Der Verlust des Anstands in Trumps Welt und Diegos Schwimmbecken

Oft wird behauptet, es gebe keinen Anstand mehr. Was dann als Symptom für eine verrohende, zerfallende Gesellschaft interpretiert wird. Da ist US-Präsident Trump. Dessen Markenkern das Hinwegsetzen über Konventionen ist – sein Tabu: Es gibt keine Tabus. Für ihn.
Weswegen er vor knapp zwei Wochen beispielsweise auch ohne jedwede Scham seinen Vorgänger Obama und dessen Frau in seinen sozialen Netzwerken als Affen diffamiert hatte. Und ich denke so: Welche Auswirkungen hat es, wenn selbst der mächtigste Mann der Welt kein Benehmen mehr kennt – sondern im Gegenteil, Anstand als Schwäche verhöhnt.
Trump ist eine einzige Grenzüberschreitung. Warum ich nun an dieser Stelle Obama als Art Kronzeugen dafür aufrufe? Weil der endlich reagiert – etwas verklausuliert zwar und erst Tage nach der Trumpschen Provokation. Aber treffend. Auf den Punkt gebracht. Auch ohne beleidigend zu sein oder direkt Namen zu nennen. Kurz: Stilvoll.
Also, Obama sagt, es scheine keinerlei Scham mehr bei jenen Menschen zu geben, die einst gedacht hätten, dass es Anstand, einen Sinn für Anständigkeit und Respekt geben sollte. Das sei verloren gegangen. Er gehe davon aus, solches Verhalten werde Trumps Republikanern bei den Zwischenwahlen im November schaden, da die meisten US-Bürger dadurch zutiefst verstört seien.

Naturally, der Verlust des Anstands hat nicht erst mit Trump Einzug erhalten. Aber dass er den Trend verstärkt – nun, das scheint selbst aus meiner bescheidenen katerlichen Sicht wenig weit hergeholt zu sein.
Mittlerweile ist folgende Klage meiner Alten Alltag: Eben hätten sie draußen wieder vier Jugendlichen ausweichen müssen, die nebeneinander laufend auf sie zugekommen seien – und sie gar nicht übersehen hätten. Sondern es auf eine Kollision hätten ankommen lassen wollen. Höhnisch grinsend. Die nächste Konfrontationsstufe. Denke ich so. Der Krieg der Generationen.
Diego erzählt von seinen jüngsten Erfahrungen als Schwimmcoach. Ein Vater der ihm anvertrauten Geschwister habe ihn beschimpft und mit Kündigung gedroht, weil die fünfjährige Tochter partout nicht ins Wasser wollte. Seine Tochter sei nun mal besonders, durchaus anstrengend und bedürfe einer besonderer Betreuung. Die er aber nicht sähe. Rüpelt der Vater Diego an.
Während sich ein anderer Vater – ein Social-Media-Star, der sich gerne als Experte für Gesellschaft in Talkshows setzt – trotz Aufforderung nicht von seinen Kindern trennen will. Und seine Schwimmtipps lautstark an seine Sprösslinge weitergibt.

Immerhin: Coco verlässt überraschend meinen Lieblingsplatz. Als ich näher komme. Respekt vor dem Alter. Nice und vorgewärmtes Fensterbrett. Denke ich so. Und bemerke erst nach dem Hinlegen, warum Coco ging: Meine Bruna lockt aus der Ferne mit Leckerli.
So ist das. In diesen Zeiten. Vollkommen lost. Sagt der anständige Hauptstadtkater. Der gerne über euch wachen würde. Und jetzt: Chillt, Leute!
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