Coco knutscht Harry Potter und wird unerwartet sichtbar

Unerwartetes ist manchmal unsichtbar. Für einen. Obwohl es sichtbar wäre. Und natürlich auch ist. Vor allem, wenn man es erwarten würde. Coco im Bücherregal sehe ich erst mal nicht, obwohl ich da hinschaue. Aber sie da eben nicht vermute. Ich sehe stattdessen: Zwei schwarze Punkte.
Harry Potters Brille. Denke ich so. Vom Cover des Bands mit dem Halbblutprinzen. Und dann bewegen sich die Punkte. Richtung Potters Mund. Und endlich erkenne ich. Das sind ja Katzenaugen. Das ist ja Coco. Und sie knutscht Harry. Really. Komplett unerwartet. Denke ich so.

Das Gegenteil von unerwartet und unsichtbar: US-Präsident Trump. Absolut sichtbar – im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit. Und komplett erwartbar, was der Typ so macht. Weil er so eindimensional, affektgesteuert ist.
Gestern hatte ihm das höchste US-Gericht ja eine historische Niederlage zugefügt, indem es einen Großteil seiner im vergangenen Jahr erhobenen Zölle als illegal bezeichnete und einkassierte. Dass Trump darauf reagiert, offensiv und aggressiv, war klar. Erst kündigte er an, einen weltweiten Zoll von 10 Prozent auf Importe zu verhängen, heute dann erhöhte er auf 15 Prozent.
Er rechtfertigt sein Agieren unter Berufung auf ein Handelsgesetz von 1974 – das erlaubt, für bis zu 150 Tage Zölle zu erheben. Experten allerdings bezweifeln, ob die nötigen Voraussetzungen zur Nutzung dieses Gesetzes überhaupt da sind. Unerheblich für Trump. Und ich denke so: Erwartbar, dass der Typ auf Experten nichts gibt. Und sein Ding durchzieht.

Erwartbar auch, dass solch erratisches Handeln Hass erzeugt. Unerwartet jedoch wiederum, wo Hass so manches Mal zuhause ist. Felix erzählt von einem Freund, der sich vor wenigen Tagen nach einem Gottesdienst mit zwei christlichen Iranerinnen traf, die vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen sind.
Gut gelaunt, fast perfekt Deutsch sprechend, Kopftuch tragend, hätten sie plötzlich gewütet: Seit einem Jahr wohne eine Syrerin in ihrer Nachbarschaft, mit ihren sieben Kindern. Sie könnten nicht verstehen, dass ihr Asyl gewährt worden sei, obwohl sie offensichtlich nur eine Mission habe: In Deutschland den Islam zu verbreiten.

Und ich frage mich so, warum Menschen sich gegeneinander ausspielen. Im Großen, im Kleinen, überall. Und blicke zur Bücherwand: Durch die Coco schweift. Und den dort liegenden Staub der Jahrzehnte aufwirbelt. Ich niese. Sie niest. Felix asthmatiert.

Muss da tatsächlich eine dämliche Katze spazieren, die eh nicht lesen kann? Frage ich mich. Ermahne mich dann zur Lockerheit. Von der Muse geküsste Literaturkatzen soll es ja geben. Und Harry Potter und sie haben geknutscht. Ich bin Augenzeuge. Sagt der open-minded Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Erwartet das Unerwartbare. Und chillt, Leute!
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