Kater-Poet hört den Schuss von Minnesota

Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denke ich so. Wenn ich die Menschen betrachte. Und meiner Liebe zur Poesie fröne. Really. Ich will nicht verschweigen, liebe Leserin, lieber Leser: Ich schätze Christian Morgenstern. Also, seine Gedichte. Und aus einem von ihnen, dem mit dem Titel „Die unmögliche Tatsache“, stammt auch mein heutiger Einstiegsatz. I love it. Denn der Satz passt so gut: Menschen sind Meister im Schaffen eigener Tatsachen. Um sich ihre Welt zurechtzubiegen und zu bewahren.
Felix zum Beispiel: Strandete kürzlich mit seinem neuen, sechs Wochen alten Mietwagen auf der Autobahn – weil der Motor überhitzte. Erst habe er das laute Piepen im Wagen und die rot aufleuchtenden Warnhinweise ignorieren wollen, erzählte er hernach. Denn er habe sich nicht vorstellen können, dass ein neues Auto kaputt sein könnte. Das dürfe doch nicht sein. Dann aber habe der Motor plötzlich Dampfwolken ausgestoßen. Und habe seine Realität getoppt. So dass er gestoppt habe. Und auf den Rettungsdienst gewartet habe.

Der rettende Mann sei ihm dann wie ein gelber Engel erschienen – nach drei Stunden in der Kälte, die selbst der überhitzte Motor nicht habe vertreiben können. Sagt Felix. Nun, der gelbe Engel erzählte ihm dann von weiteren Menschen, die Realitäten nicht akzeptieren wollen.
Manager, die ihn beschimpften, weil ihre Luxuskarosse versagt. Was ja nicht sein könnte, bei dem Preis. Von jungen Männern, die trotz Glatteis Vollgas geben – und gegen Bäume knallen. Und hernach sagen – wenn sie es noch können – das Wegrutschen könne ja nicht sein, bei den ganzen elektronischen Assistenzsystemen im Auto. Von Männern und Frauen, die mit leeren Tank am Straßenrand stehen und weinen: „Das kann nicht sein, ich dachte, der Sprit würde noch bis zur nächsten Tanke reichen.“ Falsche Tatsachen. Unmögliche Tatsachen.
Die wenigsten rafften, dass eine Panne nur eine Panne sei. Und nichts Existenzielles, meint der philosophische gelbe Retter-Engel. Und von Glück reden könnten, heute und nicht vor 20 Jahren gestrandet zu sein. In einer Zeit, in der kaum jemand ein Handy hatte. Und sie bei einer Panne in der Wildnis verfault oder erfroren wären.

Ich höre Schüsse. Und sehe in einem Video, wie in der US-Stadt Minnesota maskierte Beamte der Einwanderungsbehörde ICE bei einer Razzia brutal einen Mann zu Boden bringen – und ihn dann erschießen. Einen Demonstranten. Einfach so. Und die US-Regierung behauptet hernach, bei dem 37-jährigen Krankenpfleger handele es sich um einen bewaffneten Terroristen. Die Beamten seien bedroht worden und hätten in Notwehr gehandelt.
Bereits vor drei Wochen hatten Beamte der Behörde in der Stadt eine 37-Jährige Demonstrantin erschossen. Auch damals rechtfertigte die Trump-Regierung ihr Vorgehen mit Notwehr. Obwohl Videos ein völlig anderes Bild zeichneten. Die US-Regierung macht sich die Welt, wie sie will. Und schürt Wut. Weil sie nicht akzeptiert, was ist. Weil es nicht sein darf. Aus ihrer Sicht. Sinniere ich so.


Auf Felixens Zeitung sitzend. Die er nun nicht mehr lesen kann. Eine unmögliche Tatsache eben. Für ihn. Aber er lässt mich gewähren. Und streichelt mich. Sagt der poetische Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Seid offen. Und chillt, Leute!
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