„Haltet die Schnauze“: Wie ich zwischen AfD und Shakespeare taumle

„Es ist eine schlimme Zeit!“ Ruft ein als Narr verkleideter Schauspieler von der Bühne des Berliner Ensembles. Erzählt Felix. Wenige Minuten zuvor sind nach Schließung der Wahllokale in Sachsen-Anhalt die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme geflimmert. Sehe ich.
Und sie bestätigen schlimmste Befürchtungen: Der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Landesverband der AfD hat die Wahl mit riesigem Abstand gewonnen – weit mehr als 40 Prozent der rund 1,7 Millionen Wahlberechtigten votierten für die Rechtsextremisten. Und die CDU halbiert ihr Ergebnis von 2021 auf deutlich unter 18 Prozent.
Im Berliner Ensemble, dem Theater, das der Antifaschist Bertolt Brecht vier Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet hatte, klatschen die Zuschauer enthusiastisch, als der Narr über die schlimmen Zeiten reflektiert. Während ich in unserer Küche Trockenfutter in mich würge. Diego Jazz-Piano improvisiert. Und meine Bruna Coco krault.
„Was ihr wollt“- so heißt das Theaterstück, in dem Felix und Laura weilen. Shakespeares weit über 400 Jahre alte Komödie, in der der Schauspieler Veit Schubert den Narren verkörpert. Der verzweifelt am Irrsinn, Unsinn, Starrsinn, Wahnsinn, Schwachsinn.

Dem er versucht, mit Gesang zu entkommen: „Haltet die Schnauze“, singen erst die Schauspieler, bis dann nach und nach die Zuschauer einstimmen – eine Zeile, die im Shakespeare-Original ebenso wie das Zitat „Es ist eine schlimme Zeit“ nicht enthalten ist. Natürlich. Sagt der Shakespeare-Experte Charlie. He he.
In der Pause des Stücks hätten alle auf ihren Handys die Hochrechnungen angestarrt. Erzählt Felix. Mit ungläubigem Ekel. Kann ich verstehen. Ich erinnere mich an Kanzler Merz. Der bei seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren prahlte, er werde die Ergebnisse der AfD halbieren. Die Ergebnisse haben sich verdoppelt. Die der CDU mehr als halbiert.
Ich spüre eine bleierne Schwere über mir. Die habe sich auch über das Berliner Ensemble gesenkt. Erzählt Felix. Sagt: Es ist eine schlimme Zeit, eine Zeitenwende für Deutschland, eine Zäsur. Historisch. Denke ich so. Noch nie haben die Rechtspopulisten in Deutschland eine Wahl so deutlich gewonnen. Sie haben sogar die Chance, einen Ministerpräsidenten zu stellen. Es wäre das erste Mal in der Geschichte Deutschlands, dass eine als rechtsextrem eingestufte Partei auf Landesebene die Regierungschefposition übernimmt. Mir ist übel.

Und ich stelle mir die Shakespearsche Frage: „Was wollt ihr?“ Ich würde gerne schreien: Keine Rechtsextremisten. Werde aber übertönt aus Sachsen-Anhalt. Wo die Bürger schreien: AfD. Eine Partei, die Migranten rausschmeißen will. Die die Schulpflicht abschaffen will. Die die wegen des Iran-Kriegs wieder extrem hohen Spritpreise senken will. Die den Ukraine-Krieg beenden will.
Ach herrje, ich will auch so viel, lieber Shakespeare. Denke ich so. Und will an die Welt gerichtet schreien: „Haltet die Schnauze!“ Sagt der bedrückte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Kämpft gegen Rechtsextremismus. Und chillt, Leute!
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