he, habe aber selbst keins. Jedenfalls nicht so richtig. Klar, ich bewundere etwas – ein Kunstprojekt. Von jemanden, den niemand so richtig kennt. Weil er, sie oder es seine oder ihre Identität geheim hält. Bekannt ist nur der Name: Banksy.
Und naturally seine genialen, oft an Wände gesprayten Kunstwerke: Zwei sich küssende männliche Cops, ein Mann vor Panzern, ein Panda mit Pistolen in der Hand, ein kleines Mädchen, dem ein Luftballon wegfliegt. Humorvolle, intelligente Gesellschaftskritik eben. Kunst, die Empathie, Zerbrechlichkeit ausstrahlt. Von der ich mich nur allzu gerne erleuchten lassen will. So dass ich mich unter den Kunstwerken platziere. Die meine Leute überm Küchentisch aufgehängt haben.

Es gelingt. Die Erleuchtung. Weil ich plötzlich die Realität sehe, die noch kurioser ist als Banksy Ideen. Oder besser: Absurder. Die Bundesregierung schwadroniert davon, die Jugend sei die Zukunft, also müsse sie besser gefördert werden. Was passiert? Forschungsministerin Bär gibt ein im Koalitionsvertrag von Union und SPD festgeschriebenes Vorhaben auf: Die Bafög-Reform.
Demnach sollten Studierende ab nächstem Wintersemester deutlich mehr Geld bekommen. Und was sagt Bär dazu: Ihre eigene Tochter müsse auch jobben, um sich ihr Studium zu finanzieren.



Wie perfide, denke ich so. Denn klar ist, dass es für diese Tochter nicht existenziell sein dürfte – das dazu verdiente Geld. Während viele andere Studierende in Kneipen und Restaurants dazuverdienen müssen, um ihr Mietzimmer zu bezahlen.
Stattdessen kämpft die Regierung für die Alten, die Rentner, ihre Zielgruppe. Deren Bezüge sollen weiter steigen. Bezahlt werden die Renten von den Jungen. Welch herrliches, zeitgenössisches Sittengemälde könnte man hieraus skizzieren. Denke ich so.
Und lamentiere: Hach, könnte ich doch nur Banksy sein. Hach, könnte ich doch nur eine Spraydose in der Pfote halten. Hach, könnte ich doch nur selbstbestimmt sein. Und raus- und reingehen aus meinem Revier, wie ich will. Um zu gestalten. Kunst.


Nun, ich liebe Banksys Idee, dass das Individuum, der Künstler voll hinter die Kunst zurücktritt. Unsichtbar ist, damit nur das Werk wirkt. Unabhängig vom Schöpfer. So könnte jedenfalls mal der Gedanke gewesen sein. Denke ich so.


Mittlerweile allerdings überschattet der Hype, Banksy identifizieren zu wollen, seine Kunst. Und ich weiß: Wenn seine Identität tatsächlich entschlüsselt würde, ist die Faszination futsch. Für mich. Auch wenn sein Panda, sein Panzer und seine Pistolen großartig bleiben. Sagt der vorbildliche Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Wahrt Geheimnisse. Und chillt, Leute!
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