Sturz einer Ikone und der Mensch

Die menschliche Reaktion auf Extremleistungen anderer offenbart den perfekten Blick darauf, wie diese menschliche Spezies tickt. Heute stürzte bei der Ski-Abfahrt der Damen bei den Olympischen Winterspielen in Italien die Ausnahmefahrerin Lindsey Vonn. Die Amerikanerin brach sich den Unterschenkel und musste mit einem Helikopter ins Krankenhaus transportiert werden.
Geplant hatte die Olympiasiegerin von 2010 einen goldenen Abschluss ihrer grandiosen Karriere, die sie bereits 2019 erstmals beendet hatte. Fünf Jahre später aber gab sie – mit Teilprothese in einem Knie – ihr erfolgreiches Comeback. Bis die 41-Jährige dann bereits vergangene Woche bei einer Weltcup-Abfahrt schwer stürzte – und sich das Kreuzband riss. Bei den Olympischen Spielen aber wollte sie trotzdem starten.

Nach dem erneuten Sturz nun: Viel Mitleid, viel Häme, viel Besserwisserei – und Neid, der daraus spricht. Auch Frauenfeindlichkeit. Denke ich so, als ich die Reaktionen beobachte. Bereits vor dem Olympiarennen hatte es viele Mahner gegeben, die Vonn vor einem Start warnten. Da das verletzte Knie bei mehr als 120 Stundenkilometern auf vereister Piste dem Druck nur schwer standhalten könne – und jeder kleine Hügel, jedes Abweichen von der Ideallinie zu viel sein könnte.
Nun haben sie Recht behalten. Und einige triumphieren: Haben wir ja gleich gesagt. Vonn hätte ein Start verboten werden müssen. Während andere ätzen: Wie kann man nur? In dem Alter. Mit der Vorgeschichte. Sie hätte auf ihren Körper hören müssen. Wie verantwortungslos Vonn und ihr Team doch seien. Vonn habe doch auch eine Vorbildfunktion für die Jugend.


Und ich denke so: Hey, die Frau ist erwachsen. Zurechnungsfähig. Und eben extrem ehrgeizig. Wäre ohne diese Mentalität sicher nicht die erfolgreichste Ski-Alpin-Fahrerin aller Zeiten mit mehr als 80 Weltcup-Siegen geworden, sondern nur graues Mittelmaß wie ihre Kritiker. Und was ist eigentlich mit Rauchern, Alkohol-Trinkenden oder Fettleibigen. Die man ja auch gewähren lässt, wenn sie ihren Körper zerstören.
Kurz: Warum sollte man Vonn nicht selbst entscheiden lassen, was sie machen will? Und ich denke an den spanischen Tennis-Star Raffael Nadal. Der zum Ende seiner großartigen Karriere auch nur noch unter Schmerzen spielte und nicht aufhören konnte – bevor er dann 2024 mit 38 doch abtrat. Und für sein Immer-weiter gefeiert wurde – zum Hero stilisiert wurde. Ein Mann eben, der so etwas anders als eine Frau offenbar darf.


Und dann denke ich auch an mich: Wäre ich auf die Spitze des Ofenrohrs gekommen, wenn ich nicht alles riskiert hätte? Wer gewinnen will, der braucht neben Talent eben auch Risikobereitschaft. Mit allen Konsequenzen. Denke ich so – und erinnere mich mit Schaudern an den Sturz vom Ofenrohr aus vier Metern Höhe auf den harten Mülleimer.
Warum Vonn sich das Rennen „antat“? Für mich ganz klar: Weil sie es sich zutraute und dachte, gewinnen zu können. Weil sie eine super Fahrerin ist. Der mein Mitgefühl gehört. Meine Bewunderung. Nicht: Mitleid. Denn sie wusste, was sie tat. Sagt der emphatische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Reflektiert, bevor ihr richtet. Und chillt, Leute!
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