Hauptstadtkater

15. Mai 2026

Von der Sinn- in die Daseinskrise: Bin ich Wal?

Sie ist wieder bei mir: Die große Seinsfrage: Bin ich? Bin ich nicht? Bilde ich mir alles nur ein? Bin ich der einzige, der überhaupt existiert? Oder gibt es noch andere Kater neben mir? Je tiefer ich in diese Fragen eindringe, desto schlechter fühle ich mich. Ich falle, falle, falle. In die Tiefen. Der Unendlichkeit. Drehe mich, in der Spirale der Depression.

Kenne aber meinen Exit: Ein Sprung in die Arme meiner Leute. Yes, Diego ist. Er existiert. Ich bin. Ich spüre ihn. Er lächelt. Und wischt mein Fell von seinem Pulli. Woraus folgt: Wir sind. Denn da fließt Energie. Und mein Fell: Fliegt. 

Und schon bin ich bei Timmy gelandet. Dem vor zwei Wochen in der Nordsee ausgesetzten Buckelwal, der zuvor mehrfach vor der deutschen Ostseeküste gestrandet war. Und dann von einer sogenannten Rettungsinitiative für rund 1,5 Millionen Euro durch einen Lastkahn ins offene Meer beförderten Tieres, von dem nun keiner weiß, ob es die Aktion überlebt hat.

Nun wurde der Kadaver eines Buckelwals vor einer dänischen Insel gesichtet. Timmy oder nicht? Das ist hier die große Frage. Eine Gewebeprobe soll die Frage beantworten. Die Dänen sind aber um einiges pragmatischer als die Deutschen. Die Dänen hätten einen gestrandeten Wal einfach liegen lassen, denn so etwas sei „ein natürlicher Gang der Natur, der nicht durch menschliche Eingriffe gestört werden sollte“. Und nun sei natürlich auch kein Abtransport des Kadavers geplant, das sei zu gefährlich. Sagen die dänischen Behörden.

Denn der Kadaver könnte Krankheitserreger tragen. Und es bestehe die Gefahr einer Explosion, da sich Gase in toten Tieren sammelten. Teilt die dänische Umweltbehörde mit. Während zugleich der weinende Minister aus Mecklenburg-Vorpommern überlegt, zu dem toten Wal zu reisen. Trauerfeier nicht ausgeschlossen. Offenbar zu viel Energie.

Und manchmal denke ich so, Wale haben es in Deutschland besser als Kater. Und Menschen sowieso. Der Opa meiner Alea war gerade im Krankenhaus. Fünf Stunden Warten bei der Aufnahme. Zusammen mit Dutzenden keuchenden Menschen. Und dass man fürs Warten trotz Termins eine Wartenummer an einem Automaten ziehen muss – in der Halle des Krankenhauses, das wie ein Supermarkt anmutet, war kaum zu erkennen. Erst recht nicht für ältere, kranke Menschen.

Auf der Station müssen dann zierliche Pflegerinnen Krankenhausbetten mit schweren Patienten durch die Trakte schieben – kräftigere Pfleger fehlen. Auch das ist ein Grund dafür, dass Patienten nach Behandlungen drei Stunden in ihren Betten im Gang stehen, wartend, in ihr Zimmer zurückgeschoben zu werden. 

Was es besser machen könnte: Geld. Was aber versenkt wird. Auch in Walen. Und ich spüre mich. Wut. Energie. Ich bin. Diego ist auch da. Aber: Auch Coco. Sie springt auf mich. Und erlöst mich aus meiner Sinnkrise. Befördert mich zur Daseinskrise – mit der Frage: Ich bin – aber warum ist Coco? Sagt der existenzielle Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Fühlt euch. Und chillt, Leute!

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert