Hauptstadtkater

13. Mai 2026

Schrei nach Liebe und Kratzen am Bein

Klar bin ich Einzelgänger. Was nicht ausschließt, dass ich Menschen auch dulde. Meine Leute sowieso. Vor allem, wenn ich sehe, wie sie am Leid der Welt leiden. Dann habe ich nur einen Job: Sie chillen. Was schwierig ist, weil sie dann so gar keine Lust auf mich haben. Genervt sind von mir. Ich aber die Taktik dazu habe, das zu ändern. Nach dem Motto: Des Katers Krallen krallen denjenigen, den sie lieben.

Und Felix so: Schreit auf, wenn meine Kralle seine Jeans spaltet. Will mich rüde wegstoßen. Was misslingt. Weil. Meine. Krallen. Haften. Und meine blauen Augen seine müden Augen hypnotisieren. So dass er mich stöhnend, aber sanft emporhebt. Auf dem Schoß absetzt. Beginnt, mich zu streicheln. Mich zu fühlen. Auf dass seine Metamorphose beginne. Vom gestressten Alltagsmenschen zum gechillten Genussindividuum. 

Und ich frage mich: Warum nur sind alle so grau? Gestresst? Deprimiert? Behaupten, alles werde schlechter. Schlimmer. Wobei es ihnen so gut geht, wie wohl kaum einer Generation vor ihnen. Und ich denke so: Vielleicht ist es gar nicht so. Vielleicht liegt es an Typen wie mir. Die genau das behaupten. Was doch gar nicht stimmt.

Denn grau ist es nie lange. Des Menschen Farben wechseln. Ständig. Changieren. Auch bei Felix. Sein Gesicht ist nicht mehr grau, sondern rot. Was nicht am Bluthochdruck liegt. Sondern: An mir. 

Aber ich bin sicher: Viele Menschen haben Lust an Gedankenspielen mit dem Untergang der Welt. Wie man sie kennt. Und liebt. Obwohl doch viel da ist. Oder: Weil viel da ist? Alle Menschen Dach überm Kopf haben. Alle Essen haben. Und ich brainstorme mal schnell, was alles so da ist, um mich selbst zu vergewissern, was denn fehlen könnte: Bio-Lebensmittel, Cafés, Konzerte, Ärzte, Geigen, Medikamente, Urlaub, Hörspiele, Partys, Internet, vegane Wurst, Theater, Fußball-WM, Cello, Kater, Kino, Porzellan, Züge, Kratzbaum, Oatly, E-Autos, Müllabfuhr, Rente, Leckerli, Flugzeuge, Würstchen, Museen, Coco, sogar Köter.

Quod erat demonstrandum: Es gibt nichts, was man nicht haben kann. Abgesehen vom Untergang. Dem eigenen. Und natürlich: Es fehlt an: Empathie, Zuneigung, Liebe, Nächstenliebe, Gefühl, Wärme.

Ich kratze an den Beinen meiner Leute. Mein Schrei nach Liebe. Und gebe ja zu, es gibt Dinge, die schlechter zu werden scheinen: Meine Leute klagen, dass sie acht Monate auf einen Termin beim Augenarzt warten müssen. Der Hautarzt keine Patienten mehr aufnimmt. Zahnersatz Geld ohne Ende kostet. Künstliche statt menschliche Intelligenz Finanzberatungen durchführt. Die Bahn nie pünktlich ist. Die Preise steigen. Überall. Die Städte verdrecken. Baustellen monatelange Straßensperrungen nach sich ziehen. Rechtsextreme und Populisten überall Macht gewinnen. Und die Kriege immer näherrücken.

Es ist kalt. In der Welt. Ich kratze an den Beinen meiner Leute. Sie werden ganz weich. Die Schockstarre löst sich. Der Kampf für das Leben in Freiheit und Wohlstand könnte sich lohnen. Sagt der kratzende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Lasst euch fallen. Und chillt, Leute!

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