Autor: Hauptstadtkater

  • 29. Oktober 2025

    Entzug: Ich brauche mein Dope. Dringend.

    Mein Dope ist Katerminze. Leider nur selten da. Aber: Wenn ich das schnuppere und inhaliere, hebe ich ab. Vergesse Hunger, Felix und Coco. Schwebe. Lastenbefreit. Umgeben von Euphoria. Durch mein Revier. Durch die Welt. Auf einer Chill-Skala von eins bis zehn fühle ich mich: Wie zwölf.

    Alle Lebewesen brauchen Dope, auch Menschen. Um das Grauen der Welt zu ertragen. Gras, Heroin, Koks oder Crack. Meine Leute saufen Alkohol. Um abzuheben. Ganz legal. Und ich denke so: Komisch. Aber anderes Thema.

    In den Favelas südamerikanischer Großstädte haben Drogenclans die Macht übernommen. Und verticken das Zeug an alle, auch an Kinder. In Rio de Janeiro ging nun die Polizei gegen die Clans vor. Absolut brutal. Rund 2.500 Polizisten stürmten mehrere Favelas – Favelas, die Diego noch vor einem Monat auf seinem Südamerika-Trip durchstreifte und von der entspannten Atmosphäre schwärmte.

    Stundenlange Schießereien, die Bandenmitglieder wehrten sich, errichteten brennende Barrikaden und griffen ihrerseits mit sprengstoffbeladenen Drohnen an. Mehr als 120 Menschen kamen ums Leben, darunter vier Polizisten. Und wohl auch viele Zivilisten. Wie im Bürgerkrieg. Soll es gewesen sein.

    Was für krasse Szenen. Muss die Staatsgewalt in diesen dichtbesiedelten Gebieten so wüten, frage ich mich. Sehe aber auch völlig freidrehende und skrupellose Drogendealer. Die brutal über die Armenviertel herrschen, nach ihren eigenen absurden Gesetzen. Drogen an Kinder verteilen. Ihr eigenes Reich errichtet haben. In dem der Staat nichts zu sagen hat.

    Ich fühle Entzug. Zittere. Brauche. Dringend. Katerminze. Die nicht da ist. Felix gibt mir Schokolade. Really. Hochprozentige. „Für Deine Gedankenfetzen brauche ich doch ein Symbolfoto“, meint er. „Und Schokolade ist doch auch so was wie eine Droge und – Brasilien ist doch großer Kakaoproduzent.“ Er stellt sie vor mich hin, lehnt sie an mich. Und ich – ich spiele sein debiles Spiel mit. Unglücklich.

    Und denke so: „Oh Mensch, wie blöd kann er sein. Schoko ist Gift für Kater, je hochprozentiger, desto lebensgefährlicher. Weil wir die Inhaltsstoffe nicht abbauen können.“ Sagt der desillusionierte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt Leute. Und esst Schokolade. Damit ihr die Chill-Skala erklimmt. Stufe 13 oder so.

    Ich träume. Von. Meinem Dope: Katerminze. Und ertrage dann – sogar Coco.

  • 28.Oktober 2025

    Reiche keiner Katze die kleine Pfote – sie nimmt die Tatze

    Es ist kein Kompliment, wenn ich sage: Manchmal sind Kater – und Katzen – auch ein bisschen Mensch. Denn übersetzt bedeutet das: Katzen – und Kater – nehmen menschliche Verhaltensweisen, an. Unangenehme Verhaltensweisen. Die vollkommen unkaterlich sind. Ich schätze, verursacht durch Domestizierung.

    Also: Das Bett meiner Alten – das ist mein Reich. Warm, weich, kuschelig. Bislang tolerierte ich Cocos Anwesenheit in dem Raum, später sogar, dass sie sich zu mir legte. Nun aber hat sich alles verkehrt: Sie liegt breit im Bett und schnurrt. Haut mich. Wenn ich auf mein Bett jumpe. Und so lege ich mich auf ihren Platz, ihren Ex-Platz: Den Schrank gegenüber dem Bett. Und denke so: Reiche auch Katzen nicht die kleine Pfote. Sie nehmen die ganze Tatze.

    Im Nahostkrieg greift die israelische Regierung zu. Offensichtlich. In Woche drei der Waffenruhe ordnet der israelische Premier Benjamin Netanjahu erneut Angriffe auf Stellungen der islamistischen Terrororganisation Hamas im Gazastreifen an. Wobei – der Begriff Waffenruhe ist eh mehr oder weniger Heuchelei, es gab seit Abschluss der Vereinbarung bereits mehrfach Schießereien, zahlreiche Palästinenser starben.

    Netanjahu begründet den Angriff damit, die Hamas halte sich nicht an die Vereinbarung, liefere nicht wie vereinbart nach den noch lebenden nun auch die toten Geiseln aus. Erst 13 der vereinbarten 28 Leichen seien übergeben, zuletzt seien nur weitere sterbliche Überreste einer bereits beigesetzten Geisel übergeben worden. Zudem hätten Hamas-Terroristen im Gazastreifen auf israelische Soldaten geschossen. Was die Hamas bestreitet.

    Und ich denke so: Netanjahu kommt eine Fortsetzung des Kriegs gelegen. Um sein Ziel, die Hamas vollkommen zu vernichten und den Gazastreifen nach seinem Gutdünken zu gestalten, näher zu kommen. Vor allem aber, um an der Macht zu bleiben und Korruptionsermittlungen gegen sich weiter zu verschieben. Und dem rechtsextremen Koalitionspartner zu gefallen, der genau das verlangt – eine Fortsetzung des Kriegs.

    Und: Nun muss er bei der Realisierung seines Ziels auch auf die von der Hamas am 7. Oktober 2023 aus Israel verschleppten Menschen keine Rücksicht mehr nehmen – die Lebenden sind zurück. Die Hamas hat damit ihr wichtigstes Faustpfand abgegeben. Klar, nicht freiwillig – auch ihre Verbündeten machten angesichts des Leids der Palästinenser Druck.

    Immerhin, der größte Freund der Israelis, die Amerikaner sehen trotz der Angriffe die Waffenruhe-Vereinbarung nicht in Gefahr. US-Präsident Trump meinte nur lapidar: Wenn israelische Soldaten angegriffen würden, hätten die Israelis jede Recht, zurückzuschlagen. Falls sich die Hamas nicht benehme, werde man sie sehr leicht ausschalten. Und ich denke so: Israel bekam die Geiseln zurück. Und versucht nun, sein Ziel doch ganz durchzusetzen. Quasi die ganze Hand zu nehmen…

    Tja, ich liege auf dem Schrank. Betrachte die sich auf dem Bett rekelnde Coco. Und denke so: Auch der Schrank ist nett. Besser als das Bett. Also: Einfach mal arrangieren mit etwas. Und nicht eskalieren. Ausgleich ist angesagt. Auch mal die ganze Tatze geben. Der Coco. Was soll`s? Sagt der generöse Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, liebe Leute.

  • 27. Oktober 2025

    Über die Sicht des Menschen und die Tragödie im Sudan

    Menschen sehen ganz offensichtlich nur das, was sie sehen wollen. Und manchmal sehen sie selbst das Offensichtliche nicht. Wie meinen Hunger. Mein Verlangen nach Liebe. Was mich zu der Frage führt: Warum ist das so beim Menschen – tell me why?

    Sie, die Menschen, sind entsetzt über den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. Seit mehr als dreieinhalb Jahren terrorisieren Kremlchef Putin und seine Soldaten das Land. Es ist gut, dass es weltweit einen Aufschrei gibt über diesen Krieg. Und über den Umgang mit diesem Krieg erbittert gestritten wird. Ähnliches gilt für den Nahost-Krieg. Israels Angriffe im Gazastreifen werden weltweit wahrgenommen. Auch darüber wird erbittert gestritten. Zwei Topthemen. Von Beginn an. Zum Glück.

    Aber – es gibt weit mehr Konflikte, Kriege, für die sich offenbar die sogenannte internationale Gemeinschaft nicht oder nur am Rande interessiert. Beispielsweise für den Krieg im Sudan. Der gilt nach Einschätzung der Vereinten Nationen als derzeit größte humanitäre Krise der Welt. Trotz Ukraine. Trotz Nahost.

    Der Krieg im Sudan tobt auch schon seit langem, seit April 2023. Es ist ein brutaler Machtkampf zwischen einem sudanesischen General und Kommandant der Streitkräfte und seinem ehemaligen Stellvertreter, der mittlerweile eine Miliz kommandiert. Die rückt nun immer weiter vor. Und geht auch gegen Zivilisten brutal vor.

    Nun hat sie eine wichtige Großstadt erobert – in der 300.000 Menschen leben, die Hälfte davon Kinder und Jugendliche. Die Menschen dort würden beschossen, hungerten, hätten keinen Zugang zu Nahrung, Medikamenten oder sicheren Orten. Sagen die Vereinten Nationen. Berichtet wird über Folter, Vergewaltigungen und willkürliche Hinrichtungen.

    Insgesamt sind geschätzt seit Kriegsbeginn geschätzt 150.000 Menschen getötet worden. Mehr als zwölf Millionen Menschen sollen auf der Flucht, mehr als 26 Millionen Menschen – die Hälfte der Bevölkerung – von Hunger bedroht sein.

    Und ich frage mich so: Warum vergessen – besser: übersehen Menschen in aller Welt diesen Krieg? Weil es ein Bürgerkrieg ist? Weil Sudan zu weit weg ist? Weil es Schwarze sind? Weil es Afrika ist? Und Afrika derzeit nicht wichtig genug erscheint? Weil er keine Bedrohung für einen selbst darstellt, weil keine Atomwaffen im Spiel sind? Weil es einfach anstrengend ist, sich mit einem Konflikt auseinanderzusetzen, von dem man so gut wie nichts weiß?

    Wahrscheinlich, wie so oft, eine Melange aus allem. Aber für die Dekadenz, selbst heute, einem Tag, an dem weder in der Ukraine noch in Nahost Außergewöhnliches geschah, den Horror im Sudan in vielen Nachrichtensendungen nur als Randnotiz zu erwähnen, schäme ich mich zutiefst. Selbst US-Präsident Trump ist heute relativ ruhig. Trotzdem reicht ihm ein Besuch in Japan und die Ankündigung eines gemeinsamen goldenen Zeitalters, um in den Nachrichten vor dem Sudan aufzutauchen.

    Ich jumpe auf Diegos Schoß. Damit er mich endlich sieht. Damit er mein Verlangen nach ihm spürt. Sehen muss. Spüren muss. Ich will aber auch, dass er von mir profitiert und seine Streicheleinheiten belohnt werden. Und sehe: Er kommt bei seinem Sudoku nicht voran. Und ich, ich gebe ihm Kraft. Und Zeichen: Jedes Schnurren bedeutet eine Zahl. Die in die Spalten passt. Er rafft es und schafft das Rätsel. Dank mir. Sagt der stolze Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und nun: Chillt, Leute.

  • 26. Oktober 2025

    Wunder des sich wundernden Katers

    Ich wunder mich, wenn Menschen sich wundern. Immer wieder aufs Neue. Denken sie, ich würde mich freuen, wenn sie nach ihrem Urlaub in mein Revier zurückkehren. Immer wieder aufs Neue gehen sie davon aus, ich würde kötergleich schwanzwedelnd auf sie zustürzen. Sie ansabbern. Nein. Geschah noch nie. Wird nie geschehen. Auch heute nicht. Wo sie aus ihrem ach so geliebten Barcelona zurückkommen.

    Ich wende mich ab. Als die Haustür aufgeht. Und auch Coco – und das macht mich stolz, denn sie hat es von mir gelernt – zeigt ihnen ihre kalte Schulter. Und ich denke so, als ich meine Bruna säuseln höre: „Charlie, wo bist du? Na los, kommt doch mal.“ „Never ever. Ich bin ein Kater. Mit Stil. Eleganz. Und einer Prise Hochmut, gemischt mit Stolz.“

    Kein Wunder inklusive Köter-Erscheinung also durch mich für die sich wundernde Bruna. Während auch meine Verwunderung über Menschen weiter steigt. Meine Laura erzählt, sie habe sich heute bei einem europaweit agierenden Mietwagen-Verleiher ein E-Auto gemietet. E-Mobilität. Soll ja die Zukunft sein. Nicht bei diesem Unternehmen. Und wohl auch nicht bei seinen Konkurrenten.

    E-Mietwagen würden wieder abgeschafft, sagt ein Mitarbeiter dieses Unternehmens. Denn die Kunden wollten sie nicht. Hätten Vorbehalte, das Auto nicht bedienen zu können. Wüssten nicht, wo sie das Auto laden könnten. Und wenn sie dann doch eine leistungsfähige Ladesäule gefunden hätten, sei der Preis für den Strom nicht erkennbar.

    Benötige man eine App zur Entriegelung der Säule. Und könne nur mit Kreditkarte bezahlen. Viele Hürden, anstatt niedrigschwellige Angebote. Denke ich so. Und hüpfe auf das Sofa. Schlittere zu Coco zum Kuscheln. Und denke: Die Deutschen bleiben bei ihren Benzin- und Dieselautos. Während die Welt auf Elektro umsteigt. Wunder-Insel Deutschland.

    Eigentlich – ich gebe es frank und frei zu, nicht wundern – würde ich ja doch mal gerne aus meinem Pelz. Um Freude zu zeigen. Dass sie, meine Bruna, zurück ist. Entspricht aber tatsächlich nicht meinem Stil. Meinem Vibe. Naturell. Und ich kann nicht über ihn springen – meinen Schatten. Ist nicht niedrigschwellig genug. Denke ich traurig. Denn meine Bruna ist schon wieder weg. Fährt mit E-Auto und Laura in ein Brandenburger Schloss. Wo sie eine Musikfreizeit mir vorzieht. Ist voll enttäuschend.

    Meine selbst für mich überraschende Übersprungshandlung: Ich jumpe auf Coco. Wir wälzen uns. Als ob es kein Morgen gäbe. Dass dabei Spuren auf dem Ledersofa zurückbleiben. Geschenkt, denke ich so: Patina schaut gut aus, gibt diesem Möbel seinen einzigartigen Charme. Charakter.

    Denkt meine Laura aber leider nicht. Was mich erneut verwundert. Denn sie giftet mich nun auch noch an. Wie hässlich die Kratzspuren seien. Also kullern Coco und ich auf den Teppich. Während ich denke: „Yes, naturally.  Kratzspuren auf dem Sofa sind nice. Bleib doch mal cool, Laura.“ Sagt der sich wundernde Hauptstadtkater. „Der über euch wacht. Und wünscht: Chillt. Und wundert euch.“

  • 25. Oktober 2025

    Barcelona oder das verlorene Paradies

    Es gibt auch in meinem Revier verbotene Zonen. Beispielsweise die Künstler-Kammer. Hinter der Küche. Das geheiligte Zimmer Lauras. Mit vielen Pinseln, Farbdöschen und Stiften. Die so nice durch die Gegend fliegen. Wenn man sie leicht touchiert. Und dann gibt es hier noch eine Leiter – zugleich Kratzbaum und Catwalk. Alles nice also.

    Und ich frage mich: Warum zur Hölle sollte ich hier nicht rein? Ins Kater-Paradies? Oder, um es mit meiner Bruna zu sagen: In ihr Barcelona. Denn sie ist voll verknallt in diesen Ort, in dem sie gerade mit Laura und Felix weilt. Sagt, Barcelona sei ihr Paradies. Dort wolle sie leben. Spätestens beim Studium.

    Und ich zucke zusammen – ob dieser Perspektive. Studium, das sind ja nur noch drei Jahre. Und ich? Was passiert dann mit mir? Wo soll ich leben? Und es scheint mir, für meine Bruna gibt es tatsächlich kein Zurück.

    Sie schwärmt: Von der Wärme Barcelonas. Vom Meer. Von coolen Leuten. Dali. Der Sonne. Chillen. Altstadt. Dem Licht. Gaudi. Kötern. Frisch gepressten O-Saft. Picasso. Humanas. Miro. Sagrada. Cafés. Coolen Shops. Palmen. Entspannt-Sein. Tapas. Spanischsound. Und ich denke so: Nichts für mich. Nichts für mich dabei – eine absolute Köterstadt. Nein danke.

    Aber, ich will meine Bruna überzeugen. Von den Schwächen, die ein jedes Paradies dann auch wieder entzaubern. Ich weiß: Jedem Paradies sind Grenzen gesetzt. Selbst der Künstlerkammer hier. Die Grenze für mich: Coco. Immer wieder versucht sie, die Leiter emporzuklettern, um an mir vorbeizukommen. Und meine Chill-Stimmung – ist perdu.

    Weil Coco extrem nervt. Mein Paradies vernichtet. Und ich weiß, auch in Barcelona kann Nerv sein. Wenn Alltag ist. Dann mutiert auch Barcelona zu Berlin. Das Schöne: Es kann auch andersrum funktionieren: Dass Berlin zu Barcelona wird. Zumindest im Sommer. Wenn Berlin strahlt, blüht. Und die Temperaturen um 28 Grad pendeln.

    Im Hochsommer ist Barcelona Hölle. Und die Einwohner flüchten.  Weil die – sorry – Köterkacke in der Sonne schmorrt und verrottet, das Meer nicht rote Garnelen, sondern rote Menschenleiber auskotzt, sich die fetten Tourostenleiber in den engen Gassen reiben, weil sie sich längst ob der Hitze der Fake-Barcelona-Trikots entledigt haben.

    Und ich frage mich so: Warum kauft eigentlich gefühlt jeder dritte Barcelona-Tourist ein solches Trikot, egal ob Kleinkind oder Greis, ob dick oder dünn, ob männlich, weiblich oder divers. Und immer prangt nur ein Name darauf: Lamine Yamal. Ein 18-Jähriger. Der ganz gut kickt. Warum nur wollen alle dasselbe Trikot? Wo sonst doch alle so auf Individualität gepolt sind, streben sie nun nach Uniformismus. Wohl um zu zeigen – sie gehören einer erfolgreichen, coolen Gemeinschaft an?

    Ich springe durchs Atelier meiner Laura. Schärfe die Krallen am Holz der Leiter. Während Coco die Pinsel bearbeitet. Die wunderschön verteilt auf dem Boden liegen. Ist doch ganz nice hier. Auch mit Coco. Unser Paradies. Denke ich so. Entspannt. Während eine Möwe über den Strand Barcelonas fliegt. Und ich dann sehe, meine Bruna wird immer bei mir bleiben. That’s life. Sagt der Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Chillt.

  • 24. Oktober 2025

    Entweder ich schrecke auf, rase weg und merke erst dann, dass mich der eigene Dämon im Traum in Schrecken versetzte. Oder ich gleite sanft herüber – sehe Tauben mit dem Antlitz meiner Bruna oder Cocos – dargestellt mit einem Strich, der sich auf der Brust Diegos einkugelt, während ich zu seinen Füßen chille. Und wir harmonisch wegsegeln.

    Die Menschen kennen den Zustand. Zwischen Traum und Realität. Entweder es gelingt, das Eintauchen in den Schlaf. In die Traumwelten. Oder aber man wird herausgerissen.

    Geschockt ob der Brutalität des Rausreißens: In Barcelona schweben meine Leute in Traumwelten der Realität. Verstärkt durch Besuche bei den Barceloner Koryphäen Gaudi, Miro, Dali, Picasso. Die ebenfalls wegschwebten. In Fantasien. Die die Welt in bessere Welten rückte. Oder auch nicht.

    Verstärkt durch den Absinth, den sie in Bars zu sich nahmen. Um dann in der Wärme der Stadt emporgehoben zu werden. Zu ihren Balkonen. Wo sie auf den Balkonen sinnieren. Im Dunst der Cannabiswolken, die von den Bars parterre aufsteigen. Gemeinsam mit dem Rioja. In die Welten der Symbole und Linien abgleiten.

    Während unten die Köter promenieren. Lautstark unterstützt von magischen Symbolen für Frauen, Vogelaugen, Mond, Sterne, Miros Mirakel. Stimmengewirr der Flanierenden. Die keine Zeiten kennen. Dalis Uhren welken. In Gaudis Palästen wachsen Blätter, hüpfen Heuschrecken. In die Sagrada. Bunte Brunnen. Und ich spüre: Gott. Oder ist es mein Rausch? Egal, es ist schön, erhaben.

    Sehe #chuberchu. Der Mann, der a la Banksy seit 2008 die Wände der Stadt Barcelonas mit Hunde-Graffiti verziert. Sehe Katerhäuser. Und spüre: Ja. Barcelona. Könnte. Auch. Meins. Sein. Sagt der euphorische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt chillt, Leute. Und trinkt. Absinth. Auf das Leben.

  • 23. Oktober 2025

    Alta, wir haben Hunger! Ich bin eigentlich kein Jammerer. Aber wenn die Sonne den Küchentisch umrundet und immer noch die mittlerweile getrockneten Plocken unseres Abendrots vom Vortag im Napf kleben, bedeutet das, dass etwas gehörig falsch läuft – in meinem Reich.

    Diego ist da. Aber: Er schläft. Obwohl Coco an seinen Zehen nagt. Ausdauernd. Diego bleibt unbewegt. Weswegen Coco und ich uns in der Küche verselbstständigen. Denn hier lagert Cocos Nahrung. In geschlossenen Döschen zwar. Aber auf dem Boden. Leicht zu öffnen. Per Krallenschlag. Und. Wir. Langen. Zu. Eine Fiesta.

    Und dann kommt Diego. Ist böse. Mit uns. Wir mit ihm. Und macht dann klar, wie er eigentlich tickt: Gefügig machen durch Angst-Mache. Also, Diego erzählt, meine Bruna wolle mit den Alten in Barcelona bleiben. Für immer. Weil die Stadt einfach viel besser sei als Berlin. Ständig mildes Klima. Viel Sonne. Das Leben draußen. Das Meer. Gaudi. Gaudi. Dali. Miro. Lebensfreude. Picasso. Tapas.

    Und ich denke so: Warum blendet Mensch immer aus, was er nicht sehen will? Zum Beispiel im Sommer die Hitze, bei der man in dieser dann stinkenden Stadt nicht atmen kann. Nervende Touristen. Armut. Rechte. Köter. Touriläden, alle 50 Meter, hell erleuchtet, mit „I love Barcelona“-T-Shirts oder Trikots des FC Barcelona mit dem Schriftzug von Lamine Yamal. Scheint eine Gelddruckmaschine. Denke ich so, wenn ich Bilder der City sehe, mit zig Yamals. Abtörnend. Finde ich.

    Andererseits: Ich kann meine Leute ja verstehen. Es ist das Flair im Eskapismus. Vom Alltag. Also, es ist ein bisschen so, als ob ich in der Küche die für mich verbotenen Futterdöschen jongliere. Bis sie sich öffnen. Und mir das Futter ins Schnäuzchen tropft. Das Kitten-Futter. Von Coco.

    Tja – auch meine Leute kommen wieder in der Realität an: Der Park Gaudis, den sie extra für viel Geld buchten – geschlossen – wegen Sturms. Die illuminierte Brunnenshow – abgesagt wegen Sturms.

    Und dann schlendern sie vorbei an den Häuserfassaden der Häuserfassaden Barcelonas: Und sehen, Barcelona ist auch eine Stadt der Kater. Vor ihnen, ein Haus, an der Fassade lauter Kater-Graffiti. Sympathisch. Denke ich so. Könnte mir doch einen Umzug vorstellen. In die Utopie Barcelonas.

    Und meine Bruna weint. Sie habe einen Traum gehabt, zum Glück ein Traum. Erzählt sie. Coco sei plötzlich riesig gewesen, wie ihr Vater, der 14 Kilo schwere XXL-Maine Coon. Und sie trauere, dass das Baby Coco weg sei.

    Ich kann sie beruhigen. Baby Coco ist da. Und nervt kolossal. Sagt der hungrige Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute.

  • 22. Oktober 2025

    Über die Vergänglichkeit und eine unvollendete Kirche in Barcelona

    Ich erwähnte es bereits – Barcelona ist die Hauptstadt der Köter. Also nichts für mich. Und ich frage mich so, ob es auch hier die Zeit geben wird, in der Kater die Krone der Menschen sein werden. Und es für uns Läden in der Stadt geben wird, in denen es Gebarftes gibt. Angeln. Zimmerbrunnen. Nur für Kater. Und Katzen. Ist nicht auszuschließen. Denke ich so. Denn alles ist vergänglich. Auch die Hymne in Barcelona an Hunde.

    Vergänglich sind auch meine Leute. Siehe Felix. Mit seinen immer tiefer werdenden Falten. Siehe: Ich selbst. Und natürlich auch die Jugend. Coco. Ist. genauso. Groß. Wie. Ich. Und erst vier Monate alt. Aber das Kitten ist in ihr schon ein stückweit entschwunden.

    Meine Leute sind sentimental. In ihrem Barcelona. Waren heute in der noch immer unvollendeten Kirche namens Sagrada familia. Erdacht und begonnen von einem Architekten namens Antoni Gaudi – offenbar ihr Idol, so wie sie schwärmen. Der begann den Bau 1881, wohl wissend, dass er das Ende nicht erleben würde. Nun, mehr als 140 Jahre später, fehlt noch immer der höchste Turm. Der für Jesus. Und obwohl die Kirche noch nicht fertig ist, nein: weil sie noch nicht fertig ist, sind meine Leute begeistert.

    „So was wird eben nicht in einem Leben fertig. Das braucht Generationen“, sagt Felix. Und Laura begeistert: „Ein Architekt, der es geschafft hat, ein Bauwerk zu schaffen, das Tradition und Moderne verbindet“, sagt sie. Und: „Endlich mal ein Bauwerk der Moderne, eine Kirche, die nicht nur gesichts- und geschichtsloser Beton ist, wie so viel von dem, was in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen wurde. Und dann noch eine Kirche, die nicht nur an das menschliche Leid erinnert, Demut einfordert, sondern eine Kirche, die an menschliche Freude appelliert, an Zuversicht. Sie hat eine positive Aura, nichts Einschüchterndes. Aufbauend statt bedrohlich.“

    Und ich denke so: Netter Text. Von meiner Laura. Ich verstehe. Ein bisschen. Die Hymne der Alten an Barcelonas Kultur nimmt kein Ende: Sie waren in der Oper. Echnaton von Philip Glass. Trotz des ernsten Themas wird offenbar: die Ästhetik des Lebens in der Kunst. Und insbesondere der Musik. Ein Thema auch in der Oper: Vergänglichkeit. Ein ägyptischer Pharao, der weg will von der Vielgötterei – und nur noch einem Gott huldigen will, dem Sonnengott. Er kann sich nicht durchsetzen. Das Volk will seine Götter behalten. Und tötet Echnaton.

    Eine Parabel auf die Unvernunft des Menschen. Sagt Felix. Karikiert durch die unbändige Lebensfreude der Darstellenden. Vergänglichkeit. Gehört zum Leben. Denke ich so. Sonst wäre irgendwann alles überfüllt. Und: Nur so ist Wachstum möglich. Siehe Coco. Wächst und wächst.

    Oder auch meine Bruna: Wird erwachsen. Sie hat tatsächlich die Zusage einer Ergotherapeutin bekommen, dass sie dort Anfang nächsten Jahres ein Praktikum machen kann. Alleine organisiert. Und ich weiß: Das Selbstbewusstsein habe ich ihr gegeben. Durch meine Ruhe. In der alle Kraft liegt. Ich bin stolz auf sie. Sagt der Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt Leute: Chillt.

  • 21. Oktober 2025

    Barcelona – die surreale Hauptstadt der Köter

    Auch ich kann mir natürlich andere Welten imaginieren. Welten, in denen ich auf Bäume klettere, in denen ich nicht kastriert bin, in denen Vögel um mich flattern, denen es auch nichts ausmacht, wenn ich sie mal treffe und Spaß mit ihnen habe. Nein – die das sogar mögen. Und dabei fröhlich zwitschern. Oder so.

    Das ist, liebe Freundinnen und Freunde – natürlich alles surreal. „Jenseits der normalen Realität“, erklärt mir die KI. Bedeute surreal. Wobei ich mich frage: Was ist normal? Was ist Realität? Nun, was ich meine: Es ist eine bizarre Verzerrung dessen, was ich sonst so wahrnehme. Alles ist seltsam. Unerwartet.

    Es gab mal eine Kunstrichtung, die sich Anfang der 1920er Jahre entwickelte: Der Surrealismus. Die Künstler wollten die sogenannte Realität durch die Darstellung von Träumen und Fantasien überwinden, karikieren. Meine Leute waren jetzt ganz in der Nähe von Barcelona beim Gott des Surrealismus: Salvador Dali.

    Der baute aus einem Theater in seiner Geburtsstadt Figueres ein Museum. In dem er seine Kunst installierte. Und meine Leute erzählen – angetan. Dass sie dort ob der vielen Gänge in dem Haus die Orientierung verloren, dann in ein Schlafzimmer gelangten, dort neben dem Bett ein Gorillagerippe sahen, daneben ein Gemälde mit zerfließenden Uhren.

    Und dann noch Maria. Überall Skulpturen von Eiern. Die Atomisierung der Welt. Mache ihn fertig. Sagt Dali. Sagen meine Leute. Und ich frage mich, was er meint. Was sie meinen.

    Mich macht was anderes fertig. Dass meine Leute sich in eine Stadt verliebt haben, in denen eine Spezies gefeiert wird, die mir nicht allzu nahesteht: Ich höre, Barcelona sei die Stadt der Köter. Parks ohne Ende. Nur für sie. Sie dürften in Bussen und Bahnen mitfahren. Kostenlos. Weil sie keine Tiere seien. Sondern menschliche Begleiter.

    180.000 Köter sollen bei rund 1,7 Millionen Einwohnern in der Stadt leben – registriert. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Das sind mehr Köter als Kinder unter zwölf in der Stadt…. Und ich denke so: Cheers. Ihr habt es geschafft. Köter. Glückwunsch!

    Tja, es liegt eben auch an der Einstellung der Menschen. In Barcelona wird behauptet, Köter seien die perfekten Großstadttiere, weil sie die besten Freunde des Menschen seien. Der sonst an Einsamkeit ersticke. Und in Berlin behaupten sie, Köter passten nicht in Großstädte. Hier gebe es keinen Platz für Auslauf. Was nun stimmt? Ansichtssache. Die sich stetig ändert. Surreal. Eben.

    Ich blicke auf Coco. Die chillt. Endlich mal. So muss es sein. Auch surreal. Für mich. Weil sie eigentlich immer in Aktion ist. Und mich nervt. Sagt der träumende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt Leute: Chillt.  

  • 20. Oktober 2025

    Perspektivwechsel: Barcelona für Palästina

    Meine Leute streunen derzeit ja durch Barcelona. Eine Stadt, in der sich viele Menschen einen eigenen Staat Katalonien wünschen. In der sich viele Menschen durch die spanische Zentrealregierung in Madrid unterdrückt fühlen. Und in der es vergangene Woche ziemlich abging. Tausende protestierten hier für die Palästinenser im Gazastreifen und gegen die israelische Armee. Warfen der Armee Genozid an den Palästinensern vor.

    Und meine Leute sehen überall in der Stadt: Zeichen, die die Unterstützung der Palästinenser fordern. Graffiti mit leidenden Palästinensern und Hassbotschaften gegen Israel. Weil sie sich mit den Palästinensern verbunden fühlen – Menschen, die einen eigenen Staat wollen und sich unterdrückt fühlen. Wie eben die Katalanen auch.

    Undenkbar, solche Zeichen, vor allem in dieser Masse und Intensität hierzulande. Denke ich so. Die würden sofort entfernt, die Verursacher wegen Antisemitismus verfolgt. Anders offenbar in Barcelona. Anderes Volk, anderes Land, andere Geschichte, andere Perspektiven. Denke ich so. Und blicke auf Coco. Die schon wieder mein Futter vertilgt. Offenbar in dem Bewusstsein, es stehe ihr zu. Als heranwachsender Katze.

    Felixens Bruder Chris schickt ein Video von einer Talkshow aus dem Jahr 1981. Damals war er selbst, also Chris, erst acht Jahre. Nun, die Show wurde von einem Talkmaster namens Fuchsberger moderiert. Auf der Talkshow-Couch saß eine 19-jährige junge Frau, die gerne eine Stelle im öffentlichen Dienst angetreten hätte, aber wegen ihrer Körpermaße abgelehnt wurde. Fuchsberger rief nun in der Sendung den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Strauß an und fragte, ob er der jungen Frau helfen könnte.

    Und Strauß? Fragt die junge Frau nach Größe und Gewicht, meint dann, in dem Alter sei er selbst noch schlank gewesen. Die junge Frau müsse tatsächlich an sich arbeiten und streng zu sich sein. Diszipliniert. Damals verursachte diese Reaktion keinen Aufschrei, im Gegenteil. Nur eine 15-jährige Jung-Schauspielerin namens Nosbusch, ebenfalls in der Talkshow, zeigte Mut: Gewicht dürfe doch bei einer Einstellung kein Kriterium sein. Sagte sie. Und wurde wegen dieser Aussage zunächst einmal aus der Öffentlichkeit verbannt.

    Ich denke so: Die Welt hat sich eben doch gedreht. Ziemlich stark sogar. Und ein großes Stück zum Besseren. Ich verjage Coco. Von meinem Fressnapf. Aber erst, nachdem ich ihr Nassfutter vertilgt habe. Perspektivwechsel eben. Nice. In diesem Fall. Sagt der satte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute.