Hauptstadtkater

10. September 2026

Wie meine Nuria ohne mich nach Palermo auswandert – Dolce Vita mit Warnton

Reisen: Muss nicht sein. Lebensfreude: Muss sein. Deswegen will ich mit. Mit meiner Nuria. Weil die gerade so bunt ist. Unfassbare Energie. Vorfreude. Leidenschaft ausstrahlt. Beim Packen des Koffers in meinem Berliner Revier. Und das, obwohl der Abschied ansteht. Von mir. Denn meine Nuria will für sechs Monate nach Palermo. Erasmus-Studium.

Oder anders ausgedrückt: Ein halbes Jahr dolce vita pur. Denke ich so. Was meine Nuria natürlich weit von sich weist. Sie wolle dort Scheine machen für ihr Liberal Arts-Studium. Und naturally ihr Italienisch verbessern. Viel Arbeit sei das also. Und ich denke so: Als ob. Mir gegenüber kannst Du doch ehrlich sein.

Chillen ist angesagt. In milder, mediterraner Luft. Am Meer in der Sonne einen Espresso schlürfend. Um dann auf einen der vielen Street Food-Markets Pecorino Siciliano auszusuchen, der mit den neuen amici und amiche auf einer von Platanen umsäumten Piazza genossen wird. Während meine Artgenossen, die zu Zehntausenden die Stadt beherrschen,  um ihre Beine schleichen. Und das alles in ganz entspanntem Tempo… 

Ich kann nicht weiter träumen. Denn meine Nuria kann hart sein. Unerbittlich. Lässt mich nicht in ihren Koffer klettern. Immerhin: Coco darf auch nicht. Und so fühle ich die tiefe Traurigkeit in mir aufsteigen: Als sie zur Pforte schreitet. Sich noch einmal umdreht und „Ciao gatto“ ruft. Und ich so voller Entsetzen: „Nein, bleib hier, nimm mich mit.“

Und ich räume das menschliche Gefühl ein: Neid steigt in mir auf, als ich beobachte, dass sie Diego mitnimmt. Der diene ihr als Träger. Des Koffers. Und des Cellos. Und als Beschützer. Sagt sie. Das könne ich ja kaum, he, he. Fügt sie hinzu. Während Diego  die Treppen herunter stolpert. Auf dem Weg zum Zug Richtung Genua. Von wo aus es dann in 20 Stunden per Fähre nach Palermo geht.

Und ich denke so: Ein guter Tag also. Für Diego und Nuria. Und im Grunde doch auch für mich. Denn nun kehrt endlich wieder Ruhe ein. In mein Revier. Doch kaum habe ich das gedacht, stehe ich quasi in der Luft – mit allen Vieren weit von mir gestreckt. Synchron neben mir: Coco.

Ein ohrenbetäubender Lärm ist um uns. Schrillt aus Felixens im Wohnzimmer deponierten Handy. Erst als der nach Minuten aus seinem Zimmer torkelt und auf das Display schlägt, ist wieder Ruhe da. „Scheiß-Warntag“, flucht er. Und ich bin wieder mal überrascht. Vom Stumpfsinn der Menschen: Denn wer weiß schon, wann die nächste Flutwelle durch die Hauptstadt rollt. Und eine Warnung nicht ganz so schlecht wäre? 

Nun: Ich bleibe positiv. Es soll der Tag der good news bleiben: You remember? Vor einigen Wochen gab es die Story von der auf einem Autobahnparkplatz in Frankreich verloren gegangenen Hauskatze. Die Familie reiste immer wieder dorthin zurück – und nach 28 Tagen nun wurde Chanel gefunden. Die Besitzer so: Chanel scheine sich zu freuen, sie wiederzusehen.

Und ich denke so: Träumt weiter. Wir Kater freuen uns. Nie. Sagt der das süße Leben genießende Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Lebensfreude. Und chillt, Leute! 

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