Hauptstadtkater

22. Juni 2026

Larry leuchtet in England und ich suche Dämmerung in Berlin

Ab heute wird es wieder dunkler. Tag für Tag. Sonnenwende erreicht. Die Zeit rast. Wie wunderbar. Denke ich so. Denn ich liebe der Dämmerung Hülle. Liegt in meinen Raubkatzen-Genen. Mein Blick fällt auf die sinnierende Coco. Die ganz offensichtlich reflektiert.

Über vergangene Handlungen, die aus gegenwärtiger Perspektive absurd, nicht mehr nachvollziehbar erscheinen. Fliegen jagen beispielsweise. Zerstört oft Glas. Ist selten erfolgreich. Und wenn doch: Dann schmeckt die Beute ekelhaft. Und krabbelt noch im Hals. Welch weise Erkenntnis. 

Und ich denke an Großbritannien. Weil es da auch einen weisen Kater gibt, der sicher nur noch sein Haupt schüttelt, wenn er über die Politik seines Landes sinniert. Larry the Cat, der Hauskater der Londoner Regierungszentrale Downing Street Number 10, muss sich schon wieder auf einen neuen Hausherrn gefasst machen. Denn heute verkündete der amtierende, Keir Starmer, seinen Rücktritt.

Er versprach Change – die meisten im Volk merkten: Nichts. Was es ihm und seinen Vorgängern schwer machte: Die Folgen des Brexits – der Austritt der Briten aus der EU vor zehn Jahren. In dieser Zeit hat das Vereinigte Königreich nun sechs Premiers verschlissen. Und Larry, chief mouser of the cabinet, auf Instagram: „He resigned, so I can shine.“ (Er trat zurück, damit ich leuchten kann.“) Recht hat er. Denke ich so: Also: Think positive. 

Schon damals, 2016, war der Brexit nicht nur surreal, sondern absurd. Und kam nur mit knappster Mehrheit und populistischer Meinungsmache durch. Denn: Eigentlich war es toll für die Briten, überall in der EU arbeiten und studieren zu können. Und andersrum. Eigentlich war es toll für die Volkswirtschaften, Waren zollfrei senden zu können.

Und dann: In den vergangenen zehn Jahren sank das Bruttoinlandsprodukt der Briten um acht Prozent. Es gab nicht genug Erntehelfer, weil die aus Osteuropa weg waren. Und die Weltlage hat sich mittlerweile geändert: Mitten in Europa tobt ein Krieg, in den USA regiert ein unberechenbarer Autokrat,

Und es bräuchte ein geeintes, starkes Europa, um demokratische Grundwerte zu verteidigen. Sehen auch viele Briten so: 58 Prozent würden gerne zurück in die EU, besonders viele junge Menschen fordern das. 

Larry wusste schon vor zehn Jahren, dass Brexit Quatsch ist. Menschen vergessen eben schnell. Sieht man auch an meinen Alten Felix und Laura: Die trafen erstmals seit 15 Jahren wieder ihre Freunde Gustav und Thea. Und ihre Haupterinnerung: Felix habe damals, anno 2003 an den Gardasee nach Italien, ein Glas Nutella mitgenommen.

Und ich denke so: Häh, so what? Ist doch wie heute. Manches ändert sich eben nie. Und dann sehe ich Coco. Wie sie aufspringt. Hechtet. Dabei ein Glas mit Wasser vom Tisch wirft, das klirrend zerschellt. Und sich eine fette Fliege krallt. Die vor ihr zappelt. Hmmmm. Sagt der enttäuschte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: genießt Helligkeit. Und chillt, Leute! 

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert