Hauptstadtkater

17. Oktober 2025

Ode an die Zeitung und das Ende der gedruckten taz

Zeitung ist so cool. Zeitung ist Kater. Zeitung ist Aufmerksamkeit. Und wer jetzt sagt: Oh Mann, ist dieser Kater old school. Dann kann ich das nur bestätigen: Yes, ich, Charlie, bin old school und voll stolz darauf. Warum meine ganze Love der Zeitung gilt? Weil sie knistert und raschelt, wenn ich mich draufpacke. Weil sie duftet, nach Welt, Papier und Druckerschwärze, kurz wie Schweiß – und ich liebe Schweiß. Weil sie weich ist. Und vor allem eben – durch sie werde ich wahrgenommen.

Ich stapfe des Morgens in die Küche, keiner begrüßt mich. Obwohl Felix feist am Küchentisch sitzt. Er blickt nicht mal mehr auf, wenn ich erscheine. Sondern starrt unverwandt in eben diese Zeitung. Und ich so: Jumpe auf den Tisch. Schnüffle am Papier. Werde erregt. Und platziere mich auf eben dieser Zeitung. Vor seinem Face. Neben dem Reißgeräusch des Pergaments höre ich das Aufstöhnen von Felix. Katerfell statt Text. Für ihn. Mein Fell. Er akzeptiert. Es. Die Streicheleinheit beginnt. Zeitung. Ist. Geil.

Aber – es trifft mich tatsächlich hart. Felix sagt: Die gedruckte Zeitung sei ein aussterbendes Medium. Heute gibt es die letzte Druckausgabe der linksliberalen Zeitung taz. Eine Ikone in der Zeitungslandschaft, seit mehr als 50 Jahren. Ab morgen nur noch online, abgesehen vom Wochenende. Weil der Druck zu teuer sei. Der Vertrieb zu umständlich. Die Zustellung nicht mehr funktioniere.

Und Felix so – tja, die taz sei nur der Anfang, in spätestens zehn Jahre gebe es so gut wie keine gedruckte Zeitung mehr. Behauptet er. Schon jetzt liege der Altersdurchschnitt des Zeitungslesers bei fast 70 Jahren, junge Menschen läsen kaum noch Zeitungen. Was ja auch in Zügen oder Straßenbahnen zu sehen sei: Die Leute starrten nur noch in Smartphones, nicht wie früher in Zeitungen. Nicht mal mehr an Kiosken gebe es Zeitungen.

Und Felix so: „Es ist echt so traurig. Ich liebe Zeitungen. Ihren Duft. Ich liebe es, sie zu berühren, beim Blättern. Ich liebe es, beim Blättern auch mal bei Artikeln hängenzubleiben, die ich sonst nie ausgewählt und angeschaut hätte.“  Und ich denke so: „Wo er recht hat, hat er recht. Aber: Warum liebt er mich nicht so?“

Auch Laura ist über das Ende der gedruckten Zeitung traurig: Und fragt: „Was für eine Unterlage nehme ich dann bei Kunstprojekten mit meinen Patienten? Was nehme ich zum Ausstopfen durchnässter Schuhe? Wie packe ich Fisch ein? Womit putze ich Fenster?“ Und Diego so: „Und Sudoku gibt es dann auch nicht mehr?“ Und meine Bruna so: „Was ist mit den Tierbildern?“

Wir sind vereint in Trauer. Aber auch glücklich, dass es den Tagesspiegel noch gibt. Eine andere Hauptstadtzeitung. Zwar mit Tippfehlern ohne Ende. Aber gedruckt. „Eigentlich ganz gut, wenn Du Dich drauflegst, muss ich das Grauen nicht weiter sehen und lesen“, sagt Felix zu mir. Mittlerweile liebe er es sogar, wenn ich mich auf die Zeitung drauflege.

Ich drehe mich auf dem zerrissenen Blatt auf den Rücken. Lasse Felix meinen Bauch kraulen. Merke: Ich bin die News. Und denke mit Grauen an die Zukunft. Wenn eben diese News nur noch auf dem Laptop zu sehen sind. Er wird nie so knistern, weich sein, rascheln. Sondern ist nur hart und glatt. Ohne Persönlichkeit. Sagt der traurige Retro-Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Chillt. Und lest. Gedruckte Zeitung. Ist so cool, ist Kater. Zwar old school. Old school ist aber auch cool. Really.

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