Hauptstadtkater

Chillen, Checken, Schnurren – meine Gedankenfetzen zum Absurdistan der Welt. Ansichten eines weißen Katers im Chaos.

  • 14. September 2025

    Über Angst und Drohnen über Polen

    Es ist nicht das Schlechteste, einen Kompagnon zu haben. Jemand, der hinter einem herläuft. Einen anhimmelt. Nachahmt. Einfach da ist. Wie Baby Coco. Tatsächlich spüre ich Wärme in mir. Wenn sie zu mir auf den verbotenen Sessel – weil antik und so, you know? – kommt. Und mir tatsächlich Sicherheit gibt. Und sowas wie Stärke. Offenbar: Weil ich nicht allein bin.

    Achtung, liebe Leserin, lieber Leser: Katersprung zur Nato. Nun, das westliche Verteidigungsbündnis ist da ja irgendwie sowas wie ein Vorbild für mich. Da haben sich verschiedene Staaten zusammengerafft, um sich gegenseitig Sicherheit zu geben. 

    Mit einer so called Beistandsverpflichtung. Was so viel heißt: Wenn einer der derzeit 32 Partner angegriffen wird, helfen ihm die anderen. Das soll potenzielle Feinde abschrecken. Wie beispielsweise Kremldespot Putin.

    Trotz des Bündnisses: Im Westen regiert der alte Affe Angst. Warum eigentlich Affe? Wahrscheinlich, weil Angst an einem haftet wie ein Affe. Oder Kater? Egal: Die Leute haben Angst vor Krieg. Und dass sie in einen solchen ziehen müssen. Wobei dann der größte und wichtigste Nato-Partner, die USA, vielleicht gar nicht hilft. Wenn es zu einer Eskalation kommt. Mit eben diesem Putin-Russland.

    Das Vertrauen in die USA unter Präsident Trump ist weg. Weil der wankelmütig ist. Und immer wieder deutlich macht, keinen Bock auf Kriege zu haben. Für die er sich und sein Land nicht zuständig fühlt. Und für wen er sich zuständig hält? Weiß niemand so recht. Kann sich täglich ändern. Mal so, mal so.

    Kremldespot Putin schürt die westliche Angst. Mit Vergnügen. Lässt seine Drohnen über die Nato-Länder Polen und Rumänien fliegen. Löst damit das Aufsteigen von Kampfjets aus. Und Angst. Und ich denke so: Angst lässt verkrampfen. Ist echt doof. Muss weg. Um klar denken zu können.

    Coco ist nice. Ich schlecke über ihr Gesicht. Ihr verträntes Auge. Hat wohl einen Zug bekommen. Oder so. Bruna aber jammert. Hat Angst. „Arme Coco. Katzenschnupfen kann tödlich enden. Sie muss zum Arzt.“ Sagt sie.

    Während die Mutter ihrer besten Freundin – selbst Menschen-Ärztin– meint, das mit Cocos Auge sei nicht schlimm, man müsse es mit Kochsalzlösung spülen.

    Und ich lecke. Und sie schnurrt. Ich bin eben Helfer. Ohne Kochsalz. Dafür mit Heil-Speichel. Und wir beide bleiben feist im Sessel liegen. Selbst als Felix an seinem geliebten Möbel mit ernstem Gesicht vorbeischreitet.

    Wir bilden eine Phalanx, das so called Katzenbündnis Chaco. Felix traut sich nicht, uns zu verjagen. Weil wir zu zweit sind. Gemeinsam. Sind. Wir. Stark. Eben.

  • 13. September 2025

    Über Problemkinder und Durchfall

    Coco hat Durchfall. Und wenn Baby was hat, reagieren meine Leute äußerst empfindsam. Unabhängig davon, ob es Coco nun wirklich schlecht geht oder nicht. Ihr geht es ausgezeichnet. Weiß ich. Denn: Sie jagt mich. Sie frisst mein Nassfutter. Sie klaut meine Angel.

    Trotzdem sind meine Leute ach so besorgt. Um Coco. Und kaufen eine Flasche stilles Wasser. Das Gute. Das Teure. Das Französische. Was sie sich selbst nicht gönnen. Nun, sie lassen es Coco zukommen. Es habe weniger Nitrite. Und es sei pflegend für den jungen Darm. Der Coco. Sagen sie. Und füllen es in den Trinkbrunnen. Really: Trinkbrunnen – hatte ich das schon erwähnt? Dass sie so etwas für sie kauften?

    Mythen eben. Denke ich so. Und schlürfe mein verkalktes Leitungswasser aus dem Napf. Dabei bemerkend, dass meine Leute mir heute schon wieder nicht das eigentlich täglich fällig werdende Würstchen gegeben haben. Scheinen es vergessen zu haben. Haben wohl Wichtigeres im Kopf. Denke ich so. Really: Ja, ohne Verbitterung. Ohne Eifersucht. Really!!!

    Menschen überschätzen sich selbst nur allzu gerne. Um andere zu unterschätzen. Und dann erstaunt bemerken: Hach, hätten wir ja gar nicht gedacht. Von ihm. Von ihr.

    Die Tochter eines Freundes von Felix ist ein sogenanntes Problemkind. Sie ritzte sich, hatte Bulimie, Depressionen, war in psychiatrischer Behandlung, schwänzte die Schule. War Punk. Null Bock auf alles. Drogen. No future. So schien es.

    Und nun, nur zwölf Monate nach dieser Beschreibung, erzählt Felixens Freund, eben diese Tochter habe eben ihr Abi bestanden. 1,2. Werde im Herbst in Berlin ihr Studium starten. Physik. Sie sei ausgezogen. Zu ihrer Schwester in eine WG. Sie kiffe und rauche weiterhin. Nehme dazu Anti-Depressiva. Und sei. Glücklich. Ein Traum. Offenbar. Für Eltern. Really?

    Mir versagen meine Leute mein Anti-Depressivum. Die Würstchen. Glücklich bin ich trotzdem. Und hüpfe auf Coco. Die stinkt. Und dann zu ihrem Trinkbrunnen rast. Das edle französische Tafelwasser schlürfend. Glücklich zu sein scheint. Prost. Denke ich so. Möge es zur Besserung des Darms beitragen.

  • 12. September 2025

    Übers Wachsen und internationale Spannungen

    Alles wächst. Hunger, Fell, Entfremdung. Und natürlich auch Coco. Was kein Wunder ist – bei dem Appetit. Cocos Problem, das sie selbst noch nicht erkannt hat: Der Lieblingsplatz aller Kitten in diesem Revier wird auch ihr schon sehr bald zu klein sein – und damit zur schönen Erinnerung mutieren.

    Denn schon jetzt passt das Riesen-Kitten kaum noch zwischen Laptop, Monitore, Tastatur und Maus. Auf dem Schreibtisch. Auf dem sich die Welt abspielt. Und es so schön klappert. Beruhigend. Da dann auch noch der davorsitzende Mensch so nah ist.

    Komisch eigentlich. Dass auch meine Spezies den Menschen und dessen Nähe schätzt. Denn – so finde ich jedenfalls mit Blick zurück in meine Kindheit: Irgendwie wird alles immer bedrohlicher. Immer schlimmer: Wenn ich heute mit der Zeit vor drei Jahren vergleiche, als ich eben diesen Lieblingsplatz auf Felixens Schreibtisch einnahm, auf dem sich nun Coco rekelt.

    Damals war „nur“ Ukraine-Krieg. Gerade ausgebrochen. Heute tobt der Krieg immer noch. Und droht zu eskalieren. Weil Russland mittlerweile auch Drohnen auf das Nato-Land Polen feuert.

    Damals gab es heftige Spannungen in Nahost. Heute ist brutaler Krieg im Gazastreifen. Israel wird vielfach Genozid an den Palästinensern vorgeworfen. Zehntausende Tote. Sehr viele Kinder darunter. Hunger. Zerstörung. Und Israel feuert dann noch Raketen auf den souveränen Staat Katar.

    Damals regierte ein gemäßigter, greiser Präsident die USA. Heute zum zweiten Mal Donald Trump. Der lügt, polemisiert, die Demokratie aushöhlt. Die Gesellschaft wird immer stärker gespalten. Nun wurde der Trump-Unterstützer, der Influencer Charlie – ja, really: Charlie!!!! – Kirk bei einer Rede in einer Uni auf offener Bühne erschossen.

    Der Typ war ein widerlicher ultrakonservativer Faktenverdreher. Viele vor allem linke Menschen jubeln. Ob des Mordes. Und ich denke so: Es gibt keine guten Morde. So etwas zu feiern, spaltet noch mehr. Manche befürchten gar einen Bürgerkrieg in den USA.

    Ich denke auch an Deutschland: Damals warnten viele vor der rechten AfD. Heute greift sie bundesweit in Umfragen den ersten Platz der Union an; in Sachsen-Anhalt könnte sie im kommenden Jahr bei der Wahl Befragungen zufolge die absolute Mehrheit holen.

    Puuuuh. Ich liege unter Felixens Schreibtisch. Unter Coco. Mehr Platz. Mehr Ruhe. Und trotzdem mittendrin. Im Weltgeschehen. Zumindest virtuell. Und ich merke: Wie ich plötzlich schrumpfe. Im Alter. Vielleicht könnte ich eines Tages doch wieder zwischen Laptop und Tastatur passen? Frage ich mich so. Hoffentlich nicht. Beruhigend nur: Auch Hass und Entfremdung – könnten schrumpfen. Oder?

  • 11. September 2025

    Über Grenzen, Katzengras und gemeinsames Kotzen

    Es liegt im Wesen von Menschen, Grenze auszutesten. Wie weit kann man gehen, ohne dass der andere reagiert. Oder nur wenig reagiert. Dieses Verhalten gibt es ganz offensichtlich auch bei meiner Spezies. Schon bei unseren Kleinsten. Kitten. Coco.

    Und hier die Story dazu: Laura bringt mir mein geliebtes Katzengras mit. Absolut lecker. Würgereiz garantiert. Und Coco? Rast an mir vorbei. Und hat ihren Kopf bereits in den Grastopf gesteckt, bevor ich ihn erreiche. Sie grast, lässt mir kaum Raum. Sie spielt mit den Halmen, klammert sie zwischen ihren Krallen fest. Bis der Topf kippt. Toll.

    Sie beachtet mich nicht. Und ich staune. Was soll ich tun? Denke ich so. Eskalieren? Zeigen, wer der Chef ist? Oder abwarten. In der Ruhe liegt die Kraft. Sie ist ja nur ein Baby. Das aber Grenzen braucht. Ganz sicher. Denke ich so. Denn schon bald. Da wird sie groß sein. Sehr groß. Vieler größer als ich. Und dann könnte es zu spät sein, Grenzen zu setzen.

    Grenzen austesten kann sehr gefährlich sein. Vor allem bei den Menschen. Bei Politikern. Und Diktatoren. Russland testet ständig. Ob sich sogenannte rote Linien verschieben lassen. Schießt wieder mal, wie gewöhnlich, Drohnen auf die Ukraine.

    Und hups – da fliegen doch glatt welche nach Polen. Gleich 19 Stück. Auf ein EU- und Nato-Land. Und was machen die Polen? Und die Nato-Verbündeten? Schießen die russischen Dinger ab. Erstmals. Und sind mächtig sauer. Auf Moskau.

    Versteht Russland nicht. Offiziell. Es sei doch gar nicht beabsichtigt gewesen, Polen zu beschießen. Lässt Moskau verlauten. Polen dagegen behauptet, es könne sich nicht um Zufall handeln, es sei ein militärischer und politischer Test der Russen für Polen und die Nato.

    So ähnlich denken auch andere westliche Verbündete. Russland wolle checken, wie die Nato reagiere, wenn Grenzen, bislang geltende rote Linien überschritten würden, heißt es. Wolle sehen, wie Polens Luftverteidigung funktioniere. Und ob die Nato dem Land wirklich beistehe. Im Fall der Fälle verteidigungsfähig sei.

    Ich eskaliere nicht. Weil Coco meine Grenzen ja gar nicht kennt. Irgendwann hat Laura die Töpfe wieder aufgestellt. Coco wird ruhiger. Und ich geselle mich zu ihr. Gemeinsames Grasen.

    Und kurze Zeit später: Gemeinsames Kotzen. Tut so gut. Gesäubert zu sein. Und ich denke so: Exakt 24 Jahre nach den Terroranschlägen des 11. Septembers in den USA haben Coco und ich es geschafft: Die Grenzen sind überwunden. Gewaltfrei.

  • 10. September 2025

    Übers Allein-Sein und Diego in Brasilien

    Ich bin nicht mehr allein. Also, war ich ja nie. Weil meine Leute da waren und sind. Meist. Und jetzt ist ja auch wieder ein Artgenosse von mir hier. Besser gesagt: Artgenossin. Ich gewöhne mich daran. Beobachte sie. Schnüffle sie. Renne mit ihr. Alles nice. Aber – ich habe auch etwas verloren. Durch sie – meine absolute Selbstbestimmtheit. Autonomie. Und Ruhe. Weil Coco immer wieder dazwischen spritzt. Baby eben. Riesenbaby.

    Diego und ich machen da gerade ähnliche Erfahrungen. Er in Brasilien. Wo er jetzt allein tourt. Und prompt zwischen Extremen schwankt, die er gar nicht kannte, als er noch mit seinen Freunden unterwegs war – die mittlerweile allesamt abgereist sind. Er finde cool, machen zu können, was er wolle, wann immer er es wolle – also weiterreisen, ans Meer gehen, Essen kaufen. Und er liebe es, die Ruhe zu genießen. Chillend. Wie ich.

    Aber manchmal, ja manchmal hole ihn der – tatsächlich: Katzenjammer ein. Sagt er. Und er werde von der Einsamkeit gepackt. Und die könne richtig weh tun. Und niemand sei da, seine Gedanken mit ihm zu teilen. Die er dann aber doch findet. Quasi zwangsläufig.

    Abends war er mit einem Brasilianer, bei dem er wohnte, unterwegs. Wäre wohl nicht passiert, wenn seine Freunde noch da gewesen wären. Mit Will, dem glücklicherweise englischsprechenden Brasilianer, habe er Fisch gegessen. Und Will habe ihn – den Anti-Alkoholiker – „gezwungen“, zwei Caipirinha zu trinken. Habe tatsächlich geschmeckt. Müsse er aber nicht wiederholen.

    Später habe er dann am Meer den Sonnenuntergang genossen. Und sei von zwei brasilianischen Studentinnen angesprochen worden. Die hätten sich cool mit ihm über Fußball und Echsen unterhalten. Zum Tanzen habe er dann aber nicht mitgehen wollen. Mache er ja auch in Deutschland nicht. Kann ich verstehen.

    Und überhaupt so: Allein durch die Altstadt von Sao Luis schlendernd, habe er den Vibe der Stadt gespürt. Weil er sich darauf eingelassen habe. Die Stadt aufzusaugen, sich auf sie zu konzentrieren. Wäre mit Freunden nicht gegangen. Weil sie sich unterhalten hätten. Abgelenkt gewesen wären.

    Ich sitze hinter Coco. Bin gespannt, wie sich das mit ihr weiterentwickelt. Wo sie doch jetzt schon fast so groß ist wie ich. Mit knapp drei Monaten. Sie läuft auf mich zu. Nase-Nase. Dann spüre ich ihre raue Zunge an meinem Auge. Und ich weiß sofort: Ich will nicht wieder allein sein.

  • 9. September 2025

    Der Zauber des ersten Mals und Israels Katar-Angriff

    Der Zauber des ersten Mals verzaubert. Mich. Im Moment besonders. Denn: Bei Babys gibt es diesen Zauber ständig zu erleben. Natürlich auch bei Kitten. Wie Coco.

    Zum ersten Mal sieht sie sich im Spiegel – und merkt, dass das Gegenüber keine Angst vor ihr hat. Zum ersten Mal hängt sie an der Kette zum Schloss der Eingangstür – und merkt, dass die Tür hart ist. Zum ersten Mal springt sie auf die Katertonne – und merkt, dass ich da schon chille. Zum ersten Mal schlürft sie aus dem Trinkbrunnen – und merkt, dass Wasser auch dort nass ist. Zum ersten Mal käckert sie in meine Katertoilette – und merkt, dass da auch mein Geruch ist. And so on. And so on.

    Das erste Mal ist natürlich nicht immer so nice. Denn da gibt es beispielsweise die israelische Regierung. Die ihren Kampf gegen die islamistische Palästinenserorganisation Hamas ins Absurde führt. Ins traurige, tödliche Absurde. Die für ihr Ziel, die Hamas zu vernichten, billigend in Kauf nimmt, dass dabei Zehntausende Zivilisten Opfer werden. Diese tötet, verletzt, ihre Heimat zerstört.

    Und dabei billigend in Kauf nimmt, dass der Hass immer weiter steigt. Und nicht wahrnehmen will, dass selbst, wenn die Organisation aufgeben sollte, andere Terroristen an ihre Stelle treten werden. Mit vervielfachtem Hass.

    Israel überschreitet aufs Neue immer weitere rote Linien. Und heute verstört ihr erstes Mal wieder mal extrem. Denn zum ersten Mal greift Israel in Katar an. Einen souveränen Staat, der Frieden im Gazastreifen zwischen der Hamas und Israel vermitteln will. Klar, er ist auch bekannt dafür, führende Hamas-Leute zu beherbergen.

    Auf Katars Hauptstadt Doha schießt die israelische Armee nun Raketen. Weil sie dort eben die Spitzen-Hamasleute vermutet. Der Angriff kommt überraschend. Selbst für den größten Verbündeten, die USA. Deren Präsident Trump postet, über den Angriff sei er überhaupt nicht begeistert.

    Auch die Bundesregierung nicht. Die arabischen Staaten schon gar nicht. Eigentlich niemand. Denn dieses erste Mal ist nicht nur völkerrechtswidrig, sondern auch brandgefährlich. Und könnte eine weitere Eskalation in der Region auslösen.

    Also lieber zurück zu den ersten Malen Cocos. Die im Flow ist. Auf Felixens Schreibtisch springt. Zum ersten Mal auf seiner Tastatur sitzt. Felix ist entzückt – obwohl auf seinem Bildschirm eine unendliche Menge Gedankenstriche auflaufen – von Coco ausgelöst.

    Und er dann nicht weiterschreiben kann. Und nervös wird. Weil seine Meldung fertig werden muss. Irgendwann löst er das Problem, die Feststelltaste. Sweet. Das alles. Der Zauber des ersten Mals.

  • 8. September 2025

    Über Annäherung, den ersten Schultag und Putins Rekord-Beschuss

    Die Annäherung ist nun mal langsam. Liegt in meiner Natur – eher introvertiert. Würde Mensch sagen. Nun. Es liegt auch an Coco. Sie ist wild. Schnell. Sprüht vor Leben. Ich dagegen bin gesettled. Cool. Moro-like. Ein wenig. Im Alter von drei Jahren ein Kater in den besten Jahren eben. Der auch mal staunen kann. Über das Ungestüme.

    Über Coco. Wildfang. Würde Mensch wohl sagen. Sie hat sich in einer Schürze verhakt, die am Küchenschrank hängt. Und schwingt nun durch die Luft, auch die Hinterbeine haben abgehoben. Sieht aus wie Tarzan. Nur ohne Urwald. Und der Schrei fehlt auch. Dafür nur ihr Krächzen. Sie scheint Spasss zu haben.

    Und ich denke so: Wie die Zeit vergeht. Und sich alles verändert. Vor kurzem noch hing ich an der Schürze. Jetzt glotze ich und schau zu. Manches aber bleibt auch. Beispielsweise der Ukraine-Krieg. Seit mehr als dreieinhalb Jahren lässt Kremlchef Putin die Ukraine nun bombardieren. Länger als ich lebe. Und ich lebe ewig. Finde ich.

    Vergangene Nacht flogen so viele Drohnen und Raketen in die Ukraine wie nie zuvor in 24 Stunden. Mehr als 800 ließ Putin auf das Land abfeuern. Wieder starben Menschen, auch Kinder. Wieder wurden Häuser zerstört. Erstmals wurde ein Regierungsgebäude getroffen – ein solches Ziel galt bislang als eine Art rote Linie.

    Deutlich wird: Putin führt die Welt vor, führt auch US-Präsident Trump vor, der unbedingt Frieden will. Putin will ganz offensichtlich keinen Frieden. Er setzt auf Eskalation. Um kompromisslos seine Ziele zu erreichen – die gesamte Ukraine unter russischen Einfluss zu bringen.

    Dabei geht es doch im Leben nur um friedliches Zusammenleben. Harmonisch. Streit, klar soll auch sein. Aber gewaltfrei. Hach, ich Träumer. Und so schnüffle ich Coco, die von der Schürze abgestürzt ist. Sie mich. Und wir springen beide erschrocken auf, als unsere Schnurrbarthaare sich touchieren. Coco hüpft auf den Laptop von Nuria. Von dem der Kater von Nurias Freund Piet grüßt. Ein Maine Coon. Naturally.

    Meine Bruna kommt heim. Erster Schultag. Besser als gedacht. Erste Stunde Italienisch war top. Sagt sie. Und ich denke: Geht doch. Mit der richtigen Einstellung.

    Und lasse Coco den Sonnenplatz auf der Fensterbank. Sie lässt mir meine Lieblingswürstchen. Kurz: Die Annäherung ist zwar langsam. Aber intensiv. Und damit nachhaltig. Behaupte ich. Und lecke Cocos Pfote. Geht doch. Denke ich so.

  • 7. September 2025

    Über das Ende der Einsamkeit und Diegos Einsamkeit in Brasilien

    Will ich wirklich allein sein? Nein. Plötzlich bin ich nicht mehr allein. Coco ist überall. Wo ich bin. An meinem Futter. An meinen Leckerli. In meinem Bett. Bei meiner Bruna. Und ich? Ich beobachte. Erst mal. Wundere mich, ob so viel Lebensfreude, die sie da versprüht.

    Will mich aber erst mal bewusst nicht becircen lassen. Wie alle anderen. Meine Menschen. Die ihr huldigen. Sie feiern. Mit ihr herumtollen. Spielen. Platt vor Entzücken jeden Wunsch von ihren ockerfarbenen Augen ablesen.

    Klar, sie ist eben eine Nette. Auf jeden Fall. Finde ich ja auch. Sie schnüffelt gut. Baby eben. Sie ist weich. Ihr Augenaufschlag. Und: Sie liebt Chillen. Sie liebt die Sonne. Wie ich. Und schon sitzt sie auf meinem Sonnenplatz. Auf dem Küchentisch. Und ich – wohin soll ich?

    Übrigens: Diego ist jetzt alleine. Alleine in Brasilien. Sein Freund Boris ist jetzt wegen seiner Schulterverletzung – unglaublich: Eine Welle in Peru hat ihn zu Boden geschleudert und die Schulter zerstört – nun: Boris also ist heute nach Deutschland abgereist. Weil er sich hier operieren lassen will. Eigentlich wären er und Diego jetzt noch drei Wochen gemeinsam durch Brasilien gereist. Jetzt macht es Diego alleine.

    Krass. Ohne Portugiesisch- oder Spanisch-Sprachkenntnisse. Englisch spräche da kaum einer. Sagt Diego. Er reist – ohne Freunde. Ohne mich. Aber klar, allein sein stärkt auch. Habe ich gemerkt. Ich bin ich. Ein widerstandsfähiger Kater. Nun, Resilienz also gibt es. Sage ich mal so. Ganz im Soziologen-Jargon. Der gerade voll en vogue ist.

    Coco jedenfalls ist on top. Soll sie. Ich kann gönnen. Lasse sie mal aufs Sofa. Wir schnüffeln uns – aus sicherer Entfernung. Gesellschaft kann auch nerven. Muss aber nicht. Also lasse ich sie mit meiner Maus toben. Aus meinem Brunnen trinken. Sogar mein Klo besuchen. Werde verzaubert. Von ihrer kratzigen, leisen Stimme. Von ihren ockerfarbigen Augen. Will ich wirklich allein sein? Nein.

  • 6. September 2025

    Coco ist da, Erinnerungen an Moro und meine Rollenänderung

    Es kommt dann eben doch immer alles anders als man denkt. Plötzlich also ist Coco da. Leibhaftig! Steht sie vor mir. Klein. Babyface. Große Ohren. Kleine Nasen. Schwarz-rot-weiß gescheckt. Voll frech. Voll keck. Voll respektlos. Blickt sie mir tief in die Augen. Dass Schauder mich durchfluten.

    Weil ich den direkten Blick nicht mag. Zuletzt ähnliche Blick mit Moro wechselte. Und nun betroffen bin. Sie hat meine Unsicherheit mit dem ersten Blick durchschaut. Und ich habe einen Flashback. Bin plötzlich der kleine Charlie. Vor drei Jahren. gerade mal zwei Monate alt. Komme ich hier in meinem Berliner Revier an.

    Und da steht der große Moro vor mir. Der mich mustert, anstarrt. Unbewegt. Und starrt. Und starrt. Und ich auf so etwas überhaupt nicht vorbereitet bin. Da meine Mitkater direkt nach meiner Geburt die ganze Zeit nur mit mir rumtollten, mit mir rumschmusten, wir eine tolle Truppe waren. Lebensfreude eben. Und dann Moro. Der dann irgendwann ganz langsam näher kam. Und: Mich dann sogar anknurrte. Als ob. Er. Gerade er. Ein Köter wäre.

    Nun. Da hatte ich erst mal Respekt. Und dachte: Was für ein komischer Kater doch dieser Moro ist. Gestört. ADHS oder so. Wie absurd, ein lonely Kater, der sich nicht lecken lassen will. Von mir. Der nicht kuscheln will. Mit mir. Aber dann. Im Laufe der Jahre. Änderte er sich. Ließ sich lecken. Trollte mit mir rum. Wir wurden beste Freunde. Und wir liebten uns. Denn Moro war zart. In seiner Seele. Und scheu im Umgang. Ein Lieber. Bis zu seinem plötzlichen Tod. Eben.

    Jetzt bin ich der Große. Plötzlich in der Moro-Rolle. Und Coco ist ich. Irgendwie. Klar. Ich freue mich. Dass wieder ein Katzentier da ist. Schon besser als Menschen. Die ständig weg sind. Und keine Ahnung vom Krallenwetzen haben. Beispielsweise. Aber Coco überfordert mich auch.

    Denn alle rufen nur: „Guckt doch mal, was sie wieder macht. Wie sie auf das Sofa hüpft. Wie sie sich auf dem Teppich rollt. Wie sie auf ihre Toilette geht. Süüüüüüß.“ Und das Schlimmste: Ich bekomme Mitleid: „Ach Charlie, der Arme, da sitzt er ruhig, mit Abstand und glotzt nur.“ Sagt meine Bruna. „Wir müssen uns um ihn kümmern. Damit er sich nicht herabgesetzt fühlt.“ Müssen sie nicht. Denke ich so.

    Auf jeden Fall: Das zu hören, macht alles noch viel schlimmer. Für meinen Mind. Klar: Ich will Coco nicht irritieren. Sie scheint nice zu sein. Entspannt. Selbstbewusst. Hübsch. Als sie sich mir nähert, miaue ich trotzdem. Und sie zuckt zusammen. Was ich doch goutiere. Ist mein Revier. Ich. Bin. Boss.

    Und ich denke so – angewidert von mir selbst: „Hach, bin ich ätzend. So menschlich. Leicht zu durchschauen. Aber ich kann gerade nicht anders. Nicht mal über meinen Schatten springen. Instinkt.“ Denke ich so.

    Meine Bruna schmeißt mir ein Extra-Leckerli zu. Reizt mich nicht. Was noch nie so war. Aber tatsächlich ist mein Appetit weg. Ich. Bin. Fasziniert. Von Coco. Und meiner komischen Reaktion.