Jeremias, Aurel und ich – Die Checker vor dem Herrn

Ich weiß und wusste immer genau, was ich will. Nämlich: Gechillt sein. Immer. Muss ich diesen erhabenen Zustand erreichen. Unabhängig vom Ort, von der Zeit, von der Situation. Menschen haben völlig andere Ziele. Wenn überhaupt.
Denn häufig wissen sie gar nicht, was sie tun sollen. Nicht nur, aber oft die Jungen. Die sogenannte Generation Z. Verzweifelt. Lamentiert: Ob einer angeblichen Qual der Wahl. Die Entscheidungen unmöglich mache. Aber, aber, aber: Denke ich so: Denn eigentlich hasse ich ja nichts mehr als solche bekloppten Generalisierungen.

Weil es eben immer wieder genügend Abweichungen davon gibt. Markante Abweichungen. Die dann sogar gechillt sein können. He he. Denn es gibt natürlich auch die, die immer schon wussten: Sie wollen Polizisten, Ärzte oder Schriftsteller werden. Oder Musiker. Dirigent beispielsweise.
Meine Leute waren in einem Konzert im NDR Funkhaus in Hannover. Da verzauberte sie ein 25-jähriger Dirigent. Der jüngste Generalmusikdirektor Deutschlands. Er dirigierte nun das NDR-Radiosinfonieorchester – mit der 1. Mahler-Sinfonie.

Die Musiker, manche könnten seine Großeltern sein – ließen sich von seiner Taktgebung, Aura, Jugend, Leidenschaft, Musikalität, Spiritualität, seinem Ungestüm, mitreißen. Erzählen meine Leute. Vollkommen enthusiasmiert. Und weiter: Der Funke sei im NDR-Funkhaus auch von den Musikern auf das Publikum übergesprungen. Die Leute hätten das monumentale Werk mit durchlebt. Quasi mitgelebt. Am Ende: Stehende Ovationen.
Und der Dirigent: Aurel Dawidiuk – geboren in Hannover. Er sei voll gechillt gewesen. Erzählen meine Leute. Geerdet. Sympathisch. Er habe dem Publikum erzählt, er habe immer gewusst, was er werden wollte: Dirigent.
Als Achtjähriger habe er bereits hier auf der Bühne gestanden – als Dirigent, für zwei Minuten, für eben dieses NDR-Orchester. Bei einem Weihnachtskonzert. Wenige Tage zuvor habe der NDR gefragt, was sich Kinder denn so zu Weihnachten wünschten. Er habe in einem Brief an den NDR geschrieben, er wolle das NDR-Orchester dirigieren. Erzählt Aurel.
Es geschah. Beim Konzert, bei dem er im Publikum saß, sei er dann aufgerufen worden, er solle das Orchester dirigieren. Sagt Aurel.

Kurz danach sei dann Jeremias auf die Bühne gekommen, erzählt meine Bruna. Ein Freund Aurels. Auch 25. Und: Nachbar der Großeltern meiner Bruna. Und: Ein Star in der Popszene.
Aurel kenne er aus gemeinsamen Knabenchorzeiten. Erzählt Jeremias. Musik sei auch sein Leben. Und meine Leute so:; Auch Jeremias sei extrem gechillt aufgetreten.
Dann habe er seinen Song Egoist angestimmt, begleitet vom Orchester unter Aurel. Und meine Leute – begeistert: Mahler und Pop funktionierten. Alt und jung hätten harmoniert. Arabisch und amerikanisch auch.

Harmonie. In der Musik. Und meine Bruna so: Ein Orchestermitglied, Spanier, habe erzählt, die Musik gebe ihnen allen Licht in düsteren Zeiten. 20 Nationen seien im Orchester versammelt. Es gebe auch Stress, aber der Umgang untereinander sei immer respektvoll.
Das Publikum tanzt. Auch meine Leute. Es gibt abgesehen von mir also tatsächlich auch menschliche Checker vor dem Herrn. Denke ich so und bin happy. In Hühnchenstellung. Sagt der strukturierte Hauptstadtkater. Der über euch wacht. Und jetzt: Chillt, Leute!
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