Hauptstadtkater

Chillen, Checken, Schnurren – meine Gedankenfetzen zum Absurdistan der Welt. Ansichten eines weißen Katers im Chaos.

  • 15. Oktober 2025

    Wenn ich wegschwebe, ist es so nice…

    Ich fühle mich hintergangen. Von den Menschen – in aller Welt. Vor allem von jenem mächtigen Staatenlenker in den USA, der behauptet, jetzt kehre in Nahost für immer Frieden ein. Warum das so sein sollte? Erklärt US-Präsident Donald Trump nicht. Denn der krasse Krieg im Gazastreifen. Mit Zehntausenden Toten. Und Zerstörung. Der kann jederzeit wieder aufgeflammt werden. Wenn Menschen das wollen.

    Und ich denke so: Warum kann Mensch nicht so sein wie Tier? Kein Tier ist so grausam zu einem anderen seiner Spezies wie der Mensch zu Seinesgleichen.  Oder zerstört Lebensraum seiner Spezies. Tiere leben im Einklang mit der Natur. Menschen dagegen – bezeichnen Natur als Umwelt. Welch Hybris. Als ob sie außen vor wären. Nicht mit ihr.

    Ich bin abhängig von dieser selbstzerstörerischen Spezies. Von Menschen. Und bin deswegen traurig. Suche dann absurderweise aber doch wieder ihre Nähe. Denn Nähe ist die beste Medizin. Für geschundene Seelen. Wie die meine.

    Vor allem, wenn diese Nähe von meinem Lieblingsmenschen gegeben wird. Meiner Bruna. Ja, es gibt sie auch – gute Menschen. Und damit Hoffnung. Ich bin bei meiner Bruna. Und dann: Schwebe. Ich. Völlig. Losgelöst. Von dieser Erde. Und die menschlichen Arschlöcher – sorry für die Wortwahl –  werden kleiner und kleiner – und verschwinden.

    Wenn ich wegschwebe, ist es so nice: Denn ich muss nicht sehen, wie Hamas-Terroristen mit schicken Uniformen auf blitzenden Autos durch die Straßen Gazas patrouillieren, Maschinengewehre schwingen. Trotz Hungersnot – sie wirken durchtrainiert und muskulös. Als ob sie in den zwei Jahren israelischer Bombardements und Stopp der Hilfslieferungen in ihren Tunnels genug Futter gehabt hätten. Und der Vorwurf der israelischen Armee, die Hamas habe seit Jahren Nahrungsmittel für die notleidende Palästinenser selbst eingesackt, stimmen könnte. Nein: Muss.

    Wenn ich wegschwebe, ist es so nice: Denn ich muss nicht Nachrichten hören, dass die Hamas-Terroristen Palästinenser erschießen, denen sie Kollaboration mit der israelischen Armee vorwerfen.

    Wenn ich wegschwebe, ist es so nice: Denn ich muss nicht den Schwachsinn von Trump inhalieren. Der erst in seinem „Friedensplan“ auf die Entwaffnung der Hamas besteht. Und der dann sagt, die Hamas müsse erst mal die Kontrolle über den Gazastreifen haben, um ein Chaos zu verhindern – und im Kampf mit rivalisierenden Banden natürlich auch Waffen braucht.

    Wenn ich wegschwebe, ist es so nice: Denn ich muss nicht denken, dass Trumps Friedenplan total unüberlegter Humbug ist.

    Wenn ich wegschwebe, ist es so nice: Denn ich muss nicht erkennen, dass der israelische Premier Benjamin Netanjahu die Hamas eigentlich gar nicht – wie von ihm behauptet – vernichten will. Weil er sie braucht. Fürs eigene Überleben. Denn nur mit der Hamas kann die von ihm so gehasste Zweistaatenlösung verhindert werden. Mit dem Verweis, dass eine Terrortruppe wie die Hamas keinen Staat führen oder mitgestalten könne.

    Und so dulde ich, dass meine Bruna mir meine Nase knetet. Kneift. What a feeling. Ich spüre mich. Und die Welt. Schwebe. Das ist real. Sagt der Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Chillt.

  • 14. Oktober 2025

    Depression. Zweckoptimismus. Gaza.

    Ohne Tief kein Hoch – nur mit diesem Wissen kann ich mich heute motivieren. Aufbauen. Denn ich fühle mich leer. Ausgepowert. Antriebslos. Kurz: DOG – Depressiv. Ohnmächtig. Gleichgültig. Also: Wie ein Köter. Und so hänge ich vor der Glotze.

    Sehe Bilder vom Gazastreifen. Alles zerbombt. Nur Trümmer. In denen Menschen ihre Wohnung suchen – und nicht finden. In denen Menschen Hilfslieferungen von Lkw plündern. Essbares suchen. Und nicht finden. Ich höre die Hamas-Terroristen prahlen: Israel müsse vernichtet werden. Höre israelische Minister sagen: Die Hamas müsse entwaffnet werden. Sie dürfe nie wieder Macht bekommen.

    Gestern also – nach Freilassung der letzten 20 lebenden Geiseln aus der Gefangenschaft der Hamas im Gazastreifen fühlte ich: Euphoria. Heute dann aber die krasse Ernüchterung. Weil der Konflikt eben doch weiter ausweglos erscheint. Keiner so richtig zu sagen vermag, wie es weitergehen wird. Auch wenn US-Präsident Trump schon jubelt, der Krieg sei vorbei. Aber eigentlich weiß niemand, wer denn den Gazastreifen künftig verwalten wird. Und wer darüber wachen soll.

    Die Waffenruhe dort scheint fragil. Welchen Grund sollte Israel haben, nicht weiter gegen die Hamas vorzugehen, jetzt, wo die lebenden Geiseln zuhause sind? Und Israel hätte dafür sogar bereits eine Rechtfertigung. Denn: Anders als vereinbart sind nicht die 28 Leichen von Geiseln übergeben worden – sondern erst acht.

    Wahrscheinlich, weil die Überreste in dem Chaos gar nicht mehr geborgen werden können. Die israelische Regierung jedenfalls hat sich in Stellung gebracht: Hamas habe die Vereinbarung gebrochen. Sagt sie. Und ich frage mich so: Was hat das für Auswirkungen?

    Und ich setze tatsächlich auf die Eitelkeit des US-Präsidenten. Dessen Hauptziel es ist, nun wenigstens im kommenden Jahr den Friedensnobelpreis zu bekommen. Um das Ziel zu erreichen, muss ein Frieden in Nahost stehen. Denke ich so. Weswegen er Druck auf seinen Verbündeten Israel ausüben müsste, nicht erneut anzugreifen.

    Allerdings tönte Trump bereits heute: Falls sich die Hamas nicht entwaffnen lasse, werde das mit Gewalt geschehen. Und ich sehe Bilder von durch Gazas Straßen fahrende, schwer bewaffnete Hamas-Kämpfern, die versuchen, wieder Kontrolle zu übernehmen. Und bereits zig Menschen hingerichtet haben sollen, die sie als Verräter ausgemacht haben wollen.

    Ich sehe meine Leute. Die ob der Bilder des Leids zusammengesunken sind. „Was für ein Katzenjammer.“ Sagt Felix. „Ich habe fast so was wie einen Kater“. Sagt Laura. Ich spüre Widerstand in mir wachsen. Ob dieser Wortwahl. Was erlaubt sich Mensch hier wieder? Verbindet negative Gefühle mit Katzen. Und Katern!

    Und ich merke: Es tut gut, sich über solche Nebenschauplätze aufzuregen. Das lenkt ab. Wut weckt Widerstand. Also: Zerstört: DOG – Depression. Ohnmacht. Gleichgültigkeit. Zugunsten von CAT – Cool, apart, taff. Und ich denke so: Irgendwann ist jedes Tief überwunden. Und es folgt ein Hoch. Manchmal aber auch nicht. Sagt der zweckoptimistische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Chillt. Handelt.

  • 13. Oktober 2025

    Euphoria am historischen Tag nach zwei Jahren Geiselhaft

    Cool. Apart. Taff. Und jetzt, liebe Leserin, lieber Leser – zieht mal die Anfangsbuchstaben der drei Adjektive vom Beginn meines Textes zusammen. Yes: CAT. Katzen. Cool, apart und taff – das sind wir. Was bedeutet: Kommt fast nie vor, dass wir mal überreagieren. Uns von Emotionen mitreißen lassen.

    Heute aber – spüre ich ein Vibrieren in der Luft. Das meine Schnurrbarthaare erzittern lässt. Und Coco geht es genauso. Ein special day. Felix behauptet: „Historisch.“

    Und so läuft der Fernseher bereits morgens. Ich höre Jubel, aufgeregte Stimmen, sehe zig Menschen. Weil: Die Terrororganisation Hamas heute tatsächlich die 20 letzten Geiseln, die noch lebten, frei gelassen hat. Und die – nach mehr als zwei Jahren Gefangenschaft – in ihre Heimat Israel zurückkehren können. Empfangen von ihren  Familien und Freunden.

    Herzzerreißend. Finde selbst ich. Als ich die Emotionen sehe. Und wieder mal stelle ich fest – mein Defizit: Ich kann nicht weinen, die Tränen kommen nicht.

    Nun, Coco und ich kleben uns direkt an die Fernseh-Mattscheibe. Um dicht dabei zu sein. Bei den flackernden Lichtern, Schatten, Bewegungen. Ich weiß natürlich, wie sinnlos es ist, sie catchen zu wollen. Baby-Coco aber ist voll dabei. Bei der Begrüßung der Geiseln.

    Nun, wir sind nicht nur CAT – siehe oben. Sondern auch weise. Reflektiert. Und so muss heute auch ich mich mal hinterfragen: Dieser Triumph, der da heute gefeiert wird, der ist maßgeblich einem Mann zu verdanken, den ich hier in meinen „Gedankenfetzen“ regelmäßig verdamme: US-Präsident Donald Trump.

    Von ihm ist der Friedensplan, den die Hamas und Israel akzeptierten. Der Waffenruhe im Gazastreifen bedeutet, die immerhin seit fast vier Tagen hält. Und der bedeutet, dass die Geiseln freikommen. Auch Palästinenser dürfen sich freuen: Rund 2.000 werden aus israelischen Gefängnissen entlassen.

    Ich frage mich, ob die Geiseln jemals wieder ein unbeschwertes Leben führen können. 738 Tage waren sie in düsteren Tunneln eingesperrt, wurden gequält, gedemütigt, hatten Todesangst, waren hoffnungslos, mussten die Bombardements Israels aushalten. Und die palästinensischen Häftlinge? Sie treffen im Gazastreifen ihre Familien wieder. Aber in einer Trümmerwüste.

    Und nun? Trump lässt sich feiern. Reist in den Nahen Osten. Gibt den Abgeordneten im israelischen Parlament den Rat, die Korruptionsermittlungen gegen ihren Premier Benjamin Netanjahu mal sein zu lassen, weil das ein cooler Typ wäre, unterschreibt dann in Ägypten eine Erklärung mit lauter Absichtserklärungen, nach denen in Nahost Frieden herrschen soll – ohne zu erklären, wie.

    Und ich merke so: Trump ist und bleibt ein Arsch. Für Mensch in Nahost kommt jetzt erst die richtig schwierige Phase. Eigentlich soll die Hamas entwaffnet werden. Die aber schwört Israel weiter Vernichtung, während Israel schwört, die Hamas dürfe nie wieder Macht bekommen.

    Coco klebt am Bildschirm. An den Jubelnden, quasi. Soll sie erst mal deren Glücksgefühle aufsaugen., Euphoria. Tut auch mal gut. Depri kommt schnell genug zurück. Coco spürt es. Ich spüre es. Also: Moment genießen. Ist historisch. Sure. Sagt der Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Chillt.

  • 12. Oktober 2025

    Der Kater als Pazifist mit Jagdtrieb

    Der Jagdtrieb ist in uns. Wenn sich was bewegt, müssen wir hinterher. Es catchen. Liegt in unseren Genen. Wir sind Raubtiere. Auch als domestizierte Katzen. Klar, ich bin sogar froh, dass wir keine echten, sondern Spielzeugmäuse jagen können. Die dann nicht immer weiter zucken, wenn man sie erwischt hat. Und die man auch nicht töten muss. Denn: Ich hasse töten. Ich bin Pazifist.

    Klar, meine Draußen-Kollegen sind gezwungen zu töten, um zu überleben. Aber auch von ihnen sind einige ziemlich degeneriert – legen die erlegte Maus auf den Türabtreter ihres Menschen. Und der Mensch – noch degenerierter – ups, kann man das steigern, das Adjektiv? – also, der Mensch ist tatsächlich angeekelt. Von der toten Maus. Und auch von seinem Tier, das die Maus erlegt hat und stolz präsentiert. Und erregt sich dann noch über einen Mann im fernen Kulmbach, der eine Taube auf dem Marktplatz mit einem Tritt tötete, nachdem diese eine Pommes von ihm vertilgen wollte.

    Und ich denke so: Eigentlich doch hassen Menschen wie Katzen Tauben – die Ratten der Lüfte. Diese Viecher, die sich feist vor mich aufs Fenstersims hocken und mich, der direkt vor ihnen thront, nur getrennt durch die Scheibe, zu verhöhnen scheinen. Warum also nicht, sie töten.

    Nun: Menschen töten Fliegen. Insekten. Einfach so. Offenbar ist für sie eine Grenze erreicht, wenn es um das Töten von Wirbeltieren geht. Um das willkürliche Töten dieser Tiere wohl. Denn mich wundert: Über das Sterben und Töten bei Massentierhaltung, die es trotz aller krassen Berichte über die Qual der Tiere weitergibt – wird sich meist nur kurz aufgeregt. Schnell wird das Thema verdrängt. Nach dem Motto: Was ich nicht sehe, macht mich nicht heiß. Und ich sehe meine Leute und denke so: Klar, die Verantwortung dafür tragt ihr nicht, aber ihr habt dennoch damit zu tun.

    Trifft auch meine Bruna. Anderes Thema. Sie war auf dem Bebelplatz in Berlin. Beim Festival of Lights . Da werden die umliegenden Gebäude mehr oder weniger kitschig-bunt illuminiert – und Bässe wummern. Mitten auf dem Platz im Boden eingelassen ein weiß strahlender Ort, über den die Menschenmassen promenieren.

    Durch die dreckige Scheibe sind unterirdisch leere Bücherregale zu erkennen. Und Felix altklug: 1933 sei es gewesen, dass die Nazis hier „undeutsche“ Bücher verbrannt hätten, von Thomas Mann, Erich Kästner. Woran der Ort erinnern soll. Erinnern? Frage ich mich so. Und sehe die Bilder der Menschen in Partylaune. Und frage: Haben sie Verantwortung?

    Wo doch der Hass auf Juden weltweit wieder steigt. Rechtsradikale Positionen hoffähig werden. Immerhin, was Positives: Morgen sollen die 20 noch lebenden und von der Hamas im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln nach Israel zurückkehren können. Aber: Wie wird es ihnen nach mehr als zwei Jahren Horror gehen?

    Jetzt wurde ein Israeli, der das Massaker vom 7. Oktober 2023 überlebte, tot aufgefunden. Seine Freundin war damals vor seinen Augen auf dem von den Terroristen überfallenen Nova-Musikfestival ermordet worden. Er schrieb in seinem Abschiedsbrief, er könne den Schmerz nicht mehr aushalten. Es trifft mich. Klar: Das ist ein Einzelschicksal. In dem Krieg gab es Zehntausende Opfer. Die meist nur als Zahlen in Nachrichten erschienen.

    Es ist alles so tragisch. Coco jagt. Die Maus. Zum Glück ein Spielzeug. Ich hasse Tauben. Wir sind Raubtiere. Und Pazifisten. Sagt der Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Chillt.

  • 11. Oktober 2025

    Frösteln statt Lachen – Judenhass in meinem Land

    Wenn meine Leute über den Holocaust reden, dann stellen sie immer wieder die Frage: Warum sind damals, in den 1930er Jahren, so viele Juden in Deutschland geblieben, obwohl sie doch täglich dem wachsenden Hass der Nazis ausgesetzt waren? Und ich denke immer wieder: Ja, das ist aus der Retrospektive so leicht gefragt.

    Aber zum Zeitpunkt der Nazi-Angriffe wollte Mensch offensichtlich nicht wahrhaben und fassen, was da geschah. Was eigentlich nicht sein konnte. Und verließ sich auf die Vernunft. Kam man sich doch – bestimmt auch damals – aufgeklärt genug vor.

    Vernunft. Beim Menschen. Und ich würde auflachen. Wenn ich könnte. Und sehe, wie sich die Welt gerade verändert. Und Undenkbares plötzlich Realität wird. Wie täglich in den USA zu beobachten. Wo US-Präsident Trump alle demokratischen Werte und Errungenschaften wie Meinungs- und Pressefreiheit, Glauben an die Wissenschaft nicht nur in Frage stellt. Sondern cancelt.

    Eine deutsche Bundesministerin namens Prien, die jüdische Vorfahren hat, sagt nun in einem Interview, sie werde Deutschland verlassen, wenn die AfD den Kanzler stellen werde. Unfassbar ein solcher Satz, im Jahr 2025, trotz der Horror-Geschichte Deutschlands, trotz aller Aufklärung.

    Da scheint sich etwas zu wiederholen. Nur 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung der Konzentrationslager müssen Juden ernsthaft darüber nachdenken, wegen des Hasses auf sie Deutschland zu verlassen. Und ich fühle so: Ohnmacht, Scham, Wut, Kälte.

    Aber nach Umfragen erhält die AfD mittlerweile 26 Prozent der Stimmen – und ist auf Platz Eins. Klar, den Kanzler würde die Partei derzeit trotzdem nicht stellen können, weil keine andere Partei mit ihr koaliert. Aber dass ein Viertel der Wähler die AfD wählen würden, lässt mich erzittern.

    Und es gibt weitere Zeichen, die nicht ignoriert werden sollten, etwa wenn ein Händler in sein Schaufenster ein Schild stellt: „Hier sind Juden nicht willkommen.“  Und ich denke so: Wahrscheinlich haben Juden vor 90 Jahren ähnliche Zeichen gesehen – aber nicht ernst genug genommen.

    Die Bildungsministerin macht deutlich, dass die Auswanderungsgedanken nicht nur weh tun, weil man die Heimat ja gar nicht verlassen will. Sondern auch die Umsetzung gar nicht so einfach wäre. Denn: Wohin soll es denn gehen? Die USA unter Trump – unerträglich. Israel? Im Krieg mit Terrorgruppen. Und unter einer rechtsextremen Regierung – also auch schwierig. Aber wohl die einzige Lösung, da der Staat ja dafür gegründet wurde, Juden ein Zufluchtsort zu sein.  

    Die Bildungsministerin sagt, schon heute gelinge es Deutschland nicht mehr, jüdische Menschen vor körperlichen und verbalen Angriffen auf der Straße zu schützen. Sie würden diskriminiert, bespuckt. Viele, die sie kenne, diskutierten, ob man in Deutschland weiterleben könne. Der Antisemitismus habe stark zugenommen.

    Ich fröstele. Laura ist bei einem Berliner Laden für Künstlerbedarf, der Party feiert: Man präsentiere die größte Stifte-Wand der Welt – 25 Meter, 500.000 Stifte. Und ich denke so: Berlin ist immer Superlativ. Der alles andere so schön überdeckt.

    Mein Blick schweift zu Coco. Die endlich mal ruht. Zusammengekugelt. Ein einziges weiß-braun-schwarzes Fellbündel. Wuschelig. Mir wird wärmer. Das latente Unwohlsein aber bleibt. Fühlt der Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Chillt. Und handelt.

  • 10. Oktober 2025

    Plädoyer für einen würdigen Träger des Friedensnobelpreises

    Für mich ist ziemlich klar, wer den Friedensnobelpreis in diesem Jahr verdient hätte. Und noch klarer, wer nicht: US-Präsident Trump. Ich frage mich so, Alta, wie kommt das rüber, wenn man sich wie Trump ständig selbst lobt und preist und erklärt, man sei der Größte. Friedensstifter. In. Der. Welt? Und gleichzeitig erklärt, man wolle Grönland und Panama haben – und dabei auch Gewalt nicht ausschließt. Wo ist die Welt gelandet, dass solch ein großkotziger Prolet, dem Anstand und Benehmen Fremdwörter sind, tatsächlich ernsthaft für diese Auszeichnung einer altehrwürdigen Institution gehandelt wird?

    Und dann, dann hüpfe ich heute Morgen tatsächlich auf – aus meinem mir eigentlich verbotenen Thron, dem für Hunderte Euro restaurierten antiken Topsessel meiner Leute. Und es entringt sich meiner Kehle ein triumphähnlicher Laut. Denn ich höre: Den Friedensnobelpreis bekommt nicht Trump. Für mich das Wichtigste.

    Die Preisträgerin kenne ich nicht. Scheint aber eine gute Frau zu sein, heißt Maria Machado, ist venezolanische Oppositionsführerin. Gerühmt als Kämpferin für Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie. Die ihr Leben dafür riskiert – ohne Populismus oder Waffen.  Also: Eine Art Anti-Trump. Die allerdings eine nicht ganz unwichtige Sache mit Trump teilt: Beide haben denselben Feind: Venezuelas Diktator Nicolás Maduro. 

    Und so ist Machados erste Reaktion nach der Freude auch nachzuvollziehen – sie widmet den Preis nicht nur ihrem Volk, sondern auch Trump. Ausdrücklich nur deswegen, weil dieser Verbündeter im Kampf gegen Maduro sei. Sagt die Frau, die nach massiven Drohungen der Regierung im Untergrund leben muss. Trump sollte sich geehrt fühlen. Denke ich so. Wissend, dass es so natürlich bei dem Typen nicht ist.

    Nach der Verkündung meldet sich denn auch nur ein Sprecher des Weißen Hauses, ziemlich beleidigt: Das Nobelkomitee habe bewiesen, dass es die Politik über den Frieden stelle, sagt er. Trump werde weiter Friedensabkommen schließen, Kriege beenden und Leben retten. Er habe das Herz eines Menschenfreundes, und es werde niemals jemanden wie ihn geben, der allein durch die Kraft seines Willens Berge versetzen könne. Mir wird so übel. Als ich das lese. Und könnte nicht so viel Katergras fressen, wie ich gerne kotzen würde.

    Und in Norwegen, wo das Nobel-Komitee sitzt, gibt es nun really Politiker, die fürchten, per neuen Zöllen von Trump bestraft zu werden. Und ich denke so: Ernsthaft? Das Nobel-Komitee ist unabhängig. Aber klar – sowas kennt Trump nicht.

    Ich will nicht nur lamentieren, denn heute ist vor allem ein guter Tag. Und zwar auch deswegen, weil am Mittag im Gaza-Krieg tatsächlich eine Waffenruhe zwischen der islamistischen Hamas und Israel in Kraft trat. Und ich gebe ja zu – die beruht auf dem von Trump präsentierten Friedenplan. Aber: Keiner weiß, ob und wie lange die Feuerpause hält. Ob es tatsächlich einen Frieden geben wird.

    Denn der Weg dahin ist noch sehr lang – sehr fraglich, ob die Hamas wie gefordert ihre Waffen niederlegen wird. Und, was dazu kommt, dass Trump nicht Gewinner der Auszeichnung wurde: die Waffenruhe kam für den Friedensnobelpreis zu spät. Machado soll schon ein paar Tage zuvor als Siegerin festgestanden haben.

    Und ich, liebe Leserin, lieber Leser, halt mich jetzt mal vornehm mit Eigenlob zurück. Aber, checkt doch einfach mal, wie meine Leute reihenweise schmelzen, wenn ich sie anchille. Anschnurre. Mich kuscheln lasse.  Rum schwadroniere. Mit meinen gedanklichen Fetzen. Kurz: Auf diese Art Frieden schaffe. In ihren Seelen.

    Nun, leider reagiert die große Welt nicht auf mich. Obwohl ich einen so geeigneten Kandidaten für Trumps Lieblingspreis wüsste. Und so verbleibe ich: Der Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Chillt.

  • 9. Oktober 2025

    Legendäre Unabhängigkeit und große Hoffnungen

    Klar, Kater können kuscheln. Ok, Katzen auch. Aber sind sie auch zur echten Zuneigung fähig? Fragen manche Menschen – und verweisen dann auf unsere legendäre Unabhängigkeit. Dass wir Zuneigung nur demjenigen schenkten, der gutes Futter gäbe. Es uns also egal wäre, wer das nun sei.

    Und ich konstatiere, cool: An der Aussage ist was dran. Aber! Das große Aber! Natürlich können wir – obwohl total unabhängig – Zuneigung zeigen: Zu unseren Artgenossen. Und so liegen Coco und ich da. Umarmen uns. Spüren den Herzschlag des anderen. Entspannen uns. Chillen. Denn heute: Ist. Auch sonst so. Ein. Guter. Tag.

    Für die Welt. Es gibt Hoffnung, so groß wie nie zuvor, dass der Gaza-Krieg bald beendet sein könnte. Really. Im ägyptischen Urlaubsort Scharm el Scheich haben Vertreter Israels und der islamistischen Terrororganisation Hamas in ihren Friedensverhandlungen tatsächlich einen Durchbruch geschafft.

    Vereinbart, dass alle 20 noch lebenden Geiseln sowie die 28 Leichen der gestorbenen Geiseln Israel übergeben werden – im Austausch für rund 2.000 palästinensische Häftlinge. Die israelische Armee soll sich – noch weit im Gazastreifen – auf eine bestimmte Linie zurückziehen. Und eine Waffenruhe soll dann kurz nach Zustimmung der israelischen Regierung zu dem Abkommen in Kraft treten.

    Die Menschen jubeln, Israelis wie Palästinenser. Natürlich auch Politiker in der Welt. Allen voran US-Präsident Trump. Der sich als großer Friedensstifter geriert – einen Tag vor Vergabe des Friedensnobelpreises. Ich lecke Coco. Am Ohr. Und sie schnurrt. Geht doch. Denke ich so. Kurz bevor sie aufspringt. Und wir übereinander purzeln. Quod erat demonstrandum (Was beweist): Nie zu früh freuen.

    Ist natürlich auch auf Mensch übertragbar: Die Hoffnungen auf ein Ende des Kriegs waren schon früher da – und wurden zerstört. Allerdings: Dieses Mal sagt sogar die Hamas selbst, sie gehe davon aus, dass der Krieg nun vorbei sei. Das hatten die Terroristen zuvor nie verlauten lassen.

    Und dann heißt es, nach dem Krieg Wunden zu heilen. Die eigentlich nicht zu heilen sind. Selbst Kater haben mit dem Verheilen-lassen so ihre Probleme.  Weil sie tatsächlich extrem verletzlich sind. Sensibel. Ich höre von der coolen Aktion von Iby – das ist jener Kater von Lauras Freundin Josephine, der krasse fünf Tage allein gelassen wurde.

    Seine Lieben brachten ihm einen Kürbis mit, vor dem er sich erst mal erschrak. Und ich denke so: Was für eine Idee. Dann kam die Nacht. Seine Zeit. Er habe seine Leute die ganze Zeit wachgehalten – Füße knabbern, Betten springen, Türkratzen… Das ganze Programm. Höre ich.

    Und denke so: Ja, wir zeigen Zuneigung. Auch zu euch Menschen. Anders eben. Aber wir zeigen es. Ihr versteht es nur nicht. Aber irgendwie müsste ihr es doch merken. Dass wir euch vermissen. Sogar lieben. Warum auch immer. So: Genug gesülzt. Ich kuschle mich wieder an Coco. Sie ist entspannt. Ich auch. Ein. Großer. Tag. Historisch. Vielleicht. Sagt der Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Chillt.

  • 8. Oktober 2025

    List und Lust des Veggie-Katers

    Natürlich können auch wir Kater Gefühle zeigen. Nicht durch Weinen, Wehklagen oder Jubeln. Sondern durch Handeln. Das den Menschen vorführt. Ihn empören soll. Klappt nicht immer – weil der Mensch selbst das Offensichtliche nicht rafft. Was mich zu meiner Frage führt: Sind wir Kater in unserem Agieren vielleicht zu subtil? Und setzen zu hohe Erwartungen in ihn – den Menschen?

    Felix beispielsweise rafft es nicht. Obwohl es ihm Kater Iby so großartig spiegelt. Was er von seiner Betreuung hält. Nämlich: Nichts. Also: Felix geriert sich wieder mal als oberster Katerflüsterer und rühmt sich, Kater Iby, jenen Britisch Kurzhaar von Lauras Freundin Josephine, betreuen zu dürfen.

    Weil der sonst verhungern würde. Weil dessen Menschen ohne ihn urlauben. Iby macht es Felix zunächst leicht, lässt sich kuscheln, spielt mit ihm, frisst auch ein paar Körner, um ihn zu beruhigen.

    Als seine Menschen aber nach fünf Tagen – ungerechnet in Katzentagen: zwei Monate! – noch immer nicht kommen. Erteilt Iby Felix eine Lektion. Um zu zeigen – um Katerflüsterer zu sein, bedarf es mehr, als zwei Mal am Tag ein bisschen Futter und Sprüche abzuwerfen.

    Nun also, auch heute zunächst die routiniert freundliche Begrüßung, das Aufschlecken des Nassfutters und natürlich: Spielen mit Felix, der dafür Leckerli gibt. Doch dann, als Felix sich umdreht und die Katertoilette säubert, schleicht Iby sich weg.

    Und Felix so: Ruft ihn. Sucht. Wartet. Sucht. Lockt. Wartet. Kriecht suchend über den Boden. Lockt. Iby ist gut verborgen. Und Felix – blind. Verzweifelt. Sucht einen Ausweg: Macht überall das Licht aus, geht ins Treppenhaus und lässt die Eingangstür laut ins Schloss fallen. Zählt bis 30, um dann wieder aufzuschließen.

    Und wer steht hinter der Tür: Iby. Felix glücklich: Er war bestimmt müde, verträumt. Und ich denke so: Alta, Du raffst nichts. Iby reagiert so, weil: Du NICHT bei ihm landest, er ist sauer, weil er KEIN Eremit sein will. Es ist die List des Katers, die seine Lust ist. Manchmal.

    So tun als ob. Um etwas auszulösen. Macht auch die Industrie, die vegane Lebensmittel produziert. Und das Veggie-Produkt dann bewirbt und verkauft mit dem Zusatz: Wurst, Schnitzel oder Burger. Was einige nicht so toll finden. Warum? Veggie-Produkte hätten nicht die gleichen Nährwerte wie die tierischen Originale. Es gebe Verwechslungsgefahr. Findet auch die Mehrheit im EU-Parlament.

    Tatsächlich! Damit befasst es sich. In Zeiten der Kriege. Anstatt vielleicht darauf zu achten, dass so manche Produkte in dergleichen Verpackung immer weniger Inhalt haben und dann sogar teurer werden. Verbrauchertäuschung? Nun ja, Bezeichnungen sind natürlich auch wichtig. Oder auch nicht. Denke ich so. Und lerne: Begriffe wie Veggie-Burger oder Soja-Schnitzel soll es bald nicht mehr geben. Und ich denke so: Als ob. Als ob jemand aus Versehen Tofu-Würstchen kauft, weil er glaubt, sie seien aus Schweinefleisch.

    So doof ist nicht mal Mensch. Obwohl ich verstehen kann, auf Fleisch zu stehen. Bin ja selbst leidenschaftlicher Fleischfresser. Was mir schon ein schlechtes Gewissen verursacht. Aber: Es liegt in meinen Katergenen. Ich kann nicht anders.

    Und so futtere ich das Hähnchenfilet, das mir Holger eben angebraten hat. Und dann taucht Coco hinter mir auf. Gibt mir – subtil – das Gefühl, auch etwas vom Fleisch haben zu wollen. Sie pirscht sich an mir vorbei. Zum Napf. Und ich denke so: Soll sie. Ich will Peace. Und finde Teilen toll.

    Sehe dann, wie sie zurück hüpft. Und erinnre mich: Ach ja, habe ja selbst alles aufgefuttert. Pech für sie. Zum Glück kann sie keine Gefühle zeigen. Abgesehen von den Krallen, die sich kurz danach in meinem Wanst verfangen haben. Ihre Krallen. Wenig subtil… Und meine hohen Erwartungen an Katze stürzen ein.

    Sagt der Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und nun: Gute Nacht. Chillt. Doch. Einfach. Mal.

  • 7. Oktober 2025

    Ihr gedenkt euch zu Tode und eine ADHS-Katze

    Gedenken ist ja smart, damit man nicht vergisst. Wenn ich dann aber sehe, dass sich trotz Gedenkens nichts zum Besseren wendet, blicke ich doch lieber weg. Denke so: Ihr gedenkt Euch noch zu Tode. Und fühle mich dann dabei so bad.

    Heute ist der zweite Jahrestag des Massakers islamistischer Terroristen in Israel. Wo sie Menschen zerstückelten, Häuser zerstörten. Rund 1.200 Menschen wurden ermordet, 250 in den Gazastreifen entführt. Israel startete daraufhin seinen brutalen Krieg, zerstörte den Küstenstreifen. Rund 67.000 Menschen kamen ums Leben, die Heimat der rund zwei Millionen Menschen ist eine Trümmerwüste. Ob der Krieg bald endet? Zu oft wurde meine Hoffnung getäuscht, als ob ich noch daran glaube.

    Egal, was ich über diesen Krieg denke, ich fühle mich schlecht dabei. Und dass es so ist, macht es noch schlimmer. Weil ich Machtlosigkeit verabscheue. Die zum Weggucken verführt. Und ich das hasse. Mich hasse. Dafür. Wut, Verzweiflung, Erschöpfung. Frust. Depression. Selbst bei mir. Dem Hauptstadtkater.

    Und ich denke so: Es ist quasi sechs vor acht. Oder so. Seit 35 Jahren. Bei uns. Zu Hause. Sagt jedenfalls meine Laura. Und deutet auf die hinter mir hängende Uhr. Die einst jahrzehntelang im Eilenburger Chemiewerk tickte. Wo der Strom – und damit die an diesem Netz hängende Uhr – nach der Wende 1990 abgeschaltet wurde. Um 7:54 Uhr offenbar. Heute ist die Uhr Ausstellungsstück. Bei uns. Aber das ist ein anderes Thema, ein anderes Gedenken – zurück, zum Israel-Gedenken.

    Ich höre israelische Opfer von vor zwei Jahren. Die erzählen, wie die Hamas-Mörder in ihre Häuser eindrangen. Und töteten. Vergewaltigten. Erzählen, wie sie sich in Bunkern versteckten. Unfassbare Angst hatten. Die Angstschreie der Opfer hörten. Hörten, wie offensichtlich palästinensische Frauen und Kinder in ihren Häusern lachten und alles mitnahmen, was sie gut fanden. Traumatisch.

    Ich höre die palästinensischen Opfer im Gazastreifen. Die erzählen, dass viele Angehörige ums Leben kamen bei den israelischen Angriffen. Es nichts mehr zu essen gebe. Sie nicht mehr nur kein Zuhause mehr hätten, sondern auch keine Hoffnung mehr. Traumatisch.

    Und ich denke so: Irgendwie nur Opfer. Denen vorgeworfen wird, Täter zu sein. Und egal, wessen Perspektive ich teile, ich werde verurteilt. Für angeblich einseitige Perspektive. So dass ich Orientierung verloren habe.

    Es gibt nur falsch. Und selbst, wenn ich den vermeintlich kleinsten Nenner äußere: Beendet das Leid, das Töten, den Hunger, den Krieg. Es gibt Widerspruch. Weil ein sofortiges Ende bedeute – wird mir gesagt – dass die Hamas weiter existieren könne, Macht behalte. Und weiter versuchen werde, Israel auszulöschen.

    Und ich denke so: Ist aber doch auch naiv zu glauben, dass alles gut wäre, wenn die Hamas weg wäre. Der Hass bleibt doch. Und ich sehe: Ich weiß nicht, was richtig und falsch ist. Bin blockiert. Ist Schweigen die Lösung? Never.

    Und dann setzt Piet, der Freund meiner Nuria, diesem düsteren Tag die Krone auf. Sagt tatsächlich, er gedenke meiner abhanden gekommenen Jugend. Noch vor wenigen Wochen sei ich der Kuschelkater Nummer eins gewesen. Schade, dass ich mich so verändert hätte. Sagt er, der den Sydney-Olympia-Pullover der Oma meiner Bruna aus dem Jahr 2000 trägt – und der nun Coco anflirtet. Mit Knutschen und so. Mir wird übel.

    Und ich denke so: „Ich habe mich nicht verändert. Nur deine Wahrnehmung. Weil Coco nun da ist. Und eine ADHS-Katze ist, die ständig im Vordergrund stehen muss. Aber das zu sehen – dazu fehlt Mensch der Verstand. Lieber gedenken sie. Und gedenken. Finden das smart. Und töten. Trotzdem. Immer weiter.

  • 6. Oktober 2025

    Kuschelkatzen und Insta-Gedichte

    Coco ist so aufgeregt. Rastlos. Unstet. Nicht Katzen-like. Nicht gechillt. Springt auf mich. Kriecht unter mich. Unfassbar anstrengend. Für mich. Die Contenance zu wahren. Coco-Baby findet es offensichtlich cool, Gläser vom Tisch zu fegen, wenn sie nach einem Spurt nicht rechtzeitig stoppen kann. Oder meine Bruna zu Tränen zu rühren, weil sie deren Aufladekabel fürs iPhone kaputt geknabbert hat.

    Und ich so: Beobachte Coco. Versuche Ruhe zu übertragen. Und irgendwann, als ich schon lange im verbotenen Sessel – verboten: leider, leider, weil teuer und aufwändig renoviert, aber der hat nun mal so geile Kratzflächen, dass selbst ich mich nicht beherrschen kann  – nun, ich chille also da mein Leben.

    Und merke, wie Coco zu mir kommt. Sich ihr Kopf senkt. Auf meinen Pelz. Und ich denke so: Nice. Jedes Tierchen braucht sein Pläsierchen. Und das ist Nähe. Nähe zu anderen. Um Wärme zu bekommen. Und sich fallen lassen zu können. Ich spüre ihren ruhigen Atem.

    Laura erlebt die Suche nach Wärme jeden Tag – bei ihren Jugendlichen, die sie in der Psychiatrie betreut. Neu ist ein Zwölfjähriger dabei. Gestern wollte er sich von einer Brücke stürzen. Weil er keinen Sinn mehr sieht. In einer Welt, in der für ihn kein Platz zu sein scheint. Laura setzt sich neben ihn. Irgendwann nimmt sie seine kalte Hand. Sein Gesicht entspannt sich.

    Er redet. Sprudelt. Schildert, wie sein Held, ein Drogen-Junkie aus einer Netflix-Serie, sich den goldenen Schuss setzt. Und Laura so zu ihm: „Bis Ende der Woche schreib doch mal auf, warum du die Serie so gut findest – und stellst uns das in der Gruppe vor.“ Der Junge strahlt.

    Ernstgenommen. Ist er. Endlich. Denke ich so. Und vielleicht klappt es zwischen den Generationen eh besser, wenn man versucht, auf Augenhöhe zu agieren. Die einen mögen Lyrik. Vor allem die Alten. Die anderen Instagram. Vor allem die Jungen. Und nun gibt es eine junge Frau, von der meine Bruna schwärmt, die beides zusammengebracht. Clara Lösel, 26, Deutschlehrerin. Veröffentlichte in 100 Tagen 100 coole Gedichte auf Insta. Und – die Autorin liest sie selbst vor – und hat Millionen Fans.

    „Ich bin ein Träumer, ich hoffe viel und denke nach, denn ich glaube fest daran, dass sich zu jeder Zeit alles wieder ändern kann“, zitiert meine Bruna ein Gedicht von Lösel. Meine Alten Laura und Felix: Bass erstaunt. Meine Bruna so: Yes, Gedichte können cool sein.

    Und ich so? Bin kein Träumer. Sondern Realist. Nichts ändert sich. Erst mal: Ich blicke Coco an. Auf Augenhöhe. Sure. Sie springt auf. Steht mit allen Pfoten auf mir. Kratzt den verbotenen Sessel. Nichts geht mehr. Nächste Runde. Sie ist so aufgeregt. Nicht so ich. Chill. Baby.