Hauptstadtkater

21. Juli 2026

Surfender Hauptstadtkater und die Abschiedstrauer

Ich schwanke auf Wellen. Wasser schwappt auf meine Pfoten, auf mein Fell. Cringe, ich hasse Wasser. Salziges in meinen Augen. Ich spüre immerhin, sie ist hinter mir. Und hält mich an meinen Vorderpfoten. Bevor mich ein Energieschwall packt. Und mit meiner Bruna Richtung Strand rasen lässt. Auf unserem Surfbrett. Und plötzlich, nach zig Versuchen, da schaffe ich es alleine.

Welch Horror. Denke ich so. Als meine Bruna mir ihren Traum vom Surfen in Lacanau erzählt. Sie und meine Alten sind wirr. Weil sie – alle Jahre wieder – leiden. Abschiedsschmerz: Weil sie weg müssen von ihrem Atlantik. Zurück Richtung Alltag. Und ich denke so: Als ob ich das Schlimmste wäre. Als ob sie – meine Bruna – dann von mir träumen würde. Wenn ich nicht das Allerbeste in ihrem Leben wäre. 

Während ich diese Gedanken formuliere, muss ich kurz was in eigener Sache loswerden: Mir kam zu Ohren, einige Leserinnen und Leser hätten sich gewundert, dass ich das Leben meiner Bruna und ihrer Alten Felix und Laura in Frankreich so detailliert schildern kann, obwohl ich doch in meinem Berliner Revier ausharren muss. Warum das so ist?

Ich bin bestürzt über die Frage, hinter der ich ein Raunen, menschliches Misstrauen spüre. Gegenfrage: Warum sollte ich nicht vom Tun meiner Leute fernab der Heimat erfahren. Denn, mein morgendliches Ritual ist es, auf dem Schoß meines Diegos zu chillen.

Der entweder mit meinen Leuten telefoniert oder davon erzählt, mich updated. Oder WhatsApp der Leute vorliest. Fotos zeigt. Die er erhalten hat. Von ihnen? Was denn sonst? Wird mir da etwa unterstellt, ich könnte mir Geschichten ausdenken? Ich. Bin. Traurig.

Aber weiter zu meinen Leuten: Sie schildern die unfassbare, geradezu magische Energie, die der Ort Lacanau ausstrahlt. Von Surflehrerin Lea, die auf ihrem Board in den Wellen Handstand macht. Kinder, die kaum laufen können, springen auf ihrem Board während der rasanten Fahrt einmal um 180 Grad um die eigene Achse. Und bleiben auf dem Brett stehen.

Meine Bruna trainiert mehr als zwei Stunden am Stück und steht längst – auf den Wellen. Und dann gibt es Partys am späten Abend, bei denen Hunderte Teenager – und meine Alten – zu den Sounds der 90er Jahre den Marktplatz von Lacanau erbeben lassen. Und natürlich fressen sich unterdessen die meterhohen Wellen immer näher an die Promenade und die ersten Häuser des Ortes heran. 

Und ich denke so: So hat alles ein Ende. Urlaub. Surfkurs. Auch Lacanau selbst. Und Felix so:  In 20 Jahren werde meine Bruna mit ihren vier Kindern in der Nähe Urlaub des längst versunkenen Alt-Lacanaus machen. Und auch einmal einen Abstecher dorthin machen.

Mittlerweile würden dann als besondere Attraktion Tauchtouren durch die Ruinen angeboten. Sagt Felix. Durch die meine Bruna dann schwimmen werde samt ihren Kindern. Und ich frage mich so, ob ich dann dereinst auch tauchen kann. Und mit Sauerstoffflasche neben meiner Bruna flossele. Sagt der verträumte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Spürt die Energie. Und chillt, Leute!

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