Hauptstadtkater

27. September 2026

Warum Marathon vielleicht doch ok ist – nur nicht für mich

Zurück ist er. Und wirkt irgendwie wie auf Dauerdroge. Entrücktes Lächeln. Schwarze Augenringe. Tief gefurchtes Gesicht. Schleppender Gang. Felix aber ist happy. Weil er es irgendwie geschafft hat.

Ist die 42,195 Marathon-Kilometer gerannt. Durch den Moloch Berlin. Mit 56.000 anderen. Aus aller Welt. Fast viereinhalb Stunden. „Ich bin voll euphorisiert.“ Sagt Felix nun. Würde mich gerne greifen. Schafft er aber nicht. Sondern schreit auf. Sinkt auf das Sofa. Krampfgeschüttelt. Und auch noch stinkend. Menschenschweiß eben. 

Ich raffe es nicht, was Menschen dazu bringt, sich das freiwillig anzutun. Und Felix so, stöhnend vom Sofa: „Die Atmosphäre, die Stimmung, die Internationalität. Alles so krass.“ 160 Nationen, englisch, italienisch, chinesisch, portugiesisch, polnisch and so on – ein einziges Sprachengewirr.

Eine Teilnehmerin habe auf ihrem T-Shirt stehen gehabt: „Dafür bin ich 9.200 Kilometer geflogen.“ Und wird dann von Menschen mit südafrikanischer Flagge in der Hand bejubelt, die sie vom Straßenrand anfeuern. Andere notieren stolz auf ihren Trikots, sie seien das 50. Mal bei einem Marathon am Start.

Wieder andere laufen gegen Rassismus. Daneben zwei Typen, mit glatt geöltem und gescheiteltem Haare, ihre Trikots mit Deutschlandflagge spazierertragend. Nicht weit entfernt: ein volltätowierter Mann, der nur noch Unterhose trägt. Gestylte Frauen in Miniröcken. Omas gegen Rechts. Und natürlich der Mann mit Ananas auf dem Kopf.

Dicke, Dünne, über 80-Jährige, Teenager, Männer, Frauen, Queere, körperlich Beeinträchtigte – alle seien dabei, gluckst Felix. Alle seien vereint im Glücksrausch. Der Schmerzen. Denke ich so.

Und dann die Zuschauer, schwärmt Felix: Mit Hupen, Trompeten, Pfeifen feuerten sie die Läufer und Läuferinnen stundenlang an. Zig Bands, Orchester und DJs heizten ein. Menschen hätten ihm Pappen entgegen gestreckt, gegen die man schlagen soll, um Kraft mitzunehmen. Kleine Kinder strahlten, wenn man sie abklatscht.

Zu Beginn Schilder wie: „Vergiss nicht, Du hast 205 Euro bezahlt dafür, jetzt renn auch.“ Ab der Hälfte der Strecke: „Jetzt umkehren lohnt sich auch nicht mehr.“ Und dann, ab Kilometer 35: „Endspurt, Ziel in Sicht.“ Was natürlich nicht stimme. Aber trotzdem motiviere. Krächzt Felix vom Sofa. Auf das ich nun springe. Um ihn zu beruhigen. 

Felix kann nicht stoppen. Bis Kilometer 25 sei alles leicht gegangen. Plappert er weiter. Dann habe der Schmerz begonnen. Plötzlich sei aus der Menge aber seine Laura mit lauten „Felix“-Rufen hervorgesprungen. Mit Schild in der Hand, auf der sein Name stand und: „Go, go.“ Ein Kuss. Und die Kraft sei wieder da gewesen.

Dazu Anfeuerungen von meiner Nuria aus Palermo – via App. Von meiner Bruna am Streckenrand – via Schrei. Und dann, am Ende, die letzten zwei Kilometer – kurz vor der Ohnmacht – habe er an mich gedacht. Sagt Felix. An meine Coolness. Meine Ruhe. Die habe ihn ins Ziel getragen. Sagt der geehrte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Vielleicht doch mal Marathon laufen und auf andere Gedanken kommen? Und natürlich: Dann chillen, Leute!

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