Hauptstadtkater

23. Dezember 2025

Der glimmende Schwanz und Raketen über Kiew

Endlich wird’s auch bei mir besinnlich. Denke ich so. Und fixiere die flackernden Flammen der Kerzen auf dem Adventskranz. Zufrieden. Ausgeglichen. Yin und Yang. Bin ich. Was natürlich daran liegt, dass meine family und ich, schon das Weihnachtswunder erlebt haben. Mit der unfassbaren Rückkehr Cocos. Nach ihrer 40-stündigen Flucht aus unserem Revier. Mehr Glück geht nicht. Wenn Coco nur nicht ständig meine Leckerli stibitzen würde…

Ich weiß: Ich habe Glück. Ich bin privilegiert. Hier in diesem Revier leben zu dürfen. Olena hat uns geschrieben. Aus Kiew. Die Mutter von Fedir, jenem mittlerweile 18-jährigen Ukrainer, der sieben Monate bis Mai bei uns wohnte – und nun in einer WG in Warschau lebt, arbeitet und studiert. Weil er nicht bei seiner Familie sein kann – ansonsten könnte er zur Armee eingezogen und an die Front geschickt werden.

Nun, Olena schreibt, der Familie gehe es gut. Trotz der ständigen russischen Raketen- und Drohnenangriffe. Trotz der ständigen Stromausfälle. „Wir haben ja Powerbanks.“ Ich habe Coco.

Das Leben in der ukrainischen Hauptstadt sei mehr oder weniger normal. Schreibt Olena. Es gebe alles zu kaufen, die Auswahl an Lebensmitteln sei ähnlich wie die in anderen europäischen Städten. Die Cafés, Restaurants, Theater und Kinos seien gut besucht. Das sei übrigens auch in Charkiw so – ihrer Heimatstadt, die sie im März 2022 wegen der Nähe zu Russland verlassen hatten.

Kürzlich habe sie mit ihrem Mann am Ufer des Flusses Dnipro einige Tage Urlaub gemacht. Und danach hätten sie tatsächlich eine kleinere Wohnung in Kiew gefunden, die bezahlbar sei – und in die auch Rudy, ihr Kater, habe miteinziehen dürfen. Tochter Svitlana sei fertig mit ihren Schauspiel-Studium und spiele in einer Fernsehserie mit, außerdem am Theater in Kiew. „Wir haben absolut alles.“ Schreibt Olena. Und fügt hinzu: Das sei alles den Soldaten zu verdanken, die sie an der Front verteidigten.

Und ich denke so: Das ist schon großartig, trotz der Angriffe des Massenmörders Putin so gelassen, so positiv zu sein. Kein Wort der Klage. Und das, obwohl sie selbst die Zukunft eher düster sieht. Es gebe derzeit keine Aussicht auf Frieden, schreibt sie. Kremldespot Putin wolle die Kapitulation der Ukraine und ihre Zerstörung. Russland müsse an den Punkt gebracht werden, an dem es sich für das Land nicht mehr lohne, Krieg zu führen – materiell und technisch.  Ein weiter Weg. Denke ich so. Aber Wunder passieren ja immer mal wieder…

Mein Blick fällt auf den „Spiegel“, den ich gerade besetze. „Lust, Rausch, Untergang“, steht da als Überschrift einer Story in großen Lettern. Ein Blick zurück in die 1920er Jahre. Ich lege mich auf die Zeitschrift. Sehe Coco. Genieße die Stimmung. Was bei mir mit Schwanzwedeln verbunden ist. Und in diesem Fall fast zum Unglück führt.

Mein Schwanz streift die Flamme. Glimmt. Und Felix schreckt auf. Pustet. Gießt sein Glas Wasser auf mich. Krass. Eklig, aber es hilft. Auch wenn es stinkt. Höchste Not. Es geht eben alles Richtung Untergang. Denke ich so. Aber: Always keep cool. Sagt der besonnene Weihnachtskater. Der über sich wachen lässt. Und jetzt feiert Weihnachten. Und chillt, Leute.

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