Ich nasche an den Früchtchen des Zorns – Meine Liebe zum Theater

Energie. Kraft. Zorn. Wut. Leben. Yes! Menschen. Ihr habt es doch auch in euch. Wie wir. Kater. Also: Lasst es raus. Fühlt es. Fühlt euch. Es tut so gut. Ist so gesund. Für die psychische Hygiene. Ich durfte mit meiner Bruna und Felix mit ins Theater Thikwa in Kreuzberg. Dort zeigen zehn Schauspieler und Schauspielerinnen das Stück „Früchtchen des Zorns“ von Mark Schröppel.
Das Besondere: Acht der zehn sind behindert. Und ich denke so: Traurig, dass ich das so heraushebe. Wer entscheidet eigentlich, wer behindert ist? Andere Debatte, zurück zum Zorn: 70 Minuten exzessives Spiel – 17 Bilder, die unabhängig voneinander stehen, zu Themen wie Streit, Versöhnen, Wut, Ekstase.
„Haltet die Fresse“ schmettern die Schauspieler und Schauspielerinnen, begleitet vom naturally live groovenden Punk des Stereo-Total-Sängers Brezel Göring. Gehuldigt wird dem Streit. Wie großartig es ist, Emotionen ungefiltert aus sich zu schleudern, andere als „Wichser“ zu beschimpfen, dadurch sich selbst zu befreien. Streit als Wert an sich. Wie auch kämpfen.

Jeder gegen jeden. Dabei werden Dutzende Früchte – natürlich Ausschussware vom Großmarkt – zerquetscht, der Fruchtsaft von Zitronen spritzt über die Bühne, die glitschig-klebrig zur Rutschbahn wird. Eine Liebesszene. In der die Liebenden aneinander vorbeireden. Zwölfjährige Kinder, die gegeneinander kämpfend und kotzend in Kriege ziehen.
Im Stroboskoplicht-Gewitter zerstampfen alle die Früchte. In einem Behälter, aus dem dann ein Verzweifelter tropfend an einem Fleischerhaken nach oben gezogen wird. Und ich – the big literary-expert he, he – denke an John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“, der von einer Farmerfamilie in den USA erzählt, die zur Zeit der Großen Depression in den 1930er Jahren nach Arbeit sucht, aber in erster Linie ausgebeutet wird. Verzweiflung, die sich in Zorn wandelt.
Intensiv ist es: Sagt auch meine beeindruckte Bruna. Die durfte bereits vor den anderen Zuschauern in den Saal, um die Atmo zu schnuppern. Ihr Onkel Chris, Dramaturg des Stücks, holte sie rein. Die Schauspielerinnen und Schauspieler seien so echt, so authentisch, so viel sympathischer und nahbarer als die sogenannten Normalen, die immer eine Fassade um sich hätten.

„Die Beeinträchtigten spielen nicht, sie sind einfach sie selbst.“ Sagt meine Bruna. Keine, keiner sei darauf aus gewesen, cool zu wirken, seine oder ihre Aufregung zu verstecken. Und nach dem minutenlangen Applaus dröhnt aus dem Back der begeisterte Schrei einer Schauspielerin: „Wir haben es geschafft.“
Der Umgang mit diesen Schauspielern sei schon besonders, erzählt Chris. Eine junge Akteurin sei kurz vor der Premiere wütend aufgestanden, habe das Thikwa-Theater verdammt und geschrien, sie werde nie wieder kommen. Ihr sei das alles viel zu unprofessionell. Zehn Minuten später sei sie zurück gekommen. Als ob nichts geschehen sei.
Während ein anderer sich über die zu starke Aufmerksamkeit für eine Kollegin beschwert habe: „Nur weil meine Behinderung nicht so offensichtlich ist, heißt das noch lange nicht, dass ich weniger gefeiert werden will“, habe er sich beschwert.

Und ich spüre die krasse Energie. Jumpe aus dem Rucksack meiner Bruna zum am Fleischerhaken hängenden Mann. Spüre mich empor gehoben. Liebe es. Diese Energie zu spüren. Diese unbändig Wut. Diesen Zorn. Sagt der gepushte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid inklusive. Und chillt, Leute!
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