Hauptstadtkater

7. Oktober 2025

Ihr gedenkt euch zu Tode und eine ADHS-Katze

Gedenken ist ja smart, damit man nicht vergisst. Wenn ich dann aber sehe, dass sich trotz Gedenkens nichts zum Besseren wendet, blicke ich doch lieber weg. Denke so: Ihr gedenkt Euch noch zu Tode. Und fühle mich dann dabei so bad.

Heute ist der zweite Jahrestag des Massakers islamistischer Terroristen in Israel. Wo sie Menschen zerstückelten, Häuser zerstörten. Rund 1.200 Menschen wurden ermordet, 250 in den Gazastreifen entführt. Israel startete daraufhin seinen brutalen Krieg, zerstörte den Küstenstreifen. Rund 67.000 Menschen kamen ums Leben, die Heimat der rund zwei Millionen Menschen ist eine Trümmerwüste. Ob der Krieg bald endet? Zu oft wurde meine Hoffnung getäuscht, als ob ich noch daran glaube.

Egal, was ich über diesen Krieg denke, ich fühle mich schlecht dabei. Und dass es so ist, macht es noch schlimmer. Weil ich Machtlosigkeit verabscheue. Die zum Weggucken verführt. Und ich das hasse. Mich hasse. Dafür. Wut, Verzweiflung, Erschöpfung. Frust. Depression. Selbst bei mir. Dem Hauptstadtkater.

Und ich denke so: Es ist quasi sechs vor acht. Oder so. Seit 35 Jahren. Bei uns. Zu Hause. Sagt jedenfalls meine Laura. Und deutet auf die hinter mir hängende Uhr. Die einst jahrzehntelang im Eilenburger Chemiewerk tickte. Wo der Strom – und damit die an diesem Netz hängende Uhr – nach der Wende 1990 abgeschaltet wurde. Um 7:54 Uhr offenbar. Heute ist die Uhr Ausstellungsstück. Bei uns. Aber das ist ein anderes Thema, ein anderes Gedenken – zurück, zum Israel-Gedenken.

Ich höre israelische Opfer von vor zwei Jahren. Die erzählen, wie die Hamas-Mörder in ihre Häuser eindrangen. Und töteten. Vergewaltigten. Erzählen, wie sie sich in Bunkern versteckten. Unfassbare Angst hatten. Die Angstschreie der Opfer hörten. Hörten, wie offensichtlich palästinensische Frauen und Kinder in ihren Häusern lachten und alles mitnahmen, was sie gut fanden. Traumatisch.

Ich höre die palästinensischen Opfer im Gazastreifen. Die erzählen, dass viele Angehörige ums Leben kamen bei den israelischen Angriffen. Es nichts mehr zu essen gebe. Sie nicht mehr nur kein Zuhause mehr hätten, sondern auch keine Hoffnung mehr. Traumatisch.

Und ich denke so: Irgendwie nur Opfer. Denen vorgeworfen wird, Täter zu sein. Und egal, wessen Perspektive ich teile, ich werde verurteilt. Für angeblich einseitige Perspektive. So dass ich Orientierung verloren habe.

Es gibt nur falsch. Und selbst, wenn ich den vermeintlich kleinsten Nenner äußere: Beendet das Leid, das Töten, den Hunger, den Krieg. Es gibt Widerspruch. Weil ein sofortiges Ende bedeute – wird mir gesagt – dass die Hamas weiter existieren könne, Macht behalte. Und weiter versuchen werde, Israel auszulöschen.

Und ich denke so: Ist aber doch auch naiv zu glauben, dass alles gut wäre, wenn die Hamas weg wäre. Der Hass bleibt doch. Und ich sehe: Ich weiß nicht, was richtig und falsch ist. Bin blockiert. Ist Schweigen die Lösung? Never.

Und dann setzt Piet, der Freund meiner Nuria, diesem düsteren Tag die Krone auf. Sagt tatsächlich, er gedenke meiner abhanden gekommenen Jugend. Noch vor wenigen Wochen sei ich der Kuschelkater Nummer eins gewesen. Schade, dass ich mich so verändert hätte. Sagt er, der den Sydney-Olympia-Pullover der Oma meiner Bruna aus dem Jahr 2000 trägt – und der nun Coco anflirtet. Mit Knutschen und so. Mir wird übel.

Und ich denke so: „Ich habe mich nicht verändert. Nur deine Wahrnehmung. Weil Coco nun da ist. Und eine ADHS-Katze ist, die ständig im Vordergrund stehen muss. Aber das zu sehen – dazu fehlt Mensch der Verstand. Lieber gedenken sie. Und gedenken. Finden das smart. Und töten. Trotzdem. Immer weiter.

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