Hauptstadtkater

30. September 2026

Mit dem Professore in der Krummen Lanke auf Kompromisssuche

Es ist eben immer alles eine Frage der Perspektive. Denke ich so. Als ich in die Krumme Lanke eintauche. Jenem See im Westen meiner Muddastadt. Tiefes Grün, Algen, Fische unter mir. Und als ich mich drehe: Klares Blau, Sonne, Vögel über mir. Naturally: Ich imaginiere nur. Denn: Ich. Hasse. Wasser.

Will aber dabei sein. Wenn Felix da heute mit seinem Germanistik-Professor Schwimmen geht. Und es um Perspektiven geht. Die naheliegenden: Ende September ein Bad in einem Berliner See – krass und nice. Aber: Eine Folge des Klimawandels. Oder: 24 Grad Lufttemperatur wirken extrem warm, wenn man aus einem See mit 16 Grad Wassertemperatur steigt.

Oder: Durch einen kalten See schwimmen ist eine Frage des Willens. Auch des Alters, aber nicht nur. Und Felix sagt so: „Das Wasser war echt kalt. Aber der Professore war so schnell drin. Da musste ich auch….“

Nun, der Professore, mittlerweile 89 Jahre jung, beschäftigt sich gerade ausführlich mit dem Thema Vermittler – als solchen er sich sieht. Zwischen Institutionen, Dozenten, Studenten. Auch in seiner Familie. Das liege zu einem Teil wohl auch in seiner Biografie begründet. Sagt er.

Denn er sei der zweite von drei Söhnen gewesen, habe immer vermitteln müssen, zu dem Älteren, zu dem Jüngeren. Mit dem ersten habe er sogar zusammen die Schule besucht. Der sei für ihn immer so etwas wie ein Sonnenschirm gewesen. „Er schützte mich, nahm aber auch Licht.“ Als sein Bruder dann von der Schule abgegangen sei, sei er selbst erblüht. 

Dass Vermitteln derzeit so abgewertet werde, sie für ihn schwer zu ertragen. Sagt der Professore. Alles, was mit Diskussionen, den Erarbeiten von Kompromissen zu tun habe, werde ja von vielen abgelehnt. Stattdessen würden die vermeintlich einfachen Lösungen gesucht, die vermeintlich dann auch noch alternativlos seien. Wobei eigentlich jedem klar sein müsse: Alternativen gebe es immer.

Zu allem. Auch zum Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße, das nach zwei Jahren Sanierung morgen wiedereröffnet werde. Ein Ort der Lesungen und Autoren. Dessen Ausrichtung er Mitte der 1980er Jahre als damals vermittelnder Verantwortlicher maßgeblich mitzuverantworten gehabt habe.

Und das heute in eine feministische Richtung gehe. Auch okay. Findet er. Abgesehen vom neuen Kürzel: LiBe… Klar sei: Gerade in Zeiten der Polarisierung sei Kompromissbildung  – und sei sie auch noch so schwierig – nötig.

Zu lernen auch durch die beste Erfindung seiner Generation: Das Erasmus-Studiumprogramm. Ein internationales Kennenlern-Programm für multiple Sichtweisen. Um Kompromissfähigkeit zu erlernen. Und ich denke so: Eigentlich wissen alle Vernünftigen um die Wichtigkeit von Kompromissen. Die Unvernünftigen wollen es nicht hören. Begreifen es vielleicht aber auch nicht. Oder wollen es nicht hören, um Macht zu bekommen.

Denke ich so. Und drehe mich im Wasser. Virtuelle Farbenpracht. Blick zum Strand. Wo die Menschen den Sommertag genießen. Es könnte so einfach sein. Redet. Hört zu. Versucht, verschiedene Perspektiven einzubeziehen. Sagt der philosophierende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Sucht und findet Kompromisse. Und chillt, Leute!

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert