Hauptstadtkater

6. April 2026

Ich, das Mäuschen und der Iraner, das Tier

„Maus!“ Oder gar: „Mäuschen!“ Rufen mich meine Leute ab und an. Really. Ich schwöre. Und ich kann ihre Wortwahl kaum fassen. Dass Menschen so mit Sprache umgehen. Mich bewusst klein machen. Und dann auch noch gleichsetzen mit meinem Lieblings-Futtermittel: Maus.

Einem Tierchen auch noch, dass Menschen gemeinhin eher meiden. Oft sogar brutal töten. Oder zumindest schreiend vor ihm fliehen. Sogar meine Nuria. Warum sie mich dann so nennen – raffe ich nicht. 

Nun, sie sind eben absurd. Die Menschen. Und ich muss auch nicht alles raffen. Denke ich so. In meinem Chillmodus auf meinem Lieblingsmedium, der Zeitung. Auf der ich mich rekle. Dass es nur so raschelt. Und trotzdem dringt US-Präsident Trump zu mir durch.

Der in seiner Wut auf die iranische Regierung, die in dem Krieg einfach nicht klein beigeben will und anders als von ihm gewünscht, gar nicht daran denkt, auf Verhandlungen einzugehen, diese nun als Tiere bezeichnet. Um damit zu rechtfertigen, warum Angriffe auf Kraftwerke und andere Infrastruktur in dem Land keine Kriegsverbrechen seien. Vielmehr seien es Kriegsverbrechen, wenn man dem Iran erlaube, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen.

Sagt Trump. Und genau deswegen werde ab morgen jede Brücke und jedes Kraftwerk zerstört sein, wenn bis dahin nicht die Straße von Hormus endlich wieder frei für den Schiffsverkehr sei. Sicher sei, im Falle eines großen Bombardements werde der Iran 100 Jahre benötigen, um das alles wieder aufzubauen. Bellt der Mann mit den orangenen Haaren weiter.

„Steinzeit, ja Steinzeit“, wütet er. Während ich spüre, wie mich alles, aber vor allem seine Wortwahl triggert: Dass er die Iraner als Tiere bezeichnet. Und dass das ja suggeriert, dass Tiere etwas weniger Wertvolles als Menschen wären – und damit ein Krieg gegen ihre Anführer und sie ok wäre. 

Klar, Sprache ändert sich ständig. Die Großeltern meiner Bruna beklagen sich, sie verständen ihre Enkel kaum noch – nicht nur wegen ihres immer schlechteren Hörvermögens, sondern auch wegen der Ausdrucksweise der jungen Leute. Und Karl, der Cousin meiner Bruna, erklärt geduldig, Begriffe wie „Bro“, „cringe“, „Aura“ oder „flexen“.

Opa Volker schüttelt sein weises Haupt, meint, damals, in den 50er und 60er Jahren habe es Jugendsprache noch nicht gegeben. Was Oma Lina lachend widerlegt. „Hey Typ, lass uns mal gammeln. Und danach hotten gehen.“ Das sei dufte. Super. Hammer. Sagt Oma Lina. 

Hammer ist es leider nicht so für mich. Meine Leute quälen mich weiter. Mit Worten. „Mäuschen“, ruft mich meine Bruna nun, die sich übrigens des Öfteren schon beklagt hat, von ihrer Geigenlehrerin ebenso bezeichnet zu werden. Es steigert sich: „Mieze, komm mal her“. Höre ich es nun tönen.

Alta, geht’s noch? Ich bin doch kein niedliches, verhätscheltes Schoßkätzchen. Und bleibe liegen. Auf meiner Zeitung. Sagt der gedemütigte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Achtet darauf, wie ihr etwas sagt. Und chillt, Leute!“ 

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