Hauptstadtkater

1. Mai 2026

Die neuen Leiden meiner Nuria am Tag der Arbeit

Meine arme kleine Nuria. Die immens leidet, in Freiburg, 800 Kilometer entfernt von mir, ihrem Tröster. Sie muss in einer Bar arbeiten, um über die Runden zu kommen. Nicht nur sieben Stunden Stehen und Laufen, sondern auch Hitze, Rave-Lärm und viele dumme Menschen ertragen. Und das in einem toxischen Gasgemisch aus Fett, Schweiß und Chlor. Sie sei so fertig, keine Ahnung, stöhnt sie. Dabei könnte sie auch hier sein. Bei mir. Im Revier. 

Auch in ihrem Freiburger Zuhause findet sie nämlich keine Ruhe. Und keinen Kater. Stattdessen lauter junge, lebenshungrige Studenten, wild, hungrig und auch cringe. Extrem viel Energie. Besonders an einem Feiertag. Wie dem 1. Mai. Tag der Arbeit.

Aber eben nur für meine Nuria. Die keinen Ort für Stille findet. Keinen Kater. Wie unelegant. Denke ich so. Und lecke meine Pfote. „Ach, wäre ich doch nur bei euch, keine Ahnung“, stöhnt meine Nuria. Nur Gleichaltrige wie in der WG – wie anstrengend das sei. Da könne sie sich nirgends zurückziehen. Dabei suche sie die positive Einsamkeit. Die sie besser hier bei mir in Berlin finden könne. Wo sie einfach die Tür zu ihrem Zimmer zuziehen könne.

Nun, sie ist selbst Schuld. Denke ich so. Sie schuftet lieber in der Bar direkt neben einem Schwimmbad. Muss an ihrem ersten Arbeitstag dort direkt im Pommes-Bereich ran. Muss Frittieren lernen. Was sie hasst. Die Sonne strahlt. Es wird hotter. Die Beats vom nahen Rave lauter, keine Ahnung. Erzählt meine Nuria.

Kein Kater in Sicht. Dafür immer mehr Menschen. Mit Durst. Und Hunger. Meine Nuria muss an die Kasse. Neben ihr zunächst ein junger Mann – ebenfalls zum ersten Mal dabei. Die Schlange der Wartenden wächst auf 20 Meter an. Die Bar schließt wegen Überfüllung.

Ein erfahrener Mann kommt zur Hilfe. Streift – naturally unabsichtlich – Nurias Rücken. Legt – naturally unabsichtlich – seine Hand auf ihre Schulter. Ist herrisch. Laut. Sei aber noch ok, keine Ahnung. Sagt meine Nuria. Und ich würde gerne krallen. Diesen Typen. 

Hernach streift meine Nuria durch Freiburg. Sie würde gerne zur Demo gehen, wo der Fünf-Stunden-Arbeitstag gefordert werde, keine Ahnung, sagt sie. Sie kann aber nicht mehr. Die Füße. Der Rücken. Und der Druck: Sie müsse für die Uni lernen, ihr Auslandssemester in Palermo organisieren und Cello fürs Studentenorchester üben.

„War aber trotzdem nett, keine Ahnung“, sagt sie. Und ich denke so: Ich hätte eine Ahnung. Meine arme Nuria könnte hier leben. Chillen. Mit mir. Im Berliner Revier. Ruhe haben. Felix würde ihr Orangensaft pressen. Laura mit ihr über Literatur diskutieren. Diego ihr veganes Geschnetzeltes anbieten. Meine Bruna ihr Vinted-Klamotten schenken. Coco in ihre Füße beißen. Und ich ihr mein Fell, meine Wärme und Chill-Vibes schenken.

Kurz: Sie könnte hier ein Götterleben haben. Sie will es nicht. Sagt der bedauernde Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Akzeptiert die Jugend. Und chillt, Leute!

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