Hauptstadtkater

14. April 2026

Schweinchen auf dem Sofa, Kater im Mastbetrieb – Der 31. Jahrestag

Heute feiern meine Alten ihren 31. „Zusammenkommen-Tag“. Oder, wie Felix sagt: „372. Monatstag.“ Oder, wie Laura sagt: „Wirklich, so lange?“ Oder, wie ich sage: „Ups, das sind ja mehr Monatstage als das Jahr Tage hat. Krass.“

Und Laura so: „Ja, damals, Mitte der 1990er, da war das ein frühlingshafter, sonniger Karfreitag.“ Und Felix so: „Der beste Tag meines Lebens.“ Und ich so: „Oh, wie süß.“ Würde gerne mit den Pfoten ein Herzsymbol formen, was misslingt.

Meine Gedanken aber spreaden: Jener Karfreitag aus vorvergangenen Zeiten wirkt sich nicht nur prägend auf mein Leben aus. Sondern brachte letztlich erst diese gesamte Familie hervor. Zufälle, alles Zufälle. Oder auch nicht? Don’t know. 

Laura zitiert aus dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ den Kunsthistoriker Sven Behrisch, der darüber sinniert, was passiert wäre, wenn nach der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies die männliche Brust im Vergleich zur weiblichen als defizitär empfunden worden wäre.

Und damit der Mann als Mangelwesen angesehen würde, der angegrapscht wird und BH tragen muss, durch den sich bei ihm dann auch eine weibliche anmutende Brust wölbt. Die Geschichte der Beziehung zwischen den Geschlechtern wäre vollkommen anders. Orakelt Behrisch.

Und ich frage mich so, was wäre, wenn Menschen nicht damit begonnen hätten, Schweine, Rinder, Lämmer und Fische zu futtern. Sondern Katzen, Kater und Köter. Wie ja auch in anderen Weltgegenden. Und wenn nun statt mir ein Schweinchen ob seines süßen Rüsselchens und seiner hohen Intelligenz auf dem Sofa liegen und gekrault würde. Während Kater in Mastbetrieben mit Hormonen gemästet würden, um günstiges Fleisch für Mensch zu produzieren.

Und ich sehe künftige Kater- und auch Menschengenerationen, die kopfschüttelnd auf unsere düstere Fleischzeit blicken. „Damals aßen die Menschen noch Fleisch, obwohl es Alternativen gab“, werden sie schon in ein paar Jahrzehnten sagen. Und ich merke, wie rückschrittlich ich bin. Als meine Bruna mein Döschen mit Rind und Pute vor mir platziert. Und mein Sabber tropft. 

Sicher ist nur der Wandel. Der unvorhersehbare. Der alte Ansichten plötzlich infrage stellt und absurd erscheinen lässt. Und ich denke an die Wende 1989. Vor vier Jahrzehnten hielten es nur unverbesserliche Optimisten für möglich, dass BRD und DDR sich wiedervereinigen könnten.

Drei Jahre später war es so weit. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass es zu meiner Familie gekommen wäre ohne diesen überraschenden Umbruch. Ossi Laura wäre Wessi Felix wohl nie begegnet. Meine Familie wäre nicht entstanden. Dafür naturally andere. Und in irgendeiner anderen Familie würde ich mich wohl auch gut aufgehoben vorkommen. Vielleicht.

Meine Leute und ihr Tag sind also zu feiern. Allerdings wollen weder meine Bruna noch Diego ihnen die von Felix geforderte Wien-Reise schenken. Das sei ein krummes Jubiläum, argumentieren sie unisono. Während meine Nuria im fernen Freiburg ähnlich wie Coco eh nichts mitbekommt. Von dem Jubeltag. Aber wahrscheinlich schon von den Zufällen der Welt. Sagt der zufällige Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Würdigt Jubiläen. Und chillt, Leute! 

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