Der Coco-Mythos und sie mag es heiß

Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen, im Gegenteil, der Hintergrund tut es auch. Ein wenig nervt es aber schon, dass sich derzeit nur noch alles um Coco dreht. Ihre spektakuläre Flucht. Und noch spektakulärere Wiederkehr. Die bereits jetzt zum Mythos mutiert.
Die Cousine meiner Bruna, Tilda, findet die Story großartig. Dass Coco fast zwei ganze Tage weg – und offenbar unerkannt unterwegs war. Und fühlt sich an große Literatur erinnert. An Tiere, die verschwinden, um Geheimdienstaufträge auszuführen. Und die Welt retten. Wie beispielsweise Jack Wolfgang, ein CIA-Agent – allerdings ein Wolf.

Oder die Katze Yoko – really: Yoko! – in Animal Agents. Die versucht, die Welt vor den Fehlern der menschlichen Spezies zu bewahren. In der Art, so meint Tilda, müsse auch Coco unterwegs gewesen sein. Bewiesen dadurch, dass sie ja tatsächlich die ganze Zeit auch auf dem Balkon nicht auffindbar gewesen sei. Also weg gewesen sei.


Tildas Mann Ian ist ebenfalls enthusiastisch bei der Mythenbildung dabei: Er gehe davon aus, dass die Feuerwehr Coco bei einem Drohneneinsatz mit Infrarotkamera tatsächlich im Park entdeckt habe. Sagt er. Dann sei Coco mit dem Fluggerät zurück auf den Balkon geflogen worden. Und dort just zu dem Zeitpunkt angekommen, als Felix draußen stand. Und sie entdeckte. Puuh, als da wären einige Ungereimtheiten. Denke ich so.
Nun, ich sehe die Story, meine Leute und Coco realistischer. Und denke so: Coco chillte in einer Ecke des Balkons. Verborgen von den Nadeln des Tannenbaums. Und meine Leute waren mal wieder blind. Realität eben.
Versus Mythen. Die aber so unlogisch sind: Denn dafür fehlt Coco – sorry – das Format. Sie ist weder mysteriös noch undurchschaubar. Sie wird gelenkt ausschließlich durch Hunger.
Was auch heute wieder eindrücklich zu sehen ist: Springt auf den Herd, wo meine Bruna gerade ein Müsli zaubert. Atmet enthusiastisch den Rauch des Gerichts ein. Und haut mit der Pfote gegen den Topf. Der zur Seite rutscht. Und die rotglühende Herdplatte freimacht. Manche mögen es heiß, denke ich so. Und weiter: Coco – weniger Heldin als vielmehr verspielt.


Während Lotte, Oma meiner Bruna erzählt, sie gehe davon aus, Coco habe auf dem Balkon Spatzen aufgelauert, um ihren unermesslichen Hunger zu stillen. Und Volker, Opa meiner Bruna, hinzufügt, er sei davon ausgegangen, dass Coco von einem Katzenkenner gefangen worden sei – und demnächst mit einer hohen Lösegeldforderung angeboten werde.
Und ich denke so: Die Wahrheit kennen nur Coco – und der Wind. Und natürlich ich. Ich aber sag sie nicht.
Weil mich eh keiner versteht. Nur so viel mag ich mal andeuten: Katzen lieben Freiheit. Sowohl Coco als auch ich. Also: Warum hat sie sich nicht gemeldet, als meine Leute neben ihr auf dem Balkon standen und sie riefen? Warum bin ich nicht rausgelaufen, um sie aufzuspüren? Eben. Wegen der Freiheit. Der Freiheit des Einzelnen. Der von mir und der von Coco.
Aber klar, auch die Freiheit hat mindestens zwei Seiten. Drinnen und draußen eben. Sagt der gespaltene Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt kreiert Mythen. Und chillt, Leute!
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