Nostalgie und Realitätsverlust: Was für ein Spiel

War früher alles besser? Frage ich mich so. Auf den harten Holzdielen des Flurs lungernd. Früher, als die Sonne noch nicht so heiß brannte. Früher, als ich viel mehr Leckerli bekam. Früher, als meine Nuria noch da war. Früher, als mein Bruder Moro noch lebte. Nun, ich weiß, Nostalgie.
Oder anders: Das Vergessen alles Schlechten zugunsten der Erinnerung an das vermeintlich Gute. Welch romantisierende Verklärung der Vergangenheit. Denke ich so. Während Coco mir ins Ohr beißt. Und ich doppelt gestraft werde. Weil meine Flucht in einen Unfall mit Diego Rennrad mündet. Das scheppernd meinen Rücken streift.
Menschen sind natürlich noch viel stärker Meister der Verklärung vergangener Zeiten als unsere Spezies. Was ja ein stückweit auch den Erfolg der rechtsextremen AfD erklärt, die schwärmt, wie schön Deutschland doch einst war. Und wieder werden könnte. Mit ihr – der AfD – an der Macht.

Und ich frage mich so, bei welchen Themen Deutschland früher eigentlich schön, gar schöner oder besser als heute war: Gleichberechtigung der Frau? Integration? Klimaschutz? Nun, einig scheinen die Deutschen, dass ihre geliebte Fußball-Nationalmannschaft früher besser war.
Und yes, ich bestätige: Bis zum Titelgewinn 2014 war das Team auch in den Jahrzehnten davor meist mindestens unter den besten vier Mannschaften, insgesamt vier Mal Titelträger in 60 Jahren. Auf Erfolg – und damit gute Stimmung in der Heimat – war Verlass. Heute: Sowieso schlechte Laune im Land. Die nun noch durch das frühe Scheitern des Teams bei der WM in den USA potenziert wird. Anstatt abgebaut zu werden.


Meine Bruna kommt erschüttert nach Hause. Erzählt, Schüler würden da nun die schwarzen Spieler des deutschen Teams denunzieren und rassistisch beleidigen. Vor allem jenen, der einen Elfmeter in die Wolken gejagt habe. Und ich denke so, was für ein Wahnsinn. In einer aufgeklärten Gesellschaft im Jahre 2026. Von der ein großer Teil offenbar zurück will ins AfD-Biedermeier. Der vermeintlich einfachen Lösungen. Aufklärung unerwünscht.
Durcheinander infolge des deutschen Ausscheidens bei der WM scheint auch der Bundeskanzler. Oder sein Team. Nach dem desaströsen Match gegen Paraguay ließ Merz einen Tweet absetzen: „Was für ein Spiel“, hieß es darin. „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“

Alle, die das lasen, waren zumindest irritiert. Und fragten sich, ob der Kanzler an Realitätsverlust leide. Bis dann seine Leute erklärten, der Tweet gehe auf eine Kommunikationspanne zurück. Es seien je nach Szenario mehrere Tweets vorbereitet gewesen. Der falsche sei dann scharf gestellt worden.
Wäre früher nicht passiert. Denke ich so. Wenn es denn wirklich so war, wie Merzens Leute behaupten. Weil früher, da gab es kein Social Media, jedenfalls nicht in dem Ausmaß. Und: Das deutsche Team war eben wirklich besser.

Ansonsten aber so? Nun, mir scheint, viele Probleme der Gegenwart sind Ergebnis der Politik der Vergangenheit. Ob es denn nun Klima-, Russland- oder Asylpolitik ist. Sagt der nostalgische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Kopf hoch, blickt nach vorn. Und chillt, Leute!
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