Hauptstadtkater

Chillen, Checken, Schnurren – meine Gedankenfetzen zum Absurdistan der Welt. Ansichten eines weißen Katers im Chaos.

  • 4. November 2025

    Kotzender Kater mit Kater und die krasse Erderwärmung

    Der Wein ist mein. Ich komme nicht davon los. Werde magisch angezogen. Vom Duft. Er schnuppert so delicious. Und steigert mit jedem Inhalieren meinen Chill-Level. In Sekundenschnelle. Und so hänge ich wieder an der Pulle. Und frage mich erschrocken: Ist das Sucht? Wäre keine Wucht.

    Boah, ist mir warm. Würde gerne den Pelz ablegen. Denn nun prallt auch noch die Sonne. Auf meinen Kopf. Und ich denke so: Eigentlich mag ich Wärme. Aber das ist selbst mir zu viel. Im November. Wo doch schon die Heizungsluft mich umflirrt.

    Allein – es wird noch viel wärmer werden. Demnächst. Bis Ende des Jahrhunderts prognostizieren die Vereinten Nationen eine weltweite Erwärmung um 2,8 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit – also so das Jahr 1850. Vereinbartes Ziel war eine Erwärmung von höchstens 1,5 Grad, nur so könnten die Folgen beherrschbar bleiben, hieß es vor wenigen Jahren. Dieses Ziel werde schon im kommenden Jahrzehnt überschritten. Sagen die Vereinten Nationen nun.

    Fuck, denke ich so. Und merke nun durch Eigenerfahrung: Frustabbau wird leichter gemacht durch Vino. Herrlich, als ich weiter an Felixens Glas schnuppere. Cabernet Sauvignon. Aus Chile. Mit noch mehr Sonne würde er noch mehr Süße bekommen. Denke ich so. Fühle mich wie ein schlechter Sommelier. Und deprimiert.

    Ein Schwindel erfasst mich: Wirbelstürme, Überschwemmungen, Hitzewellen, Dürren, Erdrutsche – und dadurch ausgelöste Massenflucht von Milliarden Menschen. Und Tieren. Katern. Kätzchen. Überflutetet Inselparadiese. Schmelzende Gletscher. Eine andere Welt.

    „Wenn es so weit ist, was werden uns unsere Enkel und Ur-Enkel vorwerfen?“, fragt Felix mit glasigen Augen. Und stößt mich rüde von seinem Glas weg. „Wir wussten es – und tun doch nichts dagegen. Erneuerbare Energien, Windkraft, weniger Verbrauch, Ernährung…“, lallt er. Und ich denke so: „Trink Alta. Und träum von Barcelona. Und Deinem Flug dahin, vor anderthalb Wochen.“

    Felix lamentiert, zerflossen in Selbstmitleid. Und merkt nicht, wie ich weiteren Duft inhaliere, vom Wein. Des Lebens. Die Übelkeit steigt. Ob des Zusammenspiels übermäßigen Alkoholkonsums mit Nachrichten, die keine sind. Aber verbreitet werden. Geklickt werden – mehr als Warnungen der Vereinten Nationen.

    Beispielsweise die News, dass der Köter von Mick Schumacher gestorben ist. Mick ist der Sohn der Formel-1-Legende Michael Schumacher. Sein Hund Angie sei sein Schatten gewesen. Trauert Mick. Und ich denke so: Dann muss Mick die Sonne sein. Die ich löschen muss. Ich finde ihn nicht. Würde ihn gerne anpullern. Ankotzen. Spüre Verwirrung im Kopf. Ein heftiges Stechen.

    Höre aber noch Felix, wie er nun liest, der älteste Mann Deutschlands sei gestorben. Mit 110 Jahren. Überhaupt: Immer mehr Menschen in diesem Land würden 100 und älter. Und ich denke so: Die haben dann noch die echte Kälte erlebt. Damals, Anfang des 20. Jahrhunderts. Mir ist so übel. Ich schwanke.

    Felix streichelt mich. Besorgt. Empathisch. Ich will weg. Vom Vino. Der mich anzieht. Weil er übertüncht. Die Realität. Der ich ins Auge schauen will. Ich muss kotzen. Der Kater leidet unter dem Kater. Sagt der erhitzte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und sagt: Jetzt chillt. Leute.

  • 3. November 2025

    Die fünf Trink-Phasen und die blauen Köter von Tschernobyl

    Wein ist Leben. Scheinen Menschen zu denken. Weil er sie in den Modus versetzt, der für uns Kater selbstverständlich ist: Der Chill-Modus. Wenn Felix und Laura ihren chilenischen Montes, ein Cabernet Sauvignon, entkorkt haben, ist immer dasselbe Schema zu erkennen. Phase eins: Dauergrinsen, Phase zwei: Dauergelaber. Phase drei: Dauer-Kontrollverlust. Der gefährlich ist. Weil sie es plötzlich witzig finden, wenn ich mich an ihrem Wein berauschen würde. Für Katzen ist Wein: Tod.

    Phase Drei kündigt sich an, wenn Felix nach einer äußerst kurzen Chillphase unvermittelt versucht, geistreich zu sein: „Ich denke mal, Trump ist nur Symptom einer postfaktischen Gesellschaft, in der Wahrheit und Macht nicht mehr zusammenpassen. Eigentlich ein Paradoxon“, sagt er. Und ich merke, wie sehr er sich bemüht, deutlich zu sprechen. Und Laura ist getriggert, antwortet – gleichfalls sichtlich bemüht um klare Aussprache – mit Blick auf mich: „Ein Paradoxon wie das Bild, das wir uns von Katzen machen – ihr Drang nach Freiheit und ihr Leben in einer kleinen Stadtwohnung bei uns.“

    Ich schnuppere am Wein. Und dessen Blume. Wie Menschen den Duft nennen. Törnt. Mich. Tatsächlich. An. Wohlig ist es. Warm. Weich. Gechillt. Und der Quatsch, den meine Alten labern, verschwimmt zur bloßen Klangkulisse. Ich denke: So zum Fremdschämen. Denn – sorry für mein Dozieren – sie schildern keine Paradoxa, sondern einfache Widersprüche. You know: Ein Paradox ist nur scheinbar widersprüchlich und regt durch Irritation zum Nachdenken an. Die sogenannten Weisheiten von Felix und Laura: Regen zum Kopfschütteln an.

    Nun, ich bin in einem euphorischen Flow gelandet. Vor mir erscheinen blaue Köter. Bin ich blau? Nein, albern, sage ich mir selbst. Sehe die Blau-Köter auf dem Gelände eines Atomkraftwerks laufen, dessen Reaktor explodiert ist. Und ich höre meine Leite murmeln: Tschernobyl, 1986, Explosion, kontaminiertes Gelände, Tausende Strahlenverseuchte, Zehntausende Menschen, die ihre Köter zurückließen, die sich nun unkontrolliert vermehrt haben. Und ob der Strahlung blau geworden sind.

    Nein, höre ich ihre Stimmen durch meinen Rausch fliegen. Märchen! Für die Färbung sei nicht Strahlung verantwortlich. Sondern Tierärzte. Die die Köter sterilisiert und diese dann mit blauer Farbe markiert hätten. Damit sie sich nicht weiter unkontrolliert vermehren. Also doch: In vino veritas. Beim Menschen zumindest.

    Und ich bin froh, dass ich Farben erkennen kann. Zumindest Blau. Grün. Gelb. Rot nicht. Aber dafür können wir Kater besser als Menschen im Dunklen sehen. Und so sehe ich im Schummerlicht die Katastrophe kommen: Felixens Hand touchiert unkontrolliert zitternd die Weinflasche. Ich hüpfe weg, bevor sich ihr offenbar roter Inhalt über mich ergießen kann. Bei Felix und Laura hat Phase vier begonnen: Dauertanz mit Dauergesang. Der schnell in Phase fünf mündet: Dauer-Kater.

    Womit ich wieder ins Spiel komme. Zum Trösten. Sagt der trunkene Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt, chillt Leute. Und. Trinkt. Nicht. Zu. Viel. Vino.

  • 2. November 2025

    Vom Leckerli zur Armut

    Really! Ich mag kleine Kinder! Die sind noch so rein. Frisch. Offen. Rein. Ehrlich. Denise, zarte sechs Jahre, und ihr Bruder Will, zarte vier Jahre, sind heute bei Coco und mir. Um uns zu bespielen, weil meine Leute mal wieder weg sind.

    Nun, Denise und Will strahlen. Als sie uns sehen. Jauchzen, als wir auf sie zulaufen. Frohlocken, als sie uns touchieren dürfen. Und Coco und ich senden so unsere Gedanken an die Kinder: „Und nun – gebt uns endlich unsere Leckerli.“ Sie wissen, was wir wollen. Auch ohne Worte. Blicke reichen. Weil sie sensibel sind. Unverfälscht. Unverdorben. Und sie geben uns. Nur allzu großzügig.

    Sind die großen Menschen nicht. Bei ihnen überwiegt Geiz. Aus Eigennutz. Verpackt unter dem Tarnmantel der geheuchelten Nächstenliebe. „Hach, ihr dürft nicht zu viele Leckerli“, sagt Felix immer wieder. „Ungesund – und ihr werdet noch dicker.“

    Abgesehen von seinem absolut nicht political korrektem Bashing gegen Dicke – was mich nun auch überhaupt nicht betrifft. Stimmt es nicht. Leckerli machen schön. Finde ich. Damit ist mal wieder bewiesen: Erwachsene Menschen sind engstirnig. Egoistisch. Und ich denke so: Vielleicht ist das sogar nötig. Um in dieser Welt überleben zu können.

    Aber Achtung, jetzt schwinge ich das ganz große Rad – vom Leckerli zur globalen Armut. Also: Klar ist, dass der Reichtum sehr ungleich verteilt ist. Und jene, die wenig haben und das ungerecht finden, dann auch mal klauen. Ob es das bringt, ist dann wieder eine ganz andere Frage.

    Zumindest kommen Menschen, die sich arm fühlen, auf kuriose Ideen. Manchmal ganz cool, weil sie – wie jüngst beim Diebstahl von Diamantenschmuck aus dem Pariser Louvre – katzengleich ausgeführt wurden. Was bedeutet: Mit List, einer Portion Dreistigkeit und Geschick.

    Die Diebe ließen sich – kurz nach Louvre- Öffnung gegen 9.30 Uhr – per Lkw-Hebebühne auf einen zehn Meter hohen Balkon des Ausstellungshauses bringen, liefen dann in einen Saal, brachen Vitrinen mit einem Trennschleifer auf und erbeuteten acht Schmuckstücke im Wert von geschätzt 88 Millionen Euro, bevor sie mit Motorrollern flüchteten. Der Einbruch dauerte weniger als zehn Minuten.

    Sorry, ich will Kriminelle gar nicht bewundern. Es zeigt eben nur, dass auch Menschen kreativ werden können. Wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Allerdings: Bereits jetzt hat die Polizei ein paar Verdächtige geschnappt. Lohnt sich also offenbar doch nicht. Denke ich so.

    Der Schmuck allerdings ist weg. Noch. Wie meine Leckerli. Und so haue ich Coco, weil sie schon wieder mehr davon von Denise bekommen hat. Nur weil sie Baby ist. Will erkennt. Die Lage. Und gibt mir Nachschub. Nice.

    Am Abend dann platzt dann eine Überraschung rein: Ich – und auch Coco – bekommen von den Kindern einen Brief, auf den mein Katergesicht gemalt ist Eine Liebeserklärung. Sie finden uns süß. Wollen uns öfter sehen.

    Und ich denke so: „Hach, herzallerliebst.“ Fühle einen Kloß in meiner Kehle. Würde gerne ein paar Tränen der Rührung verdrücken. Was Kater – anatomisch bedingt – ja leider nicht können. Aber wieder mal merke ich, wie gut Anerkennung tut. Schmeckt süßer als Leckerli. Zumindest, wenn man satt ist. Sagt der gerührte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute.

  • 1. November 2025

    Zwischen Vergangenheit und Zukunft

    Meine Gegenwart ist Coco. Coco überall. Auch auf meiner Bruna. Und so ersehne ich mir die gute alte Vergangenheit. Als mein Mitkater Moro noch da war. Und mich biss. Oder nach seinem Tod die Ruhe und Einsamkeit. Die mich so anödete. Und ich denke so: Alta, bin ich anspruchsvoll. Merke zeitgleich Cocos Pfote durch meinen Schnurrbart peitschen. Nerv. Aber Emotion. Und Leben. Pur. Real.

    Meine Leute sind zu den Großeltern meiner Bruna nach Hamburg gereist. Deren Vergangenheit ungleich größer ist als die meine. Meint Opa Volker. Die Gegenwart drehe sich immer schneller. Obwohl man eigentlich immer weniger mache. Und ich denke so: Liegt vielleicht daran, dass deren Vergangenheit immer weiter wächst. Und die Gegenwart im Vergleich dazu immer kleiner wird. Anteilig.

    Puuh, ich werde offenbar alt. Gestern meine altbackenen Lästereien über ein eigentlich cooles Fest wie Halloween. Heute komplizierte Sätze, die eh niemand versteht. Also mal konkret. Opa Volker und Oma Lotte meinen, früher hatten die Menschen sich stärker gegenseitig umeinander gekümmert. Heute seien die Nachbarn zwar nett, aber der große Zusammenhalt sei weg. Alles so unverbindlich.

    Sie erzählen von früher. Kriegszeiten. Hunger. Die Mutter von Opa meiner Bruna musste auf dem Feld Kartoffeln ernten, Kühe melken – obwohl sie das zuvor nie getan hatte. Weil der Vater nicht mehr als Lehrer arbeiten durfte. Fünf Söhne mussten ernährt werden, Opa Volker wurde zu einer Tante in eine nahe Stadt gegeben, die mehr hatte, weil sie in der Werksküche des Rüstungsunternehmens Hanomag arbeitete. Ständig habe es Haferschleim gegeben. Erzählt Opa Volker. Heute habe er Ekel davor.

    Diego erzählt von seiner Wanderung vor zwei Monaten durch die Anden auf über 4.500 Metern in Peru. Karge Berglandschaften, unberührte Seen, faszinierende Gipfel, Esel. Katzen. Und zum Frühstück immer Massen an Haferschleim. Fünf Tage.

    Opa Volker erzählt, er habe die Bomber gesehen, die das 25 Kilometer entfernte Hildesheim angegriffen hätten.  Und den Feuerschein danach, der tagsüber fast bis in den Harz herübergestrahlt habe.

    Diego erzählt von dem nächtlichen Aufstieg auf einen Gipfel. Von wo aus er und seine drei Freunde die Sonne aufgehen sahen. Glutrot.  Unfassbar schön.

    Später sei er dann durch Hildesheim gelaufen – oder dem, was davon übriggeblieben sei. Erzählt Opa Volker. Es habe ausgesehen wie heute der Gazastreifen. Ein Trümmerfeld.

    Oder die Ukraine. Sagt Oma Lotte. Wenn sie Bilder von den aktuellen Kriegen sehe, werde sie in ihre Kriegszeiten zurückversetzt. Sehe die sogenannten Christbäume wieder – Leuchtraketen der Alliierten, mit denen sie Ziele markierten für die Bomber. Oma Lotte erzählt von ihrer Mutter, die alleinerziehend drei Kinder großziehen musste – und dafür in einer fremden Stadt fremde Menschen massieren musste.

    Und ich denke so: Vergangenheit ist eben doch oft hässlich. Warum sie trotzdem verklärt wird? Nun, ich denke: Weil sie irreal ist. Und die Gegenwart zwar real, aber eben deswegen noch unerträglicher. Ich merke: Ich beginne schon wieder zu faseln.

    Spüre Cocos nächsten Schlag. Jage sie. Bis sie aufschreit. Wie immer. Und Trost sucht. Bei meiner Bruna. Aber was ist mit der Zukunft? Will ich nicht wissen. Sagt der gegenwärtige Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und sagt: Chillt, Leute. 

  • 31. Oktober 2025

    Weich, aber versteinert zu Halloween

    Was für ein Stress. Ständig klingelt es an der Tür zu meinem Revier. Und davor: Schwarz gekleidete Gören, dir rumplärren. „Süßes oder Saures“, rufen. Als ob sie nicht genug davon hätten. Gerade hier, im reichen, gentrifizierten Prenzlauer Berg.

    Halloween also. Bekloppter Brauch, ursprünglich aus Irland, dann von den Auswanderern in den USA zelebriert, mittlerweile zu uns rüber geschwappt. Hätte da auch bleiben können. Finde ich. Ausgehöhlte Kürbisköpfe, absurde Verkleidungen, Grusel. Als ob es nicht genug gruselig in der realen Welt wäre.

    Die islamistische Hamas beispielsweise rückt nach und nach Leichen raus, von denen sie behauptet, es seien Überreste von den aus Israel entführten Menschen. Von den 28, die sie dem Abkommen zufolge herausgeben muss, fehlen immer noch fast die Hälfte.

    Heute nun sind es weitere drei Leichen, die die Hamas übergibt. Nach forensischen Untersuchungen in Israel stellt sich nicht zum ersten Mal heraus, dass es sich nicht um getötete Geiseln handelt. Das ist Horror.

    Aber lieber nicht hinschauen. In die Realität. Sondern so tun als ob. Die Zeiten gut wären. Und man sich Grusel verschaffen darf. Wie in New York. Da gibt es eine Deutsche, ein Super-Model namens Heidi Klum. Die da alljährlich riesige Halloween-Partys feiert. Und jedes Mal ihre Kostüme steigert – heute trat sie als monströse Medusa auf. Das ist jene Schlangenfrau aus der griechischen Mythologie, die per Blick Menschen versteinern lassen konnte.

    Würde ich auch gerne können. Andere versteinern. Die Halloween-Gören vor unserer Tür, aber auch Coco. Oder Felix. Aber ich kann starren wie ich will. Es gelingt nicht. Im Gegenteil. Die Gören vor der Tür rufen plötzlich nur noch: „Oh, süß“, weil sie mich erblicken, als ich um die Ecke luge.

    Und ich höre, wie einer der Jungs, offenbar weich geworden durch meinen Anblick, Laura fragt: Sach mal, Du hast gar nichts bekommen, magst du was von mir haben. Und Katrin so, gerührt und auch ganz weich geworden: „Oh, Du bist ja süß, gerne.“ Und der Junge so: „Kannst die Kaugummi haben, mag ich eh nicht.“

    Ich kann den Kindern nur mit einem langgezogenen Sprint entkommen. Jumpe ins Bett meiner Bruna. Zu Sally. Ihrem Kuschelhund. Den auch ich mag. Weil er nicht so versteinert ist. Wie die Menschen. Sagt der versteinert weich gewordene Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt. Leute.

  • 30. Oktober 2025

    Über die Ästhetik von Fliegen oder: So einfach kann Glück sein

    So einfach kann Glück sein: Meine Bruna ist endlich wieder da. Zurück aus ihrem Musikcamp in Brandenburg. Zurück in meinem Revier. Und ich? Ich bin naturally sofort zurück auf ihrem Schoß. Chille, entspanne, schnurre as schnurr can. Und träume. Das. Ist. Mein. Echtes. Dope. Wie nice.

    Und auch sie – meine Bruna – ist glücklich. Mich wieder zu haben. Anstatt von Insekten. Und einem alten Schlosskater. Denn dort, in Brandenburg, hätten Fliegenschwärme ihr Zimmer okkupiert. Erzählt sie. Alles sei schwarz gewesen. Alles habe gekrabbelt. Sie fühle die Eier, die die Viecher in ihr Haar abgelegt hätten. Offenbar hätten diese Fliegen die Menschen im Schloss noch stärker geliebt als die Hühner in den nahen Stallungen einer Farm.

    Eigentlich möge sie Fliegen und auch andere Insekten. Sogar Spinnen. Sagt meine Bruna. Welch ästhetische Form sie hätten. Wenn man sie sich genauer anschaue. Fügt sie hinzu. Und ich bin froh. Dass ich nicht nur ästhetische Formen habe. Sondern auch andere Qualitäten. Beispielsweise weich bin. Denn ansonsten, ansonsten könnte es auch mit schlecht ergehen – dazu gleich mehr…

    Denn erst einmal kommt Laura zu meiner Bruna und mir. Nach einem urst anstrengenden Arbeitstag in ihrer Klinik. Bei den Psychos. Wie sie despektierlich sagt. Denn heute hätten sie ein 17-jähriges Mädchen, das sich töten will, vollständig auf einem Bett fixieren müssen.

    Das Mädchen habe getobt, gebissen, gestaucht, gekniffen, geschrien. Zu acht – Ärzte, Erzieher, Pfleger – hätten sie die Teenagerin gebändigt – und schließlich fixiert. Das Mädchen, das seit Jahren zwischen Klinik, Psychiatrie und Wohnheimen pendele – habe dann abgeführt – Durchfall… Sei ihm zu helfen?

    Felix stößt dann zu unserer Runde hinzu. Erzählt von seinen News. Von den Menschen im Sudan, die dort gerade massakriert werden. Von brutalen Milizen. Kinder, die vergewaltigt werden. Die keine Lebensmittel haben. Keine Medikamente. Keine Hoffnung. Keine Zukunft. Nicht auszuhalten.

    Und ich bin wieder bei meiner Bruna. Die vom Ende der Fliegen erzählt. Denn 300 dieser Tiere auf einmal seien selbst für sie zu viel. Alles schwarz. Alles krabbelnd. Selbst ihre Gummibärchen und Schokolade verschwunden unter den Tierchen. Per Spray seien die Fliegen gekillt worden. Der Schlosskater habe bei der Entsorgung geholfen. Und ich denke so: Armer Kater. Kann er Chemie ab?

    Und falle ins Delirium, als meine Bruna mich krault. Und mit ihrer anderen Hand tippt. Notizen für die Erdkundearbeit kommende Woche. Über den Klimawandel. Ganz anderes Thema.

    Sie beißt in ihr Brot. Ein Stück Käse krümelt auf meine Nase. Coco ist schneller als ich. Obwohl viel weiter weg. That’s life. Die Fliegen schwirren. Um mich. Alles schwarz. Sieht der gedopte, und dadurch so glückliche Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute. Und genießt das Glück. Ganz einfach.

  • 29. Oktober 2025

    Entzug: Ich brauche mein Dope. Dringend.

    Mein Dope ist Katerminze. Leider nur selten da. Aber: Wenn ich das schnuppere und inhaliere, hebe ich ab. Vergesse Hunger, Felix und Coco. Schwebe. Lastenbefreit. Umgeben von Euphoria. Durch mein Revier. Durch die Welt. Auf einer Chill-Skala von eins bis zehn fühle ich mich: Wie zwölf.

    Alle Lebewesen brauchen Dope, auch Menschen. Um das Grauen der Welt zu ertragen. Gras, Heroin, Koks oder Crack. Meine Leute saufen Alkohol. Um abzuheben. Ganz legal. Und ich denke so: Komisch. Aber anderes Thema.

    In den Favelas südamerikanischer Großstädte haben Drogenclans die Macht übernommen. Und verticken das Zeug an alle, auch an Kinder. In Rio de Janeiro ging nun die Polizei gegen die Clans vor. Absolut brutal. Rund 2.500 Polizisten stürmten mehrere Favelas – Favelas, die Diego noch vor einem Monat auf seinem Südamerika-Trip durchstreifte und von der entspannten Atmosphäre schwärmte.

    Stundenlange Schießereien, die Bandenmitglieder wehrten sich, errichteten brennende Barrikaden und griffen ihrerseits mit sprengstoffbeladenen Drohnen an. Mehr als 120 Menschen kamen ums Leben, darunter vier Polizisten. Und wohl auch viele Zivilisten. Wie im Bürgerkrieg. Soll es gewesen sein.

    Was für krasse Szenen. Muss die Staatsgewalt in diesen dichtbesiedelten Gebieten so wüten, frage ich mich. Sehe aber auch völlig freidrehende und skrupellose Drogendealer. Die brutal über die Armenviertel herrschen, nach ihren eigenen absurden Gesetzen. Drogen an Kinder verteilen. Ihr eigenes Reich errichtet haben. In dem der Staat nichts zu sagen hat.

    Ich fühle Entzug. Zittere. Brauche. Dringend. Katerminze. Die nicht da ist. Felix gibt mir Schokolade. Really. Hochprozentige. „Für Deine Gedankenfetzen brauche ich doch ein Symbolfoto“, meint er. „Und Schokolade ist doch auch so was wie eine Droge und – Brasilien ist doch großer Kakaoproduzent.“ Er stellt sie vor mich hin, lehnt sie an mich. Und ich – ich spiele sein debiles Spiel mit. Unglücklich.

    Und denke so: „Oh Mensch, wie blöd kann er sein. Schoko ist Gift für Kater, je hochprozentiger, desto lebensgefährlicher. Weil wir die Inhaltsstoffe nicht abbauen können.“ Sagt der desillusionierte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt Leute. Und esst Schokolade. Damit ihr die Chill-Skala erklimmt. Stufe 13 oder so.

    Ich träume. Von. Meinem Dope: Katerminze. Und ertrage dann – sogar Coco.

  • 28.Oktober 2025

    Reiche keiner Katze die kleine Pfote – sie nimmt die Tatze

    Es ist kein Kompliment, wenn ich sage: Manchmal sind Kater – und Katzen – auch ein bisschen Mensch. Denn übersetzt bedeutet das: Katzen – und Kater – nehmen menschliche Verhaltensweisen, an. Unangenehme Verhaltensweisen. Die vollkommen unkaterlich sind. Ich schätze, verursacht durch Domestizierung.

    Also: Das Bett meiner Alten – das ist mein Reich. Warm, weich, kuschelig. Bislang tolerierte ich Cocos Anwesenheit in dem Raum, später sogar, dass sie sich zu mir legte. Nun aber hat sich alles verkehrt: Sie liegt breit im Bett und schnurrt. Haut mich. Wenn ich auf mein Bett jumpe. Und so lege ich mich auf ihren Platz, ihren Ex-Platz: Den Schrank gegenüber dem Bett. Und denke so: Reiche auch Katzen nicht die kleine Pfote. Sie nehmen die ganze Tatze.

    Im Nahostkrieg greift die israelische Regierung zu. Offensichtlich. In Woche drei der Waffenruhe ordnet der israelische Premier Benjamin Netanjahu erneut Angriffe auf Stellungen der islamistischen Terrororganisation Hamas im Gazastreifen an. Wobei – der Begriff Waffenruhe ist eh mehr oder weniger Heuchelei, es gab seit Abschluss der Vereinbarung bereits mehrfach Schießereien, zahlreiche Palästinenser starben.

    Netanjahu begründet den Angriff damit, die Hamas halte sich nicht an die Vereinbarung, liefere nicht wie vereinbart nach den noch lebenden nun auch die toten Geiseln aus. Erst 13 der vereinbarten 28 Leichen seien übergeben, zuletzt seien nur weitere sterbliche Überreste einer bereits beigesetzten Geisel übergeben worden. Zudem hätten Hamas-Terroristen im Gazastreifen auf israelische Soldaten geschossen. Was die Hamas bestreitet.

    Und ich denke so: Netanjahu kommt eine Fortsetzung des Kriegs gelegen. Um sein Ziel, die Hamas vollkommen zu vernichten und den Gazastreifen nach seinem Gutdünken zu gestalten, näher zu kommen. Vor allem aber, um an der Macht zu bleiben und Korruptionsermittlungen gegen sich weiter zu verschieben. Und dem rechtsextremen Koalitionspartner zu gefallen, der genau das verlangt – eine Fortsetzung des Kriegs.

    Und: Nun muss er bei der Realisierung seines Ziels auch auf die von der Hamas am 7. Oktober 2023 aus Israel verschleppten Menschen keine Rücksicht mehr nehmen – die Lebenden sind zurück. Die Hamas hat damit ihr wichtigstes Faustpfand abgegeben. Klar, nicht freiwillig – auch ihre Verbündeten machten angesichts des Leids der Palästinenser Druck.

    Immerhin, der größte Freund der Israelis, die Amerikaner sehen trotz der Angriffe die Waffenruhe-Vereinbarung nicht in Gefahr. US-Präsident Trump meinte nur lapidar: Wenn israelische Soldaten angegriffen würden, hätten die Israelis jede Recht, zurückzuschlagen. Falls sich die Hamas nicht benehme, werde man sie sehr leicht ausschalten. Und ich denke so: Israel bekam die Geiseln zurück. Und versucht nun, sein Ziel doch ganz durchzusetzen. Quasi die ganze Hand zu nehmen…

    Tja, ich liege auf dem Schrank. Betrachte die sich auf dem Bett rekelnde Coco. Und denke so: Auch der Schrank ist nett. Besser als das Bett. Also: Einfach mal arrangieren mit etwas. Und nicht eskalieren. Ausgleich ist angesagt. Auch mal die ganze Tatze geben. Der Coco. Was soll`s? Sagt der generöse Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, liebe Leute.

  • 27. Oktober 2025

    Über die Sicht des Menschen und die Tragödie im Sudan

    Menschen sehen ganz offensichtlich nur das, was sie sehen wollen. Und manchmal sehen sie selbst das Offensichtliche nicht. Wie meinen Hunger. Mein Verlangen nach Liebe. Was mich zu der Frage führt: Warum ist das so beim Menschen – tell me why?

    Sie, die Menschen, sind entsetzt über den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. Seit mehr als dreieinhalb Jahren terrorisieren Kremlchef Putin und seine Soldaten das Land. Es ist gut, dass es weltweit einen Aufschrei gibt über diesen Krieg. Und über den Umgang mit diesem Krieg erbittert gestritten wird. Ähnliches gilt für den Nahost-Krieg. Israels Angriffe im Gazastreifen werden weltweit wahrgenommen. Auch darüber wird erbittert gestritten. Zwei Topthemen. Von Beginn an. Zum Glück.

    Aber – es gibt weit mehr Konflikte, Kriege, für die sich offenbar die sogenannte internationale Gemeinschaft nicht oder nur am Rande interessiert. Beispielsweise für den Krieg im Sudan. Der gilt nach Einschätzung der Vereinten Nationen als derzeit größte humanitäre Krise der Welt. Trotz Ukraine. Trotz Nahost.

    Der Krieg im Sudan tobt auch schon seit langem, seit April 2023. Es ist ein brutaler Machtkampf zwischen einem sudanesischen General und Kommandant der Streitkräfte und seinem ehemaligen Stellvertreter, der mittlerweile eine Miliz kommandiert. Die rückt nun immer weiter vor. Und geht auch gegen Zivilisten brutal vor.

    Nun hat sie eine wichtige Großstadt erobert – in der 300.000 Menschen leben, die Hälfte davon Kinder und Jugendliche. Die Menschen dort würden beschossen, hungerten, hätten keinen Zugang zu Nahrung, Medikamenten oder sicheren Orten. Sagen die Vereinten Nationen. Berichtet wird über Folter, Vergewaltigungen und willkürliche Hinrichtungen.

    Insgesamt sind geschätzt seit Kriegsbeginn geschätzt 150.000 Menschen getötet worden. Mehr als zwölf Millionen Menschen sollen auf der Flucht, mehr als 26 Millionen Menschen – die Hälfte der Bevölkerung – von Hunger bedroht sein.

    Und ich frage mich so: Warum vergessen – besser: übersehen Menschen in aller Welt diesen Krieg? Weil es ein Bürgerkrieg ist? Weil Sudan zu weit weg ist? Weil es Schwarze sind? Weil es Afrika ist? Und Afrika derzeit nicht wichtig genug erscheint? Weil er keine Bedrohung für einen selbst darstellt, weil keine Atomwaffen im Spiel sind? Weil es einfach anstrengend ist, sich mit einem Konflikt auseinanderzusetzen, von dem man so gut wie nichts weiß?

    Wahrscheinlich, wie so oft, eine Melange aus allem. Aber für die Dekadenz, selbst heute, einem Tag, an dem weder in der Ukraine noch in Nahost Außergewöhnliches geschah, den Horror im Sudan in vielen Nachrichtensendungen nur als Randnotiz zu erwähnen, schäme ich mich zutiefst. Selbst US-Präsident Trump ist heute relativ ruhig. Trotzdem reicht ihm ein Besuch in Japan und die Ankündigung eines gemeinsamen goldenen Zeitalters, um in den Nachrichten vor dem Sudan aufzutauchen.

    Ich jumpe auf Diegos Schoß. Damit er mich endlich sieht. Damit er mein Verlangen nach ihm spürt. Sehen muss. Spüren muss. Ich will aber auch, dass er von mir profitiert und seine Streicheleinheiten belohnt werden. Und sehe: Er kommt bei seinem Sudoku nicht voran. Und ich, ich gebe ihm Kraft. Und Zeichen: Jedes Schnurren bedeutet eine Zahl. Die in die Spalten passt. Er rafft es und schafft das Rätsel. Dank mir. Sagt der stolze Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und nun: Chillt, Leute.

  • 26. Oktober 2025

    Wunder des sich wundernden Katers

    Ich wunder mich, wenn Menschen sich wundern. Immer wieder aufs Neue. Denken sie, ich würde mich freuen, wenn sie nach ihrem Urlaub in mein Revier zurückkehren. Immer wieder aufs Neue gehen sie davon aus, ich würde kötergleich schwanzwedelnd auf sie zustürzen. Sie ansabbern. Nein. Geschah noch nie. Wird nie geschehen. Auch heute nicht. Wo sie aus ihrem ach so geliebten Barcelona zurückkommen.

    Ich wende mich ab. Als die Haustür aufgeht. Und auch Coco – und das macht mich stolz, denn sie hat es von mir gelernt – zeigt ihnen ihre kalte Schulter. Und ich denke so, als ich meine Bruna säuseln höre: „Charlie, wo bist du? Na los, kommt doch mal.“ „Never ever. Ich bin ein Kater. Mit Stil. Eleganz. Und einer Prise Hochmut, gemischt mit Stolz.“

    Kein Wunder inklusive Köter-Erscheinung also durch mich für die sich wundernde Bruna. Während auch meine Verwunderung über Menschen weiter steigt. Meine Laura erzählt, sie habe sich heute bei einem europaweit agierenden Mietwagen-Verleiher ein E-Auto gemietet. E-Mobilität. Soll ja die Zukunft sein. Nicht bei diesem Unternehmen. Und wohl auch nicht bei seinen Konkurrenten.

    E-Mietwagen würden wieder abgeschafft, sagt ein Mitarbeiter dieses Unternehmens. Denn die Kunden wollten sie nicht. Hätten Vorbehalte, das Auto nicht bedienen zu können. Wüssten nicht, wo sie das Auto laden könnten. Und wenn sie dann doch eine leistungsfähige Ladesäule gefunden hätten, sei der Preis für den Strom nicht erkennbar.

    Benötige man eine App zur Entriegelung der Säule. Und könne nur mit Kreditkarte bezahlen. Viele Hürden, anstatt niedrigschwellige Angebote. Denke ich so. Und hüpfe auf das Sofa. Schlittere zu Coco zum Kuscheln. Und denke: Die Deutschen bleiben bei ihren Benzin- und Dieselautos. Während die Welt auf Elektro umsteigt. Wunder-Insel Deutschland.

    Eigentlich – ich gebe es frank und frei zu, nicht wundern – würde ich ja doch mal gerne aus meinem Pelz. Um Freude zu zeigen. Dass sie, meine Bruna, zurück ist. Entspricht aber tatsächlich nicht meinem Stil. Meinem Vibe. Naturell. Und ich kann nicht über ihn springen – meinen Schatten. Ist nicht niedrigschwellig genug. Denke ich traurig. Denn meine Bruna ist schon wieder weg. Fährt mit E-Auto und Laura in ein Brandenburger Schloss. Wo sie eine Musikfreizeit mir vorzieht. Ist voll enttäuschend.

    Meine selbst für mich überraschende Übersprungshandlung: Ich jumpe auf Coco. Wir wälzen uns. Als ob es kein Morgen gäbe. Dass dabei Spuren auf dem Ledersofa zurückbleiben. Geschenkt, denke ich so: Patina schaut gut aus, gibt diesem Möbel seinen einzigartigen Charme. Charakter.

    Denkt meine Laura aber leider nicht. Was mich erneut verwundert. Denn sie giftet mich nun auch noch an. Wie hässlich die Kratzspuren seien. Also kullern Coco und ich auf den Teppich. Während ich denke: „Yes, naturally.  Kratzspuren auf dem Sofa sind nice. Bleib doch mal cool, Laura.“ Sagt der sich wundernde Hauptstadtkater. „Der über euch wacht. Und wünscht: Chillt. Und wundert euch.“