Einstürzende Gewissheiten und Ode an die Sonne

Sonne. Ich liebe sie. Sie ist Wärme, Licht, Leben. Aber nur aus sicherer Entfernung. Zu nah gekommen, bringt sie Tod. Tod. Wie absurd, wenn etwas weit Entferntes Liebe gibt, jedoch, je näher man ihm kommt, desto gefährlicher wird. Und zerstört, das Leben zur Asche zerfällt. Hups, welch Gedanken. Im Frühling. Denke ich so.
Liegt wohl daran, dass der Tod eben immer da ist. Und zuschlagen kann. Er zum Leben gehört. Aber ignoriert wird. Verdrängt. Um leben zu können. Genießen zu können. Das Leben. Das Licht. Die Sonne. Ich höre Felix lamentieren. Vor zwei Tagen sei der Nachbar der Großeltern meiner Bruna in Isernhagen gestorben. Plötzlich insofern, als dass er mit seinen 89 Jahren bis vorgestern noch seinen Haushalt schmiss – alleine. Dann die Nachricht: Er ist tot. Gestorben an einer Lebensmittelvergiftung.
Und ich denke so: Lebensmittelvergiftung? Das ist ja in einem solchen Alter fast so etwas wie der blanke Hohn. Und ich höre Lotte, die Oma meiner Bruna, die erzählt, Ingolf sei eben seit den 80er Jahren irgendwie immer ein Begleiter ihres Lebens gewesen. Also ein weit entfernter. Aber eben da.

Eigentlich sei dieser Ingolf ein anstrengender, starrsinniger Dickkopf gewesen. Schwer zu ertragen. Aber eben doch liebenswert. Mit seinen Ansichten. Über die sie sich so herrlich habe ärgern können. Bei den Keglertreffen, zu denen sie gemeinsam gingen. Und die nur noch so hießen, weil sie mit 20 anderen bis vor zwei Jahrzehnten zusammen die Kugeln geworfen hätten.
Was dann aber wegen krummer Rücken und vergichteter Finger der Kegelschwestern – und brüder irgendwann nicht mehr ging. Weswegen man sich entschied, nur noch in wechselnden Restaurants essen zu gehen. Gemeinsam. Und jedes Mal habe Ingolf vorgeschlagen, sich beim nächsten Mal beim Inder zu treffen. Und jedes Mal habe sie ihm sagen müssen, dass sie dieses Essen nicht vertrage.

Was er natürlich gewusst habe. Sagt Oma Lotte. Vorbei. Dass er nun aber ganz weg ist. Unvorstellbar. Sagt Opa Volker. Damit seien es nur noch fünf. Ex-Kegler. Und wieder eine Konstante weniger. Die offensichtlich erst dann als solche gewürdigt werden kann, wenn sie fehlt. Weil sie das Fundament des eigenen Lebens ins Schwanken bringt.
Nun, meine Leute sind gerade bei einem Familientreffen bei den Großeltern meiner Bruna. Zu zehnt. Geben Halt. Gehen in Konzerte. Lachen. Regen sich über Verbrennerautos auf. Planen Urlaube. Kochen veganes, vegetarisches, histaminfreies, glutenfreies, fleischstrotzendes Essen. Für jeden passend.

Die Todesnachricht. Kommt unpassend. In dieses Setting. Aber: Sie ist da. Mitten im Alltag. Der keiner ist. Mehr als 1200 Menschen sollen im Iran bei den israelisch-amerikanischen Angriffen in den vergangenen Tagen getötet worden sein. Ein Ende des Kriegs ist nicht in Sicht. Ebensowenig wie in der Ukraine. Oder im Sudan.
Wenn alte Gewissheiten sterben, wachsen neue. Denke ich so. Und wenn es nur die ist, dass es nur eine gibt: Tod. Der groß ist. Und wie der Dichter Rilke sagt: Wir sind die Seinen. Sagt auch der zweifelnde Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Verdrängt nicht. Genießt die Sonne. Aus der Ferne. Und chillt, Leute!
Schreibe einen Kommentar